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»Kommt zu uns, seid Teil unserer Gemeinschaft!« – die Saint-Simonisten-WG 1830

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Die erste Polit-WG Wo die wilden Kerle wohnten

Freie Liebe, Kampf den Spießbürgern, Schluss mit Privateigentum? Gab's alles schon 1830: In Paris gründeten die Saint-Simonisten die erste politische Wohngemeinschaft. Das ging nicht lange gut.

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Uschi Obermaier fehlte. Auch ist nicht überliefert, ob es Drogen gab oder die Klotüren ausgehängt wurden.

Dafür besaßen die Kommunarden einen Billardraum und eine Bibliothek. Sie bevölkerten ein stattliches, zweistöckiges Landhaus in der Rue de Ménilmontant, inmitten eines von Obstbäumen gesäumten, großen Parks, mit malerischem Blick auf die Dächer von Paris. Ihre Heimstatt verfügte über zwei Bäder, 17 Betten und 23 Hängematten: Willkommen im Wohnexperiment der Zukunft, Keimzelle einer neuen Gesellschaft!

»Kommt zu uns, seid Teil unserer Gemeinschaft; ihr werdet wie Brüder sein, wie Söhne der gleichen Familie. Die falschen Ungleichheiten, das Privileg der Geburt müssen beseitigt werden«, lautete die Botschaft der Männer um Oberguru Barthélemy Jean Prosper Enfantin. Der Franzose war Banker, Sozialist – und Mitbegründer »der ersten Wohngemeinschaft überhaupt«, so der Historiker Volker Barth in einem jüngst erschienenen Beitrag für die »Historische Zeitschrift«.

Eine so verwegene wie reizvolle These: Denn auf den ersten Blick haben die haarigen Initiatoren der 1967 gegründeten West-Berliner Kommune 1  wenig gemein mit der frühsozialistisch-sektenähnlichen Gemeinschaft der Saint-Simonisten, entstanden 1825 nach dem Tod ihres Vordenkers Henri de Saint Simon.

»Ein Geist heiteren Friedens«: Die Saint-Simonisten laden zum Ball (zeitgenössische Illustration)

»Ein Geist heiteren Friedens«: Die Saint-Simonisten laden zum Ball (zeitgenössische Illustration)

Foto: United Archives / IMAGO

Und doch verbindet die beiden sendungsbewussten Bürgerschreck-Bewegungen ein zentraler Punkt. Ähnlich wie Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans  und Co. waren schon die Saint-Simonisten des 19. Jahrhunderts der Meinung: Die Überwindung der verhassten Verhältnisse beginnt in den eigenen vier Wänden – das Private ist politisch.

Gier nach medialer Dauerpräsenz

Daher wagten bereits die französischen Rebellen eine neue Form des Zusammenlebens, um verkrustete Strukturen zu sprengen und den überkommenen Mief auszuräuchern. Zudem warfen tonangebende Saint-Simonisten lange vor den West-Berliner Kommunarden das Privateigentum über Bord und traten für die Emanzipation der Frau  ein, plädierten für mehr sexuelle Freizügigkeit – und gerieten immer wieder ins Visier von Justiz und Polizei.

Zwar streckten die Pariser Frühsozialisten zur Demonstration ihrer Gesinnung nicht gleich den blanken Hintern in die Kamera, wie die Berliner Rebellen für das legendäre Nacktfoto von 1967. Nach medialer Dauerpräsenz gierten jedoch auch sie, wie der 2021 verstorbene Forscher Barth betonte.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, hielten die Saint-Simonisten Vorträge, hängten Plakate auf und sprachen Journalisten an. Schließlich kauften sich die publicityhungrigen Franzosen sogar eine eigene Zeitung: Von ihrem letzten Geld erwarben sie das von 1600 Abonnenten bezogene Medium »Le Globe«.

Im Frühjahr 1830 bezog der harte Kern der Saint-Simonisten die zweite Etage des Hôtel de Gesvres in der Rue Monsigny. Drei Ehepaare und vier Singlemänner, unter ihnen Prosper Enfantin und Saint-Armand Bazard als »Hohepriester« der Bewegung, traten an, um eine neue Form des privaten Miteinanders auszuprobieren. Anspruch dieses Wohnexperiments war es, »Abbild und Vorbild der künftigen Gesellschaft zu sein«, so der Historiker Hans-Ulrich Thamer.

