Erste Allgemeine Verunsicherung "Unsere Kraft kommt aus der Bosheit"

Seit über 30 Jahren provoziert Klaus Eberhartinger als Sänger der Ersten Allgemeinen Verunsicherung Politik, Kirche und Rechtsextreme. Im Interview verrät er, wie alles mit der Beleidigung eines Professors begann.

Sony Music

Zur Person
    Klaus Eberhartinger ist Moderator, Entertainer und Sänger der Pop-Rock-Band Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV). Der 1950 in Österreich geborene Musiker hat ein Medizinstudium abgebrochen und später in Wien Psychologie und Soziologie studiert. Er lebt in Österreich und Kenia.
einestages: Herr Eberhartinger, ein schlagkräftiger Landsmann bekam einmal bei Ihnen sein Fett weg.

Eberhartinger: Ja, im Song "Copacabana". Damals textete ich: "Ich bin eine Mischung, die ist ziemlich lecker - aus Albert Einstein und Arnold Schwarzenegger! Soweit so gut, das Dumme ist nur, ich hab Schwarzeneggers Hirn und von Einstein die Figur!"

einestages: Wie hat Schwarzenegger reagiert? Sind Sie ihm begegnet?

Eberhartinger: Leider nein. Ich habe aber gehört, dass er wegen des Textes persönlich beleidigt gewesen sein soll. Also wird das auch wohl nix mehr mit dem Treffen.

einestages: Haben Sie je einen Songtext bereut?

Eberhartinger: Spontan fallen mir da "Balkan-Boogie", "Afrika" und "Burli" ein. Bei "Balkan-Boogie", einem Song gegen Ausländerfeindlichkeit, haben wir in der Überspitzung wohl übertrieben und bekamen Applaus von der falschen Seite. Bei "Afrika" wurde uns Rassismus vorgeworfen, was selbstverständlich falsch ist und zeigt, dass man den Text nicht verstanden hat. Bei "Burli" warf man uns vor, Witze über Menschen mit Behinderung zu machen. Dabei war der Song als scharfe Kritik an der Atomkraft gedacht.

einestages: Die aber nach wie vor aktuell ist.

Eberhartinger: Deshalb hat "Burli" auf der neuen Platte ein Schwesterchen bekommen: "Mrs. Fuckushima". Das Atomstrom-Thema ist noch immer traurige Realität in vielen Ländern, gerade deshalb ist es Pflicht, dass wir uns thematisch draufsetzen. Ein grausames Erbe, das der jungen Generation da hinterlassen wird. Leider.

einestages: Bevor Sie Anfang der Achtzigerjahre zur bereits bestehenden EAV stießen, waren Sie Medizinstudent in Graz. Dort hatten Sie sich aber eine Auszeit genommen.

Eberhartinger: Ja. Zusammen mit einem Freund habe ich einen alten Landrover gekauft, dann sind wir aufgebrochen Richtung Afrika. Mit dem Auto sind wir bis Tansania gefahren. Wir haben das Land erkundet, sind auf den Kilimandscharo gestiegen und nach einem Jahr wieder heimgefahren. Das war um 1972.

einestages: Wie kamen Sie auf Afrika?

Eberhartinger: Ich wollte immer schon dorthin. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass ich in meiner Kindheit die Safari-Filme von Professor Grzimek gesehen habe. In Afrika liegt der Ursprung der Menschheit, von dort ging die Völkerwanderung aus. Hochinteressant. Heute habe ich ein Strandhaus im Süden von Kenia, in dem ich mehrere Monate im Jahr verbringe.

einestages: War nicht Indien damals das angesagte Reiseziel?

Eberhartinger: Stimmt, bei vielen. Und genau deshalb bin ich nicht hin. Damals sind die meisten Studenten nach Goa gefahren, um ihr Bewusstsein zu erweitern. Die sind aber eher mit einer erweiterten Leber zurückgekommen. Mich hat das nie gereizt.

einestages: Ihr Medizinstudium haben Sie nach der Rückkehr aus Afrika schließlich aufgegeben. Warum?

