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Gesichtsversehrte des Ersten Weltkriegs: "Denkmäler des Schreckens"

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Trauma Erster Weltkrieg "Wir jungen Männer sahen plötzlich aus wie Monster"

Am 11. November 1918 schwiegen endlich die Waffen. Vorbei war der Weltkrieg nicht: Millionen Verstümmelte kämpften ein Leben lang mit den Folgen. Sie hatten im Gemetzel ihr Ich eingebüßt.

Dem Obergefreiten Albert Jugon zerschoss ein Deutscher das rechte Auge, die Zunge und den Unterkiefer. Seinen Kameraden fehlen Nase, Unterlippe, Stirn, Kinn. Zu fünft stehen sie da, an diesem 28. Juni 1919 im Spiegelsaal von Versailles. Fünf stumme Ankläger in Soldatenuniform.

Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau hat die Gesichtsversehrten in der mittleren Fensternische platziert - direkt hinter dem Tisch, an dem die deutsche Delegation den Friedensvertrag unterzeichnen muss. "Seht uns an! Das habt ihr Frankreich angetan", sollen ihre zerstörten Gesichter ausdrücken. Veteran Jugon, Wortführer der fünf Männer, sagte damals einem Reporter:

"Indem die französische Regierung uns ausgewählt hat, demonstrierte sie ihren Willen, den deutschen Delegierten die schmerzhaften Konsequenzen des Krieges zu demonstrieren, den sie verschuldet haben. Zugleich demonstrierte sie, dass der Friede, den wir feiern, teuer bezahlt wurde."

Gueules Cassées, "zerhauene Visagen": So bezeichneten sich die Gesichtsversehrten des Ersten Weltkriegs in Frankreich selbst. Als lebender Vorwurf an Deutschland wurden sie in Versailles vorgeführt.

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Gesichtsversehrte des Ersten Weltkriegs: "Denkmäler des Schreckens"

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Niemals zuvor waren so viele Menschen einer solch unfassbaren Brutalität ausgesetzt gewesen: Von den 60 Millionen Männern, die während der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" unter Waffen standen, starben rund zehn Millionen. Wer lebend aus grausamen Schlachten wie Verdun oder an der Somme zurückkehrte, war oft gebrochen an Leib und Seele.

Nach Expertenschätzungen erlitten 11 bis 14 Prozent der psychisch und physisch Versehrten schwere Gesichtsverletzungen. Allein für Frankreich waren dies zwischen 10.000 und 15.000 Männer, wie Historikerin Sophie Delaporte rekonstruiert hat. Deutsche Zahlen variieren erheblich, zwischen knapp 50.000 und rund 100.000.

"Verdeckt diese Horrormaske!"

Premier Clemenceau präsentierte die "Gueules Cassées" in Versailles, weil sie herausstachen aus dem traurigen Millionenheer der Kriegsversehrten. Amputierte, Blinde, Taube und Gelähmte, "Kriegszitterer", Stotterer und andere psychisch Zerrüttete - sie alle kämpften lebenslang mit ihren Traumata. Den Gesichtsversehrten indes hatte man auf dem Schlachtfeld ihr Ich weggeschossen.

Französische Sanitäter kümmern sich um einen Verwundeten (Mai 1915, Lorettoschlacht in Nordfrankreich)

Französische Sanitäter kümmern sich um einen Verwundeten (Mai 1915, Lorettoschlacht in Nordfrankreich)

Foto: Corbis/ Getty Images

"Unser Gesicht", so der US-Kulturwissenschaftler Daniel McNeill, verleiht uns eine "gesellschaftliche Identität", entscheidet über unser "soziales Dasein". Löscht man die Gesichtszüge aus, verliert der Mensch seine Identität. Ein Mann ohne Arm erzeugt Mitleid - ein Mann ohne Gesicht ruft Ekel hervor.

"Verdeckt dieses unerträgliche Gesicht! Verdeckt diese Horrormaske!", schrie ein französischer Krankenträger vor Verdun beim Anblick einer "zerhauenen Visage". Die Gesichtsversehrten waren "die größten Verlierer des Ersten Weltkriegs", sagt der Historiker Gerd Krumeich im einestages-Gespräch. Wer sie erblickte, war sprachlos vor Entsetzen. Über seinen Besuch in einem Berliner Lazarett für Gesichtsversehrte schrieb der Journalist Erich Kuttner 1920:

"Ich starre in ein kreisförmiges Loch von der Größe eines Handtellers, das von der Nasenwurzel bis zum Unterkiefer reicht. Das rechte Auge ist zerstört, das linke halb geschlossen. Während ich mit dem Mann rede, sehe ich das ganze Innere seiner Mundhöhle offen vor mir liegen: Kehlkopf, Speiseröhre, Luftröhre, wie bei einem anatomischen Präparat (...). Was ich gesehen habe, geht über das Maß all dessen, was Worte ausdrücken können."

Dass der Erste Weltkrieg mehr "Gueules Cassées" als je ein Konflikt zuvor produzierte, lag an Grabenkampf und neuer Militärtechnik: Feuerkraft, Zielgenauigkeit und Reichweite der Artillerie hatten sich rapide erhöht; Schrapnellgeschosse und berstende Granaten zerfetzten Soldaten oft bis zur Unkenntlichkeit. "Wir jungen Männer sahen plötzlich aus wie Monster", schrieb ein französischer Gesichtsversehrter.

