Intersexualität im Sport Männer, die Olympiasiegerinnen wurden

Ist das wirklich eine Frau? In Rio tritt eine Athletin an, die verdächtigt wird, ein Mann zu sein. Das ist kein Novum: Erik Schinegger gewann 1966 als Erika eine Goldmedaille - und hatte als Erster den Mut, das Schweigen zu brechen. Von Christoph Gunkel
Hochspringerin Dora Ratjen

Hochspringerin Dora Ratjen

Foto: Das Bundesarchiv

Es war keine gut gemeinte Bitte. Sondern der billige Versuch, sie loszuwerden, ohne selbst in einen Skandal gezogen zu werden. So zumindest empfand es Erika Schinegger, als man ihr 1967 sagte: "Erika, unterschreib diese Erklärung hier. Dass du aus 'persönlichen Gründen' aus der österreichischen Nationalmannschaft zurücktrittst. Und dann verschwinde drei Wochen in den Urlaub, danach spricht kein Mensch mehr darüber. Wir zahlen dir die Tickets."

"Wir", das war der ÖSV, der Österreichische Skiverband. Und "darüber", das waren die Folgen eines Tests zur Geschlechtsüberprüfung, der Erika Schineggers Welt 1967 jäh zusammenbrechen ließ: Denn der neu eingeführte Test, obligatorisch für alle Spitzensportler, hatte ergeben, dass die Ski-Abfahrtsweltmeisterin von 1966 das männliche Chromosomenpaar XY aufwies.

Dass ihr Geschlecht zumindest nicht eindeutig war. Dass sie genetisch gesehen ein Mann war, ohne es geahnt zu haben.

Es war das Ende ihres Traums vom Olympiagold 1968. Das frühe Aus ihrer Karriere als Profisportlerin. Dazu: Schweigen, verordnet vom Präsident des ÖSV.

Aus Erika ist nach vier Operationen längst Erik Schinegger geworden, inzwischen 68 Jahre alt, Vater einer Tochter, dreifacher Großvater. 50 Jahre ist es nun her, dass Erika Schinegger Österreichs einzige Goldmedaille bei der Ski-WM in Chile gewonnen hat. Ein paar Monate später dann der erzwungene Rücktritt. Wenn Schinegger heute davon erzählt, bebt seine Stimme. Die Wut hat ein halbes Jahrhundert überdauert.

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Olympia: Männer in Frauenwettbewerben

Foto: Keystone/ Getty Images

"Ich habe dem ÖSV damals gesagt: Ich habe doch nichts verbrochen", sagt er SPIEGEL ONLINE. Darauf angesprochen, ist er kaum zu bremsen: "Ich wollte mich nicht verstecken! Ich wollte nur Ski fahren. Und endlich wissen, was mit meinem Körper los ist!"

Die Flugtickets wies Erika Schinegger damals brüsk ab. Gewünscht hätte sie sich stattdessen psychologische Hilfe. "Ich war damals 19, und der ÖSV hat mich ganz allein mit meinen Problemen gelassen. Ich will niemandem etwas unterstellen. Aber wenn jemand labil ist, begeht er Dummheiten. Das geht ganz, ganz schnell."

Das Leben, plötzlich egal

So war es auch bei ihr. Sie war wütend und verwirrt, und so fuhr sie im Januar 1968 auch Auto: absichtlich zu schnell, absichtlich zu aggressiv. Auf eisglatter Straße geriet ihr Wagen ins Schleudern und durchbrach einen Zaun. Schinegger stieg aus dem zerbeulten Pkw, nur äußerlich unverletzt. Denn in ihr tobte immer noch ein Krieg, der sich um diese eine Frage drehte: Wer bin ich? Noch Erika, die umjubelte Volksheldin? Oder schon Erik, ein Niemand, den die Presse zerreißen wird?

