Esther Bejarano »Ich sehe dieses Bild immer vor mir: wie wir gelaufen sind«

Die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano ist im Alter von 96 Jahren gestorben – im vergangenen Jahr schilderte sie im SPIEGEL ihre Erinnerungen an das Kriegsende.
Esther Bejarano

Esther Bejarano

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Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Esther Bejarano wurde 1924 als Esther Loewy in Saarlouis geboren. Ihr Vater war Lehrer und Kantor. Im Ersten Weltkrieg war ihm das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen worden, er verstand sich als Jude und als deutscher Patriot: Auch nach der Eingliederung des Saarlandes ins Deutsche Reich 1935 hielt er den Judenhass der Nazis für ein Phänomen, das vorübergehen würde.

Während zwei ihrer drei Geschwister emigrierten, blieb Esther Bejarano bei ihren Eltern in Deutschland. 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Weil sie musikalisch war, wurde sie für das »Mädchenorchester von Auschwitz« als Akkordeonspielerin verpflichtet. Das Orchester musste beispielsweise spielen, wenn die Arbeitskolonnen am Morgen das Lager verließen. Weil die Nationalsozialisten sie als »Viertelarierin« einstuften, wurde sie im November 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück verlegt.

Nach dem Krieg lebte sie zunächst in Israel, 1960 zog sie mit ihrer Familie nach Hamburg. Sie engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten  (VVN-BDA) und im Internationalen Auschwitz-Komitee . Nun ist Bejarano im Alter von 96 Jahren gestorben. 2020 schilderte sie im SPIEGEL den Sommer 1945. Der Beitrag erschien erstmals am 15. Juli 2020.

Am 3. Mai bin ich befreit worden. An diesem Tag fühlte ich mich zum ersten Mal, seit wir vom Todesmarsch geflüchtet waren, sicher. Sieben Mädchen waren wir, wir haben uns im Wald versteckt. Wir sind erst auf russische Soldaten getroffen und dann auf amerikanische Tanks. Die haben uns aufgenommen, nachdem wir ihnen unsere Nummern auf dem linken Arm gezeigt haben. Sie haben uns nach Lübz gebracht. Da kam dann die Rote Armee einmarschiert. Das war meine Befreiung, eine unwahrscheinlich tolle Befreiung. Die amerikanischen und russischen Soldaten haben sich umarmt und gerufen: Hitler ist tot.

In den Achtzigerjahren ließ sich Esther Bejarano die Auschwitz-Tätowierung vom Arm entfernen

In den Achtzigerjahren ließ sich Esther Bejarano die Auschwitz-Tätowierung vom Arm entfernen

Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Ich bin dann mit Miriam Edel zusammen nach Frankfurt getrampt. Natürlich war das kein Trampen im heutigen Sinne. Wir sind viel zu Fuß gelaufen. Von Bergen-Belsen, wo ich von der Ermordung meiner Eltern erfuhr, zunächst nach Frankfurt. Dort gab es eine Auskunftsstelle der amerikanischen Armee, wo man sich nach Vermissten erkundigen konnte. Das waren die American Headquarters. Mein Bruder war ja in Amerika Soldat geworden. Ich wollte wissen, wie ich mit ihm in Kontakt kommen kann. Er hatte in Italien gegen die Nazis gekämpft, war aber zurückgeflogen worden nach Amerika, weil er irgendetwas hatte, ich glaube an der Schilddrüse. Die Amerikaner gaben mir die Feldadresse meines Bruders. So bin ich wieder in Kontakt mit ihm gekommen.

Meine Schwester Ruth hatte in Holland einen ungarischen Juden geheiratet. Die beiden sind nach dem Einmarsch der Nazis an die Schweizer Grenze geflüchtet. Dort hatten wir Freunde. Die Schweizer Polizei hat die beiden aber zurückgeschickt auf deutschen Boden. Der Mann ist sofort erschossen worden. Ich dachte, meine Schwester Ruth sei mit ihm zusammen erschossen worden, das wäre noch ein guter Tod gewesen. Aber das war nicht so, ich habe es erst vor ein paar Jahren erfahren. Die Nazis haben sie zurück nach Holland in ein Sammellager gebracht. Von dort wurden alle Juden nach Auschwitz geschickt. Auf einem der Transporte war der Name meiner Schwester. Ich weiß sogar, an welchem Tag sie ermordet wurde: am 1. Dezember 1942. Sie war also noch vor mir in Auschwitz.

