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Elektrischer Stuhl: Symbol der Unmenschlichkeit

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Erfindung des elektrischen Stuhls Moderner morden

Im August 1890 richteten die USA erstmals einen Menschen auf dem elektrischen Stuhl hin. Die Exekution per Strom galt als Inbegriff von Fortschritt und Humanität - der Verurteilte litt Höllenqualen.

Der gedrungene Mann mit dem säuberlich getrimmten Bart ist zu seinem Todestag im Sonntagsstaat erschienen. "Ich glaube fest, dass die Welt, in die ich gehe, gut ist", sagt William Kemmler am Morgen des 6. August 1890, bevor er seinen Gehrock ablegt und auf dem massiven Eichenmöbel Platz nimmt. Als der Gefängnismitarbeiter Joe Veiling ihn zögerlich festzuschnallen beginnt, scherzt der Mann, der seine Lebensgefährtin Tillie Ziegler im Rausch mit einer Axt erschlagen hat: "Nicht nervös werden, Joe! Ich möchte, dass jetzt gute Arbeit geleistet wird."

Dann wird Kemmler verkabelt und bekommt eine schwarze Maske übers Gesicht gelegt. Draußen vor dem Staatsgefängnis von Auburn, New York, drängen sich seit 4 Uhr morgens Hunderte von Schaulustigen, eigens für das Ereignis hat die Western Union ein temporäres Telegrafenamt am Bahnhof eröffnet. Kemmlers Sterben errege mindestens so viel Aufmerksamkeit wie eine Präsidentschaftswahl, beschreibt der "Saturday Globe" die volksfestartige Stimmung.

Als ein Elektriker um 6.42 Uhr schließlich den Schalthebel umlegt, sind 25 Zeugen, unter ihnen 14 Ärzte und zwei Reporter, zugegen. Der New Yorker Psychiatrieminister Carlos F. MacDonald höchstpersönlich leitet die Exekution, die als erste Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl in die Geschichte eingeht - und aller Welt vor Augen führen soll: Selbst in puncto Exekutionen sind die USA ab sofort die modernste Nation auf Erden. Und die zivilisierteste noch dazu.

Strom als Düngemittel für gelbe Rüben

Abschätzig blickte der Norden Amerikas Ende des 19. Jahrhunderts auf die Südstaaten herab, wo unter dem Gejohle der Massen regelmäßig gelyncht wurde. Die Hinrichtung per Strang, zumal öffentlich zelebriert, erschien den Justizreformern mittelalterlich und barbarisch. Sie passte nicht mehr in die vermeintlich zivilisierte, moderne, aufgeklärte Welt. Gesucht wurde nach einer sauberen, schnellen und schmerzfreien Alternative.

Die vielen tödlichen Unfälle, die zu Beginn des Zeitalters der Elektrizität an der Tagesordnung waren, führten zur Lösung: dem Töten durch Strom. Ausgerechnet durch jenes unsichtbaren Mirakel, das bis dato als Lebenselixier par excellence gefeiert worden war, als Synonym für Energie und Heilkraft.

"Im Kampf gegen die Ermüdung", heißt es in einer zeitgenössischen Studie, "tritt die Elektrizität als alles überragende Wunderwaffe auf." Ärzte verordneten ihren Patienten elektrische Bäder, Landwirte leiteten Strom auf die Felder. Die so elektrifizierten Radieschen und gelben Rüben "besaßen einen exquisiten Geschmack und waren sehr zart und saftig", schrieb damals ein Fan der sogenannten Elektrokultur.

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Elektrischer Stuhl: Symbol der Unmenschlichkeit

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Mit Strom betriebene Erfindungen, ob Glühlampe oder Straßenbahn, Aufzug, Telefon oder Nähmaschine, revolutionierten den Alltag der Massen - nun sollte der oft als "Vitamin" gepriesene Strom auch noch den humanen Exitus bringen. Es bestehe "nicht der Hauch eines Zweifels, dass ein Tod durch Strom schneller ist als ein Gedanke", fasste ein Artikel in der "North American Review" im September 1889 die Euphorie über das neue Hinrichtungsmedium zusammen. Ausgerechnet ein Zahnarzt, der den Menschen im Stuhl vor ihm doch eigentlich helfen sollte, kämpfte fortan vehement für die Einführung der sogenannten Elektrokution (eine Zusammenziehung der Begriffe "Elektro" und "Exekution").

Hunde, Pferde, Kälber unter Strom

1881 hatte Alfred Southwick aus Buffalo, New York, einen Betrunkenen dabei beobachtet, wie er im Rausch einen Stromgenerator berührte und allem Anschein nach buchstäblich blitzschnell verstarb. Um prominente Unterstützer zu gewinnen, kontaktierte Southwick den Tüftler und Gleichstrom-Befürworter Thomas Alva Edison.

