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Augenblick mal Flieger, grüß mir die Katze

Die USA setzten in den Fünfzigerjahren Katzen in Kampfjets ein. Sie sollten Rätsel der Forschung entschlüsseln helfen – mit mäßigem Erfolg. Ein Bild und seine Geschichte.

Wenn alles laufe, wie die Experten sagten, werde in den kommenden fünf Jahren der erste Mensch ins Weltall fliegen, schrieb die »New York Times« im März 1958. Im »Porträt des idealen Raumfahrers« versuchte die Zeitung zu skizzieren, wie jemand beschaffen sein müsste, der auch heil zurückkehrt. So genau wusste das damals niemand.

Herz und Lunge sollten auf jeden Fall gesund sein, befand der Autor. Ein kompakter Körper und ein kurzer, robuster Hals könnten helfen, die enormen Belastungen beim Raketenstart zu verkraften. Am wichtigsten sei wohl ein intaktes Verdauungssystem, und nicht an Reisekrankheit zu leiden.

Weltraummediziner taten sich schwer, Bedingungen zu untersuchen, die auf der Erde nicht existierten. Beim Start sei von mehrfachen »G-Kräften« auszugehen, erklärte die Zeitung. Ein G stehe für die auf der Erde erlebte Schwerkraft, die dem eigenen Körpergewicht entspreche; auf den Raumfahrer erzeuge die jähe Beschleunigung sieben bis acht G. Er könne seine Arme nicht bewegen, kaum sehen oder denken – aber er würde es wohl überstehen.

Miau-Mission: Gebucht als Balance-Wunder

Ein Rätsel war das entgegengesetzte Phänomen: null G. Die Schwerelosigkeit fühle sich etwa so an wie der kurze Moment, »wenn ein Auto schnell genug über eine Unebenheit fährt und den Insassen von seinem Sitz hebt«. Illustriert war der Artikel mit dem Foto eines verwirbelten Fellknäuels im Cockpit eines Düsenjets, direkt über der Hand des Piloten.

Fünf Monate zuvor hatten die Sowjets den Rest der Welt mit ihrem ersten künstlichen Satelliten in der Erdumlaufbahn überrascht. Und vier Monate zuvor mit Sputnik 2 die Hündin Laika ins All geschickt.

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Weltraumforschung: Fallstudie mit Katze

Foto: Ralph Crane / The LIFE Picture Collection / Getty Images

Auch die USA hatten schon Tiere gen Himmel geschossen, allerdings nicht so hoch. 1948 begannen Versuche mit in Deutschland erbeuteten V2-Raketen – und endeten fast immer zum Nachteil der darin eingeschlossenen Affen und Mäuse. Mit den Neuigkeiten aus der Sowjetunion bekam die Forschung raketenartigen Auftrieb, auch zur mysteriösen Schwerelosigkeit.

»Auf den ersten Blick scheint Schwerelosigkeit eine sehr einfache und angenehme Erfahrung zu sein. Dies ist jedoch nicht unbedingt der Fall«, sagte in der »New York Times« einer der Forschungsärzte, die diesen Zustand schon experimentell erzeugt hatten. Parabelflüge, bei denen Düsenjets einen zuvor berechneten Bogen fliegen, erzeugten Schwerelosigkeit für höchstens 40 Sekunden. Manche Piloten reagierten mit Übelkeit und Brechreiz. Noch wusste man zu wenig über die Auswirkung auf den Gleichgewichtssinn.

Und da kam die Hauskatze ins Spiel. Zwar zählte sie wegen ihres freiheitsliebenden Wesens und unberechenbaren Temperaments zu den unwahrscheinlichsten Teilnehmern eines Raumfahrtprogramms, qualifizierte sich aber durch ausgeprägten Gleichgewichtssinn: Landeten nicht Katzen stets mit den Pfoten auf dem Boden? Jedenfalls auf der Erde, woanders waren Katzen noch nicht beobachtet worden.

Festgekrallt – Katze und Pilot waren schwer zu trennen

So kam die Katze in der Raumforschung zu einem kurzen Auftritt, der womöglich in Vergessenheit geraten wäre, hätte nicht einer der Parabelflieger ein spektakuläres Foto mitgebracht: Weil Pilot Druey P. Parks den Zustand der Schwerelosigkeit geradezu genoss, setzte man ihm 1958 eine Katze ins Cockpit seines Abfangjägers vom Typ Lockheed F-94C »Starfire«.

Anfangs ruhte sie auf seinem Schoß, bis auf knapp 8000 Metern Flughöhe die Schwerelosigkeit begann. Parks nahm die Katze in die Hand und ließ sie los. Filmmaterial einer Kamera zeigte, wie sie verwirrt die Pfoten um sich schleuderte. Als sich das verängstigte Tier nicht wie sonst bewegen konnte, drehte es die Füße zur Pilotenbrust und krallte sich binnen einer Sekunde fest. Erst nach der Landung ließen sich beide wieder trennen.

Wenn sich daraus eine Erkenntnis für den »idealen Raumfahrer« ergab, dann wohl: Er sollte besser keine Katze dabeihaben. Was blieb, war das Foto. Der auf dem Sitz festgeschnallte Pilot merkte nur ein bisschen, wie sich Schwerelosigkeit anfühlt. Die Mieze selbst konnte es auch nicht berichten. Drei Jahre später hätten die Amerikaner einfach einen Russen fragen können: Juri Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch ins All flog.

Es dauerte zweieinhalb weitere Jahre, bis nach Affen, Hunden, Mäusen, Ratten, Meerschweinchen, Kaninchen und inzwischen auch Menschen tatsächlich eine Katze ins All aufbrach: Félicette nahm am 18. Oktober 1963 an einem französischen Raumfahrtprogramm teil. Sie kehrte lebend zurück – als bisher einzige ihrer Art. Später wurde Félicette eingeschläfert, damit Wissenschaftler ihr Gehirn untersuchen konnten.

Augenblick mal!
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