Eberhartinger: Weil ich Schwierigkeiten bekommen habe mit verschiedenen Professoren der medizinischen Fakultät der Uni Graz, die meiner Meinung nach deutlich zu rechts waren. Einen von ihnen habe ich mal während einer Vorlesung laut und deutlich als Nazi-Arsch beschimpft, weil er ständig seinen sehr fähigen, sympathischen Assistenten türkischer Abstammung fertig gemacht hat. Daraufhin hat mich der Prof des Saales verwiesen.

einestages: Was Sie nicht wirklich überrascht haben dürfte.

Eberhartinger: Logo. Aber ich bin in Braunau am Inn aufgewachsen, der Geburtsstadt Hitlers, ausgerechnet. Da musst du dich früh entscheiden - und ich habe mich ganz klar für die andere Seite entschieden. Nach dem Eklat an der Uni kam mir die Idee mit dem Afrika-Trip.

einestages: Inwiefern hat Sie das Jahr Auszeit verändert?

Eberhartinger: Als ich zurück war, habe ich mir gesagt, ich muss die Welt verändern - ich will sie verbessern! Ich habe dann anstelle von Medizin ein Psychologie- und Soziologie-Studium in Wien begonnen - bis zum Lektorat. Und dann ist mir der Musiker Thomas Spitzer von der EAV über den Weg gelaufen, mit dessen Schwester ich mal zusammen war. Er hat mich in den Dunstkreis der Band genommen.

einestages: Sie verkehrten damals also im berüchtigten Hauptquartier der Band in Wien?

Eberhartinger: Sie sprechen von dem Abbruchhaus am Wildpretmarkt im 1. Bezirk. Ja, da ging es richtig ab. Spitzer und sein Freund Walter Hammerl wohnten da. Das Wohnzimmer ihrer Kommune wurde zum Proberaum umfunktioniert, und zwei Etagen tiefer befand sich "Gittis Jazz-Keller".

einestages: War Spitzer damals schon Profimusiker?

Eberhartinger: Nein, er ist zu der Zeit noch auf die Kunstakademie gegangen, und ich habe an meinem Doktorat geschrieben, einer Dissertation zum Thema "Gewinnaufteilungsverfahren in Kleingruppen". Irgendwann hat mir Thomas sein neuestes Demo vorgespielt. Ich habe ihm geradeaus gesagt: Das ist doch ein Scheiß, das ist schlecht. Ihr könnt doch so viel mehr. Das hat ihn zutiefst beleidigt. Aber er hörte auf mich und hat alles neu komponiert. Dann sah ich die Band erstmals auf der Bühne und dachte: Bist du deppert, was ist das denn, was soll das? Aber Thomas hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei der EAV mitzumachen. Ich habe drei Tage überlegt, war unsicher. Aber Thomas hat mich letztlich überredet.

einestages: Wie ging es dann weiter?

Eberhartinger: Wir haben uns auf einen Bauernhof zurückgezogen und geprobt. Die anderen in der Band wollten mich nicht dabei haben und hätten mir Geld gezahlt, wenn ich aufhöre. Ich fungierte erstmal als Conférencier und habe die Songs auf der Bühne anmoderiert, weil ich ja eigentlich gar kein Sänger bin. Beim ersten Auftritt habe ich schnell gemerkt: Das ist es, das macht Spaß! Als Gert Steinbäcker ausstieg, wurde ich zum Hauptsänger befördert. Seit 1981 bin ich dabei.

einestages: Was waren Ihre musikalischen Einflüsse?

