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30. Juli 2018, 15:07 Uhr

Entschädigung für Sklaverei

40 Morgen Land und ein Maulesel

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Afroamerikaner fordern bis heute Entschädigungen für erlittenes Unrecht durch die Sklaverei. Als vorbildliches Beispiel nennen sie die deutschen Zahlungen an Israel und ehemalige Zwangsarbeiter.

Kanzler Konrad Adenauer setzte 1952 gegen den Willen einer deutlichen Mehrheit der Deutschen eine Entschädigungszahlung an Israel durch. Der Staat sollte 3,45 Milliarden Mark - umgerechnet heute mehr als sieben Milliarden Dollar - erhalten. Zudem wurden individuelle Entschädigungen wegen der nationalsozialistischen Verbrechen gezahlt. Lediglich fünf Prozent der Westdeutschen hatten erklärt, sich wegen des Holocaust schuldig zu fühlen; 29 Prozent räumten ein, Deutschland schulde den Juden eine Entschädigung.

Der afroamerikanische Journalist und Buchautor Ta-Nehisi Coates zitiert diese Zahlen und preist Adenauers Politik, weil er eine Parallele zu seinem Land sieht: Die überwältigende Mehrheit der weißen Amerikaner hält nichts von Entschädigungszahlungen wegen der Sklaverei - nur der Einsatz eines starken Staatsmannes könne da etwas auf den Weg bringen. In einem "Plädoyer für Reparationen" befeuert Coates, 42, eine immer wieder aufflammende Diskussion in den USA: Haben die Schwarzen Anrecht auf Wiedergutmachung?

Von 1989 an brachte der afroamerikanische Kongressabgeordnete John Conyers Jahr für Jahr eine Gesetzesvorlage ein: Die US-Volksvertreter sollten die Sklaverei als Unmenschlichkeit anerkennen und Vorschläge für die Entschädigung der Opfer erarbeiten. Er fand keine Mehrheit. Von den Präsidenten seitdem bezog allein Bill Clinton Stellung. Auf einer Afrikareise 1998 bedauerte er den Sklavenhandel. Clinton hatte Tränen in den Augen, als er auf der berüchtigten Insel Gorée vor Dakar das "Tor ohne Wiederkehr" besuchte, durch das unzählige Afrikaner wie Vieh auf Schiffe getrieben worden waren, die sie nach Amerika brachten.

Eine formelle Entschuldigung vermied allerdings auch Clinton. Dazu rang sich das US-Repräsentantenhaus vor zehn Jahren, am 29. Juli 2008, durch. Die zweite Kammer des Kongresses, der Senat, folgte am 18. Juni 2009 mit einer ähnlichen Entschließung. Reparationen aber waren kein Thema.

Ackerland und ein Esel für Ex-Sklaven

Dabei stand sie schon einmal auf der Agenda. Mit "40 Morgen Land und einem Maulesel" pro Familie wollte der US-Kongress nach dem amerikanischen Bürgerkrieg die Schwarzen für die Leiden der Sklavenzeit entschädigen. Das Versprechen "Forty Acres and a Mule" von 1865 wurde nie erfüllt, weil das Gesetz nicht durchkam. Doch politisch engagierte Afroamerikaner sehen im Martyrium ihrer aus Afrika verschleppten Vorfahren das "Verbrechen des Jahrtausends" und haben die gebrochene Zusage nicht vergessen. So nennt Filmemacher Spike Lee seine Produktionsfirma "Forty Acres and a Mule"; Hip-Hop-Star Kendrick Lamar rappt "I need Forty Acres and a Mule".

Tatsächlich hatten einzelne Weiße im Norden ehemalige Sklaven schon materiell entschädigt, bevor der Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865 mit der Sklavenbefreiung endete. "Reparationen wurden in den Anfangstagen dieses Landes aktiv erwogen und häufig gewährt", schreibt Coates. Quäker in New York, New England und Baltimore gingen so weit, die Mitgliedschaft in ihrer Gemeinschaft an die Bedingung zu knüpfen, dass jeder seine ehemaligen Sklaven entschädige.

1782 entließ der Quäker Robert Pleasant 78 Sklaven in die Freiheit; er vermachte ihnen 350 Morgen Land und errichtete für ihre Ausbildung eine Schule. Ein Cousin von Thomas Jefferson, dem US-Präsidenten von 1801 bis 1809, verfügte in seinem Testament die Freilassung seiner Sklaven und überließ allen, die über 40 waren, je zehn Morgen Land. "Von Herzen" bedauerte der Großgrundbesitzer, "der Eigentümer auch nur eines einzigen Sklaven gewesen zu sein".

Nach den Befreiern kam der Ku-Klux-Klan

Nach dem Sieg der Nordstaaten wurde die Sklaverei landesweit per Gesetz abgeschafft. Schwarze Männer durften nun Land besitzen, Geschäfte aufmachen, teilweise sogar wählen. Aber der Befreier-Präsident zahlte für diese Politik mit seinem Leben. Abraham Lincoln starb unter den Kugeln eines Attentäters, dessen Credo lautete: "Dieses Land wurde für Weiße geschaffen, nicht für Schwarze".

