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Die schlaue Countrylady: Doll, doller, Dolly Parton

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Mario Anzouni / REUTERS

Countrylegende Dolly Parton wird 75 »Ich bin das Mädchen von nebenan. Sofern man nebenan einen Vergnügungspark hat«

Man kann auf naives Südstaatenblondchen machen und zugleich eine kluge, witzige, höchst erfolgreiche Unternehmerin sein. Dolly Parton beweist es – in 75 skandalfreien, aber nie langweiligen Jahren.

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus, sagen die Amerikaner. Wer wüsste das besser als Dolly Rebecca Parton?

Ihre Kindheit war erbärmlich: geboren und aufgewachsen in einer Hütte ohne Strom und fließend Wasser, in Locust Ridge, Tennessee, am Fuß der Smoky Mountains, als viertes von zwölf Kindern, der Vater Farmpächter. Man teilte sich zu dritt ein Bett, hinter den dünnen Holzwänden war es im Winter bitterkalt. Die kränkelnde Mutter nähte den Kindern Mäntel aus Kleiderresten. An der Highschool galt Dolly als Schülerin »mit den geringsten Erfolgsaussichten«. Noch heute weiß sie, wie man aus Ketchup- und Senftütchen eine »Suppe« kocht.

Wer wegen eines Flickenmantels in der Schule gehänselt wird, will später nur noch eines: es allen zeigen. Zum Vorbild erkor sich Dolly als Teenager ausgerechnet den town tramp, die ortsansässige Schlampe, der man – Jesses! – auch noch Prostitution nachsagte. Weil dieses Luder trotz ihres miesen Rufs Würde ausstrahlte und so atemberaubend aufgetakelt war, so Parton: »A country girl's idea of what glamour is«, »genau so wollte ich aussehen«.

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Was zugleich schockt und lockt, muss gut sein – der klugen Dolly war das klar. Die pubertäre Provokation machte sie zu ihrer Marke und schuf ein zeit- wie altersloses Gesamtkunstwerk, die »Backwoods Barbie«, »Hillbilly Mae West«, »Dumb Blonde«. Das wollte sie, eine Kreuzung aus Landei und Sexbombe, die Ambivalenz von virgin und vamp, Heiliger und Hure. Und so erkämpfte sie sich Beachtung auf Hinterwäldlerbühnen und in der Countrymusikmännerwelt.

Über die Jahre und je nach verfügbarem Budget modelte sich Parton um – ihre Perückenungetüme erinnern mal ans Rokoko, mal an Hochzeitstorten, dazu Glitzerkorsetts, Western-Fransen, strassbestückte Cowboystiefel, neonpinke Stöckelschuhe, üppig Make-up, Botox und Silikon. Mehr als 600.000 Dollar soll sie seit den Siebzigerjahren in Schönheitsoperationen gesteckt haben.

Talent, Fleiß, sagenhaft gute Laune

Am Dienstag wird die 1,55 Meter kleine Queen of Country mit der hohen, rauchigen Stimme, der Südstaaten-Sprechweise und den bombastischen Brüsten 75 Jahre alt. Ihre Auszeichnungen und Superlative könnten ein eigenes Guinness-Rekordbuch füllen. Dolly Parton gilt als erfolgreichste Musikerin in Country und Pop, mit unglaublichen 3000 komponierten Songs, mehr als 100 Millionen verkauften Alben, neun Grammys. Ihre Hits in den Countrycharts: 25 auf Platz 1, 55 in den Top Ten, 88 in den Top 40. Ihr Vermögen wird auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt.

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Was nach Zitronen-zu-Limonade-Märchen klingt, wurzelt freilich in Talent, Fleiß, Glück, Intelligenz, Optimismus und Neugier. Hochdosiert beigemischt: Eloquenz, Betriebsamkeit, good spirit, also ihre Selbstironie, und sagenhaft gute Laune. Hemmungslos stolz führt sie Reporterinnen durch ihre Perückensammlung und bekennt sich zur plastischen Chirurgie. Sie kann, sie darf das. Vielleicht muss sie es sogar. Denn Partons Künstlerinnendasein ist so frei von Skandalen und voll von Wohltaten – es bedarf gewisser Exzentrik, damit keine Langeweile droht.