Mann oder Frau: Nicht immer ist diese scheinbar so einfache Frage eindeutig zu beantworten. Genau das hat den Sport seit Jahrzehnten vor fast unlösbare Probleme gestellt. Schinegger etwa war ein Pseudohermaphrodit, ein Mensch mit äußerlich weiblichen Geschlechtsmerkmalen, aber männlichem Chromosomenpaar. Der Penis war nach innen gestülpt, die Hoden versteckten sich im Bauchraum und produzierten Testosteron.

Ähnlich scheint der Fall der polnischen Weltklassesprinterin Stanislawa Walasiewicz gewesen zu sein, die 1932 Gold über 100 Meter gewann. Die männlichen Geschlechtsorgane wurden erst zufällig bei ihrer Obduktion entdeckt; die Sportlerin war 1980 erschossen worden.

Stanislawa Walasiewicz (l.) beim Training

Stanislawa Walasiewicz (l.) beim Training

Foto: Keystone/ Getty Images

Walasiewicz gilt als der erste dokumentierte Fall eines intersexuellen Sportlers. Es folgten etliche weitere, die sich aber biologisch oft stark voneinander unterschieden. Nur die Folgen für die Betroffenen waren ähnlich: Die Sportlerinnen, geschockt von ihrer meist ungeahnten Anomalie, wurden beschimpft, gemieden, stigmatisiert.

Eine Frau, aber "nicht zu 100 Prozent"

Wenn also die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya am Mittwoch mit großer Wahrscheinlichkeit Gold in Rio holen wird, dürfte die Debatte über Intersexualität im Sport neu entbrennen - und eine hässliche Frage wieder auftauchen: Ist Semenya zu schnell für eine Frau?

2009 hatte sie bei der WM in Berlin die Konkurrenz deklassiert und die 800 Meter mit zwei Sekunden Vorsprung gewonnen. Danach spekulierten Zeitungen, ob sie überhaupt Eierstöcke und Gebärmutter besäße. Selbst der Generalsekretär des Leichtathletik-Weltverbandes sagte wenig einfühlsam: "Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent."

Südfrikas Mittelstreckenläuferin Caster Semenya

Südfrikas Mittelstreckenläuferin Caster Semenya

Foto: LUCY NICHOLSON/ REUTERS

Diese Eindeutigkeit aber ist eine Illusion, auch wenn sie gerade der Sport mit seinem Streben nach klar getrennten Leistungsklassen so sehr einfordert. Allein in Deutschland dürfte es Zehntausende Männer geben, die neben dem XY-Chromosomenpaar ein weiteres X-Chromosom aufweisen. Daneben hat die Natur noch seltenere Varianten hervorgebracht, etwa XYY, XXYY oder XXXY. Und dann gibt es Menschen, deren Chromsomensatz zwar männlich ist, die aber kaum das "männliche" Sexualhormon Testosteron produzieren - und umgekehrt Frauen mit hohen Testosteronwerten. So soll es bei Semenya sein.

Noch komplizierter wird alles dadurch, dass das Testosteron nicht in jedem Fall nachweislich leistungsfördernd wirkt. Das führte nach einer langen Kontroverse dazu, dass Semenya in Rio starten darf, ohne ihren Testosteronspiegel, etwa durch eine Antihormontherapie, künstlich senken zu müssen; das war bei den Spielen 2012 noch Startbedingung gewesen.

Woran also hält man sich bei der Frage, wann eine Frau eine Frau ist? Schon in der Vergangenheit haben die Sportverbände darauf keine vernünftige Antwort gefunden.

Demütigende Untersuchungen

Anfangs prüften sie das Geschlecht einfach gar nicht. Damit erleichterten sie aber womöglich Betrug. Als der Sport im Kalten Krieg zum Wettkampf der Ideologien wurde, gab es immer wieder böse Gerüchte über maskulin aussehende Athletinnen aus dem Ostblock.

Also wurde bei der Leichtathletik-EM 1966 eine neue Methode erprobt, die aber entwürdigender nicht hätte sein können: Die Athletinnen mussten sich vor einer Kommission nackt begutachten lassen: Vagina da? Kein Penis aufzufinden?

