Jugendweihe im Osten Die Ersatzreligion

In der DDR war die sozialistische Jugendweihe mit 14 Jahren praktisch Pflicht. Nach der Wende glaubten viele, die Ostdeutschen würden schnell zurückfinden zu Kirche und Konfirmation - ganz falsch. Die Jugendweihe lebt.

C. Hübscher

Die neuen Pumps sind zu groß. Nele Lachmann, 14, muss damit in einer Stunde auf die Bühne - und jetzt das. Mutter Katrin bringt Einlegesohlen. "Oder doch ein bisschen Watte?" Nele läuft Probe auf dem Kinderzimmerteppich. "Ja, so geht's." Es soll ihr großer Tag werden, heute wird sie ein bisschen erwachsener, hat man ihr versprochen. Sie trägt Paillettentop zum schwarzen Rock und eine Hochsteckfrisur vom Friseur.

"Viele in meiner Klasse feiern Jugendweihe, das wurde angeboten in der Schule, und dann wurde man einfach angemeldet", erzählt die Dresdner Schülerin dem Fernsehteam für die Dokumentation "Deutschland-Bilanz" von ZDF und SPIEGEL TV (Donnerstag, 22.15 Uhr im ZDF). "Da wurde gar nicht groß drüber diskutiert, ob man es macht oder nicht." In Sachsen ist die Jugendweihe am stärksten verbreitet, mehr als jeder dritte Achtklässler nimmt hier teil.

30 Jahre nach dem Mauerfall gehört für eine Mehrheit im Osten die Jugendweihe zur Pubertät wie YouTube und Zahnspange. Im Westen dagegen ist das weltliche Ritual bis heute weitgehend unbekannt.

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Jugendweihe: Mit Urkunde, Buch und Blume

Schon Neles Mutter hatte Jugendweihe, 1986 im Dresdner Rundkino. Damals ihr größtes Problem: etwas Festliches zum Anziehen zu finden. Die Jugendmode-Abteilung bot nicht viel Auswahl. "Ich war so stolz auf diesen blauen Rock!", erinnert sich Katrin Lindner, heute 47.

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Jeder Jugendweihling bekam das Geschenkbuch "Vom Sinn unseres Lebens" und musste das öffentliche Gelöbnis mitsprechen: "Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: JA, DAS GELOBEN WIR!"

So ging es noch drei Abschnitte weiter - die Jugendlichen gelobten etwa auch, für das Glück des Volkes zu kämpfen, die "feste Freundschaft mit der Sowjetunion weiter zu vertiefen" und den "Sozialismus gegen jeden imperialistischen Angriff zu verteidigen". Katrin Lindner erinnert sich: "Das haben wir so dahingesagt. Viel wichtiger für uns war, dass wir von da an mit 'Sie' angesprochen wurden."

Hurra, Geschenke!

ZDF-Moderatorin Andrea Kiewel feierte Anfang der Achtzigerjahre ihre sozialistische Jugendweihe in Ost-Berlin: "Das war ein Event! Ehrlicherweise habe ich damals gar nicht so richtig begriffen, warum das wichtig ist. Ein Schritt zum Erwachsenwerden, so habe ich das für mich interpretiert. Es gab Geschenke! Kein Geld, aber ich hab' einen Kassettenrecorder bekommen, das weiß ich noch." Rückblickend sieht sie es jedoch nicht unkritisch - "nicht nur eine Party, sondern natürlich sozialistisch geprägt und vom Staat organisiert. Das war schon, um uns auf die Spur zu bringen, ganz klar."

Dabei ist das Fest keine DDR-Erfindung, sondern viel älter. Die Geschichte reicht bis ins Jahr 1852 zurück, als der evangelische Theologe Eduard Baltzer den Begriff Jugendweihe als weltliche Alternative zur kirchlichen Konfirmation oder Firmung prägte. Baltzer war ein früher Vegetarier, Pionier der Lebensreformbewegung und als Freikirchler auf Distanz zur Amtskirche. Freireligiöse Gemeinden hatten schon vorher nach Initiationsriten abseits der evangelischen Kirche gesucht.

ZDF; SPIEGEL TV

Sehen Sie zu diesem Thema auch die Dokumentation "Deutschland-Bilanz" von ZDF und SPIEGEL TV - der zweite Teil läuft am 8. August 2019 um 22.15 Uhr im ZDF.

Jahrzehnte später knüpfte die Arbeiterbewegung daran an. 1889 fand die erste proletarisch geprägte Jugendweihe in Berlin statt, ein Jahr später in Hamburg. Bis 1933 etablierte sich die Jugendweihe vielerorts in Deutschland, getragen von Freidenkerverbänden, Gewerkschaften und Arbeiterparteien, die dann von den Nationalsozialisten verboten oder gleichgeschaltet wurden.

