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Verschwörungstheorien: Wenn 23 Außerirdische...

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Erfolgreiche Verschwörungstheorien Ufos, Aliens, X-Akten

Elvis lebt! Das US-Militär baut Raumschiffe! Marilyn Monroe wurde von den Kennedys ermordet! Menschen lieben Verschwörungstheorien - sie würzen den Alltag mit dem Geheimnisvollen und Unerklärbaren. einestages stellt die bizarrsten Mythen vor.

An einem Tag im Jahre 1959 lernt der amerikanische Schriftsteller William Burroughs in der marokkanischen Hafenstadt Tanger einen Kapitän namens Clark kennen. Clark brüstet sich damit, nun schon seit 23 Jahren zu segeln, ohne je einen Unfall gehabt zu haben. Nur wenige Stunden später sterben Clark und seine gesamte Crew bei einem Schiffsunglück. Als Burroughs am selben Abend in seinem Zimmer sitzt und über den eigenartigen Zufall nachdenkt, wird im Radio vom Absturz eines Linienflugzeugs über Florida berichtet. Der Flug hatte die Nummer 23. Der Name des Piloten: Clark.

Burroughs Erlebnis beeindruckt den Autor Robert A. Wilson so nachhaltig, dass er beginnt, sich mit der 23 zu befassen und bald ein weltumspannendes System rund um die Zahl wittert: Das menschliche Leben beginnt mit den je 23 väterlichen und mütterlichen Chromosomen, die zusammengesetzt werden. Und es endet mit dem Psalm 23, der bei Beerdigungen gesprochen wird. Euklids Geometrie geht von 23 Axiomen aus. Hitler trat angeblich im Jahre 1923 dem Vril-Geheimbund bei. Bonnie und Clyde wurden an einem 23. Mai von der Polizei erschossen.

Immer und immer wieder stößt Wilson auf die 23. Gemeinsam mit Robert Shea verfasst Wilson Anfang der siebziger Jahre die "Illuminatus!"-Trilogie, ein bizarres Werk, das die unheimliche 23 als Schlüssel zu einer angeblichen Weltverschwörung des Geheimbundes der "Illuminaten" darstellt - und die zum Geburtshelfer einer der hartnäckigste Mythen unserer Zeit wird. Noch fast vierzig Jahre später wird das Rätsel um die Zahl 23 durch Sammelkarten-Spielen, Comichefte, Theateradaptionen und Kinofilmen am Leben erhalten - und durch allerlei Verschwörungstheorien.

Pyramiden auf dem Mars

"Apophänie" nennen Psychologen den Hang des menschlichen Geistes, in komplexen Zusammenhängen ständig wiederkehrende Muster zu erkennen. Im Regelfall ist das durchaus hilfreich, aber ein übereifriger Verstand erkennt Muster auch in völlig zufälligen Strukturen - etwa Figuren in Wolkenformationen. Was einerseits das Geheimnis von Kreativität ist, wird andererseits gefährlich, wenn vermeintliche Muster überbewertet und gar zum Grundstein ganzer Theorien gemacht werden.

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Verschwörungstheorien: Wenn 23 Außerirdische...

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Eine der bekanntesten Verschwörungstheorien, die auf einer Apophänie basiert, ist jene um das 1976 entdeckte "Marsgesicht". Die Raumsonde Viking I fotografierte damals in der Cydonia-Region des Mars eine 3 mal 1,5 Kilometer große Gesteinsformation, die an ein menschliches Gesicht erinnerte. Zugleich schienen sich südlich davon riesige Pyramiden zu erheben.

Bald darauf zirkulierten weltweit Berichte über eine angeblich geheimgehaltene außerirdische Zivilisation. Weltraum-Mystiker wie Erich von Däniken fantasierten von unter Verschluss gehaltenen Erkenntnissen über eine außerirdische Hochkultur. Und selbst Nasa-Mitarbeiter befeuerten die Legende noch, indem sie die Pyramidenstrukturen "Inkastadt" tauften.

Sehnsucht nach dem Unerklärlichen

Wie im Fall der 23 widerstand der Marsgesicht-Mythos jeglichen Aufklärungsversuchen: Selbst nachdem 2001 auf hochauflösenden, neuen Aufnahmen des roten Planeten erkennbar wurde, dass es sich bei dem angeblichen Gesicht und den vermeintlichen Pyramiden lediglich um riesige erodierte Felsformationen handelte, war die Legende nicht mehr totzukriegen. In Kinofilmen, Fernsehserien, Computerspielen und selbst Songs wurde das Cydonia-Gesicht wieder und wieder erwähnt.

"Seit dem Zeitalter der Aufklärung ist die Welt immer rationaler geworden. Mythen und Religionen haben an Einfluss verloren", erklärt der Historiker Dieter Groh von der Universität Konstanz die Affinität zwischen Entertainment und Verschwörungstheorien: "Dadurch ist die Welt aber auch 'entzaubert' worden." Bei Gewitter erstarrt heute kein Mensch mehr ehrfürchtig vor dem Zorn des Blitze schleudernden Gottes Thor, er denkt nur noch an elektrostatische Entladungen, messbar in Ampere. Die Menschen verstehen immer mehr, sehnen sich aber zugleich nach dem Unerklärlichen. Und solchen Zauber bieten Verschwörungstheorien - genau wie ein spannender Kinofilm oder eine Mystery-Serie.

"I want to believe" - Ich will glauben. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet dieser Satz auf einem Plakat hinter dem Schreibtisch des wohl bekanntesten medialen Geheimnisjägers des ausgehenden 20. Jahrhunderts stand: In über 200 Episoden jagte in den neunziger Jahren FBI-Agent Fox Mulder in der Fernsehserie "Akte X" den unglaublichsten Fällen nach. Die Serie recycelte Verschwörungstheorien von Forschungsprojekten an Alien-Technologien in der militärischen Sperrzone "Area 51" über Entführungen durch Außerirdische bis hin zu verdeckten Menschenversuchen der US-Regierung - und zugleich uralte Mythen von Werwölfen und Vampiren über den mexikanischen "Chupacabra" bis hin zum Teufel selbst. Der Erfolg war enorm, und zahlreiche Nachahmer wie "MillenniuM", "X-Factor" oder "Supernatural" folgten.

Suche nach Schuldigen

Im Grunde leben Verschwörungstheorien von einem Paradox: Sie sollen ein Ereignis mit der Aura des Geheimnisvollen umgeben - und gleichzeitig eine Erklärung dafür liefern. Wann immer es für ein Drama der Weltgeschichte kein offenkundiges Warum gibt, sind sofort Verschwörungstheoretiker zur Stelle, um die Lücke kreativ zu füllen: Das Attentat auf John F. Kennedy? Ein Komplott der Mafia unter Mitwirkung von CIA, Fidel Castro und US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson. Der Unfalltod von Prinzessin Diana? Ein Mordanschlag im Auftrag der britischen Königsfamilie. Die Terroranschläge vom 11. September? Ein Komplott der US-Regierung, um den Irak-Krieg zu legitimieren.

"Verschwörungstheorien sind ein Instrument zur Komplexitätsreduktion", sagt Historiker Groh, der sich jahrelang mit dem Phänomen beschäftigt hat. "Sie sind der intellektuelle Strohhalm, nach dem Menschen in einer unüberschaubar gewordenen Welt greifen, um einfache Erklärungen für das zu bekommen, was um sie herum passiert."