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Entführungen von Superreichen - wie brutal die Erpresser vorgingen

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Unternehmerfamilien Die Furcht vor Entführungen

Oetker, Reemtsma, Schlecker - bis zu 30 Millionen erpressten Entführer von Unternehmerfamilien. Daher schotten sich Deutschlands Superreiche oft ab, engagieren Krisenberater und schließen Lösegeldversicherungen ab.

Der Entführer lauerte seinem Opfer auf einem Parkplatz auf. Richard Oetker, 25, Spross der Bielefelder Backpulverdynastie, studierte Brauereiwesen an der Uni Weihenstephan im bayerischen Freising. Als er am frühen Abend des 15. Dezember 1976 von einem Seminar kam, überfiel ihn Dieter Zlof, 34, maskiert und mit einer Gaspistole bewaffnet. In einem VW-Kastenwagen musste sich der fast zwei Meter große Industriellensohn in eine schmale Holzkiste zwängen. Eine elektrische Vorrichtung sollte ihn bei einer bestimmten Phonstärke, etwa durch laute Hilferufe, automatisch mit Stromstößen traktieren. Telefonisch forderte der Gebrauchtwagenhändler Zlof von Oetkers Ehefrau 21 Millionen Mark.

Angeblich unbeabsichtigt löste der Geiselnehmer am nächsten Morgen einen derart starken Stromschlag aus, dass der Student beinahe gestorben wäre. Normalerweise schlagen die Gliedmaßen aus, wenn jemand einen elektrischen Schlag erhält, weil sich die Muskeln zusammenziehen. Da Oetker jedoch in embryonaler Stellung kauern musste und obendrein an Händen und Füßen gefesselt war, brach er sich mit der eigenen Muskelkraft beide Oberschenkelhälse und acht Lendenwirbel. Zudem drohte er zu ersticken, seine Lunge wäre wegen der gekrümmten Haltung in der Kiste fast kollabiert.

Tags darauf übergab Richard Oetkers Bruder August in der Einkaufspassage unter dem Münchner Stachus die geforderten 21 Millionen Mark, die bis dahin höchste Lösegeldzahlung in Deutschland. Fünf Stunden später wurde das schwer verletzte Opfer in einem Waldstück am Münchner Stadtrand gefunden.

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2020

Dynastien der deutschen Wirtschaft: Ihr Aufstieg, ihr Reichtum, ihre Skandale

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Der Fall Oetker war im Herbst 1976 bereits der vierte erpresserische Menschenraub unter Angehörigen wohlhabender Familienunternehmer. Zuvor entführt worden waren binnen vier Wochen:

  • Wolfgang Gutberlet, 32, Chef der Fuldaer Lebensmittelkette Tegut;

  • Hendrik Snoek, 28, Münsteraner Springreiter und Juniorchef der Verbrauchermarktkette Ratio;

  • Gernot Egolf, 32, Brauereierbe (Karlsberg) aus dem saarländischen Homburg. Er wurde in einer Bunkerruine angekettet und starb während der Lösegeldverhandlungen an Unterkühlung.

Durch die deutsche Kriminalgeschichte ziehen sich viele solcher Fälle, in denen Gangster versuchen, vom Reichtum anderer etwas abzupressen. "Eine Entführung ist das einzige Verbrechen, bei dem man mit einer einzigen Tat eine Million Euro verdienen kann", sagte Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung 2015 in einem Interview  der "Süddeutschen Zeitung". Allerdings gelte eine Entführung in Verbrecherkreisen als "sehr komplex, also eine Art 'Hochleistungsverbrechen', natürlich im negativen Wortsinn".

Die Entführer ließen sich Albrechts Ausweis zeigen

Entführungen verlangen von den Tätern hohe logistische Fähigkeiten, die Zielperson auszuspähen, zu überfallen und in ein Versteck zu transportieren. Danach müssen sie Lösegeldverhandlungen führen, die Geldübergabe organisieren und die Geisel freilassen, ohne selbst entdeckt zu werden. Weil sich oft Dilettanten in diesem Metier versuchen, scheitern viele Entführungen - mit bisweilen tödlichem Ausgang.

Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet jährlich etwa 50 bis 70 Fälle erpresserischen Menschenraubs in Deutschland; reiche Unternehmerfamilien waren in den vergangenen 50 Jahren kaum mehr als 20 Mal betroffen. Doch "zu Recht ist eine diffuse Angst" immer da, weiß der Hamburger Krisenberater Frank Michaelis. Familienoberhäupter schützen präventiv ihre Angehörigen, indem sie Experten für individuelle Sicherheitskonzepte anheuern. Michaelis ist Gründer und Chef des auf internationales Krisenmanagement spezialisierten Unternehmens Toribos, abgeleitet vom altgriechischen Begriff für Panik, Gefahr, Verwirrung. Bis 1999 war er als Kriminalrat im Polizeidienst und sagt: "Entführungen sind mit die schlimmsten Eingriffe in die Privatsphäre."

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Entführungen von Superreichen - wie brutal die Erpresser vorgingen

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Viele Unternehmerfamilien meiden daher die Öffentlichkeit. Der C&A-Clan Brenninkmeijer etwa, mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Euro eine der reichsten Familien Europas, ist nicht nur in geschäftlichen Dingen höchst verschwiegen. Eine Gastwirtin aus der westfälischen Gemeinde Mettingen, wo die Brenninkmeijers ihre Wurzeln haben, erzählte der "Süddeutschen Zeitung"  einmal: "Die haben Angst vor Entführungen. Von denen würde niemand einen Tisch unter seinem richtigen Namen bestellen oder einen Termin beim Friseur machen."

Konsequent abgeschottet lebten die Aldi-Gründer, die Brüder Karl und Theo Albrecht, seit Theo 1971 entführt worden war. Die Täter, ein verkrachter Düsseldorfer Rechtsanwalt mit hohen Spielschulden und ein mehrfach vorbestrafter Tresorknacker, hatten ihr Opfer nach Lektüre des Buches "Die Reichen und die Superreichen in Deutschland" ausgesucht. Als sie Albrecht vor der damaligen Konzernzentrale in Herten überfielen, glaubten sie zunächst, sich in der Person geirrt zu haben: Der Konzernchef erschien ihnen zu schäbig gekleidet - weshalb sie sich seinen Personalausweis zeigen ließen.

Nach 17 Tagen in Gefangenschaft und der Zahlung von sieben Millionen Mark Lösegeld kam die Geisel frei. Nie wieder sprach Theo Albrecht, der 2010 starb, mit Reportern; das letzte von ihm veröffentlichte Foto war am Tag nach seiner Freilassung entstanden.

1979 versuchte der sparsame Kaufmann, die Lösegeldsumme steuerlich als betriebliche Sonderausgabe geltend zu machen. Finanzamt und Finanzgericht ließen ihn jedoch abblitzen. Die Richter sahen die Entführung als Privatsache; der Milliardär konnte lediglich den unauffindbaren Teil des Lösegelds, rund drei Millionen Mark, als außergewöhnliche Belastung bei der Einkommensteuer absetzen.

Über das Lösegeld wird selten verhandelt

In Westeuropa werde über die Höhe des Lösegeldes in der Regel nicht verhandelt, sagt Krisenberater Michaelis. Entführer würden sich zuvor vergewissern, "welche Summe für die Familie bezahlbar ist". Atypisch verhielt sich 1987 der damals größte Drogeriefilialist Anton Schlecker, als seine Kinder Lars und Meike, 16 und 14 Jahre alt, am Tag vor Heiligabend aus der Wohnung im württembergischen Ehingen entführt und in einer nahen Fischerhütte eingesperrt worden waren. Schlecker gelang es, den geforderten Betrag von 18 auf 9,6 Millionen Mark zu drücken – über exakt diese Summe, hieß es in Zeitungsberichten, sei Schlecker versichert gewesen.

Lösegeldpolicen bieten deutsche Versicherer erst seit 1998 an. Anders als etwa in Großbritannien, wo der Marktführer Hiscox schon lange tätig ist, galten sie in Deutschland als "ethisch fragwürdig", erinnert sich Christian Metz von der Versicherungsmaklerfirma Dr. Walter im rheinischen Neunkirchen-Seelscheid. "Weil damit die Gefahr des erpresserischen Menschenraubs gefördert würde", hatte die Bundesanstalt für Finanzleistungsaufsicht (Bafin) solche Policen nur unter strengen Auflagen erlaubt: So müsse die Versicherungssumme "den wirtschaftlichen Verhältnissen des Versicherungsnehmers angemessen" sein, und dieser sollte "höchstens drei Personen seines Vertrauens" informieren – inzwischen wurde diese strikte Regelung aufgeweicht.

