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Deutsche Kriegsgefangene in Japan: Beethoven im Lager

Foto: Digitales Tsingtauarchiv (HCTS), Universität Heidelberg

Deutsche Kriegsgefangene in Japan Zwischen Orchester und »Stacheldrahtkrankheit«

Fußball, Gärtnerei und Ausflüge: Lange pflegte Japan das Leben im Lager Bandō als Musterbeispiel für den Umgang mit deutschen Gefangenen im Ersten Weltkrieg. Doch Feldpostbriefe zeichnen ein anderes Bild.

»Mit dem Tag, da unsere Artilleriemunition anfing, knapp zu werden, war Tsingtaus Schicksal besiegelt«, schreibt Wilhelm Spang später in sein Tagebuch. Spang gehörte zu den Belagerten, die Ende 1914 versuchten, die Einnahme der chinesischen Stadt Tsingtau durch die Japaner abzuwehren. Es war eine jener Schlachten des Ersten Weltkriegs, von der hierzulande bis heute fast niemand etwas gehört hat.

Am 7. November 1914 endete die Belagerung von Tsingtau mit dem Sieg der japanischen Angreifer. Die Deutschen hatten China die Kolonie Kiautschou  an der chinesischen Küste als »Pachtgebiet« abgepresst; nun ging sie in japanischen Besitz über. Für die deutschen Verteidiger von Tsingtau begann die Zeit der Kriegsgefangenschaft in Japan.

Noch dachten Japaner wie auch Deutsche, bald würde der Erste Weltkrieg vorbei sein. Doch die Jahre vergingen, der Krieg zog sich in die Länge. Und ab April 1917 wurden viele deutsche Gefangene in das Lager Bandō auf der Insel Shikoku verlegt.

Bandō erlangte nach dem Krieg Bekanntheit als Musterlager. Die internierten Deutschen durften Ausflüge unternehmen, Sport treiben, musizieren, gärtnern und Theater spielen. Es gab ein Orchester, Handwerksbetriebe, Fußball- und Hockeymannschaften, eine Druckerei und eine Konditorei.

Sehr viele Gefangene waren keine Berufssoldaten, sondern hatten sich mit Ausbruch des Krieges zum Militärdienst gemeldet. Nun wurde es ihnen erlaubt, wieder als Bäcker, Metzger, Köche, Schneider, Schuster, Uhrmacher, Maler oder Fotografen aktiv zu werden. Der japanische Kommandant Matsue machte das Lager zu einer Bühne, auf der Japans Zivilisiertheit der ganzen Welt vorgeführt werden sollte.

»Viel Geschimpfe über Essen und Massenunterbringung«

Takuma Melber, Historiker an der Universität Heidelberg, untersucht anhand von Feldpostbriefen und Tagebüchern aus dem Nachlass deutscher Kriegsgefangener das Leben in den japanischen Lagern. Als die Deutschen nach ihrer Niederlage in Tsingtau in Japan eintrafen, war dort die Regierung nicht darauf vorbereitet, mehr als 4500 Kriegsgefangene unterzubringen, so Melber. Vielleicht hatte man damit gerechnet, dass die Deutschen bis zur letzten Patrone kämpfen würden. Vielleicht glaubten die Japaner selbst nicht so recht daran, die Deutschen tatsächlich schlagen zu können.

In den provisorisch eingerichteten Lagern mangelte es daher zuerst an vielem. Aus den Aufzeichnungen und Fotografien, die Melber ausgewertet hat, geht hervor, dass die Lebensbedingungen bisweilen unhygienisch waren, dass Gefangene geschlagen wurden, es Kollektivstrafen gab und Deutsche zu fliehen versuchten. Das Deutsche Rote Kreuz, dem der Zutritt zu den Lagern gestattet war, berichtete kritisch über die Zustände.

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Deutsche Kriegsgefangene in Japan: Beethoven im Lager

Foto: Digitales Tsingtauarchiv (HCTS), Universität Heidelberg

Hans Kolster, Leutnant der Reserve aus dem III. Seebataillon, notierte in seinem Tagebuch: »Viel Geschimpfe über Essen und die Massenunterbringung.« Außerdem beschwert er sich über das Interesse der japanischen Bevölkerung – »dicht gedrängt an dem aufgestellten Bambusgitterwerk gaffend«. Kolster fühlte sich an die sogenannten Völkerschauen  erinnert, bei denen Menschen aus kolonisierten Ländern in einer zooartigen Umgebung den Europäern vorgeführt wurden.

Mit der Einrichtung gut ausgestatteter Lager verbesserte sich die Situation der Kriegsgefangenen. Ausflüge, Sport und andere Aktivitäten waren nicht mehr nur im Musterlager Bandō möglich. Aber besonders dort entwickelte sich ein reger Kulturaustausch. Im kollektiven Gedächtnis Japans hat sich besonders die Erstaufführung von Ludwig van Beethovens  neunter Symphonie durch die Lagerinsassen eingeprägt, mit der man noch immer vielerorts das neue Jahr einleitet. Und die Fußballvereine Osakas, wo heute Japans Fußballherz schlägt, führen die eigene Geschichte auf die Spiele gegen die Mannschaften der Kriegsgefangenen zurück.

