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19. November 2008, 14:15 Uhr

Einkaufen in Nachkriegsdeutschland

Als Tante Emma verschwand

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Milchmänner, Staubsaugervertreter und heimischer Getränkeverkauf: Die Einzelhandelswelt nach dem Krieg war überschaubar, ganz besonders im Bremer Stadtteil Vegesack. Doch dann kamen die Kaufhäuser - und das Geschäft des Eisenwarenhändlers wurde zur Trutzburg.

Manchmal, während ermüdender Einkäufe in den grell ausgeleuchteten, endlosen Gängen moderner Supermärkte, denke ich an früher: An die Fleischerei am einen und den Lebensmittelhändler am anderen Ende der Straße, in der ich mit meinen Eltern im Bremer Stadtteil Vegesack lebte. An den Bäcker, der persönlich vorbeikam und das Brot brachte. An die Milch, die es täglich und frisch beim Milchmann gab, sogar am Sonntag. An das Obst und das Gemüse, das im Garten angebaut wurde.

Es waren die fünfziger Jahre, in denen das landläufige Prinzip der Selbstbedienung noch als Käse in den Schaufenstern lag. In den Schaufenstern jener Läden nämlich, in denen eine Glocke klingelte, wenn man sie betrat und in denen eine weißbekittelte Person nach und nach aus dem Regal griff, wonach man verlangte.

Ausflüge zu Einkaufszwecken waren in dieser Zeit selten. Nur wenn mein Vater Urlaub hatte, fuhren wir mit Bus und Straßenbahn oder mit dem Zug vom Vegesacker Bahnhof in die nahe gelegene Bremer Innenstadt, wo es Kaufhäuser für den gelegentlich anfallenden Spezialbedarf gab, der in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht erhältlich war. Außerdem gab es eine Brauereigaststätte dort, in der wir Labskaus aßen, mein Vater ein Bier trank und seine ersehnte Zigarette rauchte.

Die Trutzburg des Eisenwarenhändlers

Einige Jahre später sah die Einzelhandelswelt schon anders aus: Es gab einen Konsum in der Nachbarschaft mit eigener Fleischtheke, eine Drogerie und einen Backwarenverkauf mit üppigerer Auslage. Ich wurde sonntags nicht mehr zum Milchmann geschickt, wenn meine Mutter wieder Frischmilch und Brot vergessen hatte und musste nicht mehr mit gedämpfter Stimme nach dem Brot fragen, dessen Verkauf am Sonntag eigentlich verboten war und es in der Befürchtung nach Hause tragen, von der Polizei aufgegriffen und verhaftet zu werden. Der Milchmann war nämlich zum ersten Opfer des unerbittlichen Verdrängungswettbewerbes geworden.

Trotz des anwachsenden Konkurrenzgeistes sollten auch meine Eltern bald zu Einzelhändlern werden. Sie eröffneten einen Getränkeverkauf im eigenen Haus. Die Ware wurde in Kommission geliefert, und für den Verkauf gab es Provision. Sogar spätabends, nach "Geschäftsschluss", kamen die Kunden. Trotz eines konkurrierenden Hausgetränkeverkaufs in der umliegenden Nachbarschaft florierte das kleine Geschäft meiner Eltern.

Als es den Kaufhäusern in der Bremer Innenstadt zu eng wurde, entdeckte man die Attraktivität der Vegesacker Hauptstraße. Es dauerte nicht lange, bis das Kino einer Kaufhalle und die exquisite Lederwarenhandlung einem anderen Kaufhaus gewichen waren. Die Preise, mit denen die ansässigen Unternehmer gelockt wurden, ihre Läden zu verkaufen, schienen zu überzeugen. Bis auf den widerständigen Eisenwarenhändler, dessen Laden - einer Trutzburg gleich - von größeren Unternehmen umzingelt wurde, verkauften alle, denen ein Angebot gemacht worden war.

Kahlrasiert für 50 Pfennige

Die übrig gebliebenen Händler hatten nichts gegen die Ansiedlung der Kaufhäuser einzuwenden. Bremen hatte schließlich ein Zentrum hinzugewonnen, in dem nicht nur die Leute aus den Stadtteilen einkauften, sondern auch jene aus den umliegenden Dörfern. Zwar machten nur die Kaufhäuser das wirklich große Geschäft, aber wenn Qualität gefragt war, hieß es, seien nach wie vor die "Kleinen" erste Wahl. Das Vorurteil von niedrigen Preisen, die zwangsläufig mangelhaften Kundenservice zur Folge hätten, hielt sich hartnäckig - und trug wahrscheinlich zum unerschütterlichen Selbstverständnis der Kleinunternehmer bei.

Nach und nach verschwanden die Tante-Emma-Läden, die nur von ihren Inhabern betrieben wurden. Nur noch die etwas größeren Fachgeschäfte konnten sich im Schatten der Kaufhäuser behaupten. Klein und trotzdem übrig blieben nur die Friseure, selbständige Handwerksmeister mit ein oder zwei Gesellen, die ihrer oftmals spröden Kunst in Ladengeschäften nachgingen, in denen man sich an den Anfang des Jahrhunderts zurückversetzt wähnte. Wenn man damit einverstanden war, dass einem an den Seiten die Haare fast vollständig wegrasiert wurden, konnte man schon für 50 Pfennig einen in der Nachbarschaft unschlagbar günstigen Einheitsschnitt bekommen.

Vegesacks Haupstraße wurde zur Fußgängerzone, und für die Geschäfte wurden Ladenstraßen eingerichtet. Dem Trend der Zeit folgend, sollte das Einkaufen eine gemütliche Angelegenheit werden. Nachdem die Kaufhäuser die Kleinhändler verdrängt hatten, traten die Discounter auf den Plan, nach dem Vorbild der Gebrüder Aldi, deren Idee, den damals gesetzlich erlaubten Rabatt von drei Prozent schon in die Endverbraucherpreise einzukalkulieren, in der Branche bahnbrechend war. Die konkurrenzlosen Preisangebote der Discounter waren verlockend. Meine Eltern jedoch widerstanden und kauften dort nie etwas. Vermutlich aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, denn um die Ecke waren die Discounter nicht, und mit dem Bus fuhr man einfach nicht zum Einkaufen.

Schokoladentaler statt "5 DEM zum Verzehr"

Als ich mir in den siebziger Jahren mein erstes Auto kaufte, da siedelten sich sogar schon auf der grünen Wiese vor den Toren Vegesacks die ersten größeren Supermärkte an. Dorthin bin ich mit meiner Mutter einkaufen gefahren. Das Prinzip "Alles direkt in den Kofferraum und dann direkt vor das Haus" gefiel ihr ausgesprochen gut. Bequem war es - und billig noch dazu.

Trotz all der Veränderungen in der Welt des alltäglichen Konsums hielten meine Eltern an äußerst seltsamen Angewohnheiten fest. Wer käme heute schon noch auf die Idee, von Vertretern Haushaltsgeräte zu horrenden Preisen auf Abzahlung zu kaufen? Aber durch ein vertrauenswürdiges Gegenüber verbürgte Qualität hatte eben ihren Preis, wussten meine Eltern.

Das galt auch für das von einer lokalen Gaststätte angebotene "Wunderprodukt", einen Schnellkochtopf, dessen Kauf mit "5 DM zum Verzehr" beworben wurde. Obwohl es sich bei dem Gutschein nur um verzehrbare Schokoladentaler handelte, wurde der Schnellkochtopf gekauft, und mein Vater fühlte sich nicht einmal um mindestens zwei Biere betrogen - sondern lobte die geschäftsmännische Originalität.

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