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Hitlers Paladine: Gruselkabinett um Karl Dönitz - das letzte Kapitel des "Dritten Reiches"

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Dönitz-Regierung in Flensburg Hitlers allerletztes Aufgebot

Der Großadmiral und seine Getreuen - noch zwei Wochen nach Kriegsende durfte Karl Dönitz in Flensburg Kabinett spielen. Bis Stalin Druck machte und die Alliierten die bizarre letzte "Reichsregierung" festnahmen.

Für seinen tags zuvor verstorbenen Vorgänger fand der neue deutsche "Reichspräsident" einfühlsame Worte. Er bescheinigte ihm per Rundfunkansprache am 1. Mai 1945 einen "unbeirrbaren, geraden Lebensweg", rühmte den "Heldentod" und bilanzierte: "Sein Leben war ein einziger Dienst für Deutschland."

Die Rede war von Adolf Hitler. Der hatte in seinem "Politischen Testament" am 29. April 1945, am Tag vor seinem Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei in Berlin, Marinechef Karl Dönitz zum "Reichspräsidenten und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht" ernannt.

Seinen Amtssitz bezog Großadmiral Dönitz am 2. Mai 1945 in der Marineschule in Flensburg-Mürwik, am Ostufer der Förde. Nahe dem steinigen Strand "Solitüde" (Einsamkeit) tagte die bizarrste Regierung der deutschen Geschichte. Sie kontrollierte noch etwa 14 Quadratkilometer, den "Sonderbereich Mürwik". Über den Reichssender Flensburg in der Alten Post wandte sich die Regierung zwischen klassischer Musik und Wehrmachtsberichten immer wieder ans Volk.

Ein Gruselkabinett von Verbrechern

Im Kabinett der "Geschäftsführenden Reichsregierung", wie sie sich nannte, saß neben Albert Speer und Otto Thierack, Hitlers Ministern für Rüstung und Justiz, der neue Innenminister Wilhelm Stuckart. Er hatte dem "Führer" als Staatssekretär gedient und auch an der Wannsee-Konferenz teilgenommen. Dort war im Januar 1942 die "Endlösung der "Judenfrage" erörtert worden.

Landwirtschaftsminister war Herbert Backe , unter Hitler Verfasser von Plänen für den Hungertod von 30 Millionen Menschen in von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion. Regierungsfachmann für Mord und Totschlag war auch Otto Ohlendorf vom Sicherheitsdienst (SD) der SS, verantwortlich für die Judenvernichtung in Südrussland durch die "Einsatzgruppe D". Von der Förde aus streckte er nun seine Fühler aus für einen Nachrichtendienst in SD-Nachfolge.

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In seinem Testament hatte Hitler die "Gefolgschaft" zum "unbarmherzigen Widerstand" gegen das "internationale Judentum" aufgerufen. Dieses Kernanliegen aber mied Dönitz in seiner Antrittsrede. Noch am "Heldengedenktag" im März 1944 im Rundfunk hatte er selbst vor dem "auflösenden Gift des Judentums" gewarnt - nun gab er sich gemäßigt. Seine "erste Aufgabe", beteuerte er, sei es, "deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten". Briten und Amerikaner, so sein Wunsch, sollten ihn daran nicht hindern.

Ähnlich äußerte sich tags darauf per Rundfunkansprache Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Hitlers langjähriger Reichsfinanzminister (und Großvater der heutigen AfD-Politikerin Beatrix von Storch). In einem BBC-Interview versprach der "leitende Reichsminister" am 11. Mai 1945 die "Überleitung des Diktaturstaates in ein konstitutionelles Staatswesen" und die "feierliche Proklamation des Rechtsstaates".

Dönitz als nützlicher Nazi

Hauptadressat der Botschaft war Großbritanniens Premierminister Winston Churchill, der laut Denkschrift der Dönitz-Regierung "als Partner für eine neue große politische Konzeption infrage" komme. Ihre Hybris hatten Hitlers Paladine auch nach dem Suizid ihres "Führers" nicht verloren.

Obwohl Deutschland am 8. Mai bedingungslos kapitulierte, wollte Churchill die Dönitz-Regierung zunächst im Amt lassen. Britischen Akten zufolge argumentierte er gegenüber seinem Außenminister, Dönitz sei "ein nützliches Instrument für uns" und sei zwar verantwortlich für Kriegsverbrechen, tauge aber als "Instrument, um dieses besiegte Volk zu manipulieren".

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Dönitz hatte am 7. Mai der Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht zugestimmt und dabei seine Macht im Raum Flensburg bewahrt. Die Briten besetzten den Norden Schleswig-Holsteins zunächst nicht. Sie sandten, ebenso wie die Amerikaner, nur ein kleines Vorauskommando an die Flensburger Förde.

Was Churchill nicht wusste: Josef Stalin erfuhr rasch von den britischen Plänen. Der sowjetische Geheimdienst verfügte über mehrere Agenten im Foreign Office, die "Cambrigde Five". Sie berichteten detailliert und zeitnah über Londoner Interna.

Am 15. Mai rief Stalin seinen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, Marschall Kliment Woroschilow sowie Generalstabschef Georgij Schukow, Befehlshaber der sowjetischen Truppen in Deutschland. Stalin war aufgebracht. Er nannte Churchill einen "Verräter". Seine Militärs wies er an, die Dönitz-Regierung auszuschalten und für die Verhaftung der Mitglieder zu sorgen.

