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Ernest Hemingway: Ein Mann der Wildnis

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Ernest Hemingway Auf Leben und Tod

Er sammelte deutsche Handgranaten in der Badewanne und war jederzeit bereit, dem Tod zu begegnen – aber nur, wenn es ein gutes Bild davon gab: Vor 60 Jahren erschoss sich der Schriftsteller Ernest Hemingway.
Von Steffen Kopetzky

Die Methode, mit der Ernest Hemingway seinem Leben ein Ende setzte, war unfehlbar, selbst für einen Menschen mit einem Zittern, unter dem zum Beispiel Boxer im Alter leiden. Amerikas berühmtester Autor stellte am 2. Juli 1961 den Kolben eines Gewehrs auf den Boden und presste seine Stirn auf den Doppellauf.

Sein Freund Orson Welles war überzeugt: Hemingway entschied sich dazu wegen seiner schlechten körperlichen Verfassung. Er habe schließlich den Nobelpreis bekommen, warum hätte Hem Depressionen haben sollen? Es sei die Physis, die nicht mehr mitgemacht habe.

Schon seine Gönnerin Gertrude Stein, deren Pariser Salon er in den Zwanzigerjahren wesentliche Impulse für sein Schreiben verdankte, hatte Hemingways Empfindlichkeit festgestellt: Egal was er unternehme, beständig verletze er sich. Und dennoch suche er immer wieder Boxkämpfe, Großwildjagden und Kriegsschauplätze auf.

Im Laufe seines beinah 62-jährigen Lebens war Ernest Hemingway tatsächlich vielfach verwundet worden. Er hatte etliche Autounfälle und Flugzeugabstürze überlebt, sich dabei mehrere Kopfverletzungen zugezogen – starkes Kopfweh war seine ständige Folter. Jahrzehntelang war er überdies schwerer Trinker. Als ihn seine vierte Frau Mary Welsh Ende Juni 1961 wieder einmal aus dem Krankenhaus abholte, muss er buchstäblich am Ende seiner Kraft gewesen sein.

Der spanische Schock

Sein Herz aber war schon lange zuvor gebrochen – im Spanischen Bürgerkrieg. Dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung durch den rechten General Franco hatte die gesamte freie Welt, allen voran die angloamerikanische, fast tatenlos zugesehen. Auch die Sowjets ließen Spanien im Stich, nachdem sie dessen Goldschatz vereinnahmt und als Gegenleistung für Waffenlieferungen nach Moskau transportiert hatten. Mussolini und Hitler konnten sich die Hände reiben.

Hemingway, auf Podien eher schüchtern, hatte auf zahllosen prorepublikanischen Veranstaltungen gesprochen, sogar einen Propagandafilm finanziert (»Spanish Earth«). Doch damit stimmte er weder die US-Regierung um, noch bewahrte er die Spanische Republik vor dem Untergang – dafür brachte ihn dieses Engagement ins Visier des FBI-Chefs J. Edgar Hoover. Hemingways Akte wuchs auf weit über hundert Seiten. »Amerikanische Gestapo« nannte er die Bundespolizei.

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Dieses Versagen seines eigenen Landes war der größte politische Schock für Hemingway. Mit seiner dritten Ehefrau Martha Gellhorn, einer engagierten Kriegsreporterin, war er in Spanien gewesen, zog sich nach Kuba zurück und schrieb seinen Roman einer totalen Desillusionierung: »Wem die Stunde schlägt«, 1940 sogleich ein großer Erfolg. Die Verfilmung mit Gary Cooper und Ingrid Bergman sollte Hemingways Ruhm noch mehren.

Im Roman warnt einer der Partisanen den amerikanischen Helden Robert Jordan, dass auch in den USA die Faschisten die Macht übernehmen könnten, sobald es den Reichen an ihr Geld ginge. Dann werden wir eben gegen sie kämpfen, antwortet Jordan. Ob es denn viele Faschisten in Amerika gebe, fragt der Guerillero. »Es gibt viele, die nicht wissen, dass sie Faschisten sind, und die das herausfinden werden, wenn die Zeit gekommen ist.« Nicht wenige sahen in dieser und anderen Passagen ein klares Bekenntnis zu einem umstrittenen Theoretiker und Schriftsteller – dem von Mexiko aus agierenden Leo Trotzki, der auch in Hollywood viele Anhänger hatte.

Geeiste Daiquiris ab 15 Uhr

In Kuba steckt Hemingway in einer tiefen Krise. Ohne seine von einem Kriegsschauplatz zum nächsten reisende Martha Gellhorn war er allein. Ein Mann ohne Frau. Hemingways größte Horrorvorstellung.

