Legendäres Leningrad-Konzert Elton John, Superzar!

Stocksteif starrten die versammelten Sowjetfunktionäre 1979 auf den britischen Paradiesvogel in hochhackigen Stiefeln. Doch am Ende brachte Elton John das Publikum zum Toben - und schrieb mit seinem Leningrad-Konzert Popgeschichte.

AP

"EL-TONN, EL-TONN", hallt es noch eine halbe Stunde nach Konzertende durch die Oktoberhalle in Leningrad. Die Bühne ist mit Tulpen übersät, die Begeisterung will kein Ende nehmen. Elton John hat sich bereits in seine Garderobe zurückgezogen, doch als er sich am offenen Fenster zeigt, schallen ihm auch von draußen Sprechchöre entgegen. Auf der Straße drängen sich Tausende Russen, die nicht reingekommen sind. "Unglaublich, diese Kids", sagt der Star aus London.

Am nächsten Tag meldet die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press: "Uniformierte Leningrader Polizisten und andere Sowjetbeamte standen hilflos vor der schreienden, klatschenden Menge." Die britische "Daily Mail" dichtet die Jubelschlagzeile: "Elton John, Super-Czar, rocks them back in the USSR".

Das Konzert am 21. Mai 1979 ist ein historisches Ereignis - für die Lager auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Mitgereiste Journalisten zeigen sich überrascht, wie gut viele Russen die verbotene Rockmusik kennen. Illegale Kopien würden tausendfach von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder überspielt, berichtet der Reporter der "Chicago Sun Times". Die russischen Zuschauer hingegen sind von dem Spektakel tief beeindruckt. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagt ein Vertreter der sowjetischen Konzertagentur Goskontsert. "Nie".

Jubel aus den hinteren Reihen

Elton John ist nicht der erste westliche Musiker, der in der Sowjetunion auftritt. Cliff Richard hatte 1976 bereits Konzerte in Leningrad und Moskau gegeben, auch Boney M. waren 1978 da gewesen. Das nimmt diesem Abend jedoch nicht das Gefühl der historischen Größe.

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Legendäres Popkonzert: Elton John rockt Leningrad

Fasziniert beäugen die Russen den Paradiesvogel aus Großbritannien. Dabei ist der Sänger für seine Verhältnisse eher zahm gekleidet: Die Glam-Rock-Phase mit Glitzeranzügen und Plateauschuhen hat er hinter sich, in Leningrad trägt er eine karierte Ballonmütze, unter der seine langen Haare und Koteletten hervorquellen. Seine rosa Pluderhose steckt in hochhackigen Stiefeln, statt einer exzentrischen Riesenbrille trägt er dezent Kontaktlinsen.

Zweieinhalb Stunden rockt Elton den Saal. Die Bühne ist spartanisch dekoriert, die Seiten sind mit schwarzen Tüchern abgehängt. Der Meister sitzt allein an seinem Steinway-Flügel. Nach den Stadiontourneen der vergangenen Jahre setzt er nun auf ein intimeres Format. Die gesamte Dekoration und Ausrüstung hat er aus Großbritannien mitgebracht.

Als die ersten Worte durch den Saal schweben ("It's a little bit funny"), bleibt das Publikum mucksmäuschenstill. Die meisten der 3800 Sitzplätze sind mit Parteikadern gefüllt: hochrangige Sowjetfunktionäre und Kulturbürokraten mit ihren Familien. Sie sind sorgfältig zurechtgemacht, ihre Gesichter ernst. Der Applaus ist höflich, aber nicht überschwänglich. Gejubelt wird nur in den hinteren Reihen. Hier sitzen die glücklichen Fans, die Karten bekommen haben.

Die Ordner fürchten sich

Richtig laut wird es dann nach einer guten Stunde, als Ray Cooper zum ersten Mal auf der Bühne erscheint. Der Perkussionist ist für die Showeinlagen zuständig. Wild springt er zwischen seinem Schlagzeug, den Conga-Trommeln und dem Xylofon hin und her. "Come on, come on", ruft er und animiert das Publikum zum Mitklatschen. Irgendwann stehen die ersten auf und tanzen durch die Gänge auf die Bühne zu. Der Mitgröl-Hit "Pinball Wizard" funktioniert auch in Leningrad, und als Zugabe stimmt Elton die populäre Beatles-Hymne "Back in the USSR" an.

