Einkaufen in Nachkriegsdeutschland Als Tante Emma verschwand

Milchmänner, Staubsaugervertreter und heimischer Getränkeverkauf: Die Einzelhandelswelt nach dem Krieg war überschaubar, ganz besonders im Bremer Stadtteil Vegesack. Doch dann kamen die Kaufhäuser - und das Geschäft des Eisenwarenhändlers wurde zur Trutzburg.

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Manchmal, während ermüdender Einkäufe in den grell ausgeleuchteten, endlosen Gängen moderner Supermärkte, denke ich an früher: An die Fleischerei am einen und den Lebensmittelhändler am anderen Ende der Straße, in der ich mit meinen Eltern im Bremer Stadtteil Vegesack lebte. An den Bäcker, der persönlich vorbeikam und das Brot brachte. An die Milch, die es täglich und frisch beim Milchmann gab, sogar am Sonntag. An das Obst und das Gemüse, das im Garten angebaut wurde.

Es waren die fünfziger Jahre, in denen das landläufige Prinzip der Selbstbedienung noch als Käse in den Schaufenstern lag. In den Schaufenstern jener Läden nämlich, in denen eine Glocke klingelte, wenn man sie betrat und in denen eine weißbekittelte Person nach und nach aus dem Regal griff, wonach man verlangte.

Ausflüge zu Einkaufszwecken waren in dieser Zeit selten. Nur wenn mein Vater Urlaub hatte, fuhren wir mit Bus und Straßenbahn oder mit dem Zug vom Vegesacker Bahnhof in die nahe gelegene Bremer Innenstadt, wo es Kaufhäuser für den gelegentlich anfallenden Spezialbedarf gab, der in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht erhältlich war. Außerdem gab es eine Brauereigaststätte dort, in der wir Labskaus aßen, mein Vater ein Bier trank und seine ersehnte Zigarette rauchte.

Die Trutzburg des Eisenwarenhändlers

Einige Jahre später sah die Einzelhandelswelt schon anders aus: Es gab einen Konsum in der Nachbarschaft mit eigener Fleischtheke, eine Drogerie und einen Backwarenverkauf mit üppigerer Auslage. Ich wurde sonntags nicht mehr zum Milchmann geschickt, wenn meine Mutter wieder Frischmilch und Brot vergessen hatte und musste nicht mehr mit gedämpfter Stimme nach dem Brot fragen, dessen Verkauf am Sonntag eigentlich verboten war und es in der Befürchtung nach Hause tragen, von der Polizei aufgegriffen und verhaftet zu werden. Der Milchmann war nämlich zum ersten Opfer des unerbittlichen Verdrängungswettbewerbes geworden.

Trotz des anwachsenden Konkurrenzgeistes sollten auch meine Eltern bald zu Einzelhändlern werden. Sie eröffneten einen Getränkeverkauf im eigenen Haus. Die Ware wurde in Kommission geliefert, und für den Verkauf gab es Provision. Sogar spätabends, nach "Geschäftsschluss", kamen die Kunden. Trotz eines konkurrierenden Hausgetränkeverkaufs in der umliegenden Nachbarschaft florierte das kleine Geschäft meiner Eltern.

Als es den Kaufhäusern in der Bremer Innenstadt zu eng wurde, entdeckte man die Attraktivität der Vegesacker Hauptstraße. Es dauerte nicht lange, bis das Kino einer Kaufhalle und die exquisite Lederwarenhandlung einem anderen Kaufhaus gewichen waren. Die Preise, mit denen die ansässigen Unternehmer gelockt wurden, ihre Läden zu verkaufen, schienen zu überzeugen. Bis auf den widerständigen Eisenwarenhändler, dessen Laden - einer Trutzburg gleich - von größeren Unternehmen umzingelt wurde, verkauften alle, denen ein Angebot gemacht worden war.

Kahlrasiert für 50 Pfennige

Die übrig gebliebenen Händler hatten nichts gegen die Ansiedlung der Kaufhäuser einzuwenden. Bremen hatte schließlich ein Zentrum hinzugewonnen, in dem nicht nur die Leute aus den Stadtteilen einkauften, sondern auch jene aus den umliegenden Dörfern. Zwar machten nur die Kaufhäuser das wirklich große Geschäft, aber wenn Qualität gefragt war, hieß es, seien nach wie vor die "Kleinen" erste Wahl. Das Vorurteil von niedrigen Preisen, die zwangsläufig mangelhaften Kundenservice zur Folge hätten, hielt sich hartnäckig - und trug wahrscheinlich zum unerschütterlichen Selbstverständnis der Kleinunternehmer bei.

Nach und nach verschwanden die Tante-Emma-Läden, die nur von ihren Inhabern betrieben wurden. Nur noch die etwas größeren Fachgeschäfte konnten sich im Schatten der Kaufhäuser behaupten. Klein und trotzdem übrig blieben nur die Friseure, selbständige Handwerksmeister mit ein oder zwei Gesellen, die ihrer oftmals spröden Kunst in Ladengeschäften nachgingen, in denen man sich an den Anfang des Jahrhunderts zurückversetzt wähnte. Wenn man damit einverstanden war, dass einem an den Seiten die Haare fast vollständig wegrasiert wurden, konnte man schon für 50 Pfennig einen in der Nachbarschaft unschlagbar günstigen Einheitsschnitt bekommen.

