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Elvis Presley: Aus dem Nichts zum Weltstar

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Elvis Presley Vom Außenseiter zur Ikone der USA

Er verkörperte den amerikanischen Traum – ein armer Junge aus dem Süden wurde der King of Rock'n'Roll. Elvis Presley war zugleich ein König des Kommerzes, vermarktet wie Kaugummi oder Coca-Cola.

»You ain’t nothing but a hound dog«, röhrte der 21-jährige Sänger mit pomadigem Haar und langen Koteletten ins Mikro. Zur pulsierenden Musik bewegte er aufreizend seine Hüften; die lasziven Blicke ins kreischende Publikum wurden von den NBC-Kameras direkt in Millionen amerikanische Wohnzimmer übertragen. Es war der 5. Juni 1956, Elvis Presley absolvierte seinen zweiten Auftritt in der Milton Berle Show.

Der Aufschrei war groß, das Urteil der Presse vernichtend. Elvis habe »keinerlei Fähigkeit zum Singen«, schrieb die »New York Times«, er sei nichts weiter als ein »Virtuose des Hoochie Coochie« (einer erotischen Tanzform). Das »Life Magazine« charakterisierte ihn als »heulenden, murmelnden, gurrenden, weinenden Hillbilly« mit Bewegungen, die man sonst von der Burlesque kenne. Und die »Cosmopolitan« fragte nur abschätzig: »Was ist ein Elvis Presley?«

Elvis, geboren am 8. Januar 1935 in Tupelo (Mississippi), provozierte – weil er die Grundfeste des konservativen amerikanischen Establishments der Fünfzigerjahre erschütterte. Mit seiner Fusion des afroamerikanischen Rhythm'n'Blues mit Elementen des weißen Country betrat er musikalisches Neuland, rebellierte zugleich gegen die Segregation des Musikmarkts und strikte Rassentrennung insbesondere in den Südstaaten.

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Auch der lasziv-suggestive Hüftschwung und die hemmungslosen Reaktionen der zumeist weiblichen Fans passten so gar nicht zum Ideal der züchtigen Kleinfamilie. Dazu Elvis' Herkunft: Ausgerechnet ein Lastwagenfahrer aus dem tiefsten Mississippi sollte plötzlich Amerikas neuer Superstar sein?

So gefährlich, diese Donnerhüfte

Bei seinen Fans jedoch war Elvis gerade deshalb so populär, weil er gegen den angeblichen gesellschaftlichen Konsens der Eisenhower-Ära stand. Teenager begeisterten sich für Rhythm'n'Blues, Elvis' explosive Liveperformances wurden nun zum Ventil für die aufgestaute sexuelle Energie einer ganzen Generation. Und seine Herkunft diente Anhängern zur Identifikation statt als Ablehnungsgrund: »Mann, er sieht aus und benimmt sich einfach wie einer von unserer verrückten Sorte«, sagte ein Fan einer Lokalzeitung. »Nur: Wenn er Dampf aufgestaut hat, dann lässt er ihn auch ab.«

Wie keine Generation zuvor nutzten Teenager der Fünfzigerjahre den entstehenden Popkulturmarkt, um ihre eigenen kulturellen Identitäten auszuprägen. Elvis wurde schnell zur Galionsfigur. Seine Platten verkauften sich in zuvor unbekanntem Ausmaß, die Fernsehauftritte erzielten regelmäßig Rekordquoten, selbst obskure Fanartikel wie Elvis-Lippenstifte oder Neon-Leuchtposter waren überaus beliebt.

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Elvis Presley: Aus dem Nichts zum Weltstar

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»Elvis Presley ist heute ein Business«, prahlte der Marketingexperte Henry Saperstein schon 1956, nur gut zwei Jahre, nachdem die Elvis-Werdung mit der ersten Single »That's All Right, Mama« begonnen hatte; mit Fanartikeln habe er bereits mehr als 22 Millionen US-Dollar umgesetzt.

Skandale gefährdeten jedoch den kommerziellen Erfolg. Bei einem Auftritt in Los Angeles rollte Elvis so exzessiv mit dem lebensgroßen Stoffmaskottchen seiner Plattenfirma auf dem Boden, dass die Polizei das folgende Konzert filmte und beim kleinsten Eklat aufzulösen drohte. Lokale Behörden und Gerichte verboten Auftritte des Sängers, religiöse Aktivisten verbrannten öffentlich Schallplatten, manche Colleges verwiesen Schüler mit Elvis-Frisur aus dem Unterricht. Selbst Elvis' überaus geschäftstüchtiger Manager Colonel Tom Parker bangte um das Image seines Klienten.

Pinke Cadillacs, goldene Anzüge

Elvis Presleys Management und Unterstützer bedienten sich deshalb eines so populären wie altbekannten Motivs: der American Dream, der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Die Zeitungen beschrieben ausführlich die Erfolge des Sängers, seine exzentrische Kleidung und den Lebensstil. Mit pinken Cadillacs und Auftritten in goldenen Lamé-Anzügen heizte Elvis solche Geschichten weiter an.