Da wäre die Ehe: seit 54 Jahren mit dem öffentlichkeitsscheuen Bauarbeiter Carl Dean vorbildlich verheiratet, wobei Parton die meiste Zeit auf Tour oder im Studio steckt. Da wäre die Philanthropie: Ihr Vater litt unter seinem Analphabetentum, also gründete die Tochter die »Imagination Library«, lässt Kleinkindern monatlich ein Buch zukommen und hat so mehr als 145 Millionen Bücher verschenkt. In ihrer Videoserie »Goodnight with Dolly« liest sie Gute-Nacht-Geschichten für Kinder vor, schreibt sie teils selbst.

Beim »Dolly-Parton-lookalike«-Wettbewerb verloren

Als 2016 Waldbrände etliche Häuser in Tennessee zerstörten, spendete sie über ihre »Dollywood Foundation« betroffenen Familien ein halbes Jahr lang monatlich 1000 Dollar. Im April 2020 überwies sie eine Million an das Vanderbilt University Medical Center in Nashville. Es entwickelte den Covid-Impfstoff für die Pharmafirma Moderna, die USA konnten mit Corona-Impfungen starten.

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In TV- oder Radioshows redet sie darüber ungern. Quoten garantiert Dolly Parton anders, mit Outfits oder Sprüchen: »Es kostete viel Geld, so billig auszusehen.« – »Nichts an mir ist echt, aber alles kommt von Herzen.« – »Warum soll ich aussehen wie ein alter Hofhund, wenn ich nicht muss?« – »Meine Schwäche sind Essen und Männer, in dieser Reihenfolge.« – »Ich werde immer so jung aussehen, wie meine Schönheitschirurgen und mein Make-up es zulassen.« - »Eigentlich bin ich doch nur das Mädchen von nebenan. Sofern man nebenan einen Vergnügungspark hat.«

Gern erzählt sie auch, wie sie in Los Angeles an einem »Dolly-Parton-lookalike«-Wettbewerb teilnahm – und gegen einen Transvestiten verlor. Oder dass sie geschminkt ins Bett geht: Falls ein Brand ausbricht, will sie ja von den Feuerwehrleuten erkannt werden.

Mitunter übersieht man bei all dem Gedöns um ihr Äußeres fast die Musikerin. Dolly beherrscht ein Dutzend Instrumente, ihre Mutter, eine »Halb-Indianerin«, spielte Gitarre und ihr Großvater Geige, ein Pfingstkirchenpfarrer, der über die Hölle predigte. Gesungen wurde dauernd bei den Partons – man muss sich ihre armselige Hütte als Musikantenstadl denken, aus fast allen Geschwistern wurden Musiker oder Schauspieler.

Ihren ersten Song schrieb Dolly als Vierjährige, noch heute trällert sie das Kinderlied in Interviews vor. Mit sieben lernte sie Gitarre, drei Jahre später trat sie erstmals öffentlich auf, mit 13 folgten ihre erste Single (»Puppy Love«) und ihr Debüt in der legendären »Grand Ole Opry«, der ältesten Radioshow der USA, seit 1925 ausgestrahlt aus Nashville.

»Natürlich sind schwarze Leben wichtig. Denken wir, dass unsere kleinen weißen Ärsche die einzigen sind, die etwas gelten? Nein!«

Hits wie »Jolene«, »I Will Always Love You« oder »9 to 5« machten sie weit außerhalb von Country und Amerika berühmt, ebenso das mit Kenny Rogers auf unzähligen Bühnen geschmachtete »Islands in the Stream« (1983), das allerdings die australisch-britischen Bee Gees komponierten. Parton war da längst in anderen Genres unterwegs, wilderte bei Soul und Disco. »Sie kann alles schreiben, ihre Musikauffassung ist enzyklopädisch«, sagte einmal die Choreografin und Sängerin Debbie Allen.

