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Alltag in Dithmarschen vor 100 Jahren Das harte Leben der Bauernfamilie Thomsen

Vom Glamour der Goldenen Zwanziger bekam die Landbevölkerung nicht viel mit. Ihr Leben bestand aus Arbeit, Entbehrung und Frust über die Politik, wie eine Familiengeschichte aus Norddeutschland zeigt.
aus SPIEGEL Geschichte 1/2020
Foto: HAECKEL ARCHIV / ULLSTEIN BILD

Drei Ackergäule ziehen die Mähmaschine über das Feld. Auf dem Sitz thront Johann Thomsen. Er lenkt den "Selbstbinder", einen Apparat, der Getreide in einer Schnittbreite von fünf Fuß mäht und es dann in Garben zusammenbindet. Gut drei Stunden hält ein Gespann durch, dann muss es ausgetauscht werden.

Auf dem Hof von Johann Thomsen in Wennemannswisch im Umland von Heide ist im August 1922 viel zu tun. Zwischen Nord- und Ostsee, in Dithmarschen, baut der Bauer verschiedene Getreidesorten an, darunter Roggen. Nun beginnt die Ernte, und das bedeutet wochenlange Schwerstarbeit für Knechte, Tagelöhner und den Landwirt selbst. Mit dem Selbstbinder schafft Thomsen gut drei Hektar am Tag. Aber nicht alle Bauern vertrauen solchen Maschinen. Noch 1925 wird fast ein Drittel der Getreidefläche in Deutschland mit der Sense gemäht – wie im Mittelalter. In den Vereinigten Staaten setzen die Farmer längst motorisierte Mähdrescher ein.

Thomsen verwendet den Selbstbinder nicht, weil er fortschrittlich ist, sondern weil er muss. Als Soldat im Ersten Weltkrieg hat er einen Treffer in die linke Schulter abbekommen. Er kann seinen Arm schlecht bewegen und braucht beim Schnüren seiner Stiefel Hilfe. Dennoch packt er mit an, selbst bei der anstrengenden Ernte. Thomsen schont sich nicht, pachtet einen weiteren Hof dazu, auf dem ein Angestellter lebt und arbeitet.

Landarbeiter vor ihren Katen in Dithmarschen.

Landarbeiter vor ihren Katen in Dithmarschen.

Foto: Dorfarchiv Elpersbüttel

Sein Sohn Johann Wilhelm Thomsen hat später aufgeschrieben, was die Familie und die anderen Bauern in Dithmarschen zwischen den Weltkriegen erlebten. Der heute 88-Jährige wohnt noch immer auf dem Hof des Vaters, wie dieser war er Landwirt. SPIEGEL GESCHICHTE hat er von den harten Jahren erzählt, die die Thomsens nach der Republikgründung durchmachten.

Die Thomsens sind eine Bauernfamilie mit Tradition: Der erste aktenkundige Landwirt mit diesem Namen wurde um 1580 in Dithmarschen geboren. In Wennemannswisch beackert die Sippe seit dem 18. Jahrhundert den Boden. In den Zwanzigerjahren gab es dort sieben größere Höfe, eine Mühle, eine Schmiede, einige Katen und kleinere Häuser. Fast alle Bewohner bauten Gemüse an und hielten Tiere. In Dithmarschen wurden die Höfe nach dem Tod des Altbauern nicht geteilt, der erstgeborene Sohn erbte den Betrieb und das Land. So war es Brauch.

Die Thomsens leben seit Generationen auf und von dem Land. Familien wie sie mit eigener Scholle und eigenem Hof standen in Dithmarschen an der Spitze der Gesellschaft. Auf den großen Höfen mit vielen Angestellten speisten die "Herrschaften" nicht mit dem Gesinde zusammen. Sie blieben unter sich, Knechte und Mägde aßen in der Küche. Beim einfachen Landvolk kamen oft schlichte Speisen wie Brei, Grütze, Bratkartoffeln oder Graupen auf den Tisch. Fleisch konnten sich Tagelöhner so gut wie nie leisten. Neidisch nannten sie die wohlhabenden Bauern "Bratenfreter" (Bratenfresser), weil dort mindestens einmal in der Woche ein Braten auf dem Speiseplan stand. Bei den wohlhabenden Familien hießen die ärmeren Nachbarn abfällig "Knochenpuler".

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