Vorläufer von Trumps Grönland-Plan Schnäppchen Alaska

Grönland kaufen? Nicht so abwegig. Schon 1867 kauften die USA Alaska und später dänische Inseln, für Grönland boten sie 1946 viel. Im Kalten Krieg bohrten sie dort ein Geheimcamp ins Eis - und stürzten mit Atombomben ab.

U.S. Army

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Jedes Jahr am 31. März feiern die Bewohner der Amerikanischen Jungferninseln ein Fest mit dem seltsamen Namen "Transfer Day", Tag der Übergabe. Klingt wie der "Murmeltiertag" der Karibik. Militärkapellen spielen auf, Reden werden geschwungen.

Dieser Feiertag dürfte sehr nach dem Geschmack von Donald Trump sein - weil er daran erinnert, wie die Amerikaner 1917 den Dänen für 25 Millionen Dollar in Gold die Westindischen Inseln abkauften, die seitdem Amerikanische Jungferninseln heißen.

Trump würde das vielleicht ein "Immobiliengeschäft" nennen, wie beim von ihm anvisierten Kauf von Grönland. Die Regierung des Königreichs Dänemark, zu dem Grönland politisch gehört, hat dieses Ansinnen aber derart brüsk abgelehnt, dass der US-Präsident gleich beleidigt einen geplanten Dänemark-Besuch strich.

Beim ersten "Transfer Day" am 31. März 1917 war die Stimmung noch ganz anders. Mit Salutschüssen verabschiedete die dänische Marine ihre einstige Kolonie. Ein letztes Mal wurde die dänische Hymne gespielt, dann die dänische Fahne herabgelassen und die US-Flagge gehisst. Die alten Herrscher zogen ab, die neuen marschierten mit Pomp ein. Das dänische Parlament hatte den Deal ratifiziert, ohne die Inselbewohner zu fragen.

Die Dänen waren erleichtert, als sie die Inseln los waren, auf denen einst Sklaven schufteten und weiterverkauft wurden. Dänemark hatte zwar 1792 als erstes Kolonialreich den Sklavenhandel offiziell abgeschafft. Doch in der Karibik-Kolonie wurde noch jahrzehntlang Sklaven ausgebeutet, immer wieder begehrten die Unterjochten in Aufständen auf.

Schnäppchen Alaska

Also: Nichts wie weg mit der Kolonie, die nur an ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte erinnerten - und wirtschaftlich sowieso ein Minusgeschäft war. Die USA dagegen hatten ein strategisches Interesse an den fernen Inseln. Sie brauchten dringend eine Marinebasis in der Karibik und fürchteten wohl auch, die Deutschen könnten mitten im Ersten Weltkrieg die dänische Kolonie erwerben - und von dort aus die USA attackieren. Der Kaufpreis war stolz. Er entsprach 3,5 Prozent des US-Haushalts im Jahr 1916.

Strategischer Landkauf hatte für die Vereinigten Staaten bereits eine Tradition. 1867 hatten sie den Russen Alaska für 7,2 Millionen Dollar abgekauft. Viele Amerikaner empfanden das anfangs als viel zu viel für ein riesiges "Eisbärengehege" oder eine "Gefriertruhe". Solcher Spott verstummte, als in Alaska Unmengen an Öl gefunden wurden. Bis heute bedauern die Russen, den Amerikanern überhaupt Alaska überlassen zu haben - und dann auch noch zum Schnäppchenpreis.

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Grönland und die USA: Eine Stadt unter dem Eis

Auf so einen politischen Schnapper hofft auch Trump. Der Mann, der den Klimawandel leugnet, sehnt offenbar den Klimawandel herbei, der Grönlands Bodenschätze freilegen könnte. So abwegig der Kaufplan auch klingt - neu ist er nicht. Schon 1946 hatte US-Außenminister James Byrnes seinem dänischen Amtskollegen ein Angebot über 100 Millionen US-Dollar vorgelegt. US-Zeitungen berichteten darüber erst 1977, nachdem ein Historiker nun geöffnete Akten ausgewertet hatte.

Byrnes Begründung für den Kauf: Grönland sei nicht mehr als ein großer Klumpen Eis, für die USA zufällig von großer strategischer Bedeutung. Für Dänemark indes stelle Grönland nur eine finanzielle Belastung da - auch Trump setzte jüngst auf dieses Argument. Dänemark sagte trotzdem nein.

Kapelle, Kino, Fitnessstudio - unter dem Eis

Das Werben um Grönland zog sich damals in die Länge. Noch 1948 berichtete DER SPIEGEL von der "kleinen Liebe zu Grönland": "Der Vorschlag eines amerikanischen Kongress-Abgeordneten, den Dänen Grönland einfach abzukaufen, stieß in Kopenhagen auf eisige Ablehnung." Wie bei den Jungferninseln war das Interesse der USA rein militärischer Natur. An Klimawandel und Bodenschätze dachte niemand, nur an den Feind im Kalten Krieg - die Sowjetunion.

