Fotostrecke

Fußball-EM 1992: Vom Strandkorb auf den EM-Thron

Dänemark bei der EM 1992 Bier, McDonald's und Minigolf - aber nicht nur

Vom Strandkorb zur Europameisterschaft berufen und dann glatt durchmarschiert: Die Dänen waren die Sensation der EM 1992. Im Finale demütigten sie die Deutschen: "We are red, we are white, we are Danish dynamite!"

Gut ging es den Dänen und denen, die Dänen nahestehen. Richard Møller Nielsen muss man sich an diesem 31. Mai 1992 als glücklichen Heimwerker vorstellen. Dänemarks Fußballnationaltrainer beschäftigte sich ausnahmsweise nicht mit Fußball, sondern renovierte seine Küche. Da kam im Radio diese Nachricht: Nachdem die Uno schon Sanktionen gegen Jugoslawien verhängt hatte, zückte nun auch der europäische Fußballverband Uefa die rote Karte und schloss die Balkankicker von der EM in Schweden aus.

Nachrücken sollte Dänemark, das in der Qualifikationsgruppe Platz zwei knapp hinter Jugoslawien belegt hatte. Und nur noch zehn Tage bis zum Turnierstart! Møller Nielsen hatte keine Zeit mehr, den neuen Geschirrspüler und die Mikrowelle anzuschließen. Er musste dringend eine Mannschaft zusammenpuzzeln.

Zum Glück hatte Dänemark noch einen Testkick in Kopenhagen vereinbart, gegen die GUS, die als Sowjetunion-Nachfolger ebenfalls an den EM-Start ging. Aus dem sonst belanglosen Spiel wurde über Nacht die wichtige Turniergeneralprobe. Und die 20 dafür nominierten Spieler bildeten nun den dänischen EM-Kader um Spieler wie Torwart Peter Schmeichel oder die Mittelfeldmänner Brian Laudrup und John "Faxe" Jensen.

Wikinger-Motto: Alles kann, nichts muss

Immerhin hatten 13 Spieler in der heimischen Superliga den letzten Spieltag noch vor sich. So standen sie zwar voll im Saft, dem Nationalteam aber nicht sofort zur Verfügung. Und dann die sieben in halb Europa verteilten Auslandsprofis: Manche tingelten mit ihren Klubs zu Freundschaftsspielen über die Dörfer. Andere hatten schon ihre Stollenschuhe gegen Badeschlappen getauscht, die Grillsaison eröffnet und waren voll auf Urlaub programmiert.

Lars Olsen zum Beispiel erfuhr auf der Fähre von Puttgarden nach Rødby, dass er nun EM-Kapitän der Dänen war. Der Abwehrchef, aktiv beim türkischen Klub Trabzonspor, hatte gerade drei Tage Autofahrt von der Schwarzmeer- an die Ostseeküste in den Knochen und Freunden schon von seinem Ferienhaus auf Mallorca vorgeschwärmt. Wettkampfspannung geht anders.

Die Dänen mussten improvisieren und auf Trainingslehre oder Leistungsdiagnostik pfeifen. Ihre allgemein lockere Grundhaltung half dabei. Das Teamhotel und Trainingscamp im Jachtklub Stenungsbaden war ein Haus der offenen Tür. Was für ein Unterschied zur beinah kasernenartigen Abschottung der deutschen Mannschaft - ums Quartier in Atvidaberg ließ der DFB einen blickdichten Extrazaun ziehen.

Ehrgeizig und ernsthaft bereiteten sich auch die Dänen vor, aber nach dem Motto: Alles kann, nicht muss. Lasst uns dieses Turnier genießen! Das taten dann auch die Fans - ungemein fröhlich, bunt geschminkt und sehr lautstark mit ihrem unwiderstehlichen Gassenhauer "We are red, we are white, we are Danish dynamite".

"Jungs, geht raus und blamiert euch nicht"

"Die Stimmung war so, dass wir rüber nach Schweden fahren, drei Spiele machen und dabei unser Bestes versuchen sollten", erinnert sich Mittelfeldspieler John Jensen mit dem Künstlernamen "Faxe". "Ganz ehrlich: Dass wir eine Chance hätten, weiterzukommen oder gar das ganze Turnier zu gewinnen - daran glaubte zunächst niemand."

Auch Trainer Richard Møller Nielsen nicht. Kurz vorm Anpfiff des ersten Spiels gegen England erklärte er in der Kabine: "Jungs, geht raus und blamiert euch nicht. Macht euch stolz. Das reicht mir vollkommen."

