Ingeborg und Woldemar Triebel über den Sommer 1945 »Der Wille zum Überleben, der ist groß«

Für Lazarettschwester Ingeborg roch der Sommer nach Methanol. Immerzu traf sie auf Sterbende. Marineoffizier Woldemar kannte die junge Dame nur vom Foto – und suchte sie nach dem Krieg. Eine Geschichte mit Happy End.
Von Ingeborg Triebel und Woldemar Triebel
Verwundete deutsche Soldaten werden im Hafen von Königsberg auf ein Transportschiff geladen, circa März 1945

Verwundete deutsche Soldaten werden im Hafen von Königsberg auf ein Transportschiff geladen, circa März 1945

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ullstein bild

Woldemar Triebel: Ich bin im Februar 1942 zur U-Boot-Waffe gekommen. Schon mein Vater war Offizier, im Ersten Weltkrieg ist er als Schiffsarzt eingezogen worden. Ich habe mich freiwillig gemeldet, nach dem Motto »Join the Navy, see the world«. Die Gefahr war mir bewusst. Aber wo war man denn im Krieg schon sicher?

Einmal besuchte ich einen Kameraden auf der Marineschule in Ostpreußen. Einer der Männer in seiner Stube hatte in seiner Koje ein Foto. Ich fragte: Ist das deine Freundin? Nein, antwortete er, das ist meine Schwester. Ich habe mir das Bild angeguckt und gedacht: Die Frau musst du kennenlernen.

Zweieinhalb Jahre habe ich auf meine Chance gewartet. Ende 1943 war es so weit: Ich lernte sie kennen. Ein halbes Jahr lang haben wir uns ab und zu getroffen. Aber wir waren nicht zusammen. Ich bin während des Krieges bewusst keine nähere Bindung eingegangen; das U-Boot-Fahren war ja in den letzten Kriegsjahren keine Lebensversicherung. Aber mir war klar: Wenn der Krieg irgendwann vorbei sein sollte, dann soll sie meine Frau werden.

Volltreffer, das Haus war weg

Ingeborg Triebel: Ich habe 1942 Abitur gemacht, danach war ich ein halbes Jahr beim Arbeitsdienst. Dann begann ich ein Medizinstudium in Königsberg. Bevor man damals als Frau studieren durfte, musste man eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Ich hatte dann mit dem Studium bereits begonnen und schon die ersten Leichen präpariert, als die Universität nach einem Bombenangriff geschlossen wurde.

Einen schweren Angriff auf Königsberg erlebten wir Ende August 1944. Beim Runtergehen in den Keller haben wir noch furchtbar gelacht. Eine Tante und ich trugen einen Korb, jede an einer Seite, der Korb entglitt uns, und alles fiel raus. Morgen früh sammeln wir die Sachen wieder auf, sagten wir. Und dann bekamen wir einen Volltreffer. Das ganze Haus war weg. Diese Stunden im Keller, nachdem die Bombe eingeschlagen hatte, das ist die Zeit, in der man betet. Davor nicht. Aber dann. Es wird etwas aktiviert. Meine Mutter rief immer wieder »Mein Gott, mein Gott«. Das ist eine Art von Beten, die man nur dann anwendet, wenn es ganz schlimm ist. Einfach, um irgendetwas zu tun. Sonst platzt einem der Schädel.

Mein Vater, der gerade Fronturlaub hatte, fand dann ein Loch in den Trümmern, durch das wir rauskamen. Draußen brannte alles. Wir rannten zu einem nahe gelegenen Teich. Ein Haus, das einstürzt, entfaltet enorme Hitze.

Ich bekam dann eine Einberufung zu einem Lazarett im Samland, in Ostpreußen. Dieses Lazarett wurde Anfang 1945, als die russischen Angriffe stärker wurden, nach Pillau verlegt.

In Pillau lernte ich einen Marineoffizier kennen, mit dem ich mich sogar verlobte. Pfingsten 45 bekam ich die Nachricht, dass er gefallen war. Ich habe nicht lange getrauert; es musste ja weitergehen.

Woldemar Triebel: Ich hatte im Februar 1945 von einem Kameraden erfahren, dass Ingeborg verlobt war. Da war ich etwas traurig.

Ingeborg Triebel: Na, du hast gelitten.

Woldemar Triebel: Gelitten, ja.

Ingeborg Triebel: Von Pillau ging es dann auf den Dampfer »Steuben«. Ende Januar ist die »Steuben« voll mit Verwundeten von Pillau nach Swinemünde ausgelaufen. Ich war als Krankenschwester an Bord. Während der Fahrt mussten nachts alle vom medizinischen Personal, die gerade nicht gebraucht wurden, an Oberdeck. Wir saßen da bei 20 Grad Kälte, als es hieß: Die »Gustloff« ist torpediert, mit Tausenden Flüchtlingen an Bord. Das war am 30. Januar, wir haben gezittert und gehofft, dass wir die Fahrt überstehen.

