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Bergarbeiterüberfall in Rumänien: "Sie haben mich fast totgeprügelt"

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Gewaltexzess gegen Demonstranten "Sie haben mich fast totgeprügelt"

Wer eine Brille trug, wurde zusammengeschlagen: 1990 ließ Präsident Ion Iliescu antikommunistische Studenten in Bukarest von Bergarbeitern niederknüppeln. Viorel Ene kam dabei fast ums Leben - und kämpft bis heute für eine Bestrafung der Täter.

Der Wind fegt in Böen über den Bukarester Platz der Verfassung, wie so oft auf dieser riesigen, halbkreisförmigen Fläche. Einst ließ Diktator Ceausescu ihn für Aufmärsche anlegen - genau vor seinem monströsen Palast, dem sogenannten Haus des Volkes. Heute ist hier der Sitz des rumänischen Parlaments.

Viorel Ene schaut auf die Uhr seines Telefons, er hat noch etwas Zeit bis zum Termin. Zwei schwer bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen kommen aus dem bunkerartigen Gebäude, vor dem er steht. Es ist der Sitz der rumänischen Generalstaatsanwaltschaft. "Halten Sie Ihren Ausweis bereit", sagen die Polizisten dem 62-Jährigen - und fügen hinzu, dass Journalisten nicht zugelassen seien zu diesem Termin. Er zückt seinen Ausweis und wartet, bis er eintreten darf.

Seit fast einem Vierteljahrhundert geht das schon so: Ene sammelt Dokumente, stellt Strafanzeigen und wird vorgeladen. Mal zu einer Vernehmung, mal auch nur für die Mitteilung, dass die Ermittlungen ergebnislos verlaufen seien. Doch er gibt nicht auf. "Sie haben mich damals fast totgeprügelt", sagt er. "Dass die Täter wohl nie gefunden werden, damit kann ich leben. Aber ich möchte, dass die Verantwortlichen endlich bestraft werden."

Ene spricht von dem Überfall Tausender Bergarbeiter auf antikommunistische Demonstranten in Bukarest im Juni 1990, der zu einem Wendepunkt in der postkommunistischen Geschichte Rumäniens wurde: Er beendete eine demokratische Entwicklung im Land und machte es auf Jahre hinaus zum Sonderfall in Osteuropa.

Die Hymne der Taugenichtse

Damals, kurz nach dem blutigen Sturz Ceausescus im Dezember 1989, gingen in Bukarest immer wieder Zehntausende auf die Straße. Sie protestierten gegen die wendekommunistischen Herrscher, ehemalige Parteikader und Geheimdienstoffiziere, die ihre Macht nicht abgeben wollten. An deren Spitze stand Ion Iliescu, ein in Ungnade gefallener einstiger Zögling Ceausescus. Er hatte sich beim Sturz des Diktators zum Führer der "Nationalen Rettungsfront" ausgerufen, die zum Sammelbecken für den ehemaligen Apparat der Diktatur wurde.

Viorel Ene war damals 37 Jahre alt und arbeitete in Bukarest als Ingenieur für Wasserwirtschaft. Er demonstrierte mit, auch er wollte, dass sich in Rumänien wirklich etwas ändert. Die Demonstrationen gegen Iliescu und seine Front wurden im Frühjahr 1990 immer machtvoller, auf dem Universitätsplatz im Zentrum der Hauptstadt hatte ein buntes Lager aus Gegnern der Iliescu-Front eine "Neokommunismus-freie Zone" ausgerufen. Zusammen sang man die "Hymne der Taugenichtse": "Lieber Vagabund als Parteiaktivist, lieber tot als Kommunist!"

Viorel Ene am 14. Juni 1990 während Misshandlungen durch Bergarbeiter

Viorel Ene am 14. Juni 1990 während Misshandlungen durch Bergarbeiter

Foto: privat

Doch die schlecht organisierte und durch Gräuelpropaganda verunglimpfte Opposition hatte nicht den Hauch einer Chance: Am 20. Mai 1990 wurde Ion Iliescu mit überwältigender Mehrheit zum Staatspräsidenten gewählt, er erhielt 85 Prozent der Stimmen. Nach dem "Sonntag des Blinden", wie Iliescu-Gegner den Tag seither nennen, zogen sich die meisten Demonstranten frustriert vom Universitätsplatz zurück, auch Viorel Ene kam nicht mehr zu den Happenings. Doch ein harter Kern blieb - zum Ärger Iliescus. Das Wahlergebnis gab ihm, so glaubte er, die Legitimation, die friedlichen Proteste gewaltsam beenden zu lassen.

Welle der Gewalt

Der Versuch von Ordnungskräften, den Universitätsplatz am 13. Juni zu räumen, mündete in gewaltsame Ausschreitungen. Autos wurden angezündet, Gebäude der Polizei und des Innenministeriums brennen. Bis heute ist unklar, wer genau die Täter waren - einer Version zufolge sollen die wendekommunistischen Machthaber die Ausschreitungen selbst inszeniert haben.

Als die Ordnungskräfte die Kontrolle über die Situation verloren, zogen am Morgen des 14. Juni plötzlich Tausende Bergarbeiter aus den Kohlebetrieben des westrumänischen Schiltals und aus Südrumänien heran. Bereits zweimal, im Januar und im Februar 1990, waren Bergarbeiter gegen antikommunistische Demonstranten und gegen Oppositionsparteien in Bukarest vorgegangen. Nun sollten sie erneut für Ruhe sorgen.