Die lange vorherrschende Meinung zum Thema Entschädigung beschrieb die "Chicago Times" 1891 in einem Leitartikel: Die Afroamerikaner "wurden gelehrt, zu arbeiten; sie wurden die christliche Zivilisation gelehrt; ihnen wurde beigebracht, die edle englische Sprache zu sprechen anstelle irgendeines afrikanischen Kauderwelschs. Mit den Ex-Sklaven sind wir quitt."

Die siegreiche Nord-Armee zog aus dem Süden ab; umgehend formierte sich der Ku-Klux-Klan mit dem Ziel, die alte rassistische Ordnung wiederherzustellen. Die Kapuzenmänner ermordeten Schwarze, die ihr Wahlrecht ausüben oder in weiße Ortsteile ziehen wollten. Auf der Suche nach Sicherheit, nach Arbeit und einem besseren Leben wanderten immer mehr Afroamerikaner in den Norden. Sie erlebten auch dort Zurücksetzungen. Erst die Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigerjahren beendete landesweit die Diskriminierung.

Symbol für den Wandel wurde die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten im November 2008. Viele Weiße hatten einem Bürger mit afrikanischen Wurzeln ihre Stimme gegeben. Vorurteile von Jahrhunderten schienen überwunden, Amerikas Demokratie funktionierte. Freilich blieb die soziale Kluft zwischen Schwarzen und Weißen. Afroamerikanische Haushalte verdienen weniger, ihre Mitglieder sind weniger gebildet, es gibt mehr zerbrochene Familien, mehr Menschen sitzen im Gefängnis.

Schwarze Bürger erklären den Rückstand vielfach mit der Sklaverei und ihren Folgen und beharren auf der Forderung nach Reparationen. Nicht zuletzt verdanke Amerika seinen Wohlstand auch der unbezahlten Arbeit der Sklaven. Wiedergutmachungs-Befürworter nennen ein Vorbild: Als Entschädigung für ihre Internierung im Zweiten Weltkrieg erhielten US-Bürger japanischer Herkunft 1988 je 20.000 Dollar. Vor allem aber seien die "Zahlungen der Deutschen" an Juden und ehemalige Zwangsarbeiter aus von Deutschland besetzten Ländern "ein Präzedenzfall, der uns enorm hilft", so der in Amerika lehrende kenianische Politologieprofessor Ali Mazrui. Die Idee lebt, dass die Weißen den Schwarzen etwas schulden.

Weiße und Schwarze als Komplizen im teuflischen Verbrechen

Aber ist die jahrhundertelange Sklaverei wirklich nur eine Geschichte von weißen Tätern und schwarzen Opfern? Mitglieder einer schwarzen Kirchengemeinde in Baltimore schreckten auf, als sie 1999 der damalige Präsident von Benin besuchte: Mathieu Kerekou fiel auf die Knie und bat die Afroamerikaner um Vergebung für die "abscheuliche" Rolle, die Afrikaner im transatlantischen Sklavenhandel spielten.

In Afrika existierte die Sklaverei schon lange, bevor die Weißen dort landeten. Tatsächlich wurde die Masse der Sklaven von Afrikanern gefangen und verkauft. Die Schurken in der Geschichte der Sklaverei sind also nicht weiße Menschenhändler allein. Sie errichteten in der Regel Forts entlang der Küste und erwarben ihre menschliche Ware im Tausch gegen Waffen, Stoffe, Branntwein und andere westliche Produkte.

"Befürworter von Reparationen für die Nachkommen der Sklaven ignorieren generell diese Tatsache", schrieb der Harvard-Professor Henry Louis Gates 2010 in einem vielbeachteten Essay für die "New York Times". Der afroamerikanische Historiker forderte ein "Ende der Schuldzuweisungen". Mit Barack Obama, "dem Kind eines Afrikaners und einer Amerikanerin, haben wir endlich einen Leader, der in der einmaligen Position ist, die große Teilung in der Reparationsfrage zu überbrücken" ("to bridge the great reparations divide"). Der Präsident, forderte Gates, solle "öffentlich klarstellen, dass die Verantwortung und Schuld bei weißen und schwarzen Menschen liege, Komplizen in einem der größten Übel der Geschichte der Zivilisation".

Obama hat die Anregung nicht aufgegriffen. Er hatte mit dringenderen Themen zu tun. Die Diskussion um Entschädigungen für das menschliche Leid durch die Sklaverei ist moralisch wie politisch und erst recht juristisch höchst verzwickt - und sie geht auch nach 150 Jahren weiter.

Das leuchtende Vorbild Adenauer mit seinen Zahlungen an Israel bekam 2013 Risse. Denn da veröffentlichte das Auswärtige Amt Akten, aus denen hervorgeht, dass der Staatsmann offenbar nicht - wie in seinen Memoiren behauptet - aus "einer zwingenden moralischen Verpflichtung" heraus handelte. Laut Kabinettsprotokollen war Adenauer offenbar nur auf Druck der USA zur Wiedergutmachung bereit. Der "ergebnislose Abbruch der Verhandlungen würde schwerste politische und wirtschaftliche Gefahren für die Bundesrepublik heraufbeschwören", sagte er auf einer Kabinettssitzung 1952. Das Bonner Außenamt verzögerte die Freigabe der Protokolle, deren Sperrfrist bereits 1982 geendet war, um die Beziehungen zu Israel nicht zu belasten.

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