Nach scharfen Protesten setzten die internationalen Verbände ab 1967 auf weniger aufdringliche genetische Tests, die aber unsicher waren. So wurde der spanischen Hürdenläuferin Maria José Martinez-Patino 1983 bestätigt, dass sie weiblich sei - bis ein weiterer Test 1985 das Gegenteil belegte. Hormonell aber hatte sie eine Androgeninsensitivität - ihr Körper reagierte kaum auf Testosteron. Trotzdem wurde sie gesperrt. Der spanische Verband erkannte ihr alle Titel ab.

Alles verloren

"Ich verlor Freunde, meine Verlobten, Hoffnung und Kraft", erinnert sich Martinez-Patino später. "Aber ich spürte, dass ich eine Frau war und mir meine genetische Anomalie keinen körperlichen Vorteil verschafft. Und ich konnte kaum so tun, als ob ich Mann wäre: Ich habe Brüste und eine Vagina." Nach zweijährigem Rechtsstreit wurde sie rehabilitiert.

Es waren solche Fälle, die die Weltverbände bewogen, die umstrittenen Geschlechtstests nach Olympia 1996 gänzlich einzustellen. Der Umgang mit intersexuellen Sportlern aber blieb ungelöst.

Erik Schinegger hingegen ist heute froh, dass er seine wahre sexuelle Identität durch einen solchen Test entdeckte, auch wenn der Weg danach für ihn "brutal" werden sollte, wie er sagt. Dass er ein Mann war, habe er nie geahnt: "Ich wusste nur, dass etwas anders war und ich gewisse Defizite hatte."

Selbstsicher nur als Sportlerin

Da waren die Brüste, die nicht wuchsen. Die Monatsblutung, die noch mit 17 ausblieb. Darüber zu reden: unmöglich in einem erzkatholischen Kärntner Dorf wie Agsdorf, in dem Erika Schinegger aufwuchs. Also gab sie vor, alles sei gut. "In Wahrheit war ich ein sehr trauriger Mensch. Ich hätte auch gern so hübsch ausgesehen wie meine Freundinnen oder wäre mit einem Freund ausgegangen." Stattdessen fühlte sie sich zu Frauen hingezogen. "Ich dachte, vielleicht bin ich lesbisch." Noch ein Tabu, über das sie nicht reden konnte.

Also stürzte sie sich in das, was sie am besten konnte: Skifahren. Schon mit 17 fuhr Schinegger in der Nationalmannschaft, ein Jahr später dann der WM-Triumph. Sie aber blieb zwiegespalten: "Sobald ich meine Skikleidung trug, fühlte ich mich stark. In meiner privaten Kleidung war ich schwach."

Erika Schinegger (M.) nach ihrem Goldmedaillengewinn 1966

Erika Schinegger (M.) nach ihrem Goldmedaillengewinn 1966

Foto: ARCHIVES/ AFP

Und doch schaffte es Schinegger, das verordnete Schweigen zu brechen. Ihre Mutter hatte ihr dringend abgeraten, sich umwandeln zu lassen. Der Vater fürchtete eine "Schande für die Familie". Und der österreichische Skiverband war entsetzt. Dennoch gab Schinegger im Juni 1968 eine Pressekonferenz, in der er sich als Erik vorstellte - und seine Geschichte erstmals erzählte.

"Ein Fluch"

Danach brach ein Sturm über ihn herein. "Erst Erika, dann Erik, das blieb ein Fluch." Zwar durfte er angesichts guter Leistungen fortan im Nationalkader der Männer trainieren; doch dort sei er gemieden und schließlich systematisch herausgedrängt worden.

Und so blieb Erik Schineggers größter Triumph, dass er trotz aller Tuscheleien und schiefen Blicke die Kraft fand, in seinem Kärntner Heimatdorf zu bleiben, dort zu heiraten - und nebenbei eine der erfolgreichsten Kinderskischulen des Landes aufzubauen.

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