Parton war es, die in den Achtzigerjahren Country und Pop zusammenführte, die aus »Help!« von den Beatles oder aus John Lennons »Imagine« Bluegrass-Töne schlug. Wie es ihr aber gelingt, Abende lang auf der Bühne mit künstlichen, lackierten Fingernägeln unfallfrei über Banjo und Gitarre zu schrubben: ihr ewiges Geheimnis.

Geschäftssinn bewies sie früh. 1974 rief Colonel Tom Parker bei der 29-Jährigen in Nashville an, Elvis Presleys Manager. Der King würde gern dieses »I Will Always Love You«, das gerade überall laufe, covern, zu den üblichen Konditionen – gegen Abtretung der halben Rechte. Mrs. Parton lehnte ab. Diese Majestätsbeleidigung sollte sie zur Multimillionärin machen. Über die Jahrzehnte schaffte es die Schnulze mehrmals an die Spitze der Charts und verkaufte sich allein mit Whitney Houston, die es im Film »Bodyguard« 1992 sang, über 20 Millionen Mal.

Sie müsse dauernd beschäftigt sein, gestand sie mal, »ich liebe es, Dinge geschehen zu lassen«. Sie träume von Songs, schlafe mit Notizblock auf dem Nachttisch. Viele ihrer 3000 Lieder kamen im Tourbus oder auf Schmierzetteln zustande, gut 300 hat sie vertont. Sie komme mit drei Stunden Schlaf aus, logisch, dass da selbst all die Musik den Tag nicht füllt.

Diese Lady hat das Zeug zur Versöhnerin

Also schauspielert Parton (»Warum eigentlich bringen wir den Chef nicht um?«, »Das schönste Freudenhaus in Texas«, »Magnolien aus Stahl«) und produziert Musicalfilme (»Christmas on the Square«). Sie hat eine eigene Netflix-Serie (»Heartstrings«), und ihr Podcast »Dolly Parton's America« ist selbstredend ausgezeichnet.

Dann gibt es da noch Dollywood, ihren Freizeitpark in Tennessee, eine Art Appalachen-Disneyland und der größte Arbeitgeber im Staat, mit Achterbahnen, Freilichtmuseum, Musikbühnen und Reservat für verletzte Weißkopfadler. Und jüngst rief sie ihre 2,9 Millionen Instagram-Follower zur #DollyPartonChallenge auf: sich mit einer Collage aus vier stereotypen Fotos selbst darstellen. Hunderttausende machten mit.

Sie gleichen ihr in vielem: weiß, ländlich, bodenständig, religiös, schlecht ausgebildet, konservativ – klassische Trump-Wähler. Parton gibt ihnen heile Welt (»My Mountains, My Home«) genauso wie Sozialkritik (»Just Because I'm a Woman«), ihr Lieblingssong »Coat of Many Colors« (1971) handelt von den Flickenmänteln ihrer Kindheit. Und sie bietet ihnen die Stirn und riskiert Boykotte oder sogar Morddrohungen, wenn sie sich für die Belange Homosexueller oder für die Black-Lives-Matter-Bewegung engagiert (»Natürlich sind schwarze Leben wichtig. Denken wir, dass unsere kleinen weißen Ärsche die einzigen sind, die etwas gelten? Nein!«).

Ein Dolly-Parton-Konzert ist vielleicht der einzige Ort, wo man neben einem Biker, einem Baptistenpfarrer, einer Lesbe, einem Redneck und einer Dragqueen sitzen könne, schrieb eine Leserin mal an die »New York Times«. Dolly Parton hat das Zeug zur Versöhnerin, das können die Trump-geschädigten, gespaltenen USA jetzt brauchen. Dass ihr Geburtstag diese Woche fast mit der Amtseinführung des Hoffnungsträgers Joe Biden zusammenfällt: kann doch kein Zufall sein.