Donald Trumps Wahlverständnis Das Erbe der Mayflower

1620 erfanden die ersten Siedler Neuenglands ein heiliges Prinzip: Jeder muss ein Wahlergebnis akzeptieren - auch wenn es ihm nicht passt. Der US-Präsident stellt dies nun infrage.
Die Pilgerväter besteigen die Mayflower für ihre Reise nach Amerika (Gemälde von Bernard Gribble)

Die Pilgerväter besteigen die Mayflower für ihre Reise nach Amerika (Gemälde von Bernard Gribble)

United Archives International / imago images

Land in Sicht! Nach 65 Tagen liegt eine katastrophal verlaufene Reise hinter den Passagieren der "Mayflower". Schwere Stürme hatten das Segelschiff auf dem Atlantik in arge Bedrängnis gebracht. Ein tragender Balken war gebrochen, nur notdürftig konnte er repariert werden. Zwei Männer, ein Seemann und ein Passagier, waren während der Überfahrt von England gestorben, ein weiterer Passagier bei schwerer See über Bord geschleudert worden. Nur mit Glück wurde er gerettet. Am 19. November 1620 ist all das überstanden: Die amerikanische Küste liegt vor den englischen Siedlern an Bord der Mayflower.

Doch die Freude währt nur kurz. Schnell macht sich eine rebellische Stimmung breit, denn das Schiff ist weit von seinem Ziel abgekommen. Nicht wie geplant am Hudson River hat es die Küste erreicht, sondern am Cape Cod. Für Gegenden so weit nördlich aber hat die königliche Erlaubnis als Grundlage der geplanten Siedlung keine Gültigkeit.

Aufgebracht erklären einige Passagiere sich kurzerhand zu freien Menschen: Niemand habe mehr das Recht, ihnen Vorschriften zu machen. Niemandem seien sie nunmehr Untertan.

Trump und das zentrale Prinzip

Sollten die Rebellen in dieser Situation tatsächlich die Gemeinschaft verlassen, stünde das Leben aller auf dem Spiel. Ein kalter Winter steht bevor. An Bord sind Kranke, Frauen und Kinder. Auf sich allein gestellt, hätten sie keine Überlebenschance. "Meuterisch" nennt der damals 30-jährige William Bradford, wenige Monate später zum Gouverneur der Kolonie Plymouth gewählt, die Äußerungen in seinem Bericht "Of Plymouth Plantation".

In ihrer Not raufen sich die Passagiere zusammen. Noch bevor sie an Land gehen, legen sie in einem Vertrag, dem "Mayflower Compact", Regeln des Zusammenlebens fest. Sie versprechen einander, zusammenzubleiben. Vor allem aber wollen sie erlassene Regeln und Gesetze auch dann befolgen, wenn diese der persönlichen Meinung einmal widersprechen sollten.

Der "Mayflower Compact", geschlossen unter den ersten englischen Siedlern in Neuengland, ist vielen US-Amerikanern heilig. Manche sehen in ihm sogar einen Vorläufer ihrer Verfassung. Doch ausgerechnet Präsident Donald Trump spielt jetzt mit dessen Erbe - indem er andeutet, eine mögliche Wahlniederlage bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden November nicht zu akzeptieren.

So in etwa sah der Vertrag aus: Replik des Mayflower Compacts

So in etwa sah der Vertrag aus: Replik des Mayflower Compacts

ZUMA Press / imago images

Dabei war diese Bestimmung entscheidend für den Zusammenhalt der "Mayflower"-Passagiere, die aus zwei Gruppen bestanden. Einerseits waren da Abenteurer, die in Amerika auf Wohlstand hofften. Andererseits streng religiöse Protestanten, die sich als "Puritaner" oder "Separatisten" bezeichneten, weil sie sich von der englischen Kirche losgesagt hatten. Ab 1607 waren rund 400 von ihnen, verfolgt und mit Gefängnisstrafen bedroht, in die toleranteren Niederlande geflohen.