»Lauter Frühlingslüfte und Blumendüfte«

Dienstags, donnerstags und samstags öffneten die Saint-Simonisten ihre Pforten für die erweiterte Familie, aber auch für Freunde und Interessierte. Hier wurde debattiert und redigiert, gesungen und gepredigt, geschmaust und gefeiert. Es kamen Intellektuelle und Künstler aus ganz Europa, etwa der deutsche Dichter Heinrich Heine, der britische Ökonom John Stuart Mill oder der österreichische Komponist Franz Liszt.

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»Kommt zu uns, seid Teil unserer Gemeinschaft!« – die Saint-Simonisten-WG 1830

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Geradezu ekstatisch äußerte sich der deutsche Reporter Ludwig Börne . »Dabei war alles Lust und Freude«, schrieb er in einem Brief vom 10. Februar 1832 über die Saint-Simonisten-WG:

»Es war mir, als wäre ich aus der Winterkälte einer beschneiten nordischen Stadt in ein Glashaus gekommen, wo lauter Frühlingslüfte und Blumendüfte mich empfingen (...) Es schwebte ein Geist heiteren Friedens über diesen Menschen, ein Band der Verschwisterung umschlang sie alle, und ich fühlte mich mitumschlungen.«

Punsch und Feminismus

Der Besucher einer abendlichen Feier im Winter 1832 rühmte neben »Punschschwaden« und »harmonischen Orchesterklängen« vor allem die »jungen, anmutigen, hübschen« Damen: »Sie tanzten und tollten auf sehr weltliche Weise herum, ohne dass man den spirituellen Aspekt dieser Vergnügungen erkennen konnte«, schrieb der Partygast süffisant.

Wie freizügig es bei den Saint-Simonisten zuging, ist nicht überliefert. Enfantin jedenfalls, selbst notorischer Junggeselle, lehnte die Monogamie als »wider die Natur« ab und forderte die sexuelle Freizügigkeit von Frauen. Zudem trat die Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein – früher Feminismus: Das Zeitalter des Saint-Simonismus werde die »komplette Befreiung der Frau« einläuten, so Enfantin 1829.

Diese Haltung begeisterte die weibliche Anhängerschar, ließ die Presse witzeln und rief französische Ordnungshüter auf den Plan: Mehrfach durchsuchte die Polizei die Wohngemeinschaft in der Rue de Monsigny und verbot saint-simonistische Veranstaltungen.

»Wiege der neuen Welt«

Konservative Parlamentsabgeordnete warfen der Bewegung Vielweiberei vor; über die Einstellung zu Frau und freier Liebe kam es zum Krach zwischen dem Lebemann Enfantin und dem moralisch strengeren Bazard. Die beiden Anführer der Bewegung stritten so heftig, dass Bazard am 25. August 1831 in der gemeinsamen WG einen Schlaganfall erlitt: Er fiel, so ein Augenzeuge, »wie ein Stier, getroffen von der Hand des Opferpriesters«.

Bazard und seine Mitstreiter zogen aus, Enfantin blieb nebst Anhängern zurück in der Rue de Monsigny. Das von Geldsorgen bedrohte Wohnexperiment stand vor dem Aus. Doch dann starb Enfantins Mutter an Cholera  – und hinterließ ihrem Spross ein weitläufiges Anwesen in der Rue Ménilmontant. Die Stätte seiner Kindheit werde zur »Wiege der neuen Welt«, jubelte Enfantin.

Direkt nach der Beerdigung seiner Mutter zog er am 22. April 1832 mit den verbliebenen 40 Saint-Simonisten nach Ménilmontant, um die neue Wohngemeinschaft zu beziehen.

Klösterliche Disziplin

Auch die Berliner Kommunarden verhedderten sich 135 Jahre später in Richtungsstreits und Machtkämpfen, auch Fritz Teufel und Co. zogen mehrfach um, bevor sie sich im Sommer 1968 in einer verlassenen Fabrik in der Moabiter Stephanstraße 60 niederließen. Anders als die Saint-Simonisten setzten die Bewohner der Kommune 1 jedoch primär auf die »Macht der Gaudi«, priesen Sex, Hasch und Jimi Hendrix .

