Der Urschleim, ein Wissenschaftsirrtum Als Glibber kurz Gott spielen durfte

Am Anfang war der Schleim. Der Biologe Ernst Haeckel war vor 150 Jahren überzeugt, alles Leben entsprieße einem ominösen "Urschleim" am Meeresgrund. Doch die Idee vom allwaltenden Blob entpuppte sich als Flop.

Artokoloro/ imago images

Von Susanne Wedlich


Die Frage ist fundamental und bis heute nicht vollständig geklärt: Wenn es am Anfang keinen göttlichen Fingerzeig gab - wie nahm dann das Leben seinen Anfang aus toter Materie? Wie also sind urtümliche, primitive Lebensformen entstanden und daraus die Tiere und die Menschen?

Ernst Haeckel, Deutschlands wichtigster Vertreter der frühen Evolutionsbiologie, wagte sich vor gut 150 Jahren weit vor - und verbreitete die Theorie vom Urschleim als Lebensspender: Demnach sollte ein sachte pulsierender Glibber den Meeresboden weitgehend bedecken und unablässig neues Leben hervorbringen.

Heute mag das absurd klingen, ist aber im Rückblick ein besonders interessantes und kurioses Stück Wissenschaftsgeschichte. Die Idee knüpfte an die reiche Überlieferung der Urzeugung an, die schon im alten Ägypten erklären sollte, warum verrottendes Fleisch plötzlich von Maden wimmelt und Fliegenschwaden aus faulenden Früchten aufsteigen. Schleim, Schlamm und anderer Unrat brachten demnach niederes Getier vom Floh bis zur Maus hervor.

Das Konzept konnte sich erstaunlicherweise bis über das 19. Jahrhundert hinaus halten, nur der Katalog der urgezeugten Arten wechselte nach Bedarf. Und als eine Erklärung für die nachsintflutliche Besiedlung der Erde gesucht wurde, musste sich selbst der Mensch diesen unwürdigen Ursprung zuschreiben lassen - wenn auch nur vorübergehend.

Haeckel sogleich zur Seite sprang der britische Biologe Thomas Huxley, bekannt als "Charles Darwins Bulldogge" - weil er die Evolutionstheorie gar so verbissen gegen jede Kritik verteidigte. Doch er konnte auch zaghaft. Über den Urschleim schrieb er 1868 an Ernst Haeckel: "Ich habe es Bathybius Haeckelii getauft und hoffe, du wirst dich deines Patenkindes nicht schämen."

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Entstehung des Lebens: Der Urschleim - eine Schnapsidee

Die Sorge erwies sich als unbegründet, Bathybius war schließlich ein Wunschkind. "Ich bin natürlich ganz besonders erfreut über 'Bathybius Haeckelii' und sehr stolz, der Pate bei seiner Taufe zu sein", kam postwendend die Antwort nach London.

Ernst Haeckel, geboren 1834, war ein geachteter Multigelehrter, in Würzburg und Jena als Mediziner, Zoologe, Biologe, Philosoph aktiv - und zudem auch als Zeichner. Bekannt wurde er vor allem durch seine "Kunstformen der Natur", unerreicht elegante Abbildungen von Einzellern, Quallen, Seeanemonen und anderem Getier. So einflussreich war diese Ästhetik, dass sogar der Jugendstil Anleihen an den graziösen Linien nahm.

Die Eroberung der Tiefsee

Doch Haeckel ging es nicht allein um die Schönheit der Organismen, sondern ebenso um ihre Stellung in der Natur. Er wollte die Entwicklung des Lebens entschlüsseln. Denn dank der Evolutionstheorie, die Charles Darwin 1858 publiziert hatte, galten die Arten nicht länger als unveränderlich vom biblischen Gott geschaffen. Vielmehr war nun klar, dass sie entstehen, sich entwickeln und wieder untergehen können. Seitdem und bis heute lässt sich wunderbar darüber diskutieren und streiten, wie der Stammbaum des Lebens im Detail aufgebaut ist.

Einem Dauerbrenner der Wissenschaft verpasste Haeckel mit seiner Überzeugung von der ozeanischen Pampe als Basis des Lebens ein evolutionäres Update. Einen Haken aber gab es: Vom Ruderboot aus ließ sich der Urschleim am Meeresboden kaum mit dem Fangnetz erhaschen.

Zu Haeckels Glück bahnte sich eine technische Revolution an - statt Nachrichten zwischen Amerika und Europa wochenlang per Schiff zu transportieren, sollte fortan telegrafiert werden. Samuel Morse lieferte die Technik. Dafür mussten allerdings erst unterseeische Kabel verlegt werden.

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15.12.2019, 05:55 Uhr
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Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
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Es war ein ungeheuer komplexes Unterfangen und zog sich über Jahrzehnte mit zahlreichen Fehlschlägen hin, bis endlich eine dauerhaft stabile Verbindung bestand. Die Erfolgsbasis legte die anfängliche Vermessung des Atlantikgrunds mit der Kartierung seiner Tiefe und Beschaffenheit. Das britische Schiff "HMS Cyclops" holte dafür eine Sedimentprobe nach der anderen ein.