"Vom Oberkiefer drei Backenzähne übrig"

In den Kriegen zuvor waren Schwerstverwundete meist auf dem Schlachtfeld gestorben. Im Ersten Weltkrieg sorgten das straff durchorganisierte Sanitätswesen sowie Fortschritte der Medizin dafür, dass auch Soldaten mit schlimmsten Gesichtsverletzungen überlebten.

Albert Jugon nach dem Krieg

Albert Jugon nach dem Krieg

Foto: Privatarchiv Familie Tranier-Jugon

Es waren Männer wie Albert Jugon, 1890 als Sohn eines Webers in Montreuil-sur-Ille geboren - er wurde schon nach zwei Wochen Krieg verletzt. Am 16. September 1914 schoss ein deutscher Soldat ihm aus nächster Nähe ins Gesicht, als der Infanterist gerade neben einem verletzten Kameraden kniete.

Den eigenen Tod fest vor Augen, bat Jugon, 23, den Militärgeistlichen, zuerst die anderen Verletzten abzutransportieren. "Er wollte die geweihte Hostie bekommen", erinnerte sich der Priester, "aber es war unmöglich, sie in dieses Chaos aus Fleisch und Blut zu legen."

Als die Nacht hereinbrach und Jugon noch immer lebte, schleppte er sich vom Schlachtfeld. Sprechen oder kauen konnte er nicht mehr: "Vom Oberkiefer nur noch drei Backenzähne übrig", schrieb Jugon seinem Bruder Henri. Für den Obergefreiten begann ein Martyrium: Fünf Monate lang traute sich kein Arzt, Jugon zu operieren - zu drastisch, zu neuartig die Verletzungen.

"Schauen Sie sich dieses Kuriosum an!", bekam er immer wieder zu hören. Der Versehrte mutierte zum Freak: ein Studienobjekt der wiederherstellenden Gesichtschirurgie, die im Ersten Weltkrieg gefordert war wie nie zuvor.

Künstler kreierten Gesichtsmasken

Um den "zerhauenen Visagen" ein menschliches Antlitz zurückzugeben, stellten Ärzte Nasenprothesen aus Gelatine her, laborierten mit Elfenbeinpfropfen, transplantierten Knochenteile aus Unterarm und Rippe. Der Erste Weltkrieg wurde zum "wahren Experimentierfeld der Gesichtschirurgie", so Historiker Krumeich. Betroffene wurden dutzendfach operiert - Albert Jugon musste sich 38 Eingriffen unterziehen, oft ohne Narkose.

Überzeugende Korrekturen gelangen nur selten. "Trotz aller Bemühungen werde ich für immer grauenvoll entstellt sein", schrieb Jugon im Februar 1916 seinem Bruder. Wo die Medizin kapitulierte, übernahmen Künstler wie der britische Bildhauer Francis Derwent Wood oder die Amerikanerin Anna Coleman Ladd.

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1917 eröffnete die Bildhauerin in Paris ein Studio für Gesichtsversehrte. Colemann Ladd fertigte hauchzarte Kupfermasken, die mit Brillen oder Bändern am Kopf fixiert wurden. Zeitgenössische Filmaufnahmen zeigen, wie sie damit Gesichtsverletzungen kaschierte.

So perfekt diese Masken auch aussahen: Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Gesichtsversehrten konnten sie nicht verhindern. Die "zerhauenen Visagen" wurden weder zurück an die Front geschickt noch in der Kriegsindustrie eingesetzt - ihr entsetzlicher Anblick hätte den Durchhaltewillen der Menschen untergraben. Stattdessen blieben sie in Lazaretten und Heimen, abgeschieden von der Öffentlichkeit. In ihr altes Leben kehrten viele nie wieder zurück.

Wirkungslose Schocktherapie

"Die 'Gueules Cassées' waren das bestgehütete Unsagbare des Ersten Weltkriegs", erklärt Krumeich. Zwar taugten sie für die Franzosen - wie 1919 in Versailles zu sehen - durchaus zum Kriegshelden. Seit 1921 gibt es sogar eine eigene Vereinigung, die von Albert Jugon mitbegründete "Union des Gueules Cassées". Im Nachkriegsdeutschland jedoch gerieten die Gesichtsversehrten zum Tabu, weil sie allzu schmachvoll an die Niederlage und Sinnlosigkeit der Opfer erinnerten.

"Warum versteckt man diese Denkmäler des Schreckens?", empörte sich Journalist Erich Kuttner 1920 im "Vorwärts" und forderte: "Man sollte sie der Jugend zeigen, damit sie lernt und erfährt, was Krieg ist." Erst der radikale Pazifist Ernst Friedrich nahm Kuttner beim Wort: Zehn Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlichte er 25 Porträts der "zerhauenen Visagen" in seinem Buch "Krieg dem Kriege".

Einige davon zeigte Friedrich auch in seinem Berliner Anti-Kriegs-Museum. Schockiert sprach Kurt Tucholsky von den "fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind". Das Buch wurde zum Bestseller und in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Genützt hat die Schocktherapie mit den "zerhauenen Visagen" nichts, im Gegenteil: 1933 sperrten die Nationalsozialisten Friedrich ein. Sein Anti-Kriegs-Museum funktionierten sie zum SA-"Sturmlokal" um - es wurde zu einer der berüchtigsten NS-Folterkammern Berlins.

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