Eröffnung von Disneyland Diktator des magischen Königreichs

Die Massen stürmten Dornröschens Schloss, und ein Dampfer schluckte Wasser: Die Eröffnung von Disneyland im Juli 1955 war eine Katastrophe. Dabei hatte Walt Disney alles auf diktatorisch-perfektionistische Weise geplant.

Disneyland Resort Anaheim

Ausgerechnet die Klempner streikten. Und stellten Walt Disney kurz vor der Eröffnung seines Disneylands vor eine entscheidende Frage: Toiletten oder Wasserspender - was sei ihm wichtig? Disney entschied sich, Sanitäranlagen zu bauen.

Als der Vergnügungspark schließlich am 17. Juli 1955 seine Pforten öffnete, wagte es ein Journalist, Disney wegen der fehlenden Trinkwasserspender zu kritisieren. Angeblich hätte der Zeichentrickmogul den Absatz teurer Limonade steigern wollen. "Die Leute können Pepsi kaufen", blaffte er den Reporter an. "Aber sie können nicht auf die Straße pinkeln."

Die mangelnde Trinkwasserversorgung war dabei für die Parkangestellten die geringste Sorge. Statt der eingeladenen 15.000 Gäste stürmten über 28.000 Besucher auf das Gelände. Schamlos hatten Tausende die simplen Tickets gefälscht. Mit zahlreichen Tricks wurden die Grenzen von Disneys magischem Reich überwunden. Für fünf Dollar pro Person schmuggelte zum Beispiel ein Geschäftemacher Dutzende Leute mit einer selbst konstruierten Leiter über den Stacheldrahtzaun.

Die meisten dieser Katastrophenmeldungen erreichten den vielbeschäftigten Disney in dem Chaos auf dem Parkgelände gar nicht: Zahlreiche Frauen liefen barfuß, weil ihre Schuhe in dem frischen Asphalt der Main Street stecken geblieben waren. Mit den Fäusten trugen derweil die seinerzeit bekannten Schauspieler James Mason und Jeff Chandler einen Streit aus, wessen Sohn zuerst auf einem der wenigen Ponys reiten durfte.

"Keiner draufgegangen"

Überall versuchten die Mitarbeiter das Schlimmste zu verhindern. Durch eine unverschlossene Tür drangen Besucher hinter die Kulissen von Dornröschens Märchenschloss ein und kletterten darin herum. "Ich habe mich immer gewundert, dass keiner draufgegangen ist", erinnerte sich ein Angestellter. Auf dem Dampfer "Mark Twain" überschwemmte Wasser das Unterdeck wegen heilloser Überfüllung. Wenig später fiel einem Mann obendrein ein Fenster des Dampfers auf den Kopf. Auf dem ganzen Gelände gingen Restaurants und Fressbuden Lebensmittel und Getränke aus.

"Walts Traum ist ein Albtraum", berichtete die Zeitung "Los Angeles Tidings" enttäuscht nach der Eröffnung. Dabei hatte Disney alles perfekt geplant. 1952 hatte der weltberühmte Schöpfer von Zeichentrickfilmen wie "Bambi" und "Cinderella" Wissenschaftler von der Universität Stanford auf die Suche nach dem idealen Standort für sein zukünftiges Märchenreich ausgesandt. Disney wollte etwas Neues schaffen - den perfekten Vergnügungspark, ein magisches Königreich. Alle bisherigen Amüsierbetriebe dieser Art waren seiner Meinung nach "schmutzige Anlagen mit billigen Attraktionen".

Am Ende fiel seine Wahl auf das südlich von Los Angeles gelegene Anaheim. Die Temperaturen waren dort weder zu kalt noch zu heiß, die Steuern niedrig und die Verkehrsanbindung ideal. Knapp vierzig Hektar Orangenplantagen kaufte Disney 15 Eigentümern in harten Verhandlungen ab. Eine Familie bestand kategorisch darauf, dass zwei alte Palmen auf keinen Fall gefällt werden durften.

Die übrigen 12.000 Bäume walzten Bulldozer um. Exakt ein Jahr hatte der Perfektionist Disney für die Bauarbeiten vorgesehen. Wenig Zeit für die außergewöhnlichen Attraktionen, die sich der Zeichentrickfilmmacher und sein Team sogenannter Imagineure ausgedacht hatten: Dornröschens Traumschloss sollte die Gäste im Fantasyland als Wahrzeichen des Vergnügungsparks erwarten, das Adventureland die Besucher per Bootstour à la "African Queen" in eine geheimnisvolle Dschungel- und Safariwelt entführen. In Tag- und Nachtschichten erbauten Handwerker das Frontierland, in dem sich die Gäste unter anderem mit dem Mississippi-Dampfer "Mark Twain" auf die Spuren der amerikanischen Pioniere begeben konnten - um schließlich im Tomorrowland die USA des Jahres 1986 zu erkunden.