In Auschwitz und auch in Ravensbrück konnte man sich Zivilkleidung organisieren. Allerdings musste die bezahlt werden mit Essen. Wir hatten ja kein Geld. Ich habe mir einen Pullover gekauft für einen ganzen Laib Brot. Eine Woche habe ich gehungert, um diesen Pullover zu bekommen, weil ich so schrecklich gefroren habe. Es gab eine Stelle, wo die Kleider und alles, was die Gefangenen mitbrachten, gesammelt wurden; es wurde dort verpackt und nach Deutschland geschickt, fürs Winterhilfswerk und anderes.

Wir hatten kommunistische Gefangene. Die haben in Auschwitz ein Radio organisiert. Als die Nazis weg waren, konnten sie hören, wo die Rote Armee steht. Als ich schon in Ravensbrück war, haben wir auf diese Weise erfahren, dass wir Zivilkleider unter der Häftlingskleidung tragen sollten. Wir würden in ein paar Stunden evakuiert, hieß es. Dann müssten wir die Zivilkleidung anhaben, falls wir irgendwie freikommen würden. Das hat uns sehr geholfen.

Und der Weg nach Frankfurt? Ich sehe dieses Bild immer vor mir: wie wir gelaufen sind. Dass uns russische oder amerikanische Soldaten, die mit dem Auto vorbeikamen, aufgenommen haben, uns ein Stück gefahren haben. Bis wir in Frankfurt gelandet sind. Ich werde das nie los. Alles, was man erlebt hat, geht nie wieder weg.

Skript für die Lesung aus Bejaranos Buch "Erinnerungen"

Skript für die Lesung aus Bejaranos Buch "Erinnerungen"

Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Irgendwann waren wir auf dem Wege nach Gehringshof bei Fulda. Weil man uns in Bergen-Belsen gesagt hat, es gebe dort eine Vorbereitungslager zwecks Auswanderung nach Palästina. Das hatte wieder aufgemacht. Dort wollten wir hin, wir wollten nicht mehr in Deutschland bleiben. Wir hatten die Nase voll. Nicht mit diesen Leuten.

Wir sind dann nach Fulda gelaufen. Kibbuz Buchenwald haben die ehemaligen Gefangenen das Vorbereitungslager genannt. Dort haben wir die Information bekommen, dass von Frankreich aus ein Schiff nach Palästina fahren würde, die "Mataroa".

Mitte August sind wir in Marseille ausgelaufen, am 15. September kamen wir in Haifa an. In Palästina kamen wir wieder in ein Lager. Das war für uns so eine Enttäuschung. Man kam nur raus, wenn man irgendwelche Verwandte oder Bekannte in Israel hatte, die für einen bürgen konnten. Ich habe meine Schwester Tosca sofort benachrichtigt. Die hat mich rausgeholt und meine Freundin Miriam Edel auch. Das Allerschärfste war, dass sie uns beschuldigt haben: Alle, die überlebt haben, hätten mit den Nazis kollaboriert. Anders wären wir gar nicht rausgekommen aus Auschwitz. Eine Unverschämtheit. So wurden wir aufgenommen? Niemand hat sich um uns gekümmert. Eine Katastrophe, unmöglich.

Ein einziges Mal, noch in Israel, habe ich meiner Schwester Tosca und meinem Schwager eine ganze Nacht und einen ganzen Tag erzählt, was ich erlebt habe. Und dann habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss. Jetzt will ich nicht mehr reden. Ich will das alles vergessen.

Schülerinnen und Schüler bei einer Bejarano-Lesung in Dortmund

Schülerinnen und Schüler bei einer Bejarano-Lesung in Dortmund

Foto: Jakob Schnetz und Janek Stroisch/ DER SPIEGEL

Nach Israel habe ich einen sogenannten Heimatschein zugeschickt bekommen. Darin hieß es: Sie haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Und wir hoffen, dass Sie wieder zurückkommen. Es würde auch Hilfe geben. Ich wollte aber nicht in die Städte gehen, in denen ich mit meinen Eltern zusammen war.

Später, als ich dann doch nach Deutschland zurückkam, habe ich eine furchtbare Angst bekommen. Ich sah Männer in Uniform und habe sofort an die Gestapo gedacht. Noch viel später kam ich durch Freunde aus Israel, die schon vorher ausgewandert sind, nach Hamburg. Die hatten uns geschrieben, es gebe überhaupt keine Nazis mehr. Die Leute, die ich auf der Straße gesehen habe, waren ungefähr in meinem Alter. Da habe ich immer gedacht: Was hat der gemacht im Krieg? Vielleicht ist es der Mörder meiner Eltern oder meiner Schwester Ruth? Ich konnte mit diesen Menschen nicht reden.

Aufgezeichnet von Alexander Smoltczyk

Hier  lesen Sie zudem ein Kinder-Interview mit Esther Bejarano, hier sehen Sie in ein Video, in dem sie über ihre Erinnerungen und die Gefahr, die von der AfD ausgeht, spricht.