Iliescu wandte sich an diesem Morgen an die "lieben Bergarbeiter": "Ich danke euch für die proletarische Solidarität, mit der ihr auch diesmal auf unseren Ruf geantwortet habt." Eine Abordnung der Bergarbeiter, forderte Iliescu, solle sich unverzüglich zum Universitätsplatz begeben und ihn zurückerobern. Denn: "Wir haben es dort mit faschistischen Elementen zu tun, aufgewiegelte Elemente, viele von ihnen unter Drogen stehend."

Die Bergarbeiter handelten wie befohlen - und prügelten bestialisch auf alle Menschen ein, die ihnen irgendwie studentisch oder intellektuell auszusehen schienen. Zugleich wurden auch etliche Roma, von vielen Bergarbeitern als Schwarzhändler und Kriminelle betrachtet, Opfer der Gewaltorgie. Es gab Hunderte Schwerverletzte, am Rande der Ereignisse starben sechs Menschen, davon drei durch verirrte Kugeln.

Zum Krüppel geschlagen

Viorel Ene fuhr an diesem Morgen wie immer mit der U-Bahn zur Arbeit und stieg am Universitätsplatz aus. Der war zu dieser Zeit schon von Tausenden Bergarbeitern besetzt. Ene trug Brille und hatte einen Bart, das machte ihn verdächtig, ein Intellektueller zu sein. Eine Gruppe Bergarbeiter kontrollierte gerade seinen Ausweis, als ein Mann in Zivil sagte: "Der war auch bei den Demonstrationen dabei." Das war das Signal: Die Bergarbeiter knüppelten auf den Wehrlosen ein, er stürzte zu Boden und verlor das Bewusstsein. Sie schleiften ihn vor das Nationaltheater, wo er blutüberströmt kurzzeitig aufwachte. Er spürte, dass seine rechte Körperhälfte gelähmt war, die Hände wurden ihm zusammengebunden. Später wachte er im Krankenhaus Floreasca auf.

Wochenlang wurde er von Klinik zu Klinik verlegt, saß im Rollstuhl, halbseitig gelähmt, konnte kaum sprechen. Im November 1990 schließlich schaffte seine Frau es, ihn nach München zu bringen. Er erhielt in Deutschland Asyl und eine medikamentöse Spezialbehandlung, durch die sich Blutgerinnsel im Gehirn auflösten. Langsam lernte er wieder laufen und sprechen. Doch richtig gesund wurde Ene nie wieder: Er kann seit damals keine körperliche Arbeit mehr verrichten, hat Konzentrationsschwierigkeiten, wird schnell müde, seine Reflexe funktionieren nur noch eingeschränkt, deshalb darf er kein Auto mehr fahren.

Ene (2.v.r.) geriet in das Visier der Schlägertrupps, da er Brille und Bart trug - für sie Kennzeichen eines Intellektuellen.

Ene (2.v.r.) geriet in das Visier der Schlägertrupps, da er Brille und Bart trug - für sie Kennzeichen eines Intellektuellen.

Foto: privat

Anfang 1992 kehrte Viorel Ene nach Rumänien zurück. Seine Arbeit als Ingenieur musste er aufgeben. 1993 gründete er zusammen mit seiner Frau eine kleine Immobilienfirma, leichte Büroarbeit, das ging noch. Die erste Strafanzeige gegen unbekannt hatte er bereits im August 1990 gestellt - ohne Erfolg. Und so würde es im Laufe der Jahre immer weitergehen. 1997 gründete Ene die "Vereinigung der Opfer der Bergarbeiterüberfälle" - und kämpft seither vergeblich dafür, dass die politisch Verantwortlichen für die Gewaltorgie vom Juni 1990 vor Gericht gestellt werden.

Der Verantwortliche schweigt

Doch das könnte sich nun, 25 Jahre später, ändern: Im vergangenen Herbst verpflichtete der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Rumänien, ein Verfahren zum Bergarbeiterüberfall vom Juni 1990 neu aufzunehmen. Daraufhin verfügte die rumänische Generalstaatsanwaltschaft Anfang März dieses Jahres eine Neuaufnahme der Ermittlungen.

Der damalige Staatschef Ion Iliescu spricht nur ungern über das Thema. Insgeheim mag er seine Rolle und seine Worte von damals bereuen, immerhin war Rumänien nach dem Bergarbeiterüberfall vom Juni 1990 international jahrelang geächtet. Öffentlich bedauern jedoch mag Iliescu noch immer nichts. Heute sagt er: "Warum sollen wir ins Jahr 1990 zurückkehren? Alles ist längst gelöst, durch den Lauf der Dinge und durch den natürlichen Gang der Geschichte."

Für Viorel Ene ist nichts gelöst. Auch an diesem böigen Vormittag nicht, als er aus dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft mit einer weiteren hinhaltenden Botschaft herauskommt. Es dauere noch, bis die neuen Ermittlungen aufgenommen würden, hat man ihn wissen lassen. Ene ist nicht enttäuscht, er glaubt tatsächlich, dass die politisch Verantwortlichen irgendwann zur Rechenschaft gezogen werden. Lächelnd sagt er: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

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