Erinnern an der Ersten Weltkrieg Besuch in der Hölle

Fotograf Jacques Grison wuchs in Verdun auf - als Junge spielte er auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs mit seinen Kumpels Krieg. Zum Jahrestag des Waffenstillstands 1918 hat er den Schrecken des Ortes in einem Video dokumentiert.
Das Grab eines französischen Soldaten in Verdun

Das Grab eines französischen Soldaten in Verdun

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

"Peng, Du bist tot!" - "Nein, ich bin nicht tot!" Auch ich habe Krieg gespielt als Kind. Mit meinen Freunden Pascal und Omar trieb ich mich in den Resten der Festung Saint-Michel herum. Meine Mutter wusste nichts davon. Sie hätte mich ausgeschimpft, denn es war verboten, dort zu spielen. Die Wunden und Brandzeichen des Ersten Weltkrieges sind hier mit bloßem Auge erkennbar.

Ich bin in Verdun geboren und aufgewachsen, und ich spielte auf den Schlachtfeldern eines Krieges, der mir endlos weit weg schien. Und doch hat einer meiner Großväter hier gekämpft, der andere ein bisschen weiter im Norden. Beide sind mit dem Leben davon gekommen, um dann, wie fast alle "Poilus" (französische Soldaten, Anm. d. Red.), kein Wort mehr über den Krieg zu verlieren.

Eines der wenigen Male, anlässlich meines 15. Geburtstags, an denen Maurice, mein Großvater mütterlicherseits, von Verdun sprach, schenkte er mir sein Artillerieabzeichen. Sein bester Freund fiel neben ihm, niedergemäht durch ein Schrapnell. Von seinem 61. Artillerieregiment blieb nur er übrig.

Die Schlacht um Verdun dauerte 300 Tage, 300 Nächte und forderte 300.000 Menschenleben.

Eine Art Wallfahrt

Vor etwas mehr als zehn Jahren kam ich nach Verdun zurück, um den Ort einigen Freunden zu zeigen. Es war im Winter. Die Landschaft war mit Raureif bedeckt. Es wehte. Die alten Buchen schienen zu ächzen und zu stöhnen wie die Verwundeten in der Nacht, die mir Maurice Genevoix beschrieben hatte.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass dort, wo ich einst sorglos spielte, meine Großväter schlimmste Qualen erlitten hatten. Seitdem komme ich oft hierher, um zu fühlen und zu begreifen. Vielleicht eine Art Wallfahrt, auf jeden Fall die Erinnerungsarbeit eines Einzelgängers.

Ich dringe in Wälder vor, die sonst nur Förster zu sehen bekommen. Ich erwarte den Sonnenaufgang auf dem Kamm der "Eparges". Im Sommer ist es hier fast lieblich. Doch die Minenkrater erinnern an die unvorstellbare Gewalt der Kämpfe, die hier stattgefunden haben. Tausende von Toten, um ein paar Meter vorzurücken.

Die Hölle.

Stahlbeschichtete Erde

Eine Landschaft geformt durch den Krieg. Zerklüftet, zermahlen, zerpflügt von Millionen und Abermillionen von Geschossen. An manchen Stellen vier Tonnen pro Quadratmeter. Stahlbeschichtete Erde.

Man hat Mühe, sich das Nicht-Sichtbare vorzustellen. Die Kälte oder die Hitze, den Schlamm, das Ungeziefer, die Explosionen, die Einschläge, den Qualm, den furchtbaren Anblick eines zerfetzten Kameraden. Ich erinnere mich, dass mein Großvater Maurice erzählte, dass man nicht im Schützengraben am sichersten war, sondern im Krater des jeweils zuletzt niedergegangenen Geschosses. Denn Einschläge hintereinander am selben Ort sind selten.

In dieser Höllenlandschaft sind die wenigen noch stehenden Bäume die letzten Zeugen des Krieges. Es gibt Bäume, deren Wunden noch offen liegen. Die Eichen bluten blau, eine chemische Reaktion des Baumgerbstoffes mit dem Stahl der Geschosse. Man sieht Bäume mit eingeschlagenen Krampen, die früher als Beobachtungsposten dienten. Oder an einigen Orten Kerzenbäume: Das sind geköpfte Bäume, die nicht mehr weiterwuchsen. Sie sind tot.

In den Tunnellöchern der Deutschen

Wenn man in dieser Landschaft steht, fragt man sich, wie all diese Männer es geschafft haben, nicht verrückt zu werden.

Der Krieg ist immer noch da, 90 Jahre später. Ich bin in die Tunnellöcher der Deutschen gestiegen, wo die Männer sich wie Maulwürfe eingruben, um sich zu schützen - ein bisschen wie in einer Höhle. Ich fand Schaufeln, einen Schubkarren, eine Axt - ganz, als hätte jemand gerade eben erst diesen Ort verlassen.

Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Um nicht im Wasser zu schlafen, wickelten die Männer sich in Zeltbahnen. Viele Kameraden kamen in sehr schlechtem Zustand zurück, verwundet. Oder gar nicht.

Hackfleisch aus den Boches machen

Im August 1914 wurde die männliche Landbevölkerung aus allen Teilen Frankreichs in die Forts hier in der Gegend herantransportiert, in der Überzeugung, dass sie aus den "Boches" im Laufe des Sommers schnellstens Hackfleisch machen würden. Sie hausten in Befestigungsanlagen mit allem Komfort, Elektrizität, Heizung, fließendem Wasser. Es gab Fleisch zu essen, man trank einen guten Tropfen. Sie hatten keine Ahnung, was für ein Gemetzel sie erwartete.

Im Gang, der nach draußen in die Schlacht führte, erscheinen mir die Soldaten. Den Kopf in den Händen, mit ihrer Ausrüstung bepackt warten sie auf den Befehl, an die Front zu marschieren. Etwas weiter, um einen Bombentrichter herum, fand ich persönliche Gegenstände einiger Soldaten. Ruhten sie sich aus, spielten sie Karten, aßen sie etwas, als das Geschoss einschlug? Ich sehe sie deutlich vor mir.

Und doch gab es in all dem Leben. Hinter der Front bauten die Deutschen Häuser mit Blumenkästen. Es gab Offiziersmessen, Bars, Theater. Jedes Regiment hatte sein personalisiertes Porzellan, seine Bierkrüge. Die Moral der Truppe wollte schließlich hochgehalten werden.

Ganze Dörfer, "gefallen für Frankreich"

Man findet auch die Ruinen einiger Dörfer. Offiziell tragen neun Ortschaften den Ehrentitel "Gefallen für Frankreich", wie das Dorf Ornes mit seiner geköpften Kirche. Überall Narben und Wunden. Spuren der Bombeneinschläge, zerbröckelnder Putz oder Moos malen Gesichter auf die Wände. Ich sehe sie.

Es ist nicht meine Geschichte, aber doch fühle ich, dass Menschen anwesend sind. Die Generation meiner Urgroßväter, die meiner Großväter und meines Vaters haben hier gekämpft. Mir wird klar, dass ich der ersten Generation seit 100 Jahren angehöre, die hier keinen Krieg erlebt hat. Meine Generation und die Darauffolgenden sind die ersten, die in Frieden leben.

In kindlicher Unschuld, die Krieg nur als Spiel kennt.