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Denkmalsturz - der große Kehraus

Foto: Keir Gravil / REUTERS

Rassismus-Protest und die Denkmalstürmer Hol den Vorschlaghammer!

Ein Gastbeitrag von Hedwig Richter
Selten zuvor wurde so heftig an Denkmälern gerüttelt. Ist das geschichtsblinder Exorzismus? Oder wird es höchste Zeit, Rassisten-Statuen von den Sockeln zu holen, Straßen bessere Namen zu geben?

Im britischen Bristol kippten wütende Demonstranten ein Sklavenhändler-Denkmal ins Hafenbecken. In Boston wurde ein Columbus-Denkmal geköpft. Demokraten forderten, elf Statuen von Südstaaten-Generälen und Politikern aus dem US-Kongress zu entfernen; selbst Generäle wollen Militärbasen umbenennen. Ein Streaminganbieter hat den Filmklassiker "Vom Winde verweht" aus dem Programm geräumt. Und auch in Deutschland provozieren Denkmäler sowie Namen für Straßen, Plätze und (Hoch-)Schulen regelmäßig Streit - ob um Politiker wie Bismarck und Hindenburg oder Kolonialisten wie Carl Peters und Adolf Lüderitz.

Historikerin Hedwig Richter

Historikerin Hedwig Richter

Foto: Bodo Dretzke

Hedwig Richter (Jahrgang 1973) beschäftigt sich mit solchen Debatten als Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Im August wird ihr neues Buch erscheinen: "Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart".

Die Mächtigen fallen, die Gewaltigen werden gestürzt. Menschen zerstören Denkmäler und reißen Statuen vom Sockel. Die Bilder sind archaisch - die Kraft ist biblisch: "Alle hoffärtigen Augen werden erniedrigt, und die stolzen Männer müssen sich beugen." Was für ein Lebensgefühl: Hol den Vorschlaghammer! Das Neue und die Freiheit und ein Ende des Bösen feiern Hochzeit.

Aber kann Gewalt die Lösung sein? Sie ist es nicht, wenn die Gewalttätigen Rechtsextreme sind, die Stolpersteine aus dem Pflaster reißen, oder wenn IS-Kämpfer Buddha-Statuen und Tempel zerstören. Extralegale Gewalt missachtet Minderheiten, sie überschreit die leisen Stimmen und brüllt das Nachdenken nieder, sie zerstört das komplizierte Geflecht der partizipativen Verfahren. Gewalt ist die Feindin der Demokratie.

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Auch sonst spricht vieles gegen die Bilderstürmerei. Städte und Dörfer sind historisch gewachsen. Denkmäler, ebenso die Namen von Straßen und Plätzen ordnen die Gegenwart in einen größeren Zusammenhang ein. Sie verdeutlichen im öffentlichen Raum, dass nichts in unserer Gesellschaft selbstverständlich ist, sondern alles seine Geschichte hat.

Denkmäler können auch der Selbstkritik dienen

Aber welche Geschichten erzählen die Denkmäler und Ortsbezeichnungen?

Geschichte ist kein neutrales Feld. Im öffentlichen Raum wird sie zur Politik. Die Geschichten, die wir uns von uns erzählen: Das sind wir. Nur in unfreien Ländern muss die Geschichtsschreibung den Mächtigen das Heldenepos zu den Ehrenmalen liefern. Doch auch in westlichen Gesellschaften haben noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Generationen an gradlinigen Erzählungen gearbeitet: die auserwählten Amerikaner; das die Welt beglückende Vereinigte Königreich; die freiheitsliebenden Franzosen.

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Denkmalsturz - der große Kehraus

Foto: Keir Gravil / REUTERS

Dazu gehört auch, dass im 20. Jahrhundert immer mehr Nationen ihre Geschichte als konsequenten Weg zur Demokratie beschreiben. So verdrängten Revolutionen die großen Schlachten bei der Namensgebung von Straßen und Plätzen. Die Briten rühmten sich nun lautstark, die kühne Nation und demokratische Kraft im Kampf gegen die Sklaverei gewesen zu sein.