"Komme die Hölle"

Über drei Millionen Besucher zählte Disneyland im ersten Jahr seines Bestehens
Corbis

Über drei Millionen Besucher zählte Disneyland im ersten Jahr seines Bestehens

Modernste Technik sollte die Besucher beeindrucken. Weil der für Adventureland verantwortliche Designer Harper Goff den echten Dschungel und seine Tiere "ereignislos und langweilig" empfand, spickte er Fantasyland mit künstlichen Bestien: Hydraulisch bewegte Wasserbewohner wie Krokodile und Flusspferde ließen die Besucher schaudern. Lebensecht nachgeahmte Löwen verspeisten derweil ein Zebra.

Mit einfachen Tricks versuchte Disney zugleich, seinem Park den Anstrich eines Märchenlands zu verschaffen. "Sämtliche Backsteine, Ziegel und Gaslaternen haben 60 Prozent der Originalgröße", erklärte er über die Häuser im Eingangsbereich Maine Street. "Das war zwar teurer, lässt die Straße jedoch wie eine Spielzeugwelt erscheinen." Zusätzlich errichteten die Bauarbeiter die Gebäude im Parterre im Maßstab von 8:10, die oberen Stockwerke aber im Verhältnis 6:10. So wirkten sie verspielter für das menschliche Auge.

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Disneyland: Pleiten, Pech und Micky-Mäuse

32.000 Säcke Zement, 3,5 Millionen Holzbretter und 17 Millionen Dollar sollte die Anlage am Ende verschlingen. Mit eiserner Hand hatte Disney jeden einzelnen Arbeitsschritt kontrolliert. "Wenn Walt ein Datum setzte, komme die Hölle oder Hochwasser, war es einzuhalten", berichtete ein eingeschüchterter Handwerker. Baumschulen in ganz Kalifornien hatten die Landschaftsgestalter geplündert, um das riesige Areal zu begrünen. In buchstäblich letzter Sekunde stellten Disney und sein Team den Vergnügungspark vor der Eröffnung fertig.

Die Welt des Trickfilms war ihm zu klein geworden: 1955 eröffnete Walt Disney einen Vergnügungspark der Superlative
AFP

Die Welt des Trickfilms war ihm zu klein geworden: 1955 eröffnete Walt Disney einen Vergnügungspark der Superlative

Am 17. Juli konnte er stolz sein Märchenparadies präsentieren und verkünden. "Disneyland wird niemals fertiggestellt sein, solange noch ein Funken Fantasie in der Welt ist." Mit über 20 Kamerateams berichtete der Fernsehsender ABC exklusiv von dem Ereignis: Vor den Bildschirmen sah die Nation lachende Menschen, die sich in einem Teetassen-Karussell herumwirbeln ließen, Frank Sinatra in einem Mini-Automobil und Kaliforniens Gouverneur Goodwin Knight mit Eisenbahnermütze in einer nachgebauten Dampflokomotive. Zu Disneys Glück übertrugen die Kameras keine Bilder von den vielen Missgeschicken. Als "Schwarzer Sonntag" ging der Eröffnungstag gleichwohl in die Geschichte Disneylands ein.

"Vielleicht die Cholera?"

Über drei Millionen Besucher besuchten den Park trotz aller Pannen im ersten Jahr seit der Eröffnung. Techniker beseitigten schnell die Mängel, die über 2000 Angestellten wurden rigoros in Disziplin und Ordnungssinn gedrillt. Ein Heer von Reinigungskräften entfernte auf Knien auch den letzten ausgespuckten Kaugummi, zahlreiche "Menschen-Spezialisten" genannte Mitarbeiter setzten ein angeordnetes Dauergrinsen auf. "Wenn sonst nichts hilft, sollten Sie stets daran denken, dass Sie für Ihr Lächeln bezahlt werden", informierte ein Lehrbuch. Wer nicht spurte, flog.

Der Chef überwachte Disneyland weiterhin höchstpersönlich. Eines frühen Morgen belehrte er einen verdutzten Angestellten, wie Orangen in die Saftmaschinen zu laden waren. In der Feuerwache der Main Street hatte sich Disney auf dem Gelände eine Wohnung einrichten lassen. Zum Schrecken der Angestellten war der für seinen despotischen Führungsstil bekannte König des Märchenlands nun zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Gelände unterwegs. "Hier ist der Ort, an dem ich mich entspanne", erklärte er.