Manche Proben waren für Thomas Huxley bestimmt. Der Biologe hatte sich von einem Offizier das Material für wissenschaftliche Analysen erbeten und genaue Instruktionen für die Konservierung gegeben. Reichlich Alkohol garantierte, dass die Proben wohlbehalten bei ihm eintrafen. Und Huxley erwartete eine Überraschung: Im konservierten Meerwasser schwebten Klumpen einer gelatinösen Masse, ähnlich wie Eiklar, in die kalkhaltige Fragmente eingebettet waren.

Kein Alkohol war keine Lösung

Heureka! Diese strukturlos transparente Matrix musste doch Haeckels Urschleim sein. Die Jagd war eröffnet, Naturforscher holten weitere Bathybius-Varianten aus der Tiefsee. Eine primitive Form aus arktischen Gewässern wurde sogar zum Vorfahren aller Urschleime erklärt, biologische Stammbäume waren ja ohnehin in Mode. Haeckel fühlte sich nunmehr auf ganzer Linie bestätigt, auch Huxley verschrieb sich der Sache mit Feuereifer. Nur der vorsichtige Darwin hielt sich bedeckt.

Wer von der lebendigen Natur der Blobs nicht so recht überzeugt war, musste sich vehement eines Besseren belehren lassen: Der Urschleim zeige Bewegung wie ein Organismus, tönten die stolzen Entdecker. Im Nachhinein darf man annehmen, dass das Phänomen besonders ausgeprägt war, wenn die wabbelige Gallerte auf einem schwankenden Schiff bei ordentlich Seegang betrachtet wurde.

Die Zweifler sollten recht behalten - der Theorie vom Urschleim war in der akademischen Welt nur ein kurzes Leben vergönnt.

Haeckels Pech war, dass neben den Kabellegern auch die Wissenschaft die Tiefsee eroberte. Das Forschungsschiff "HMS Challenger" erkundete von 1872 bis 1876 die Meere mitsamt ihren Bewohnern - und begründete so die Disziplin der Ozeanografie. Eine neue Unterwasserwelt tat sich auf, denn zur reichen Ausbeute gehörten auch zahllose fremdartige Geschöpfe. Nur einer machte sich rar: der Urschleim Bathybius, dessen Habitat und Vorkommen die "Challenger" entschlüsseln sollte.

Alle Proben kamen leer zurück an Bord. So blieb es jedoch nicht: Wurde das Material gemäß Huxleys Vorgaben in Alkohol konserviert, tauchte auch die altbekannte Gallerte wieder auf. Damit entpuppte sich der Urschleim als Artefakt der Präparation, genauer: als Kalziumsulfat, das in chemischer Reaktion mit dem Alkohol aus dem Meeresschlamm ausgefällt wurde.

Ein schleimiger Untoter

Es war ein harter Schlag für die Anhänger des Bathybius, der nicht nur als Ursprung des Lebens galt, sondern auch als primitivste Spezies und Nahrung in der dunklen, wider Erwarten besiedelten Tiefsee. Trotz dieser Enttäuschung ruderte Huxley sofort zurück: Er habe ihn getauft und gedacht, sein junger Freund Bathybius werde ihm Ehre machen - "aber es tut mir leid zu sagen, dass er im Lauf der Zeit das Versprechen nicht ganz erfüllen konnte".

Huxley entschuldigte sich auch, weil er doch unzweifelhaft in erster Linie für den Irrtum verantwortlich gewesen sei. Sein deutscher Kollege Haeckel dagegen zog sich deutlich weniger elegant aus der Affäre. Er keilte in blinder Liebe zum missgestalteten Spross nach allen Seiten aus: Die "Challenger"-Expedition? Erfolglos, weil Bathybius eben nicht überall zu finden sei. Professor Huxley? Er habe den Todesstoß versetzt. Das echtere Elternteil gebe sein Kind aber nicht so leicht als hoffnungslos auf, ätzte Haeckel.

Versuch und Irrtum gehören zum Wesen der Wissenschaft, und manchmal dauert es, bis ein ehrgeiziger Forscher einen Irrweg einsieht. Doch auch Haeckel konnte seinem Bathybius nicht ewig die Treue halten; wenige Jahre später wurde der schleimige Zombie endgültig zu Grabe getragen.

Huxleys Schleimprobe existiert nicht mehr. Dafür ist der "künstliche" Bathybius der "Challenger"-Expedition heute im Hunterian Museum im schottischen Glasgow zu sehen. Passend für einen Urschleim, der nur mehr als Echo der Wissenschaftsgeschichte nachklingt, hat sich die Gallerte aber längst als zarter weißer Schleier am Boden der Glasflasche abgesetzt (siehe Fotostrecke).