Kampf gegen den Lagerkoller

In der japanischen Erinnerung an die deutschen Kriegsgefangenen dreht sich eigentlich alles um das Lager Bandō. Meistens herrscht der Eindruck, dass auch in den Jahren der Feindschaft und des Krieges letztlich Freundschaft und Verständigung zwischen Deutschen und Japanern überwog.

Japanische Forscher, die das Leben im Lager Kurume untersucht haben, konnten allerdings zeigen, dass das Leben deutscher Kriegsgefangener andernorts oft betrüblicher war. Gefangene litten unter Depressionen, man sprach von der "Stacheldrahtkrankheit". Sie fühlten sich isoliert, besonders wenn sie als Kollektivstrafen wochenlang keine oder nur stark zensierte Post bekamen.

Im Kriegsgefangenenlager Narashino durften diese deutschen Soldaten 1918 sogar Turnvorführungen geben – doch nicht alle Gefangenen hatten solches Glück

Im Kriegsgefangenenlager Narashino durften diese deutschen Soldaten 1918 sogar Turnvorführungen geben – doch nicht alle Gefangenen hatten solches Glück

Foto: Digitales Tsingtauarchiv (HCTS), Universität Heidelberg

Auch die Lager Fukuoka, Narashino und Nagoya waren nicht mit dem späteren Musterlager Bandō zu vergleichen. Aber selbst dort fühlten sich die Deutschen oft wie im goldenen Käfig, so Melber – umso mehr, nachdem Frieden geschlossen worden war, die Kriegsgefangenschaft aber einfach nicht enden wollte.

Die vielen Aktivitäten, denen die Deutschen in Bandō, aber auch vermehrt in anderen Lagern nachgehen durften, halfen ihnen, die Langeweile, das Heimweh, die Trauer um gefallene Kameraden und den Lagerkoller zu überwinden. Die Gefangenen unterrichteten einander sogar, etwa in Physik, Chemie, Fremdsprachen oder Volkskunde. Dabei versuchten sie, soweit es möglich war, so zu leben wie in der fernen und unerreichbaren Heimat.

Die Japaner kamen auf diese Weise ganz nebenbei mit deutscher Kultur in Berührung – mit der Musik, mit dem Handwerk und auch mit dem Essen. Das Lager Narashino ist den Japanern bis heute unter anderem wegen seiner Würste und wegen des Weins in Erinnerung geblieben, der in Japan untrennbar mit dem Namen des Kriegsgefangenen Heinrich Hamm verbunden ist. Hamm hatte schon vor dem Krieg als Experte für Weinbau in Japan gearbeitet und setzte seine Arbeit als Lagerinsasse fort.

Hoffnung auf Freiheit

Erst im Jahr 1920 durften die Deutschen heimkehren. Aber nicht alle wollten nach Hause. Einige blieben in Japan, andere ließen sich nieder in China oder Indonesien, dem damaligen »Niederländisch-Indien«. In Deutschland fanden sich die Heimkehrer in einer Umgebung wieder, die von ihren Erlebnissen in Japan nichts wissen wollte. Denn trotz aller düsteren Aspekte ihrer Kriegsgefangenschaft waren sie – gerade im Vergleich zu Kriegsgefangenen in Europa – außergewöhnlich gut behandelt worden.

Erst in den Siebzigerjahren wuchs das Interesse in Deutschland und Japan an den Jahren deutscher Kriegsgefangenschaft in Fernost. Entscheidend war hierfür die Gründung des Deutschen Hauses in Naruto – als Gedenkstätte des Lagers Bandō.

Als sich nun, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Freilassung der Deutschen, die Aufmerksamkeit stärker auf die Kriegsgefangenschaft in Bandō richtete, bildeten die Zustände in diesem außergewöhnlichen Lager einen deutlichen Kontrast zur brutalen Behandlung alliierter Soldaten während des Zweiten Weltkriegs. Bis heute ist dieses düstere Kapitel präsenter, was in Japan dazu geführt hat, die Geschichte des Lagers Bandō besonders zu betonen. Nationalkonservative Stimmen in Japan erklären noch heute, Japan sei zu einer Zeit, als sich das Zivilisationsversprechen Europas im Kugelhagel des Ersten Weltkriegs als Trug entpuppte, der eigentliche Kulturträger gewesen.

Nicht nur die Instrumentalisierung von Geschichte für politische Zwecke macht es notwendig, die Kriegsgefangenschaft der Deutschen nicht auf das Lager Bandō zu reduzieren. Die der Forschung lange unbekannten Nachlässe vieler Gefangener, die Melber nun sichtet, liefern den richtigen Zugang dafür. Sie erlauben es, durch die Augen der Inhaftierten zu schauen. Vor mehr als hundert Jahren blickten sie voller Neugier auf Japan, nicht selten durch die Linse einer Kamera.

Der Gedanke an die Heimkehr erfüllte sie mit Hoffnung und Sorge. Vielleicht spielten sie mit dem Gedanken zu fliehen. Vielleicht waren sie wütend. Am Ende des Ersten Weltkriegs sahen sie die Entwicklung der Welt mit Furcht, das Exil ihres Kaisers mit Bestürzung. Aber wie bei allen Gefangenen zu allen Zeiten konzentrierte sich ihr ganzes Denken darauf, dass sie wieder frei und selbstbestimmt leben wollten.

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