In Flensburg wehten noch Hakenkreuzflaggen

Damit beauftragte Schukow den Generalmajor und Militäraufklärer Nikolai Trussow, der am 17. Mai mit gut 15 Offizieren in Flensburg eintraf. Die Delegation sah dort Verblüffendes: In der Stadt wehten Hakenkreuzfahnen. Wehrmachtoffiziere waren bewaffnet unterwegs, trugen Naziorden und grüßten mit "Heil".

Eine Kontrollkommission britischer und amerikanischer Militärs, die sich auf dem Wohnschiff "Patria" an der Förde einquartiert hatte, schritt dagegen nicht ein. Generalmajor Trussow fragte einen US-Kollegen, ob er sowjetische Fallschirmjäger zur Hilfe rufen solle, um die Regierung Dönitz festzusetzen. Trussow sprach auch mit Dönitz, vor allem um mehr über dessen Verhältnis zu den Briten zu erfahren.

Die Drohung der Stalin-Emissäre mit einem Eingreifen zog bei den Westalliierten. Sowjetische Luftlandetruppen an der Flensburger Förde, wo nach den Vereinbarungen der Konferenz von Jalta die Briten Position beziehen sollten? Das wollten weder Briten noch Amerikaner riskieren. Deren Befehlshaber Dwight D. Eisenhower, später US-Präsident, hielt ohnehin nichts von einem Arrangement mit Dönitz.

So sanken mit der Ankunft der Russen die Chancen des Großadmirals, mit seiner Mannschaft als politisches U-Boot noch ruhiges Nachkriegsfahrwasser zu erreichen.

"Heute starb das Deutsche Reich"

Am Abend des 22. Mai 1945 bestellten die Alliierten Dönitz sowie Alfred Jodl und Hans-Georg von Friedeburg, die Kommandierenden von Wehrmacht und Kriegsmarine, für den nächsten Morgen auf die "Patria". Bei einem kühlen Empfang in der Schiffsbar verkündete ein amerikanischer General ihnen am 23. Mai, "im Einvernehmen mit dem sowjetischen Oberkommando" hätten die Alliierten beschlossen, die Reichsregierung aufzulösen und die Mitglieder als Kriegsgefangene zu betrachten.

Britische Soldaten nahmen Dönitz fest, ebenso rund 420 Beamte und Militärs. Daraufhin erschien die "New York Times" mit der Schlagzeile "Heute starb das Deutsche Reich". So fand ein Regime ein Ende, über das Minister Schwerin von Krosigk noch im November 1951 in einem "Zeit"-Beitrag schreiben durfte: "In der 'Regierung Dönitz' ist hart gearbeitet worden."

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Wie hart, das erfuhren drei Matrosen und der Kapitänleutnant Asmus Jepsen durch Todesurteile von Kriegsgerichten des Dönitz-Regimes. Sie wurden Anfang Mai auf dem Marineschießplatz am Rande Flensburgs hingerichtet. Ihr Verbrechen: Angesichts des verlorenen Krieges wollten sie nach Hause. Das wollte auch der Gefreite Johann Süß. Ihn trafen die Kugeln der Dönitz-Soldaten am Morgen des 11. Mai 1945.

Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg verurteilte Dönitz im Oktober 1946 wegen "Verbrechen gegen den Frieden" und Kriegsverbrechen zu zehn Jahren Haft, die er in Berlin-Spandau absaß.

Als Uwe Barschel den Großadmiral einlud

Einen großen Auftritt hatte der glühende Hitler-Verehrer noch 18 Jahre nach Kriegsende. Am 22. Januar 1963 referierte Dönitz an einem Abend vor Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums in Geesthacht über das Thema "Der 30. Januar 1933 und seine Folgen". Den Vortrag hatte der Geschichtslehrer Heinrich Kock eingefädelt, Wehrmachtoberleutnant a.D. und Vorsitzender der Geesthachter CDU.

Anderthalb Stunden rechtfertigte Dönitz vor den Schülern seine Kriegsverbrechen an der Seite Hitlers. Ein Zuhörer, ehemaliger Marineschreiber, schwärmte in der "Geesthachter Zeitung" von "Geschichtsunterricht in höchster Vollendung" - "und genau so, wie er im Kriege seine U-Boot-Soldaten begeisterte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann". Fazit: "Wir spürten es: Karl Dönitz hatte seine helle Freude an dieser Jugend."

Im Ausland aber sorgte der Bericht im Ton des "Völkischen Beobachters" für einen internationalen Eklat. Dönitz habe "Hitlers Politik verherrlicht", urteilte die französische Tageszeitung "Le Monde". Im britischen Parlament gab es eine Anfrage, auch Moskauer Zeitungen schlugen Alarm.

Um den Flurschaden zu erörtern, den der "Führer"-Nachfolger angerichtet hatte, sandte das Kieler Kultusministerium Anfang Februar 1963 einen Regierungsrat zum Geesthachter Schulleiter Georg Rühsen. Nach dem Gespräch schrieb der Oberstudiendirektor seiner Frau einen Abschiedsbrief. Dann ging er in die eiskalte Elbe und ertränkte sich.

Politische Karriere machte hingegen später der Schülersprecher, der Dönitz eingeladen hatte: Uwe Barschel, Mitglied der Jungen Union und der CDU. 1982 wurde er zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt. Noch ein Jahr zuvor, im Januar 1981, hatte Barschel an der Beerdigung von Dönitz teilgenommen - neben zahlreichen Altnazis, darunter der frühere Kommandant des Führerbunkers.