Zur Hochphase des Kalten Kriegs wurde Elvis so zum Sinnbild für soziale Mobilität und individuellen Erfolg im Kapitalismus – gegen diese Deutung konnten selbst seine ärgsten Kritiker wenig einwenden. »Er mag vielleicht nicht die Person mit der besten Erziehung der Welt sein«, so ein Fan zu einem skeptischen Reporter, »aber er macht 'ne Menge Geld.«

Der Aufstieg des Sängers fiel zusammen mit der beispiellosen wirtschaftlichen und kulturellen Expansion der Vereinigten Staaten nach 1945. Während die Anzugträger des Außenministeriums Elvis und Rock'n'Roll als unliebsame Einflüsse auf die Jugend der Welt sahen, verbreiteten seine Plattenfirma RCA und Filmstudios wie Paramount die Musik, Bilder und Filme des jungen Stars rasant um die ganze Welt.

Der Kapitalismus zähmt die Rebellen

In Westeuropa übernahmen Zeitungen den Snobismus aus den USA oftmals ungefiltert und versetzten ihn mit einer Prise europäischer Kulturkritik. So sah das britische Musikmagazin »Melody Maker« mit Elvis' Single »Hound Dog« gleich das »Ende der Zivilisation« gekommen. In der Bundesrepublik spottete der SPIEGEL 1956 in einer Titelgeschichte über »Elvis, the Pelvis« und seine »Windungen und Zuckungen« in der Art einer »talentierten Entkleidungstänzerin«. Den Untergang des Abendlandes befürchtete man aber nicht gleich: Die »deutsche Jugend«, so der Verkaufsleiter von Elvis' deutschem Label Teldec zum SPIEGEL, habe eben »eine andere Blutgruppe«.

Für westeuropäische Fans verkörperte Elvis auch die bunten Bilder amerikanischen Massenkonsums: Cadillacs, Kaugummis, Coca-Cola. Auf den Trend sprang die 1956 gegründete »Bravo« auf und stellte ebenfalls seinen sozialen Aufstieg und Reichtum ins Zentrum: »Ob man ihn liebt oder verabscheut, seine Lebensgeschichte ist einmalig.«

Elvis verkörperte nun wie kaum ein anderer eine Erfolgsgeschichte des amerikanischen Kapitalismus – trotz der tiefen Spaltungen der US-Gesellschaft, gegen die seine Musik und Fans ursprünglich rebellierten. Ein zweijähriger Militärdienst, großteils im hessischen Friedberg mit Ausflügen ins Münchner Nachtleben, gab seinem öffentlichen Image einen patriotischen Anstrich; auch in Westeuropa wurde Elvis Teil einer entstehenden transatlantischen Popkultur.

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Die Elvis-Filme der Sechzigerjahre zelebrierten den amerikanischen Lebensstil mit ihren Bildern schneller Autos und schöner Frauen in Bikinis, als gäbe es keine Bürgerrechtsbewegung, keinen Vietnamkrieg. Und auch Elvis' bombastische Liveshows der Siebzigerjahre waren überladen mit perlenbestickten Jumpsuits und golden glänzenden Capes.

Elvis has left the merchandising

Doch Elvis' Assoziation mit dem »amerikanischen Traum« war von Beginn an zweischneidig. Insbesondere in Westeuropa wurde Elvis gern als willenlose Puppe einer Entertainment-Industrie interpretiert, während Kolumnisten in den USA Fernsehsender und Plattenfirmen für die schamlose kommerzielle Ausbeutung eines vermeintlich gefährlichen Jugendphänomens geißelten.

Für die »Dallas Morning-News« war Elvis Mitte der Siebzigerjahre längst zu einem gigantischen Merchandiseartikel verkommen. Auch deshalb geriet Elvis' tragischer Tod am 16. August 1977 – auf dem Boden des vergoldeten Badezimmers seiner Villa Graceland – zu einer größeren Debatte über die Werte Amerikas und die amerikanische Identität.

Bis heute strahlt Elvis als Idol in der ganzen Welt; Firmen verbuchen mit dem Nachlass des Sängers jährliche Einnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Und seine Lebensgeschichte bleibt der Mittelpunkt ihrer Vermarktung. »Er war ein Junge, der mit 18 Jahren gerade eine nicht-so-tolle Highschool abgeschlossen hat und versucht hat, was aus sich zu machen«, so ein Repräsentant der Authentic Brands Group kürzlich im Interview mit dem »Rolling Stone«. »Den verkaufst du nicht als Rocker. Den präsentierst du als diese ikonische amerikanische Geschichte.«

Doch es ist eine verkürzte, eindimensionale Geschichte – eine, die zentrale Fragen von sozialem Status, Rassismus und sexueller Freiheit zur Seite wischt und ignoriert. Denn in der Figur Elvis Presley kristallisieren sich nicht nur Mythos und Legende des amerikanischen Traums; Elvis zeigt auch die Widersprüche und Spannungen eines zutiefst gespaltenen Landes. Damals wie heute.

Mathias Häußler ist Historiker an der Universität Regensburg und Autor des 2020 erschienenen Buches »Inventing Elvis: An American Icon in a Cold War World«. Zuvor promovierte er an der Universität Cambridge über Helmut Schmidt und die deutsch-britischen Beziehungen.