Schon das 0:0 zum Auftakt gegen England offenbarte, dass mehr drin sein könnte als die Rolle des Spielplan-Komplettierers und sympathischen Verlierers. Aber beim 0:1 gegen Gastgeber Schweden schossen die Dänen immer noch kein Tor. Sie blieben ihrem unbekümmerten Spielstil treu und wurden belohnt: 2:1 gegen Frankreich, Halbfinal-Einzug.

Trainer Møller Nielsen galt bis dahin als etwas verbissen, erlaubte seinem Team aber einen schon legendären Ausflug ins ernährungsphysiologische Sündenbabel. Dem Magazin "11 Freunde" erzählte Torhüter Peter Schmeichel, was sich rund ums Abschlusstraining für das Halbfinale gegen die Niederlande abspielte:

"Wir fuhren mit dem Bus an einer McDonald's-Filiale vorbei. Da haben wir ein bisschen gewitzelt: 'Trainer, wir würden so gern ein paar Burger essen.' Der Coach hat nichts gesagt, aber nach dem Training hielt der Bus tatsächlich vor der Filiale. Alles war extra für uns abgesperrt. Es war eine Überraschung des Trainers für die Mannschaft. Er hat uns dadurch eine Facette von sich gezeigt, die wir noch nicht kannten. Nach diesem Essen wollte jeder noch mehr für ihn tun."

Die klopsgestählten Wikinger besiegten dann die Niederlande, 7:6 nach Elfmeterschießen, Sensation. Danach erlaubte Møller Nielsen auch noch Hochprozentiges an der Hotelbar, berichtet Schmeichel, betont aber zugleich: Das waren Ausnahmen, die dänische Mannschaft war keine reine Urlauber- und Partytruppe, wie es bis heute kolportiert wird.

Die gute alte David-gegen-Goliath-Geschichte

Das dänische Sommermärchen rundete sich im Finale gegen den amtierenden Weltmeister um Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme, Thomas Häßler und Karl-Heinz Riedle. Eine der deprimierendsten Niederlagen der deutschen Fußballhistorie: Erst drischt "Faxe" Jensen den Ball ins Netz, dann trifft auch noch Kim Vilfort. Das Spiel ist aus, aus, aus und Dänemark im Ausnahmezustand.


Finale gegen Deutschland 1992: Der Triumph der Dänen


Heute sieht man bei der EM in Frankreich ein limitiertes Team am Limit: Die Isländer sind über sich hinausgewachsen und halten sich gegen alle Erwartungen im Turnier, zuletzt mit ihrem 2:1 gegen den turmhohen Favoriten England, getragen auch von ihrem starken Teamgeist. Genau das ist das Faszinosum des Fußballs: Es gewinnen eben nicht immer die besten Spieler, manchmal setzt sich David gegen Goliath durch. Wenn man zusammenhält, wenn man erst kein Pech hat und dann noch das Glück hinzukommt.

Von wegen Dänen lügen nicht - das Image der "Underdogs im Urlaubsmodus" bedienten die dänischen Spieler selbst ausgiebig. Stürmer Flemming Povlsen etwa antwortete auf die Frage nach dem Erfolgsrezept: "Wir haben viel Bier getrunken und gelacht, wir haben Minigolf gespielt und sind zu McDonald's essen gegangen!"

Bis sie den Silberpokal in die Höhe reckten, hatte kein Gegner die lustigen Nachrücker richtig für voll genommen. So raunte Frankreichs Ersatzmann Emmanuel Petit den Dänen kurz vor Anpfiff im Spielertunnel zu, sie sollten ihr Ausscheiden locker nehmen. Ähnlich arrogant sollen sich Niederländer vor dem Halbfinale verhalten haben.

Öffentlich wurde auch ein Telefonat von CDU-Wähler Berti Vogts mit Helmut Kohl. Vorm Finale hatte der Bundestrainer dem Kanzler versprochen, die Dänen für ihr "Nein" zu den Maastrichter EG-Verträgen kurz zuvor gehörig abzustrafen. Es kam dann anders. Und Kohl musste hernach beim europäischen Gipfel in Lissabon zuschauen, wie Dänemarks Außenminister Uffe Ellemann-Jensen feixend einen rot-weißen Fußballschal zum Anzug trug. Gut ging es auch diesem Dänen.