Vegesacks Haupstraße wurde zur Fußgängerzone, und für die Geschäfte wurden Ladenstraßen eingerichtet. Dem Trend der Zeit folgend, sollte das Einkaufen eine gemütliche Angelegenheit werden. Nachdem die Kaufhäuser die Kleinhändler verdrängt hatten, traten die Discounter auf den Plan, nach dem Vorbild der Gebrüder Aldi, deren Idee, den damals gesetzlich erlaubten Rabatt von drei Prozent schon in die Endverbraucherpreise einzukalkulieren, in der Branche bahnbrechend war. Die konkurrenzlosen Preisangebote der Discounter waren verlockend. Meine Eltern jedoch widerstanden und kauften dort nie etwas. Vermutlich aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, denn um die Ecke waren die Discounter nicht, und mit dem Bus fuhr man einfach nicht zum Einkaufen.

Schokoladentaler statt "5 DEM zum Verzehr"

Als ich mir in den siebziger Jahren mein erstes Auto kaufte, da siedelten sich sogar schon auf der grünen Wiese vor den Toren Vegesacks die ersten größeren Supermärkte an. Dorthin bin ich mit meiner Mutter einkaufen gefahren. Das Prinzip "Alles direkt in den Kofferraum und dann direkt vor das Haus" gefiel ihr ausgesprochen gut. Bequem war es - und billig noch dazu.

Trotz all der Veränderungen in der Welt des alltäglichen Konsums hielten meine Eltern an äußerst seltsamen Angewohnheiten fest. Wer käme heute schon noch auf die Idee, von Vertretern Haushaltsgeräte zu horrenden Preisen auf Abzahlung zu kaufen? Aber durch ein vertrauenswürdiges Gegenüber verbürgte Qualität hatte eben ihren Preis, wussten meine Eltern.

Das galt auch für das von einer lokalen Gaststätte angebotene "Wunderprodukt", einen Schnellkochtopf, dessen Kauf mit "5 DM zum Verzehr" beworben wurde. Obwohl es sich bei dem Gutschein nur um verzehrbare Schokoladentaler handelte, wurde der Schnellkochtopf gekauft, und mein Vater fühlte sich nicht einmal um mindestens zwei Biere betrogen - sondern lobte die geschäftsmännische Originalität.