Doch aller religiösen Freiheit zum Trotz wurden sie dort nicht glücklich: Oft leisteten sie schlecht bezahlte und körperlich anstrengende Hilfstätigkeiten in der Textilwirtschaft, unter denen ihre Gesundheit litt. Zudem kam es hin und wieder zu Gewaltausbrüchen. Ein Engländer wurde 1619 von einer Steine werfenden Gruppe attackiert und schwer verletzt. Vor allem aber fürchteten die Separatisten um ihre Identität. Würden sich ihre Kinder, aufgewachsen unter Niederländern, noch als Engländer fühlen? Würden sie ihr streng religiöses Leben beibehalten, wo doch die Niederländer am Sonntag nach dem Kirchgang schlemmten und feierten, statt sich ganz Gott zu widmen? "Teuflische Beispiele" erkannte William Bradford darin, die die Kinder von ihren Eltern zu entfernen drohten.

Angesichts dieser Schwierigkeiten waren die Separatisten begeistert, als sie von der Möglichkeit hörten, in Amerika unter englischer Herrschaft und doch fern vom englischen König nach eigenen Vorstellungen leben zu können: Die Virginia Company suchte Interessenten, die dort eine Kolonie gründen wollten. Die Separatisten meldeten sich. Nach Abschluss der Verhandlungen hielten sie ein "Patent" in Händen, eine königliche Siedlungserlaubnis.

Noch mehr Probleme

Geklärt war allerdings noch nicht, wie die teure Überfahrt zu bezahlen war. Hilfe versprach ein Händler aus London, Thomas Weston. Er vertrat eine Gruppe aus 70 Investoren und schlug einen Deal vor: Sie stellten das Kapital für die Gründung der Kolonie an der Mündung des Hudson. Im Gegenzug sollten die Siedler in den kommenden sieben Jahren einen Großteil ihrer Profite, etwa aus dem Fellhandel, an die Investoren weiterleiten. Die Separatisten schlugen ein: Im Frühjahr 1620 wollten rund 125 Männer, Frauen und Kinder in die Neue Welt aufbrechen.

Schnell aber traten Probleme auf. Erst verlangte Weston Nachbesserungen bei den Konditionen. Dann bestanden die Investoren darauf, dass neben den Separatisten auch andere interessierte Auswanderer an der Reise teilnehmen konnten. Die Separatisten nannten sie die "Strangers", die "Fremden". Monatelang verzögerten die Verhandlungen die Abfahrt.

Währenddessen versetzten die Auswanderer in Holland ihre Häuser und kauften die rund 15 Meter lange "Speedwell". Das Schiff sollte nach der Überfahrt in Amerika bleiben. Kurz darauf kam aus England die Nachricht: Weston habe ein Schiff samt Besatzung gemietet, die rund 28 Meter lange "Mayflower". Als Frachtschiff gebaut, hatte der Dreimaster zuvor unter anderem Wein aus Frankreich importiert.

Der Streit eskalierte

Im Juli 1620 machten sich die Siedler in spe endlich auf den Weg, zunächst von Holland nach England. "Wahrhaft erschütternd war der Anblick des traurigen Abschieds", schreibt William Bradford bewegt, "mit klagenden Seufzern, Schluchzen und Gebeten, mit Tränen, die aus allen Augen schwollen."

Pilger auf dem Deck der "Speedwell" vor ihrer Abreise aus Delft Haven, Holland, am 22. Juli 1620. Stich von John Burnet nach einem Gemälde von Charles Lucy.

Pilger auf dem Deck der "Speedwell" vor ihrer Abreise aus Delft Haven, Holland, am 22. Juli 1620. Stich von John Burnet nach einem Gemälde von Charles Lucy.

PhotoQuest / Getty Images

In England angekommen, eskalierte der Streit zwischen Weston und den Siedlern erneut. Weston kürzte die Zuschüsse. Die Siedler, die gerade Bier, Wein, gepökeltes Fleisch und getrocknete Bohnen, aber auch Musketen und Rüstungen sowie Handelswaren für Geschäfte mit den Indianern gekauft hatten, sahen sich gezwungen, einen Teil ihrer Vorräte, darunter vor allem Butter, wieder zu verkaufen.