"Die Lösegeldzahlung an sich", so Makler Metz, sei für die Versicherten "nahezu sekundär", von größerer Bedeutung sei "die Unterstützung des professionellen Krisenberaters" nach einer Entführung. Neben reichen Familien zählen zu den Zielgruppen der Versicherer auch weltweit agierende Unternehmen, internationale Organisationen und Entwicklungshelfer in Krisenregionen.

Es gebe "eine konstante Nachfrage" nach Lösegeldversicherungen, sagt Raimund Langemeyer vom Hansekuranz Kontor in Münster. Große Unternehmen sicherten sich oft pauschal durch ein "Aggregatmodell" gegen diverse Risiken ab, darunter Entführungen; das stärker verbreitete "Supplementmodell" verteile die Deckungssummen auf mehrere Töpfe, auch einen für Lösegeld; die "Standarddeckung" liege bei zehn Millionen Euro.

Die Reemtsma-Entführung: 33 Tage im Keller

Das höchste bisher in Deutschland bezahlte Lösegeld, 15 Millionen Mark und ebenso viel in Schweizer Franken, erpressten Verbrecher 1996 von Jan Philipp Reemtsma. Der Hamburger Literaturwissenschaftler und Mäzen hatte seine Anteile an der Zigarettenfabrik 1980 verkauft. Er wurde von einer vierköpfigen Bande um den Berufsganoven Thomas Drach auf seinem Grundstück in Blankenese überwältigt, in ein eigens dafür angemietetes Haus bei Bremen verschleppt und im Keller 33 Tage lang gefangen gehalten. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst nach Reemtsmas Freilassung, die größtenteils informierten Medien hatten sich an eine Nachrichtensperre gehalten.

Der bislang letzte große Entführungsfall betraf den schwäbischen Schrauben-Milliardär Reinhold Würth, einen der reichsten Deutschen überhaupt. 2015 wurde sein Sohn Markus, 50, aus einer Wohngemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten im hessischen Schlitz entführt. Dort lebte er, weil er seit einem Impfschaden im Kleinkindalter geistig behindert ist und nicht sprechen kann. Der Vater mutmaßte später in der "Bild"-Zeitung: "Hätte er verraten können, wie der Täter aussah, hätte der ihn wahrscheinlich umgebracht."

Der Erpresser hatte drei Millionen Euro Lösegeld gefordert. Als die Übergabe scheiterte, verriet er das Versteck. 20 Stunden nach der Geiselnahme wurde Markus Würth bei Würzburg gefunden: an einen Baum gefesselt, aber unversehrt.

Fatalerweise hatte der Milliardär selbst den Täter auf das Opfer aufmerksam gemacht. In einer Fernsehdokumentation kurz vor der Entführung hatte Würth die Geschichte seines Sohnes erzählt, die Behinderteneinrichtung erwähnt und auch ein Foto gezeigt. Als tatverdächtig wurde ein 48-jähriger Serbe festgenommen und angeklagt; das Landgericht Gießen sprach den Mann jedoch frei, weil eine Stimmanalyse ihn nicht zweifelsfrei überführen konnte.

Auch an der Täterschaft des Oetker-Entführers Dieter Zlof, 1980 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, gab es Zweifel, weil vom Lösegeld zunächst jede Spur fehlte. Zlof hatte, wie er später gestand, die Banknoten in einem Erdloch verbuddelt, wo fast die Hälfte des Papiergelds verfaulte. Nach seiner Haftentlassung Anfang 1994 versuchte Zlof, die verbliebenen zwölf Millionen in London bei Schwarzhändlern zu 75 Prozent des Nennwerts umzutauschen. Dabei ging er der Polizei 1997 in die Falle.

Später eröffnete Zlof in München eine Imbissbude. Richard Oetker und einer der ermittelnden Polizisten, mit dem er sich angefreundet hatte, scherzten bisweilen, sie würden dort mal ein paar Würste verzehren und dann fröhlich bekunden: "Bezahlt ist schon!" Es blieb beim Gedankenspiel.

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