Doch zunehmend dominieren in freien Gesellschaften die kritischen Stimmen. Etwas völlig Neues und zuvor wohl schwer vorstellbares geschah: Menschen begannen Denkmäler zu errichten, die der Selbstkritik dienten, nicht länger der Selbstverherrlichung und Selbstverehrung. In den USA mahnt seit 2018 in Alabama ein tief beeindruckendes Lynching Memorial. Mit einem Mahnmal im Herzen der Hauptstadt erinnert Deutschland an das deutsche Menschheitsverbrechen des Holocaust.

Die Welt wird demütiger, sie wird besser

Niemand muss heute mehr den Kindern erzählen, dass wir die großartigste Nation, das schönste und klügste Volk unter Gottes Himmel sind. Die Welt wird demütiger, selbstkritischer, sie wird besser. Man kann das den Triumph der Political Correctness nennen – oder auch den Sieg des Respekts, der Höflichkeit, des Mitleids über die Rücksichtslosigkeit.

Wer ein guter Vater sein wollte, hat früher sein Kind geprügelt, heute ist das gesetzlich verboten. Schwulsein galt einst als Verbrechen, heute bejaht eine Mehrheit die gleichgeschlechtliche Ehe. Deutsches Militär hat am Holocaust mitgewirkt, heute helfen Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr im Altenheim, wenn Personal fehlt. Gewiss, es gibt immer wieder Konjunkturen des Hasses. Es gibt noch viel zu tun.

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Wäre es daher nicht sinnvoll, Denkmäler als Erinnerung daran stehenzulassen, wie zweifelhaft unsere Selbstbilder waren und sind? Die Kinder von morgen könnten zum Denkmal von Edward Colston gehen, nicht um den Rassisten zu ehren, sondern um von einer Gesellschaft zu hören, die viele Jahrzehnte zur richtigen Bezeichnung nicht bereit war: Sklavenhändler Colston.

Die Schülerinnen und Schüler könnten so anfangen, über die Grundlage demokratischer Gesellschaften nachzudenken: die Würde des Menschen – und wie viel Anstrengung es kostet, sie zu wahren. Dazu gehört, dass Colston Philanthrop war, dem seine Herkunftsstadt Bristol Schulen und Krankenhäuser verdankt. Kinder können lernen, was für ein fragwürdiges, fragiles Wesen der Mensch ist – dass wir die komplexen Produkte einer komplizierten Geschichte sind.

Nicht die kleinste Gasse heißt nach Hitler

Diese Lösung ist nicht einfach. Denn wenn die Denkmäler stehen bleiben, reicht eine Hinweistafel kaum aus. Aber wenn ein Gegen-Denkmal aufgestellt wird, das mit mindestens der gleichen visuellen Kraft an die Opfer erinnert? Die bildliche Gewalt des Verbrecher-Denkmals sollte so gebrochen werden, dass der Ehrerweis nicht mehr funktioniert.

Man könnte etwa die Männer vom Sockel auf den Boden stellen. In Wien haben Menschen das gigantische Ehrenmal des Antisemiten Karl Lueger mit Pink bemalt; der Spott wirkt stärker als die Zerstörung. In London haben Protestierende mit schwarzer Farbe "Churchill was a racist" auf das Standbild gesprüht und daran erinnert, dass Winston Churchill nicht nur der Krieger gegen die Nazis war, wofür ihm Deutschland ewig dankbar sein wird, sondern auch ein grausamer, menschenverachtender Kolonialist.

Und doch: Jeder Fall liegt anders. Es gibt gute, sehr gute Gründe, Denkmale zu vernichten. Hitler haben wir aus der öffentlichen Erinnerung gelöscht. Nicht die kleinste Gasse soll nach diesem Verbrecher genannt werden. Beglückt haben 2003 selbst die GegnerInnen des Golfkriegs dem Sturz der monumentalen Saddam-Hussein-Statue zugesehen.