insgesamt 3 Beiträge
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Ernst Pelzing, 12.01.2010
1.
Versorgung über Tante-Emma-Läden bedeutete persönliches Verhältnis. Der Laden war um die Ecke, man kannte sich. Die Palette an Nahrungsmitteln war zwangsläufig bescheiden. Doch es gab was! Nach dem Krieg ein deutliches Aufwärts. In bleibender Erinnerung: die Brotversorgung. Es gab Maisbrot! In aller Herrgottsfrühe musste ich 'raus, um bei Bäcker Kötting auf der Bochumer Drusenbergstraße anzustehen, mich in die Schlange einreihen. Doch die Mühe wurde belohnt. Noch ofenfrisches Maisbrot, eine Delikatesse. Ernst Pelzing
Ferdi Keuter, 31.01.2011
2.
Als es Tante Emma noch gab Wir haben gerade bei einer Autofahrt durch unsere nahe Heimat eine alte Fassade gesehen, hinter der sich vor vielen Jahren ein ?Tante Emma Laden? befand. Ein damals durchaus Gewinn bringender Lebensmittelladen unter der Leitung eines ?frommen Fräuleins?. Ihre Gespräche handelten von montags bis mittwochs von der letzten Predigt des Pfarrers und an den folgenden Tagen vom ?bevorstehenden Fest am nächsten Sonntag?. Eine Nachbarin von uns war ihre beste Freundin. Einmal im Monat sah sich diese auch verpflichtet, bei ?Maria? einzukaufen, besser gesagt einkaufen lassen. Es kam ihr ja nicht in den Sinn, die schweren Taschen selber zu schleppen, wofür hatte sie denn Kinder im Alter von 10 und 12 Jahren? Also wurde der geplante Einkauf am Sonntag bei Kaffeeklatsch schon angekündigt. Am Montag wurde dann eine lange Reihe von Lebensmitteln aufgeschrieben und die Kinder mit der Liste nach Bergraht geschickt, geschätzte 2 km hin und 2 km mit schweren Taschen zurück. Einen resoluten Eindruck hinterließen die Beiden ganz und gar nicht. Auf dem Weg zu ?Fräulein Maria ??kamen sie an spielenden Kindern vorbei, die aus ?einfachen Familien? stammten. Diese hatten einen aufgeprägten Sinn für Menschen, die nicht unbedingt auf ihrer Wellenlänge waren. Sie rochen förmlich die Ängstlichkeit der Geschwister und schürten diese mit ihrem Schabernack noch mehr. Kinder kennen da keine Gnade Im Laden wurden alle Lebensmittel auf die schmale Theke gelegt, mit einem großen Bleistift auf einem Reklameblock berechnet. Wenn die Prozedur erledigt war, hatte jeder dann zwei schwere Taschen zu schleppen. Zu Hause wurde dann kontrolliert, ob auch nichts vergessen wurde. Wenn doch, gab es ja noch die Möglichkeit einer zweiten Einkaufstour am selben Tage. Während dieser Zeit spielten andere Kinder auf dem ?Kreie Bersch?. Die Geschwister waren richtige Außenseiter, wurden gemieden und behandelt, als seien sie von einem anderen Stern. Aus heutiger Sicht kann ich beurteilen wie lieblos sie als Arbeitskräfte ausgenutzt. Ihre Mutter machte sich derweil fein und ging mit ?Onkel Hubert? nach Stolberg in den Kinopalast, die ?Schauburg?. PS.: der Junge war in der selben Schulklasse wie der Autor?.
Ferdi Keuter, 11.07.2014
3. Auszüge aus dem Buch (M) eine Straße von Ferdinand Keuter
Bei Metzger Müller gab es Wurst und Fleisch zu kaufen. Herr Müller hat den Betrieb zu Beginn der 50er Jahren von Albert Otten übernommen. Die Kunden kamen der Qualität wegen, standen am Samstag bis zur Straße. Die Ware wurde verteilt und nicht verkauft, für heutige Verhältnisse ein Schlaraffenland. Einen kleinen Kolonialwarenladen führte Herr Oligschläger. Er hatte stets die Hände abgewinkelt auf der Theke liegen mit der Frage verbunden: "Was darf es denn sein"? Der Geruch von mir unbekannten Waren hing in der Luft. Auf der Theke standen die Gläser gefüllt mit Bonbons. Gerne habe ich die Anisbonbon nicht gegessen, da waren mir die Storck-Riesen schon lieber. Sie kosteten 2 Pfennig pro Stück und wurden auch einzeln verkauft. Wenn ich viel Geld hatte, ließ ich mir 5 Stück geben. Es war ein Vergnügen den Mund voller Riesen zu haben. Die klebten so schön.... Im Haus Nr. 50 war um 1910 die Metzgerei Esser zu finden. Später war Metzger Blech hier tätig. Mit dem Beginn der Nazi-Herrschaft war es mit dieser Tätigkeit bald vorbei, da die Familie Juden waren. Es folgte das Gemüsegeschäft Nick. Nach dem Kriege gab es hier die ersten Apfelsinen. An der Wand hing ein Werbeplakat mit der Aufschrift: "Bananen die am besten schmecken, sind die Gelben mit den schwarzen Flecken". Im Geschäft, Haus Nr. 48, von Else Vogel, kauften unsere Eltern ihre Rauchwaren, Streichhölzer, Pfeifen und Zeitungen. Frau Vogel hatte neben dem Einzelhandel auch einen Großhandel und beschäftigte Herrn Schöber als Mitarbeiter im Außendienst. Es gab nach dem Kriege die Zigaretten Rote Hand in einer Dreierpackung. In der Drogerie Dohmen war immer was los. Der Anteil an Spirituosen war in der Karnevalszeit besonders groß. Dann bedienten viele Verkäufer die Jecken bis auf die Straße Radiogeräte in kleiner Auswahl waren im Schaufenster, Haus Nr. 38, bei Schaaf ausgestellt. Einen Hauptladen gab es auf dem Stich, dazu eine Reparaturwerkstätte. Vor dem Kriege war Friseur Jean Morschel in diesem Lokal tätig. 1934 wurde Herr Morschel Schützenkönig der St. Rochus Schützenbruderschaft. Unser Brot kauften wir meist beim Bäcker Hoppe, Hause Nr. 36. Hinter dem Laden war ein kleines Lokal in dem Getränke und leckerer Kuchen serviert wurde. Im Kolonialwarenladen Kleifges gab es eine größere Auswahl an Lebensmitteln. Ursprünglich wurde hier Bier gebraut. Herr Bilden hatte in dem Hinterhaus die Brauerei und an der Straßenseite eine Gaststätte. Der Bauernhof Mertens folgte. Hier war nach dem Kriege noch Hubert Leisten, ein Verwandter, mit Pferd und Wagen unterwegs. Er brachte die Ernte ein und transportierte Arbeitsgerät zum Feld. Wo er seine Felder und Wiesen bearbeitete, weiß ich nicht Vergessen wir nicht den Friseur Blass. Am Morgen hing er seinen blanken runden Teller vor die Türe und dokumentierte so seinen Arbeitseifer. In seinem Salon standen für Rasierstammkunden die weißen Töpfe mit Namen. Darin standen die eigenen Rasierpinsel. Das waren noch Zeiten in den 50er Jahren. Viel gäbe es noch zu berichten von (m) einer Straße, aber das würde den Rahmen sprengen.
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