Die DDR belebte das Ritual neu und gründete 1954 den Zentralen Ausschuss für Jugendweihe, im Frühjahr darauf ging es republikweit los, gegen den Widerstand der Kirchen. Das Bekenntnis zum Staat wurde den Jugendlichen dabei aufgezwungen und in Ideologiestunden eingetrichtert. Wer sich der Jugendweihe entzog, musste mit schulischen und späteren beruflichen Nachteilen rechnen, ob beim Abitur, der Lehrstellenvergabe oder der Zulassung zum Studium.

"Heute können junge Leute sich frei entscheiden"

Historisch war die Jugendweihe immer ein Ersatz für die christliche Konfirmation oder Firmung. Nach der Wende übernahmen Verbände die Neu-Organisation der Jugendweihe im Osten, ganz ohne politischen Überbau. Nicht zuletzt wegen des starken Geburtenrückgangs brachen die Teilnehmerzahlen zunächst ein. Danach aber stieg das Interesse stetig wieder.

In diesem Frühjahr gab es in allen neuen Ländern zusammen fast 40.000 Jugendweihen - und nicht mal halb so viele Konfirmationen. Im Westen hingegen feierten nur ein paar Hundert Jugendweihe, zumeist Zugezogene aus ostdeutschen Ländern.

"Als Christ sehe ich das mit Missvergnügen", sagt der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). "Eine Ursache ist sicher die sehr erfolgreiche Ent-Christianisierung der DDR. Wenn die DDR-Führung etwas erreicht hat, dann den Rückgang der Zahl der Christen."

Auch Günther Jauch, der bereits Anfang der Neunzigerjahre aus dem Westen nach Potsdam zog, wurde oft gefragt, ob er Festredner sein wolle bei einer Jugendweihe. "Ich habe das immer abgelehnt. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich da hätte sagen sollen", so Jauch, "mir hat natürlich auch die Tradition, dass man die Kinder damit früher endgültig an den Staat binden wollte, nicht besonders gefallen."

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig steht zur Renaissance der Jugendweihe im Osten: "Das Schöne heute ist, dass junge Leute sich frei entscheiden können, ob sie Jugendweihe oder Konfirmation machen oder ob sie gar nichts machen. Das ist der große Unterschied." Die Sozialdemokratin hält auch selbst Festreden bei Jugendweihen in Schwerin: "Gerade hier bei uns in Ostdeutschland, wo es wenig konfessionelle Bindungen gibt, finde ich es legitim, dass man sich andere Rituale sucht."

Knigge- und Make-up-Kurse zur Vorbereitung

Mancherorts heißt die Jugendweihe heute Jugendfeier, um Abstand zu schaffen zum erzwungenen Fest aus DDR-Zeiten. Für viele Familien ist das Fest selbstverständlich. Vergleicht man die Bilder von Neles Jugendweihe mit denen ihrer Mutter, so sind die Parallelen verblüffend: Die Jugendlichen werden heute wie damals in Gruppen auf die Bühne gerufen, es gibt Blumen und ein Geschenkbuch ("Wendepunkt - Weltanschauung - Werte"), Mama, Papa, Opa, Tante gerührt im Publikum. Danach die große Party, meist feiern mehrere Familien zusammen.

Fast alle Eltern, die vor dem Dresdner Theater stolz den Nachwuchs fotografieren, hatten noch zu DDR-Zeiten selbst Jugendweihe. Und sie haben kein Problem damit, dass ihre Kinder es ihnen heute nachtun. "Ich bin froh, dass der Staat keinen Einfluss mehr darauf hat", sagt Anette Gorzna, Mutter der 14-jährigen Filou, "aber ich finde es sehr wichtig, Rituale zu haben und dass man so Punkte im Leben hat, die man feiert, wie Einschulung, Jugendweihe, das Ende des Studiums."

Holger Bielert ist der Vater von Jugendweihling Tom, der heute zum ersten Mal einen Anzug trägt, und erinnert sich: "Es ist noch dieselbe Aufregung in der Familie, das ist wie bei mir früher." Und die DDR-Tradition war kein Grund, es nicht zu tun. "Tom ist nicht kirchlich erzogen, von daher war es klar, dass er Jugendweihe macht."

Die Teilnahme an der Festveranstaltung kostet ab 120 Euro. Nele hat zur Vorbereitung einen Kniggekurs absolviert und eine Make-up-Schulung. Sie hätte auch einen Anti-Rassismus-Kurs auswählen oder das Konzentrationslager Buchenwald besuchen können. Die Vorbereitungsstunden sind zum Teil kostenfrei.

"Es ist wichtig, gerade hier in Sachsen, die Jugendlichen so früh wie möglich demokratisch zu schulen, ihnen humanistische Werte zu vermitteln", sagt Maik Fabisch. Der Regionalkoordinator des Sächsischen Jugendweihe-Verbands würde die Erinnerung an die sozialistische Weihe gern ganz abstreifen: "Mit DDR hat das alles nichts mehr zu tun."

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