Schon im Zweiten Weltkrieg hatten die Amerikaner Flughäfen und Militärbasen auf Grönland errichtet und waren danach einfach länger geblieben als zunächst vereinbart. Ihre Stützpunkte wollten sie fortan gegen den Feind im Osten ausbauen. Als die USA Grönland nicht kaufen konnten, handelten sie wenigstens ein Geheimprojekt mit pompösen Namen aus: "Camp Century".

Acht Meter unter dem Eis sollte eine Stadt entstehen, etwa 250 Kilometer entfernt vom 1951 errichteten US-Flugplatz Thule. Mit dem Bau wurde 1958 begonnen. Kapelle, Fitnessraum, Kino und Bibliothek - das zählte alles zur Ausstattung des Camps mit Unterkünften für bis zu 200 Soldaten. Ein mobiler Atomreaktor versorgte es mit Strom.

In einem umfangreichen internen Bericht wurde das wahnwitzige Projekt später gerechtfertigt: Mit dem Vormarsch von Atomwaffen, Langstreckenbombern und Interkontinentalraketen sei es schlicht "unausweichlich" geworden, dass "entlegene arktische Regionen" wie Grönland und Alaska die Aufmerksamkeit der Militärs auf sich zögen.

Der "Mann ohne Schatten"

Die Amerikaner dachten damals groß. Sehr groß. Vom "Camp Century" aus wollten sie ein Tunnel-Labyrinth durchs Eis fräsen, insgesamt 4000 Kilometer lang - das geheime "Projekt Eiswurm". Die Idee dahinter: Der "Eiswurm" sollte Platz und Abschussrampen für 600 atomar bestückte Interkontinentalraketen schaffen. Per unterirdischer Eisenbahn würden die Waffen dann von Zeit zu Zeit verschoben. So könnte die Sowjetunion den Raketenstandort nicht ermitteln - sofern sie überhaupt die Existenz der Stadt im Eis ahnte.

Ob und was Dänemark von diesen Plänen wusste, ist bis heute nicht ganz geklärt. Denn das Projekt verstieß gegen ein Militärabkommen von 1951: Dänemark hatte den USA auf Grönland den Bau von Stützpunkten wie Thule erlaubt - auch im Interesse der eigenen Sicherheit. Atomwaffen waren dabei aber explizit nicht erlaubt.

Das Misstrauen war so groß, dass Dänemark ab 1960 einen Spion ins "Camp Century" schleuste: Erik Jorgen-Jensen war offiziell ein dänischer Kontaktmann zum US-Militär. "Mann ohne Schatten" nannten ihn die Amerikaner bald und ahnten womöglich, dass er ein doppeltes Spiel spielte. Erst 2018 hat Jorgen-Jensen, heute 84 Jahre alt, über seine Spionagetätigkeit mit einem dänischen Radiosender gesprochen und einige Aufnahmen aus der Zeit veröffentlicht.

Auch der Spion kannte nur einen Teil des Tunnelsystems, das zudem nur in Ansätzen verwirklicht wurde: 21 Tunnel mit einer Gesamtlänge von drei Kilometern entstanden, bevor die Amerikaner ihr Projekt Anfang der Sechziger endgültig aufgaben. Sie hatten die Kraft der Natur unterschätzt. Das Eis war ständig in Bewegung; es hätte Tunnel verschließen und verschieben können.

Eine Wasserstoffbombe ging verschütt

Die Amerikaner gingen - und ließen ihren Müll zurück. Darunter sind vermutlich 24 Millionen Liter leicht radioaktives Abwasser aus dem mobilen Kernreaktor, dazu 9200 Tonnen Schrott und 200.000 Liter Dieselkraftstoff. Erst 2016 berichtete das Fachmagazin "Geophysical Research Letters" erstmals über diesen lange vergessenen Umweltskandal; im Jahr darauf untersuchte eine wissenschaftliche Expedition den Standort des tief im Eis verborgenen "Camp Century". Bohrproben und Radaraufnahmen ließen eine "riesige Müllhalde" vermuten, sagte einer der Teilnehmer.

Das Beunruhigendste: Experten betrachten den US-Abfall im Eis nicht mehr als "endgültig gelagert" - wegen des Klimawandels. Zynisch könnte man sagen, dass Trump auch den Müll der Amerikaner erbt, sollte seine Regierung Grönland tatsächlich einmal erwerben.

Auch wegen solcher Skandale, kombiniert mit Trumps neokolonialem Habitus, ist das Misstrauen der Grönländer gegenüber den USA ziemlich ausgeprägt. Wie erklärt man etwa einer naturverbundenen Bevölkerung, dass in ihrer Heimat womöglich einst eine Wasserstoffbombe verloren ging?