Der witterte die perfekte Gelegenheit, seinem Gegenspieler und Wechselstrom-Pionier George Westinghouse zu schaden: Die Westinghouse-Innovation führt zum Tod, lautete die perfide PR-Botschaft Edisons, fortan energischer Verfechter der elektrischen Hinrichtung - mittels Wechselstrom.

Um die verheerende Wirkung des konkurrierenden Systems zu demonstrieren, ließ Edison in seinem Labor zunächst Hunde, Pferde und Kälber hinrichten. Die öffentliche Exekution eines Neufundländers im Juli 1888 sorgte für blankes Entsetzen in der Presse: Der Hund wurde zunächst mit Gleichstrom malträtiert, woraufhin er grässliche Schmerzen erlitt, aber noch nicht starb.

Sodann wurde das Versuchstier an einen Wechselstromgenerator angeschlossen und mit einem Stromschlag getötet. Durchgeführt wurde das grausame Experiment von dem jungen Elektrofachmann und Edison-Vertrauten Harold P. Brown sowie dem Psychiater Frederick Peterson - jenen Männern, die gemeinsam mit Ideengeber Southwick als Erfinder des elektrischen Stuhls gelten.

"Sicher, sanft und schmerzlos"

Im erbittert geführten Stromkrieg ging Edison so weit, das Verb "to westinghouse" als Synonym für die elektrische Hinrichtung zu lancieren. Seine unentwegte Marketingkampagne war von Erfolg gekrönt: "Sicher, sanft und schmerzlos" sei die neue Methode, jubilierte die "New York Times".

Eine eigens einberufene "Electrical Death Commission" pries die elektrische Hinrichtung als "schmerzlosen und sofortigen Tod", der alle "primitiven Formen der Todesstrafe" übertreffe. Das Gehirn würde paralysiert, bevor der tödliche Strom überhaupt wahrgenommen werden könne, so eine gängige Überzeugung.

1888 verabschiedete das New Yorker Parlament in Albany das "Electrical Execution Law" und legte fest: Alle ab dem 1. Januar 1889 zum Tode Verurteilten müssen per Strom hingerichtet werden. Der Erste, den es traf, war Axtmörder William Kemmler, Sohn zweier Alkoholiker aus Philadelphia, Pennsylvania - obwohl Westinghouse bis zum Schluss gegen die Vollstreckung der Todesstrafe per Wechselstrom agitiert hatte.

Bei lebendigem Leib verbrannt

Der Großindustrielle schickte die besten und teuersten Anwälte ins Rennen, um die Exekution von Kemmler, genannt "Philadelphia Billy", zu verhindern. Bis vor den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten zog Westinghouse, um den Stromtod als "grausame und ungewöhnliche Strafe" zu ächten. Vergeblich: Der elektrische Stuhl bedeute "einen Schritt nach vorn im Hinblick auf Gnade und Menschlichkeit", entschieden die Richter. Genau das Gegenteil war der Fall.

17 Sekunden lang währte der Stromschock, der Kemmler umbringen sollte. Der Generator wurde heruntergefahren - doch der Todeskandidat lebte noch. Unter Höllenqualen wand sich der Verurteilte auf dem Stuhl, stöhnte und krampfte. Die Augenzeugen gerieten in Panik, einer brach zusammen, ein anderer übergab sich. Hektisch wurde der Schalthebel erneut umgelegt, Kemmler ein zweites Mal unter Strom gesetzt, diesmal für 70 Sekunden.

Was nun passierte, war "so grässlich, dass Worte nicht ausreichen, um den Schrecken zu beschreiben", wie die "New York Times" kommentierte: Die Blutgefäße des 30-Jährigen platzten, die Haare und das Fleisch unter den Elektroden verschmorten, von der Rückenlehne stieg Rauch auf. Kemmler war bei lebendigem Leib verbrannt worden.

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"Weit schlimmer als der Galgen", schrieb die "New York Times", ein Journalist schrieb: "Kemmler wurde buchstäblich zu Tode geröstet." Und Wechselstrom-Pionier Westinghouse urteilte: "Sie hätten es besser mit einer Axt gemacht." Die erhoffte Demonstration von Fortschrittlichkeit und Menschlichkeit - sie war zu einem infernalischen, unwürdigen Spektakel mutiert. Was Zahnarzt Southwick nicht davon abhielt, die neue Tötungsmethode als größten Triumph der Epoche zu bezeichnen.

Obwohl der geistige Vater des elektrischen Stuhls den überaus qualvollen Todeskampf Kemmlers live miterlebt hatte, frohlockte er nach der Hinrichtung im Staatsgefängnis von Auburn: "Seit diesem Tag leben wir in einer höheren Zivilisation."

Bis heute halten laut der Nichtregierungsorganisation Death Penalty Information Center  neun US-Bundesstaaten am Tod durch den elektrischen Stuhl fest - als Alternative zur Giftspritze.

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