"Wir mussten hart arbeiten, um eine Reaktion des Publikums zu bekommen", erzählt Cooper in dem Dokumentarfilm "To Russia with Elton", der während der Reise entstanden ist. Die Ordner hätten Angst gehabt, dass die Zuschauer aufstünden und die Dinge außer Kontrolle geraten.

Doch die Sicherheitskräfte lassen die Fans an diesem Abend gewähren. Dafür hat man Elton schließlich eingeladen. Die sowjetische Führung will sich vor den Olympischen Sommerspielen in Moskau 1980 aufgeschlossen zeigen. Sie hatte daher nicht lange gezögert, als Elton John mit der Idee einer Konzertreihe an sie herangetreten war. Ein Regierungsbeamter, Wladimir Kokonin, schaute sich eines seiner Konzerte in England an, dann einigte man sich auf insgesamt acht Auftritte in Leningrad und Moskau. "Wir hatten alle bis zur letzten Minute das Gefühl, dass irgendjemand irgendwo Njet sagt", erzählt Elton John in dem Dokumentarfilm.

Am Ende war es einfacher als gedacht. Die Tournee geriet zum Triumph. Elton John wurde im Fernsehen interviewt, traf Fans, spielte spontan im Hotelrestaurant. "Ich hoffe, dass wir für viele andere Musiker den Weg hierher geebnet haben", erklärte er nach der Reise zufrieden. "Die Menschen hier dürsten nach Musik."

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insgesamt 6 Beiträge
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Oliver Wieters, 20.05.2014
1. Heute müssen Schwule in Russland um ihr Leben fürchten
... aber das sehen die Pugilisten hier als kein Problem an. Erstaunlich, dass der Artikel nicht erwähnt, dass Elton John bereits 76 sein Coming Out hatte und dennoch 79 in Russland war. Wusste man von seiner Homosexualität in Leningrad? War man damals dort toleranter (nein)?
Joshek Joshekus, 21.05.2014
2. gaehn
Natuerlich muss gleich der erst kommentator die gay agenda bemuehen ... Es nervt nur noch. Elton John macht gute musik - mit wem er was in der kiste macht interessiert nicht. Genauso ist es in Russland - man laesst die schwulen in ruhe aber man erwartet auch von dem ganzen kram verschont zu bleiben. Der unterschied zwischen Elton John und "Conchita wurst" ist dass ersterer sich auf seine musik konzentriert und halt schwul ist (na und?) waehrend zweitere/r in erster linie einem ihre/seine schwulitaet ins gesicht wuergt in die musik zweitrangig ist. Elton John ist echte toleranz und zwar auf allen seiten, Conchita wurst ist nervtoetende schwulozentrik. Das ist der unterschied.
Dietmar Warschkun, 21.05.2014
3. Vielen Dank...
...für diesen Artikel. Ich kannte diese Geschichte nicht und habe jetzt auf YT aus einzelnen Clips quasi das Konzert (zumindest einen Grossteil) rekonstruieren können. Was soll ich sagen: es lohnt sich. Elton und Ray in Bestform, die Songs aus der Frühphase des John'schen Schaffens (plus ein bißchen GBYB, selbst das totgenudelte "Candle in the Wind" ist hier hörenswert), den Songs steht das spärliche Arrangement (Piano und Percussion) sehr gut...und Ray Cooper ist wie immer ausser Rand und Band. Mad Ray eben.
Dietmar Warschkun, 21.05.2014
4. Vielen Dank...
...für diesen Artikel. Ich kannte diese Geschichte nicht und habe jetzt auf YT aus einzelnen Clips quasi das Konzert (zumindest einen Grossteil) rekonstruieren können. Was soll ich sagen: es lohnt sich. Elton und Ray in Bestform, die Songs aus der Frühphase des John'schen Schaffens (plus ein bißchen GBYB, selbst das totgenudelte "Candle in the Wind" ist hier hörenswert), den Songs steht das spärliche Arrangement (Piano und Percussion) sehr gut...und Ray Cooper ist wie immer ausser Rand und Band. Mad Ray eben.
Oliver Wieters, 22.05.2014
5. Wenn man wegen seiner Sexualität verfolgt wird ...
... ist des keine Privatangelegenheit mehr, mein liebster gähn! ;) Oder wollte da jemand von der Kritik an den Menschenrechtsverletzungen an Russland ablenken?
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