Eklat beim Chorkonzert Wie das "Floß der Medusa" unterging

Voll Anspannung erwartete er den großen Auftritt: Als Zwölfjähriger sollte Henning Sidow in Hamburg mit dem NDR-Knabenchor auf die Bühne treten. Und tatsächlich wurde die live übertragene Aufführung des Oratoriums aufregend - allerdings aus gänzlich unerwarteten Gründen.
Der Knabenchor wurde 1960 als Chor des Norddeutschen Rundfunks gegründet und ist seit 1967 mit der Hauptkirche St. Nikolai verbunden.

Der Knabenchor wurde 1960 als Chor des Norddeutschen Rundfunks gegründet und ist seit 1967 mit der Hauptkirche St. Nikolai verbunden.

Foto: dpa

Als Zwölfjähriger hatte ich 1968 nur vage Vorstellungen von den politischen und gesellschaftlichen Wirren der Zeit. Doch am 9. Dezember wurden sie für mich als Mitglied des Knabenchors St. Nikolai durch die missglückte Uraufführung des Oratoriums "Das Floß der Medusa" des Komponisten Hans Werner Henze in der Halle B im Hamburger Park Planten un Blomen zu handfesten Erfahrungen.

Ich war nun schon seit vier Jahren im Knabenchor, der bis 1967 zum NDR gehörte und danach von der Hamburger Kirchengemeinde St. Nikolai übernommen wurde. Wir "erfahrenen" Knaben fühlten uns der Aufgabe durchaus gewachsen, in Henzes musikalisch anspruchsvollem Oratorium mitzuwirken und noch dazu in einer Uraufführung aufzutreten, die live im Hörfunk übertragen werden sollte.

Das Stück erzählt die tragische Geschichte der französischen Fregatte "Medusa", die 1816 in einem Konvoi auf dem Weg zum Senegal als einziges Schiff auf Grund lief. Da es für die 400 Menschen an Bord zu wenig Rettungsboote gab, baute die Besatzung ein Floß, auf dem rund 150 Männer, Frauen und Kinder Platz fanden und das von den Booten an Land gezogen werden sollte. Doch die Offiziere flohen in den Booten und überließen die Menschen auf dem Floß sich selbst. Am Tag der zufälligen Rettung nach 13 Tagen gab es nur noch 15 Überlebende. Die anderen wurden Opfer von Hunger, Wassermangel oder Kannibalismus.

Versteckspiel in der leeren Halle

Unser Knabenchor sollte die Kinder auf dem Floß darstellen - erst als Lebende, dann als Tote. Ein schweres Stück mit gesellschaftskritischem Hintergrund, dieses "Floß der Medusa", das wussten wir. Es bedeutete nicht nur intensives Einstudieren, sondern auch viele Nachmittage und Abende Proben. Was wir nicht wussten war, dass die Uraufführung niemals stattfinden sollte.

Der Ort des Geschehens und die Vorbereitungen faszinierten mich. Die Halle erschien mir als Kind riesig. Große Podeste waren hier für die Aufführung aufgebaut, darauf unzählige Instrumente. Überall waren Leute: Bühnenarbeiter, Techniker, Orchestermusiker, Choristen und Solisten - es wimmelte nur so. Nun kamen wir Jungs noch dazu.

Wir hatten viel Wartezeit und konnten alles erkunden. So krabbelten wir unter dem Bühnenaufbau hindurch, spielten Versteck, bewegten uns unter den Podesten kriechend und hangelnd über Holzstreben hinweg, bis wir zu viele Holzsplitter in den Fingern hatten. Und gleich nebenan gab es eine weitere Halle, mehrere Stockwerke hoch - ein gigantischer Glaskasten. Es fand gerade keine Veranstaltung statt, so dass die Halle gähnend leer und unbeleuchtet war. Wir stromerten durch sie hindurch, das Herz halb in der Hose wegen der Dunkelheit und der unheimlichen Raumakustik.

Protest im Konzertsaal

Dann wurde es ernst, die Proben begannen. Hans Werner Henze war in meiner Erinnerung ein kleiner, schon damals etwas kahlköpfiger, aber unglaublich energiegeladener Mann. Er strahlte eine Mischung aus Herzlichkeit, genialem Künstlertum und Normalität aus. Wir Jungen fanden ihn sympathisch, hatte er doch keinerlei Allüren und begegnete allen vollkommen natürlich, freundlich und geduldig. Uns behandelte er, als wären wir Erwachsene, was ich als sehr wohltuend empfand. War ich doch von anderen bekannten Persönlichkeiten, denen wir hier und da durch unsere Auftritte schon begegnet waren, gewohnt, als Kinder behandelt und fachlich nicht ganz ernst genommen zu werden.

Henze konnte seine Musik exzellent den Mitwirkenden vermitteln, sie war lebendig, farbenfroh und spannend wie die Story selbst. Die dramatische Geschichte und der historische Hintergrund, die er und die Musik uns erzählten, fesselten mich schon damals. Dirigieren allerdings war nicht so seine Sache, ich erinnere mich an seine etwas ungelenken Gesten. Aber das ist bei einem professionellen Ensemble nicht so wichtig, solange die richtigen Impulse und Einsätze kommen. Wir Kinder jedenfalls mochten und bewunderten ihn und seine Musik.