Zwar tippte er jeden Morgen wie gewohnt seine 300 bis 400 Wörter, zog aber nach dem Mittagessen los, um Pelota-Spiele anzusehen. Die Geschichte ist bekannt: geeiste Daiquiris ab 15 Uhr – davon zehrt der touristische Mythos Havannas bis heute.

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Ernest Hemingway: Ein Mann der Wildnis

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Mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour 1941 und dem folgenden Kriegseintritt der USA drängte ihn Martha Gellhorn, die Sauferei zu lassen und »in den Krieg zu kommen«. Der Krieg war ihr Metier. Nun sollte der Alte sich endlich aufraffen. Reisen. Beobachten. Schreiben.

Aber Hemingway hatte einen guten Draht zum US-Botschafter. Er erhielt den Geheimauftrag für den Nachrichtendienst der Navy, rund um Kuba nach deutschen U-Booten Ausschau zu halten. Mit seiner Mannschaft aus teils auch zwielichtigen Saufkumpanen plante er, dann eines im Stile karibischer Piraten zu kapern. Es kam zu keinem derartigen Feindkontakt, und je näher die Invasion in Europa rückte, desto klarer wurde Hemingway, dass er Kuba verlassen musste.

Handgranaten in der Badewanne

Anfang 1944 nahm er das Angebot an, als Korrespondent des Magazins »Collier's« nach Europa zu gehen, ohne Rücksicht darauf, dass dieses Engagement eigentlich für seine Frau vorgesehen war – was Martha tief verletzte. Der Todesstoß für ihre kriselnde Ehe. Doch die Perspektive, an der Front zu alter Form auflaufen zu können oder einen schönen Tod zu sterben, einen Heldentod, war dem 43-Jährigen wichtiger. Es ging um sein Werk. Er plante ein amerikanisches »Krieg und Frieden«: einen Roman, den die ganze Welt nach dem amerikanischen Sieg lesen würde.

Im London verbrachte er seine Nächte auf Cocktailpartys, überstand einen Autounfall mit schwerer Gehirnerschütterung und lernte seine nächste Ehefrau kennen – Mary Welsh, der er bei ihrer ersten Begegnung sagte, dass er sie heiraten werde. Doch zuerst musste er losziehen: in den Krieg. Hemingway war zurück.

Später deutete er in einigen Briefen an, er habe in den Monaten des Vormarsches in Frankreich Deutsche getötet, angeblich weit über hundert – es war eine für ihn typische Selbstüberhöhung. Dennoch waren seine Aktivitäten für einen Kriegskorrespondenten sehr ungewöhnlich: An der Spitze einer Gruppe kommunistischer Résistance-Kämpfer befreite er tatsächlich das Städtchen Rambouillet westlich von Paris und hielt es bis zur Ankunft regulärer Truppen besetzt.

»Ich will heiraten, also muss ich mich vorher scheiden lassen, also muss ich jetzt so viel Geld ausgeben wie möglich.«

Er trug Waffen, sammelte deutsche Handgranaten in seiner Badewanne und verstieß gegen so ziemlich jede Regel für Kriegskorrespondenten. Im befreiten Paris schmiss er in der Bar des Nobelhotels Ritz eine Party nach der anderen: »Ich will heiraten, also muss ich mich vorher scheiden lassen, also muss ich jetzt so viel Geld ausgeben wie möglich.« Das tat er. Und er bezahlte bar.

Im Oktober 1944 musste er sich wegen seiner Regelverstöße einer Befragung durch einen Militärstaatsanwalt stellen, leugnete konsequent alles und kam – mit Deckung der obersten Militärführung – ungeschoren davon. Indes war sein bis dahin gesammeltes Material nun wertlos: Wie hätte er von seinen Taten als Anführer schreiben können, wenn er zuvor vor dem Staatsanwalt unter Eid bestritten hatte, eine Waffe auch nur von Weitem gesehen zu haben? So oder so hätte er als Lügner dagestanden.

Auch schwanden seine Kräfte zusehends. Übergewichtig, kurzatmig, mit permanentem Kopfschmerz sah er des Öfteren doppelt, die Trinkerei machte es nicht besser. Seinen Freund, den Fotografen Robert Capa, beschwor er, nur ja ein gutes Foto von ihm zu machen, sollte er getötet werden. Hemingway fürchtete nicht den Tod – sondern die Vorstellung, kein gutes Bild dabei abzugeben. Ein radikaler Künstler, der sein Leben seinem Werk unterordnete und noch den eigenen Tod als mediales Ereignis plante.