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Jaroszlav Kozinsky, 14.11.2019
1. Kohlenstoffspeicher
Im Text zum letzten Bild der Fotostrecke steht zum so genannten "Meeresschnee" (Niederschlag von organischer Materie im Ozeanwasser), ich zitiere: "Bringt der Klimawandel diese biologische Pumpe nun ins Stottern, könnte der Kohlenstoff vorzeitig freigesetzt werden und als Treibhausgas die Krise weiter befeuern." Mir erschließt sich der Zusammenhang nicht. Der relativ robuste Meeresschnee-Mechanismus (absinken von Partikeln) müsste doch auch unter veränderten Klimabedingungen weiter funktionieren.
Susanne Wedlich, 14.11.2019
2. Meeresschnee und Klimawandel
Lieber Herr Kozinsky, es ist völlig richtig, dass das Absinken der Flocken weiterhin funktionieren sollte. Die kritische Frage ist, ob sich weiterhin auch Flocken bilden und wie sich diese verhalten werden. Ausgangsmaterial sollte es genug geben: Es könnte sein, dass vor allem Mikroben im wärmer werdenden Meerwasser eher mehr "Schleim" produzieren. Das Problem ist, dass biologische Schleime (sprich: Hydrogele) sehr sensitiv auf den pH-Wert ihrer Umgebung reagieren (übrigens auch in unserem Körper). Und einer Studie zufolge könnten Hydrogele im versauernden Ozean weniger klebrig sein, also auch weniger organische Partikel zu Flocken verklumpen lassen, die für sich allein nur treiben und nicht absinken. Erschwerend kommt hinzu, dass Mikroplastikpartikel so verdammt gut an biologischen Hydrogelen kleben bleiben. Einer anderen Studie zufolge könnten diese Teilchen die Flocken des Meeresschnees eher hochtreiben lassen und so deren Absinken verhindern. Ob diese Effekte in größerem Umfang auftreten werden, ob und inwieweit sich die biologische Pumpe also tatsächlich verändern wird, lässt sich anhand dieser wenigen Studien natürlich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Ich denke aber, dass marine Schleime gerade in Zusammenhang mit dem Klimawandel dringend besser untersucht werden sollten, weil sie - übrigens nicht nur in Zusammenhang mit Meeresschnee - unglaublich wichtig sind, wenn auch etwas versteckt agieren...
Antidarwinist, 15.11.2019
3.
Wann hört endlich der Unsinn auf, Darwin hätte "die" Evolutionstheorie entwickelt? Er hat den Darwinismus entwickelt, das ist nur EINE Evolutionstheorie, und nicht die erste. Ansonsten aber gut geschrieben.
Antidarwinist, 15.11.2019
4. Zusammenhang
"es ist völlig richtig, dass das Absinken der Flocken weiterhin funktionieren sollte. Die kritische Frage ist, ob sich weiterhin auch Flocken bilden und wie sich diese verhalten werden. Ausgangsmaterial sollte es genug geben: Es könnte sein, dass vor allem Mikroben im wärmer werdenden Meerwasser eher mehr "Schleim" produzieren. Das Problem ist, dass biologische Schleime (sprich: Hydrogele) sehr sensitiv auf den pH-Wert ihrer Umgebung reagieren (übrigens auch in unserem Körper). Und einer Studie zufolge könnten Hydrogele im versauernden Ozean weniger klebrig sein, also auch weniger organische Partikel zu Flocken verklumpen lassen, die für sich allein nur treiben und nicht absinken. Erschwerend kommt hinzu, dass Mikroplastikpartikel so verdammt gut an biologischen Hydrogelen kleben bleiben. Einer anderen Studie zufolge könnten diese Teilchen die Flocken des Meeresschnees eher hochtreiben lassen und so deren Absinken verhindern. Ob diese Effekte in größerem Umfang auftreten werden, ob und inwieweit sich die biologische Pumpe also tatsächlich verändern wird, lässt sich anhand dieser wenigen Studien natürlich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Ich denke aber, dass marine Schleime gerade in Zusammenhang mit dem Klimawandel dringend besser untersucht werden sollten, weil sie - übrigens nicht nur in Zusammenhang mit Meeresschnee - unglaublich wichtig sind, wenn auch etwas versteckt agieren..." Aha. Und was hat das alles mit Haeckels abgedrehter Theorie vom Ursprung des Lebens zu tun?
Lorenzo von Matterhorn, 16.11.2019
5. Zusammenhang?!
Zitat von jar.koz.Im Text zum letzten Bild der Fotostrecke steht zum so genannten "Meeresschnee" (Niederschlag von organischer Materie im Ozeanwasser), ich zitiere: "Bringt der Klimawandel diese biologische Pumpe nun ins Stottern, könnte der Kohlenstoff vorzeitig freigesetzt werden und als Treibhausgas die Krise weiter befeuern." Mir erschließt sich der Zusammenhang nicht. Der relativ robuste Meeresschnee-Mechanismus (absinken von Partikeln) müsste doch auch unter veränderten Klimabedingungen weiter funktionieren.
Auch mir erschließt sich in keiner Weise der vermeintliche Zusammenhang zwischen Kalziumsulfat (das null Kohlenstoff enthält), Kohlenstoff-Kreislauf, Evolution und Haeckels Kunstformen der Natur (wie Quallen und Kieselalgen). Was der Autor uns nun eigentlich sagen will, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
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