Erstaunliche Speisekarten Iss mal was Anderes

Irr lachende Eier und nackte Frauen auf Goldfischen: Beim Buhlen um Kunden zogen Restaurantbetreiber bei der Gestaltung ihrer Speisekarten früher alle Register. Manche setzten auf berühmte Designer - andere auf so unanständige Motive, dass ihre Lokale nicht mehr jugendfrei waren.

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"Das Auge isst mit." Diese Binsenweisheit gehört heute Sprichwortschatz jedes Hobbykochs - und sorgt dafür, dass man sich in manchen Restaurants fühlt, als besuche man eine Kunstgalerie und kein Lokal. Da werden dann ausufernd geschwungene Designtellern serviert, auf denen sich vor dem Gast komplizierte Formationen aus Salat und Gemüse, Fisch oder Fleisch ausbreiten. Das Ganze wird dann noch mit geometrischen Soßenmustern verziert, die Kandinsky alle Ehre machen würden.

Die Macher von "Menu Design in America" haben den Spruch anders interpretiert. Ein ganzes Buch widmen sie dem Augenschmaus, der vor dem Essen kommt: Speisekarten und ihrer Gestaltung. Genauer gesagt befasst sich der Band mit der Blütezeit des Kartendesigns in den vereinigten Staaten. Die begann etwa mit der Ausbreitung von Speiselokalen in den USA um 1850 und endete in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als mehr und mehr Fast-Food-Ketten die lokale Restaurantlandschaft egalisierten. In dieser Zeit buhlten die Etablissements, egal ob sie nun Burger und "superdicke Milchshakes" oder "Getrüffelte Paté vom Wild à la gelée" servierten, mit aufwendigen, bunten, manchmal gewagten Designs um die Gunst der Kunden.

Mittagessen im "Neger-Hühnchen Gasthaus"

Die Sammlung von Speisekarten nimmt den Betrachter auf eine aufregende Entdeckungsreise mit. Da finden sich Exemplare, die davon zeugen, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Etwa die Karte des "Coon-Chicken Inn" von 1935, einer Restaurantkette, die frei übersetzt nicht nur "Neger-Hühnchen Gasthaus" heißt, sondern auf ihrer Karte auch noch die breit grinsende Karikatur eines Schwarzen mit schokoladenbrauner Haut, dicken roten Lippen und platter Nase zeigt. Oder die vom "Fat Boy Drive In" aus dem Jahr 1944, einem Fast-Food-Lokal, dessen Logo tatsächlich ganz unverhohlen einen fetten Jungen zeigt. Auf der Karte des Fleischlos-Restaurants "The Vegetarian" wird 1902 ein sogenanntes "Protose Steak" angepriesen, ein Fleischersatz aus Nüssen und Weizengluten von Cornflakes-Erfinder und Gesundheitsguru John Harvey Kellogg.

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Erstaunliche Speisekarten: Iss mal was Anderes

Auch zu speziellen Anlässen wurden Speisekarten gedruckt. So erfährt man etwa, dass die Boxlegende Joe Louis bei einem frühen Festessen zu seinen Ehren Früchtecocktail und Brathühnchen speiste. Bescheiden, verglichen mit dem Bankett zur Feier von Andrew Johnsons Vereidigung als neuer Präsident der USA 1865. Hier tischten die Kellner allein 15 Sorten unterschiedlich zubereitete Austern auf.

Gefesselte Blondinen und Champagner aus der Damenbrust

Nicht nur die Speisenfolgen in, sondern auch die Motive auf den Speisekarten erzählen mitunter etwas über die Geschichte des Lokals. Das Bild auf dem Menü des "Delmonico's" in New York etwa zeigt zwei miteinander tanzende Frauen. Anfang des 20. Jahrhunderts galt das als eine frivole Unverschämtheit. Doch tatsächlich war das Restaurant, das F. Scott Fitzgerald in seinem Roman "Diesseits vom Paradies" verewigte, bekannt dafür, dass es schon Ende des 19. Jahrhunderts Frauen ohne Herrenbegleitung miteinander speisen ließ.

Das "Delmonico's" war nicht die einzige Lokalität, die ihre Speisekarten mit pikanten Motiven pfefferten. Das Menü des "Club Cercle de L'Union" in San Francisco schmückte eine Zeichnung, auf der bocksbeinige Pangestalten mit Kochmützen eine nackte, an den Füßen gefesselte Blondine wie ein frisch gefangenes Kalb in die Küche schleppten. Das "Trader Vic's" in Oakland nahm seinen polynesischen Stil als Vorwand dazu, reihenweise barbusige Inselbewohnerinnen in Baströckchen auf der Karte abzubilden. In eben diesem Speiseplan bat man die Besucher dann auch: "Es wird gebeten, keine Kinder unter 16 Jahren mitzubringen, um uns und Ihnen Peinlichkeiten zu ersparen." Den Vogel schoss allerdings das "French Casino" in Chicago ab. Es zeigte eine nahezu nackte Frau, die offenbar prickelnden Champagner aus ihren Brüsten presste, der von kleinen Herren im Frack mit Gläsern aufgefangen wird. Ein herrlich wahnwitziges Motiv.

Das schönste an dieser Speisekartengalerie zwischen zwei Buchdeckeln ist trotzdem die Tatsache, dass es sich dabei eigentlich um eine Sammlung von Diebesgut handelt. Denn natürlich waren Speisekarten nichts, was man nach dem Essen einfach mitnehmen durfte. Die meisten Karten in diesem Buch müssen also zu ihrer Zeit einen Liebhaber gefunden haben, der sie so schön fand, dass sie ihm ein kleines Verbrechen wert waren.

Zum Weiterlesen:

Jim Heimann (Hrsg.): "American Menus". Taschen Verlag, Köln 2011, 391 Seiten.



insgesamt 3 Beiträge
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Klaus Wolf, 07.11.2011
1.
Hm, also eine Frau im Adamskostüm, das ist ungeschickt formuliert. Adam hatte nämlich neben Lilith einen weiteren weiblichen Kumpel, genannt Eva, weswegen man auch Evaskostüm sagen kann. 1902 waren übrigens 1,50 $ etwa das, was heute 35 $ sind, also wird das wohl kein exklusives Angebot nur für die High Society gewesen sein.
Christof Struck, 07.11.2011
2.
Seit wann tragen Frauen ein Adamskostüm? (Bildbeschreibung zum ersten Bild.)
Nicolas Elsen, 07.11.2011
3.
Zu dem Bild 16 (Cercle de l'Union) kommt hinzu dass der Text an der Seite "Une poule au pot ..." übersetzt "Eine Henne im Topf ..." heisst. Soweit ich weiss, wird ist der Ausdruck "Une poule/eine Henne" französisches largo/slang für eine Frau. Ich nehme an dass die Herren im Club nicht das Sagen zuhause hatten und so ihr Rache nahmen. Vielleicht hatten sie auch nur Frauen zum Fressen gern.
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