Die »Steuben« – torpediert

In Swinemünde ging ein Teil des Lazaretts an Land, ich bin mitgegangen. Bei der nächsten Fahrt ist die »Steuben« dann tatsächlich torpediert worden und mit vielen Tausend Menschen gesunken. Das Lazarett wurde nach Hamburg verlegt, in die alte Schule in Blankenese. Dorthin kam ich als Krankenschwester.

Woldemar Triebel: Bei Kriegsende waren wir in Norwegen, nördlich von Trondheim, wir lagen mit unserem U-Boot in einem Fjord, in Wartestellung. Die Nachricht von der Kapitulation hörten wir im Radio. Ich fuhr daraufhin nach Trondheim, zum Flottillenchef. Ich wollte wissen, wie wir uns verhalten sollten. Sollten wir an Bord bleiben? Oder unser Boot versenken? Als ich in die Flottille komme, sitzt da eine Schreibkraft: Der Chef ist mit seiner Freundin im Gebirge zum Skilaufen.

Zwei Tage später lief ein englischer Zerstörer in den Fjord ein. Sie bleiben hier liegen, hieß es, bis Sie nähere Anweisungen bekommen. Die kamen dann etwa 14 Tage später; Ende Mai fuhren wir mit insgesamt 15 U-Booten von Trondheim nach England. Am 31. Mai liefen wir in Scapa Flow ein. An den Hebriden vorbei ging es nach Strenrea, einem kleinen Fährhafen. Dort wurden die Boote angebunden.

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Per Zug wurden wir dann nach London transportiert. Zurück blieben je drei Mann Besatzung. Bevor die Boote versenkt wurden, bedankte sich der englische Admiral bei diesen Leuten.

Am 5. oder 6. Juni kamen wir in London an. Wir mussten uns ausziehen und alles, was wir hatten, auf den Tisch legen. Ich bin splitterfasernackt hinter einem Offizier hergelaufen, der meine Leica in der Hand hielt. Ich sagte: That's my personal property! Ich bekam eine Quittung. Als ich nach zwei Jahren entlassen wurde, habe ich die Kamera tatsächlich wiederbekommen.

Draußen wartete der Leichenwagen

Ingeborg Triebel: In Blankenese hatten wir nur Verwundete zweiten Grades, nicht die schlimmsten Verletzungen, Gott sei Dank. Es gab Leute, die kamen aus dem Krieg wie ein Haufen Matsch. Zweiten Grades hieß: über den Bruch hinaus, aber kein Verlust von Gliedmaßen. Eines Tages bekamen wir zu den deutschen Soldaten jede Menge Russen in die Lazarettstube. Sie hatten in der Nähe ein Fass mit Methylalkohol geknackt und sich daran gütlich getan. Die Russen wurden halb lebend, halb tot eingeliefert – den ganzen Tag über, bis keine Betten mehr frei waren. Draußen wartete der Leichenwagen. Der Sommer 1945 riecht für mich nach Methanol.

Nach der Kapitulation ging das Leben überall weiter. Auch bei den Engländern. Hamburg gehörte zur britischen Zone. Wir haben die Engländer gehasst: Die hatten alles, wir hatten nichts.

Dann fingen die englischen Offiziere, die bei uns in Blankenese wohnten, an, die deutschen Mädchen zu umwerben. Die Schwestern, die freihatten, schlichen abends ganz harmlos um deren Quartiere herum, sie haben hier und da geguckt, so stellte man Kontakt her. Die Engländer hatten Musik, die Häuser waren erleuchtet, sie sagten: Kommt rein, hier gibt's alles. Es ist der Wille zum Überleben, der ist groß und sehr ausgeprägt. Dieser Sommer war auch eine Zeit der Freude, des Aufbrechens. Primitiv ausgedrückt: Wir wollten leben. Wir hatten's überstanden. Wir waren noch mal davongekommen.

Humanistisch gebildet, aber kein Englisch

Woldemar Triebel: Nach ein paar Tagen wurden wir von London in den Norden transportiert, an den Hadrianswall, Featherstone Park, Camp 18. Man brachte uns in Baracken unter, sogenannten Nissenhütten. Wir hatten alle möglichen Dienstgrade da, auch Generäle. Ich kam anfangs mit Stabsoffizieren in eine Baracke. Jeden Morgen wurde die »Times« ins Lager gebracht. Die Stabsoffiziere waren alle humanistisch gebildet, sie konnten Französisch und Latein, aber kein Englisch.

Da ich ein neusprachliches Gymnasium besucht hatte, war ich derjenige, der morgens die wichtigsten Nachrichten übersetzte. Ich bin nur einmal gescheitert: beim Bericht über den Abwurf der ersten Atombombe über Japan. Was da passiert war, verstand ich nicht. Die Ausdrücke kannte ich nicht.

Wir lagen mit etwa 30 Mann in einer Hütte. Im Lager war es windig und kühl. Holz hatten wir allerdings genug. In den Baracken standen runde Kanonenöfen, um die wir Stacheldraht gespannt hatten. Auf die Pieker steckten wir Brot, zum Rösten, auf der Ofenplatte wurde Wasser gekocht. Wir spielten nächtelang Bridge. Das Spiel wurde nur unterbrochen, wenn einer rief: Brot brennt, und Wasser kocht.