Jeder, was er kann: Arbeitsteilung bei den Saint-Simonisten

Jeder, was er kann: Arbeitsteilung bei den Saint-Simonisten

Foto: KHARBINE-TAPABOR / IMAGO

In Ménilmontant indes regierte klösterliche Disziplin: Bevölkert wurde die neue Kommune ausschließlich von Männern; Glücksspiel und Tabak waren verboten. Aufstehen mussten die Kommunarden morgens um fünf, vor dem Frühstück hatten sie zwei Stunden zu schuften. Es folgten weitere acht Stunden Arbeit, unterbrochen nur von einer kleinen Mahlzeit und einer Stunde Gesang. Pünktlich um 21.30 Uhr mussten die Männer um Enfantin das Licht löschen.

Trainingscamp mit Dresscode

»Ménilmontant war das Trainingscamp der Saint-Simonisten«, so Historiker Barth. »Es galt, den Körper zu stählen, den Geist zu öffnen und gemeinschaftliche Solidarität zu leben.« Die Presse machte sich vor allem über die fortschrittliche Arbeitsteilung lustig. So spottete der »Figaro« am 8. Juli 1832 über »Lehrer, die kochen, Ärzte, die den Fußboden scheuern, Ingenieure, die Schuhe putzen«.

Zum Zeichen ihrer klassenlosen Verbundenheit trugen alle WG-Bewohner weiße Hosen, eine rote Weste und einen blau-violetten Mantel. Mit der bürgerlichen Kleidung habe man »das dicke Bündel der Bourgeoisie abzulegen, das ein jeder von uns (...) mitgebracht hat«, so Enfantin. Die Knöpfe der Westen waren auf dem Rücken angebracht – um die kollektive Solidarität schon morgens beim Ankleiden unter Beweis zu stellen.

In Scharen strömten Schaulustige herbei, um das öffentlich inszenierte Wohnspektakel zu beäugen. Der Polizei jedoch nahm Anstoß an der bizarren Männer-Wohngruppe: Im Sommer 1832 lösten 100 Soldaten eine Versammlung auf. Fünf Saint-Simonisten, auch Enfantin, kamen vor Gericht, vorgeworfen wurden ihnen unerlaubte politische Versammlungen sowie ein »Angriff auf die öffentliche Moral und die guten Sitten«.

Richter veräppelt

Ähnlich wie Fritz Teufel 1967 die Justiz provozierte, indem er demonstrativ sitzenblieb (um sich mit dem grandiosen »Wenn’s der Wahrheitsfindung dient« dann doch wie gefordert zu erheben), führten auch die Pariser Rebellen die Richter vor: Selbstbewusst nahm Ober-Kommunarde Enfantin auf dem Richterstuhl Platz und wollte sich von zwei Saint-Simonistinnen verteidigen lassen – Frauen waren damals noch nicht als Anwälte zugelassen.

Zudem verleugneten die Angeklagten ihre zivile Identität und stellten sich mit »Apostel« und »Schüler Saint-Simons« vor statt mit ihren richtigen Namen. Die Richter verhängten harte Strafen: Prosper Enfantin, Michel Chevalier und Charles Duveyrier kamen für ein Jahr ins Gefängnis.

Enfantin gab nicht auf: In der Haft versuchte er, seine Gefängniszelle zu einem neuen Versammlungsort zu machen, verteilte Aufgaben und erließ Kleidungsvorschriften. Allein, es fehlte an Jüngern – die saint-simonistische Kommune war am Ende. Der Frühsozialist kehrte zu seinen kapitalistischen Wurzeln zurück und wurde Eisenbahndirektor.

1835 wurde das Anwesen in Ménilmontant verkauft. Bald geriet in Vergessenheit, wo einst die wilden Kerle wohnten. Bis eineinhalb Jahrhunderte später Dieter Kunzelmann auf den Plan trat: Wie einst Enfantin 1830 berief sich auch der Berliner Kommunarde auf Wohnkonzepte des französischen Frühsozialisten Charles Fourier. »Ihr müsst Euch entwurzeln«, rief Kunzelmann – und trat an, um mit der Kommune 1 abermals die Welt aus den Angeln zu heben.

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