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Francis Miller / The LIFE Picture Collection / Getty Images

Augenblick mal Distanzlernen mit Kartonköpfen

Eine sonderbare Klassenaufstellung sollte 1963 die Gesundheit von Schülern schützen. Warum eine Schule ihren Fünftklässlern Quadratschädel verpasste: ein Bild und seine Geschichte.

Sie waren ihrer Zeit weit voraus: Mit Kartons auf den Köpfen hielten sie Abstand, jede Tröpfcheninfektion war chancenlos. Das Foto von 1963 zeigt Schulkinder der Emerson Elementary School von Maywood im US-Bundesstaat Illinois. Ihre Köpfe steckten beim Freiluftunterricht in Pappschachteln. Aus gesundheitlichen Gründen.

Die Schülerinnen und Schüler bedrohte allerdings keine Pandemie, kein Infektionsrisiko – es ging um den Schutz vor grellen Strahlen.

Für den 20. Juli 1963 war in den USA eine totale Sonnenfinsternis angekündigt. Das Ereignis warf gewissermaßen seinen Schatten voraus: Medien warnten vor den Gefahren beim direkten Blick in die Sonne. Selbst die beliebte Comicserie »Peanuts« griff das Thema auf – und ließ Linus an diesem Tag unter einer dicken Wolkendecke im Regen stehen.

Die Sorge: Bei einer partiellen Sonnenfinsternis drei Jahre zuvor hatten sich in den USA zahlreiche Menschen die Netzhaut verletzt, als sie ungeschützt in die Sonne schauten. Auch diesmal wollten sich viele Amerikaner das Schauspiel, bei dem sich der Mond zwischen Erde und Sonne schiebt und diese für einen Moment verdeckt, nicht entgehen lassen.

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Kartonköpfe – Sofi, wir kommen

Foto: Francis Miller / The LIFE Picture Collection via Getty Images

Das »Life«-Magazin widmete dem Sicherheitsaspekt eine Fotoreportage. Dabei präsentierten Fünftklässler der Emerson Elementary School eine ausgeklügelte Augenschutzvariante: Mit Pappkartons und Messern sollten die Schüler den »Life«-Lesern zeigen, wie man eine Sonnenfinsternis sicher betrachtet.

»Sofi-Brillen«, wie sie später millionenfach verkauft wurden, gab es noch nicht. Also bauten die Schüler unter Anleitung der Gesellschaft zur Verhütung von Blindheit in Illinois sogenannte Sunscopes. Sie funktionierten nach dem Prinzip einer Lochkamera und projizierten ein Bild der Sonne – auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt, was aber ja im Fall einer Sonnenfinsternis den Genuss nicht schmälert.

Bastelanleitung für einen Quadratschädel

Mit einem Messer schnitt man zunächst ein Loch in eine Seite des Kartons, groß genug, um den Kopf hindurchzustecken. Dem Gesicht gegenüber auf die Innenseite wurde ein weißes Blatt Papier als Projektionsfläche geklebt und in die Kartonwand hinter dem Kopf ein kleines Loch gestanzt. Es musste hoch genug sein, damit dort eindringende Lichtstrahlen über den Kopf hinweg auf das Blatt treffen konnten.

Das Bild auf dem Papier ist umso schärfer, je kleiner das Loch ist. Daher wurde empfohlen, über das Loch ein Stück Alu-Folie zu kleben und mit einer Nadel ein winziges Loch hineinzustechen. Alle anderen möglichen Lichteinfallstellen waren mit schwarzem Klebeband zu bedecken.

Mit dem Karton auf dem Kopf stellte man sich dann mit dem Rücken zur Sonne und konnte das Phänomen am Himmel vor sich an der Schachtelwand beobachten. Ohne Gefahr für die Augen.

Die Nachahmung könnte heute daran scheitern, dass Kinder keine Messer mehr mit zur Schule bringen dürfen.

Das Foto zeigt auch die Überlegenheit des Lehrkörpers: Er ist offenbar unverwundbar – und schaut direkt ins Licht.

Augenblick mal!
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