Damit nicht genug. Als die letzten Rechnungen beglichen waren und die "Mayflower" und die "Speedwell" die Segel setzten, zeigte sich, dass die "Speedwell" undicht war. Das Schiff wurde repariert, doch erfolglos. Ohne Alternative beschlossen die Siedler, die "Speedwell" aufzugeben. Fast ein halbes Jahr später als geplant segelte die "Mayflower" am 16. September, getragen von einem "vielversprechenden Wind", wie Bradford notiert, mit 102 Passagieren an Bord endlich nach Westen.

Unbekannte Strömungen

Doch die verspätete Abfahrt rächte sich. Bald geriet die "Mayflower", die oft gegen den Wind kreuzen musste, in schwere Herbststürme. Wind und Wellen warfen das Schiff umher. Wassermassen ergossen sich über Deck, sickerten durch die Planken und tropften den Passagieren auf die Köpfe. Die harrten in engen Kabinen auf einem Zwischendeck aus, das so niedrig war, dass sie kaum aufrecht stehen konnten. Um weiteres Unheil abzuwehren, entschied der Kapitän, die Segel einzuziehen. Die Mayflower trieb jetzt mit dem Wind - und verlor sich auf dem weiten Ozean.

Als nach mehr als zwei Monaten endlich Land in Sicht war, hatten die niedrigen Wälder und Sandklippen nichts gemein mit der Mündung des mächtigen Hudson. Einen Versuch, das ursprüngliche Reiseziel doch noch zu erreichen, vereitelten gefährliche Untiefen und unbekannte Strömungen. Da sich an Bord Krankheiten ausbreiteten und der Winter nahte, entschied der Kapitän, vor Ort an Land zu gehen. Die Passagiere reagierten, wie Bradford schreibt, "alles andere als erfreut". Kurz darauf brach die Rebellion aus, die durch den "Mayflower Compact" beendet wurde.

Die Pilger unterschreiben den Vertrag an Bord der "Mayflower" am 11. November 1620 (Stich von Gauthier nach einem Gemälde von Tompkins Harrison Matteson)

Die Pilger unterschreiben den Vertrag an Bord der "Mayflower" am 11. November 1620 (Stich von Gauthier nach einem Gemälde von Tompkins Harrison Matteson)

Ken Welsh / Design Pics / imago images

Bei dessen Formulierung orientierten sich die Siedler an Verträgen und Vereinbarungen, die sie schon kannten, etwa aus englischen Landgemeinden. Zudem hatte John Robinson, der in Leiden verbliebene Pastor der Separatisten, angeregt, eine Übereinkunft zu treffen, die das Leben in Amerika regelt und einen Ausgleich zwischen puritanischen Separatisten und anglikanischen "Strangers" erlaubt. Robinson empfahl seinen Glaubensgenossen, die Kolonie nicht auf dem Wort Gottes, sondern auf zivilem Recht zu begründen.

Noch bevor die Siedler schließlich an Land gehen, unterschreiben - wie damals üblich - alle erwachsenen Männer die kurze, nur 126 Wörter umfassende Vereinbarung - entweder mit ihrem Namen oder, wenn sie nicht schreiben können, mit einem X.

Das Vermächtnis der "Mayflower"-Passagiere

Nicht ahnen konnten sie allerdings, welche Bedeutung ihre Nachfahren und Nachahmer der Übereinkunft im Laufe der Jahrhunderte zuschreiben würden.

Die Realität war wohl unspektakulärer. Für die Siedler war der "Compact" die pragmatische Lösung eines lebensgefährlichen Konflikts. Und dennoch: Mit ihm besannen sie sich auf Verhandlungen und die Kraft des Arguments, anstatt beispielsweise auf eine gewaltsame Unterdrückung der Andersdenkenden zu setzen.

Dieser Versuchung, der Macht im entscheidenden Moment widerstanden zu haben, erscheint im Rückblick als die eigentliche Leistung der "Mayflower"-Passagiere und ihres "Compact". Daran gescheitert sind im Laufe der Zeit viele Politiker - und das keinesfalls nur in den USA.