Eberhartinger: Ganz unterschiedlich. Wir alle liebten Frank Zappa und seine Mothers Of Invention oder Jimi Hendrix, das war Konsens. Die Musiker in der Band hatten Crosby, Stills, Nash & Young zum Vorbild. Ich entdeckte die schwarze Musik, mir gefiel der abgespacete Groove von Funkadelic und später der Rap von Run DMC. Nur mit Gangsta-Rap kann ich bis heute nichts anfangen.

einestages: Wie ist Ihr Verhältnis zu Thomas Spitzer? Immerhin sind Sie beide die kreativen Köpfe der EAV.

Eberhartinger: Unsere Beziehung ist eine echte Symbiose. Thomas ist ein begnadeter Maler und Karikaturist, er gestaltet die meisten Plattencover, Artworks und die Tourplakate der EAV. Ich bewundere ihn für seine künstlerischen Fähigkeiten - und er mich für mein politisches Bewusstsein.

einestages: Lässt das Rebellentum im Alter nach?

Eberhartinger: Man wird milder, klar. Aber im Herzen bleibt man immer Rebell. Unsere Kraft kommt aus der Bosheit, das ist das, was die Leute wahrscheinlich an uns fasziniert. Das ist unser Antrieb. Als junger Mensch haut man aber gnadenloser über die Stränge, hat Spaß daran, überall anzuecken. Das legt sich mit zunehmendem Alter.

einestages: Aktuell lästern Sie in "Lederhosen-Zombies" über die neue Lust an der Tracht.

Eberhartinger: Schrecklich, dieser Neo-Trachtenlook! Ich warte nur noch auf weiße, pinke oder mintgrüne Lederhosen. Das Oktoberfest und andere Volksfeste werden immer mehr zu Karnevalsveranstaltungen, die Tracht ist für viele nur mehr eine Verkleidung. In München verkommt die Wies'n zusehends zu einem "alpenländischen Ballermann" - und der gefällt mir schon auf Mallorca nicht.

einestages: Hegen Sie noch Pläne außerhalb der EAV?

Eberhartinger: Definitiv! Nebenbei spiele ich gern noch Moderator. Mir schwebt eine TV-Show im Stil von Jimmy Fallon vor. Ich arbeite bereits an einem Konzept: eine Mischung aus Talk und Infotainment. Und im Herbst werde ich wieder einen Ausflug auf die Kleinkunstbühnen machen, zwei Stunden einfach nur durchblödeln, immer schön an der Oberfläche surfen, ohne Tiefgang. Darauf freue ich mich.

einestages: Und worauf sonst noch?

Eberhartinger: Mein kurzfristiges Ziel ist, unsere aktuelle "Werwolf"-Tournee zu überleben. Und danach wollen wir langsam unsere große Abschiedstour planen. Zumindest die erste…

Das Interview führte Alex Gernandt



insgesamt 15 Beiträge
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Christoph Färber, 18.05.2015
1. Die gibt`s noch?
Freut mich zu hören. Habe schon lange nichts mehr von ihnen gehört, werde sie aber immer in guter Erinnerung behalten. Insbesondere "Herr Knieweich" und "oh Bio Mio" werde ich nicht vergessen.
St. Graul, 18.05.2015
2. ebenso
...ist neben der Bosheit auch ein Bisschen Talent der Grund für die "Kraft" für die EAV.
walter meyer, 18.05.2015
3.
Rechtsextreme beleidigen ist keine Kunst. Versucht das mal mit Linksextremen.
Hans-Joachim Rudolph, 18.05.2015
4. Hans-Joachim Rudolph
Ich hab 2 Lps von den Jungs.Voll genial die Truppe. und "Ding dong" auf ner Maxisingle.Die Nummer können wohl die Leute am ehesten nachvollziehen,welche öfter Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommen.
M. Findeis, 18.05.2015
5. Burli und Afrika waren genial!
Wo soll da Rassismus sein? Das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon: Ich war und bin echt kein Linker, aber die Texte der EAV sind es zum Grossteil zumindest Wert darüber einmal nachzudenken. Ich höre die alten CDs heute noch gern im Auto.
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