Doch keine der Milliarden von Kugeln, die 1944 durch die Luft schwirrten, war für ihn bestimmt. So wurde der Schriftsteller Zeuge, wie die Kampagne der Alliierten ins Stocken geriet. In einem Gebiet an der Siegfriedlinie, in der Nordeifel südlich von Aachen, stießen die Truppen auf enormen Widerstand. Die US-Generäle tauften das Gebiet nach dem Dorf Hürtgen: Huertgen Forest. Der Hürtgenwald ist eine amerikanische Wortschöpfung.

Der Hürtgenwald, eine winterliche Hölle

Ohne Ortskenntnis, mit fehlerhaften Karten und »grünen«, unerfahrenen jungen Soldaten, nahm das größte Desaster in der Geschichte der US-Armee seinen Lauf. Hemingway erkannte mit Grauen, was das von den Generälen unerbittlich vorangetriebene Gemetzel im winterlichen Wald für Amerika war: die Bluttaufe der kommenden Supermacht, die um jeden Preis mit der Sowjetunion mithalten würde, auch darin, die Leben ihrer Soldaten zu opfern. Der Hürtgenwald hieß bald schon The Death Factory.

Man muss Hemingways Erfahrungen im Hürtgenwald kennen, um zu verstehen, dass diese Schlacht der »Große Fisch« war, an dem der Stoff-Angler gewissermaßen scheitern musste. Seine ambivalente Faszination organisierter Gewalt (Boxen, Stierkampf, Krieg), durch die der Einzelne geht, um daran menschlich zu reifen, hatte sich in den Albtraum einer Massenschlächterei verwandelt. Das konnte man in keinen Roman mehr fassen, dazu war das Geschehen zu ungeheuerlich.

Dieses persönliche, aber auch erkenntnisreiche Scheitern am Hürtgenwald-Stoff verarbeitete er in »Über den Fluss und in die Wälder« (1950). Hemingway gelang es, daraus einen ehrlichen, pessimistischen, manchmal etwas merkwürdigen Roman um einen degradierten General und seine letzte Liebe zu machen. »Ein guter alter Dorfhund, dem es dämmert, dass er bald sterben wird, verlässt seinen Hof und geht in den Wald, um dort in Stille und unsichtbar für seine Herren zu krepieren«, so beschreibt der Schriftsteller und Essayist Artur Becker den Stoff sehr treffend.

Den ganz großen Fisch an der Angel

Die eigentliche Erfahrung der Niederlage transformierte Hemingway in seinem Meisterwerk »Der alte Mann und das Meer« (1952) – zweifellos einer der universalen literarischen Texte der Moderne, bis heute auf der ganzen Welt gelesen. Der Hürtgenwald war der große Stoff, der große Fisch gewesen, von dem er geträumt hatte, aber er hatte es nicht vermocht, ihn nach Hause zu bringen. Aus der Geschichte des eigenen Scheiterns einen großartigen Text zu machen, der noch einmal alles versammelt, was das Gesamtwerk auszeichnet: Welch ein Triumph des Künstlers als vorzeitig gealtertem Mann!

Hemingway hat ein gigantisches literarisches Werk hinterlassen, dazu eine beeindruckende Korrespondenz. Als er im Juni 1961 selbst im Krankenhaus war, schrieb er einen seiner letzten Briefe einem neunjährigen Herzpatienten namens Fritz:

»Lieber Fritz, es hat mir furchtbar leidgetan, heute Morgen aus einem Brief Deines Vaters zu erfahren, dass Du noch ein paar Tage in Denver im Bett liegen bleiben musst.« Nach schönen Landschaftsbildern (»Ich sah im Fluss ein paar gute Barsche springen«) endete der Brief mit einer Einladung zum Angeln. »Alles Gute für Dich, alter Hase, von Deinem guten Freund, der Dich sehr vermisst – Mister Papa.«

Eines der letzten Fotos: Hemingway (l.) im Juni 1961

Eines der letzten Fotos: Hemingway (l.) im Juni 1961

Foto: James Rynearson / Getty Images

Zwei Wochen später stand Hemingway an einem Sonntagmorgen auf, holte eines seiner Gewehre aus dem Keller und schoss sich im Foyer seines Hauses die Schädeldecke weg.

Seine vierte Frau Mary blieb bis zu ihrem Tod 1986 dort wohnen. Das wunderschöne Haus in Ketchum, Idaho, das in vielem an eine Jagdhütte erinnert, ist heute ein Museum. Ein Teil des umliegenden Nationalparks wurde in Gedenken an den Schriftsteller und sein Ende »Hemingways Wildnis« getauft.

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