Genau das könnte im Januar 1968 beim Absturz einer B-52 in der Nähe von Thule passiert sein: Bis heute halten sich Gerüchte, die sich auch auf Aktennotizen beziehen, dass eine der vier Bomben bei der Notlandung dauerhaft auf dem Meeresboden verschwunden und erfolglos gesucht worden sei. Ein 2009 von der Regierung Dänemarks in Auftrag gegebener Bericht kommt aber zum Schluss, dass Komponenten von allen beim Absturz zerstörten Bomben gefunden worden seien.

So oder so wurden bei dem Unglück Radioaktivität freigesetzt, so dass die Amerikaner mehr als 10.000 Tonnen verseuchtes Eis und Schnee entfernen mussten.

Das Armenhaus Amerikas

Und die Amerikanischen Jungferninseln? Für die Bewohner zahlte sich der bis heute gefeierte Kauf trotz US-Staatszugehörigkeit lange nicht aus: Der auf den Inseln hergestellte Zucker und Rum hatten kaum Chancen auf dem US-Markt, erst recht, als ab 1920 Alkohol in den USA nicht mehr verkauft werden durfte.

Bald galten die Jungferninseln als Armenhaus der USA. Dringende Reformen wurden verschleppt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann mit dem zunehmenden Tourismus ein Aufschwung, besonders als das sozialistische Kuba für Amerikaner als exotisches Reiseziel wegfiel.

Zum 100. "Tansfer Day" im Jahr 2017 sprach übrigens als dänischer Premierminister auch Lars Lokke Rasmussen - ausgerechnet jener Mann, der Trumps Grönland-Angebot schnell als "Aprilscherz" abtat. Rasmussen redete viel über die Verbundenheit Dänemarks: die dänischen Häuser, Kirchen und Städtenamen auf den Jungferninseln. Und er sprach über die Sklaverei, für die es "keine Rechtfertigung" gebe, ja die "nicht zu vergeben" sei.

Die Dänen, so klang es, sind gegangen, aber innerlich geblieben. Trump wäre sehr zufrieden, wenn Dänemark in Zukunft so über Grönland reden würde.

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Hini Schultze, 22.08.2019
1. Kaufen
Und wenn man sich beim Kaufen der Ländereien nicht handelseinig wird, dann wird es gefährlich. Im Jahre 1903 scheiterten die Verhandlungen zwischen der Regierung Kolumbiens und der USA über den Kauf der nördlichen Provinzen des Landes. Der dort geplant Panama Kanal war Voraussetzung für den schnellen Einsatz der in Kuba, Guam und den Phiippinen operierenden US-Flotte. Die Breite des Panama Kanals entsprach der Breite des damals grössten Kriegschiffes der USA. Nachdem die Kaufverhandlungen gescheitert waren, hatten sich die USA, wie es der damals amtierende Präsident und spätere Friedensnobelpreisträger Theodore Roosevelt formulierte, das Land Panama "genommen".
Sven Gaertner, 22.08.2019
2. Ex-Kolonialreich verkauft 1917 eine
Kolonie und demokratischer Staat verkauft ein autonomes Gebiet sind schon zwei völlig verschiedene Vorgänge. Trump wünscht sich die USA als seine persönliche Kanonenbootflotte, das ist schon klar. Aber es ist an der Zeit, den Gangster und seinen scheinheiligen Vize loszuwerden, am Besten ins New Yorker Bundesgefängnis. Die haben so viel zerstört und haben noch über ein Jahr Zeit, den Rest anzusägen ... Schlimm, aber alles "verfassungsgemäß". Diese gelobte Verfassung kann man auf das Örtchen hängen.
Falk Mehlhorn, 22.08.2019
3. Biggest Deal ever
Die Tradition reicht noch weiter zurück: 1803 kauften die USA mit dem "Louisiana Purchase" Frankreich weite Teile westlich des Mississippi ab, das ist heute fast der gesamte Mittlere Westen bis zu den Rocky Mountains. Die Fläche ist nur geringfügig kleiner als Grönland. Für Trump als größtem Dealmaker aller Zeiten mag also durchaus eine gewisse Logik hinter dem Plan stecken. Und immerhin hat er vorher gefragt, ein anderer hätte die Insel einfach besetzt sich das durch ein Referendum "demokratisch" absegnen lassen...
Gerd Wengler, 22.08.2019
4. Bild 9
Nein, kein Fernrohr zum Beobachten, sondern ein Theodolit eines Vermessers. https://de.wikipedia.org/wiki/Theodolit
Günther Potschien, 22.08.2019
5. Bei all den Kommentaren wundere ich mich
immer wieder, warum nicht der größte Landkauf der US Geschichte erwähnt wird: Der Kauf der französichen Kolonie Lousianna im Jahre 1806. Dieses Gebiet beginnt in New Orleans, verläuft auf den Flüssen Mississipi und Missouri bis zur kanadischen Grenze. Napoleon dürfte dabei seine Kriegskasse in seinem Krieg gegen die Engländer (le perfide Albion) erheblich aufgefüllt haben.
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