Disneyland war bald in der ganzen Welt berühmt. Als der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow 1959 Kalifornien besuchte, stand der Vergnügungspark ganz oben auf seiner Wunschliste. Aus "Sicherheitsgründen" verweigerten ihm die Behörden aber den Besuch. Chruschtschow war empört. "Haben sie dort Raketenabschussbasen oder sonst etwas?", beschwerte sich der Staatsgast. "Vielleicht die Cholera?"

Walt Disney waren in diesem Jahr die Grenzen seines Märchenlands bereits zu klein geworden. Er plante ein viel größeres Projekt: Disneyworld.



insgesamt 9 Beiträge
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john sellhorn, 17.07.2015
1. und heute kostet die eintrittskarte
fast $ 100 pro person. fuer kinder ist es ein bisschen billiger. dennoch, familien mit geringem einkommen koennen disney world und disney land vergessen. die welt soll 'schoen und heil' bleiben....
Werner Brueggmann, 17.07.2015
2. Traumhaft, aber zu teuer
Wer sein kindliches Gemüt bewahrt hat und Kleinigkeiten zu schätzen weiß, der wird Disneyland genießen. Aber die Preise, zu denen mittlerweile Eintritt gewährt wird, sind der Hammer. Seit 2001 ist der Kurs linear von 43 $ auf 99 $ pro Tageskarte gestiegen. Da sich auch der Dolllarkkurs verschlechter hat, kostet heute eine Karte mehr als doppelt so viel wie vor 7 Jahren.
Georg Oehl, 17.07.2015
3. Amüsement aus der Konserve
Ich kann diesen Theme-Parks wenig abgewinnen. Man besucht(e) sie halt der Kinder wegen. In den 13 Jahren, in denen ich nun in Florida wohne, etwa anderthalb Autostunden von Orlando entfernt, war ich einmal in Epcot. Hat sich seit meinem ersten Besuch in den Achtzigern wenig verändert. Und das Tagesticket kostet wegen der Verkaufssteuer übrigens doch über $100.
Heiko Warnecke, 17.07.2015
4. der Deutsche
...da wird eine Ikone 60, die als Beispiel für Freizeitparks noch nach 60 kopiert wird, und der Spiegel hat nichts besseres zu schreiben, als das Chaos vom Eröffnungstag und andere beschweren sich über zu hohe Eintrittspreise... Disneyland und alle anderen Parks stehen für gute bis hervorragende und vor allem innovative Unterhaltung, stets auf dem Höhepunkt der Zeit, was jährlich Millionen Gäste dazu bringt einen schönen tag oder einen Urlaub dort zu verbringen. Ja, esist nicht günstig, aber wenn ich heute über einen Rummel gehe, bin ich auch schnell 50,- E los und das für nciht einmal annähernd so gute Attraktionen, wie bei Disney und ein schmuddeliges Gesamterlebnis. Und dem Herren aus Florida rate ich einmal, die Parkpläne von vor 20 Jahren mit heute zu vergleichen und wenn eine Attraktion nach 60 Jahren noch immer steht, dass beweist dies eins: Sie war damals innovativ und traf genau das, um was es bei Disneyland geht: Gute Unterhaltung für die ganze Familie. Wie bei vielen anderen Themen: Wer zum Lachen in den Keller geht und pseudokritisch grundsätzlich überall etwas zu meckern hat, der soll lieber fern bleiben, denn all die glücklichen Menschen um ihn herum, könnten ihn zum verzweifeln bringen! Ich liebe Disneys Parks und allein in ORlando kann man 3 Wochen einen perfekten Urlaub verleben! Herzlichen Glückwunsch Disneyland!
Till Neumann, 17.07.2015
5. Disney war ein Genie
Und das in jeder Hinsicht, auch -- aber keineswegs nur -- in wirtschaftlicher Hinsicht. Ich war nur ein einziges Mal, und zwar vor vierzig Jahren, in Walt Disney World in Florida, aber es war schon irgendwie traumhaft. Da war Disney schon bald 10 Jahre tot. Wenn die Eintrittspreise überproportional gestiegen sind (und es ist schließlich kein Sozialromantiker-Projekt, sondern ein Wirtschaftsunternehmen), ist es jedenfalls nicht mehr Disneys Verantwortung. Wohl kaum ein anderer hat im 20. Jahrhundert so vielen Menschen so viel Freude gemacht wie Disney.
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