Es gibt weitere Gründe zum Denkmalsturz. Ja, unsere Städte sind historisch gewachsen, jede Generation legt eine neue Schicht darüber. Aber die meisten unserer Innenstädte entstanden in Zeiten, in denen nicht-weiße Menschen nichts galten und Frauen in aller Regel in der Öffentlichkeit unsichtbar sein sollten. Nichts zwingt uns, diesen Zustand zu verewigen und in den patriarchalischen Geistes-Welten weiterzuleben.

Menschen in anderen Zeiten tickten anders

Warum sollten die Straßen im Herzen der Städte sämtlich nach großen Monarchen verflossener Reiche und nach Generälen vergangener Schlachten heißen – oder wie im Fall der Mohrenstraße nach rassistischen Phantasien? Warum den Hindenburg-Damm statt nach einem Feind der Demokratie nicht nach Hedwig Dohm benennen, dieser brillanten Autorin und Kämpferin für Gleichheit? Gewiss nicht alle, aber einige der Wilhelm-, Karl-, Friedrich- und Ludwig-Straßen könnten nach der großen Komponistin Emilie Mayer genannt werden - oder nach der Juristin Elisabeth Selbert, die ins Grundgesetz jenen verblüffenden Satz gefügt hat: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

Warum nicht eine der unzähligen Straßen, die nach längst vergessenen Männern benannt sind (Dickhardt, Perels, Goßler, Bucher, Pimms) nach George Floyd benennen – bis vielleicht eine künftige Generation, die nicht mehr am Rassismus leidet, sie nach der kommenden Wissenschaftlerin nennt, der die Erfindung des umweltfreundlichen Fliegens zu verdanken ist?

Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesen Diskussionen ist die Frage des historischen Kontextes. Es findet sich nur schwer ein Mensch des 19. Jahrhunderts, der nicht rassistisch gepolt war, und über Jahrtausende hielt nahezu die ganze Menschheit Frauen für minderwertig. Menschen in anderen Zeiten haben anders getickt. Aber wenn eine Person selbst für ihre Zeit außerordentlich problematisch war, besonders rassistisch, gewalttätig oder antisemitisch, dann ist das ein gutes Argument gegen ihre Ehrung.

In den USA gibt es neben unzähligen Statuen auch Militärstützpunkte, die Generäle der Südstaatenarmee ehren, also Männer, die gegen das Ende der Sklaverei gekämpft haben. Das ist – wenn man anfängt, darüber nachzudenken – unerträglich. Es ist ein Skandal, den immer mehr amerikanische Militärs zu Recht kritisieren.

Wie sollen Kinder da Respekt lernen?

Belgien ist übersät mit Statuen von Leopold II., der schon zu Lebzeiten den Ruf als grausamster Kolonialherrscher des Erdenrunds hatte. Auch das zeigt scharf, wie selbstverständlich der Rassismus immer noch sitzt. Männer, die nicht-weißen Menschen unendliches Leid angetan haben, werden bis heute monumental geehrt. Wie sollen Kinder da Respekt lernen?

Auch das scheint sich nun zu ändern, zum Besseren zu kehren. Wir sollten es feiern: Wir werden diverser und offener. Ohne die Wunden zu vergessen, ohne den Blick von unseren Verbrechen abzuwenden. Nicht jede Statue muss fallen, natürlich nicht. Aber wenn Colston und Leopold so vielen Menschen ein Anstoß sind und sie verletzen – warum sollten wir sie nicht ausreißen?

Gewalt steht gegen Demokratie. Aber Gewalt gegen Dinge ist nicht Gewalt gegen Menschen, und es ist ein Unterschied, ob jemand das Monument eines Menschenschlächters stürzt oder ein frommes Gottesbild zerstört. Es ist alles nicht einfach.

Wichtig ist auch: Die Auslöschung aus dem öffentlichen Raum bedeutet nicht Vergessen. Die Menschenverächter und ihre Verbrechen müssen immer Platz in den Schulbüchern finden, in den Hörsälen und Fernsehdokus. Denn das sollten wir bei aller Erregung um Denkmäler und Straßennamen in Erinnerung behalten: Viel wichtiger ist, was die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen und die Eltern zu Hause erzählen.

Hol den Vorschlaghammer!

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