Die Gefangenschaft hat meinen Gesichtskreis enorm erweitert. Wir haben über Philosophie, über Kunst, über alles Mögliche geredet. Vorträge wurden gehalten; es waren ja genügend Leute im Lager, die gebildet waren und berichten konnten.

Lektion in Demokratie

Der Christliche Verein Junger Männer kümmerte sich sehr um das Lager. Es wurde sogar eine Zeitung herausgegeben, die »Zeit am Tyne«, wir hatten ein Orchester und einen Chor, wir konnten sogar ein Studium beginnen. Da ich nicht wusste, was ich werden sollte, habe ich gesagt: Sprachen kann man immer gebrauchen. Und habe im Englischen den Dolmetscher gemacht und Spanisch gelernt. Wir haben uns beschäftigt und gebildet, um die Zeit zu nutzen.

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Zeitzeugen: Wie Martin Walser, Armin Mueller-Stahl und Hans-Jochen Vogel das Kriegsende 1945 erlebten

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Und wir haben in diesem Sommer etwas über Demokratie gelernt. Einmal kam der Abgeordnete für Northumberland ins Lager. Wir beklagten uns bei ihm: Den deutschen U-Boot-Leuten, die in Trondheim eingestiegen waren, war zugesagt worden, dass sie nach Hause könnten, sobald sie ihr Boot abgeliefert hätten. Nur aufgrund dieser Zusage haben wir die Besatzung ausgewählt: Verheiratete und Familienväter. In der »Times« gab es die Spalte »News of Parliament«. Darin fragte dieser Abgeordnete den Kriegsminister: Stimmt es, dass diese Zusage gemacht worden ist? Der Kriegsminister antwortete: Wir werden die Sache prüfen. Nach sechs Wochen kam die Bestätigung: Die Zusage ist gemacht worden.

Zusatzfrage des Abgeordneten: Was gedenkt der Minister zu tun?

Antwort: Wir werden die Leute bevorzugt entlassen.

Das ist Demokratie! Das hat mir sehr gefallen.

Die Judenvernichtung war in den Wochen nach Kriegsende noch kein Thema. Als wir in London ankamen, hatten wir zwar Fotos an den Wänden gesehen, Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Da war uns zum ersten Mal klar geworden, was da überhaupt passiert war. Das war natürlich ein Schock, man konnte sich das eigentlich gar nicht vorstellen. Im Lager erzählte dann einer, der eine Zeit lang im Stab von Admiral Karl Dönitz gewesen war, er habe gesehen, wie in Berlin am Großen Stern morgens um acht Uhr Juden von SS-Leuten zusammengetrieben und auf Lastwagen verladen wurden. Dönitz habe sich daraufhin bei Himmler beschwert, wie man Menschen so behandeln könne. Das würde abgestellt, hieß es. Wie wurde es abgestellt? Die Leute wurden nicht mehr um acht Uhr, sondern nachts um vier aus dem Bett geholt.

Aber näher haben wir uns nicht damit beschäftigt. Wir mussten erst mal selbst mit uns ins Reine kommen. Welchen Beruf soll ich ergreifen? Was wird aus Deutschland werden?

Wo war Ingeborg geblieben?

Irgendwann in diesem Sommer hat einer von uns damit begonnen, die Verluste der U-Boot-Flotte zusammenzustellen. Er befragte die Mitgefangenen: Auf welchem Boot warst du? Wann bist du in Gefangenschaft geraten? Dabei stellte sich heraus: Das Boot, auf dem der Verlobte von Ingeborg gefahren war, war mit sämtlichen Leuten gesunken. Er war gefallen.

Aha, habe ich mir gesagt. Ich habe dann von England aus meine Fühler ausgestreckt, vorsichtig rumgehorcht: Wo kann Ingeborg geblieben sein? Ich hatte Marinekameraden, die für mich rumgefragt haben. Einer schrieb zurück, sie sei in Blankenese gewesen, im Lazarett. Von dort sei sie mit ihrer Mutter verlegt worden, nach Rheda bei Bielefeld. Sogar die Adresse hatte er rausbekommen.

Ingeborg Triebel: Der Fahrer meines Vaters kam aus Rheda. Er hatte behauptet, dass das Leben auf dem Land angenehmer sei als in der Großstadt Hamburg. Daraufhin entschied meine Mutter, dass wir uns umsiedeln lassen. Zwei Tage lang sind wir im offenen Güterwaggon nach Herzebrock gefahren, fünf Kilometer nordwestlich von Rheda.

Woldemar Triebel: Später, als ich aus der Gefangenschaft entlassen worden war, habe ich an sie geschrieben, Telefon gab es ja nicht: Ich komme dich besuchen, schrieb ich. Sie war einverstanden, anfangs war sie allerdings etwas zurückhaltend: »Meine Eltern würden sich freuen, Dich zu sehen«, schrieb sie zurück. Und dann bin ich hin. Wir haben dann festgestellt, dass wir den damaligen lockeren Kontakt etwas vertiefen könnten. Im vergangenen Jahr haben wir unseren 70. Hochzeitstag gefeiert.