Die Halle war am 9. Dezember 1968 nach meiner Erinnerung bis auf den letzten Platz mit Publikum gefüllt. Von über 1000 Gästen war die Rede. Henze stand schon am Pult. Doch kurz bevor es losging, kam es vor der Bühne zu einem kleinen Auflauf. Einige protestierende Studenten standen direkt vorm Podium und befestigten rote Flaggen links und rechts von Henzes Pult. Ob der Meister sich dies nur gefallen ließ, oder ob es gar, wie später gemutmaßt wurde, mit ihm abgesprochen war, war nicht zu erkennen. Jedenfalls schien er den Aktivitäten keinen großen Widerstand entgegenzusetzen.

Die Situation eskaliert

Kurz darauf wurde es im Publikum und im Chor unruhig. Denn einer der Chöre, der Rias Kammerchor, kam aus Berlin, der eingeschlossenen Stadt. Rote Fahnen waren im Wortsinne ein rotes Tuch für viele, die dort lebten. Ich - und sicher auch meine Mit-Knaben - begriffen zunächst nicht viel von dem, was dort unten passierte. Doch als aus dem Berliner Chor heraus Stimmen immer lauter wurden, die sich weigerten unter "der roten Fahne" zu singen, verstand ich, worum es ging. Die Erwachsenen befürchteten, dass sie und die Musik hier von demonstrierenden kommunistischen Studenten instrumentalisiert werden sollten. Zudem wurde nun ein großes Porträt Ché Guevaras aufgestellt, dem das Werk gewidmet ist.

Henzes Bemühungen, die Aufführung zu beginnen, wurden jedoch durch den Boykott der Berliner Sänger im Keim erstickt. Immer lauter wurde vom Podium aus das Entfernen der kommunistischen Zeichen gefordert, vorher würde man sich weigern, auch nur einen Ton zu singen. Inzwischen wurde es im Zuschauerraum immer unruhiger und vor der Bühne kam es zu kleinen Rangeleien zwischen den Demonstranten und einigen Zuschauern, die sich einmischten. Hinter der Bühne gab es inzwischen Verhandlungen zwischen Chor und Komponist, unter welchen Bedingungen man die Aufführung doch noch stattfinden lassen könnte.

Wir Jungs beobachteten die Sache gespannt, hatten sich die Verhältnisse doch nun umgekehrt: Der Zuschauerraum war zur Bühne geworden, und wir auf dem Podium hatten einen Logen-Blick auf diesen Live-Kulturskandal. An Musik war nicht mehr zu denken. Im Hintergrund der Halle flogen die Türen auf, Polizisten in voller Kampfmontur marschierten herein. Wie eine Horde Ameisen kamen sie durch die Saalgänge von mehreren Seiten aufs Podium zu. Wie viele es waren, weiß ich nicht mehr, vielleicht eine Hundertschaft. Besonders martialisch wirkten sie durch ihre Helme mit Vollvisier und die Schilde, die sie - zum Schutz wovor eigentlich: ein paar Studenten, Musikern und falschen Tönen? - vor sich hertrugen.

Ein dunkles Kapitel

Henze war inzwischen unbemerkt verschwunden und unten wurden jungen Leuten die Arme auf den Rücken gedreht, um sie abzuführen. Unter ihnen befand sich auch Ernst Schnabel, der den Text des Stücks geschrieben hatte. Er erhielt später eine Anklage wegen "Widerstands gegen die Staatsgewalt". Das Vorgehen der Polizei wiederum gefiel einem Teil des Publikums nicht, es erhob sich Protest, der die Staatsmacht von ihrem Vorhaben, die "Täter" in flagranti zu überführen, aber nicht abhielt.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie lange das Tohuwabohu noch andauerte. Zur Aufführung kam es jedenfalls nicht mehr, und wir gingen irgendwann enttäuscht von der Bühne. Uns Kindern war es unverständlich, warum ein paar rote Fahnen und das Konterfei eines bärtigen Südamerikaners zu einem solchen Aufruhr führten. Ging es für uns doch um Kunst, um Musik. Wir fühlten uns um unsere Arbeit betrogen.

Die Zeitungen berichteten an den folgenden Tagen ausführlich über dieses Ereignis. Einige Boulevard-Blätter ließen es sich nicht nehmen, daraus einen handfesten politischen Skandal zu machen. Mir ist bis heute unklar, was sich die Staatsmacht bei diesem Auftritt gedacht hat. Sicher ist, dass sie in diesen Zeiten dünnhäutig war und bei solchen Gelegenheiten gern überreagierte. Zu groß war die Angst, dass sich die Ideologie, die hinter dem Eisernen Vorhang vorherrschte, auch im Westen ausbreiten könnte.

Für den 2012 verstorbenen Hans Werner Henze soll dieser Skandal zeitlebens ein dunkles Kapitel in seiner künstlerischen Laufbahn gewesen sein. Später wollte er, so heißt es, daran nicht mehr erinnert werden.

Meine eigene Erinnerung an diesen Abend sollte erst Jahre später wieder präsent werden: bei der reichlich verspäteten Uraufführung im Juni 2001 in der Hamburger Laeiszhalle. Nach 33 Jahren erlebte ich "Das Floß der Medusa" ein zweites Mal. Wie sehr mich das Stück und die Geschichte, auf der es beruht, damals beeindruckt hatten, zeigte sich daran, dass ich die Texte und die Musik noch immer im Stillen mitsprechen und -singen konnte. Nichts davon war verlorengegangen. Tief berührt habe ich die Aufführung verlassen.

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