DER SPIEGEL

Tod von Esther Bejarano »Ich weiß, was kommt«

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano ist tot – bis zuletzt warnte sie davor, dass sich in Deutschland Geschichte wiederholen könnte. Unser Reporterteam besuchte sie 2020.

Sie überlebte das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und setzte sich bis zum Ende für die Verfolgten des Naziregimes ein – als Sprecherin und Musikerin. Jetzt ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren verstorben. Zuletzt lebte sie in Hamburg, dort besuchten sie im vergangenen Jahr zwei SPIEGEL-Redakteure. Sie sprachen mit ihr über ihre Erinnerungen an Auschwitz und über die Gefahr, die von der AfD ausgeht. Der Beitrag erschien erstmals am 23. Januar 2020.

Esther Bejarano:
„Alles ist in meinem Kopf drin. Ich sehe jedes Mal, ich sehe immer, was wir erlebt haben. Ja, ganz, ganz schlimme Dinge.“

Wie beschreibt man realen Horror, das absolute Grauen?

Esther Bejarano versucht es. Immer und immer wieder erzählt sie ihre unglaubliche Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs brachten die Nationalsozialisten die Jüdin nach Auschwitz.

Heute setzt sie sich dafür ein, dass die Menschen nicht vergessen, was vor rund 80 Jahren geschehen ist. Sie sensibilisiert, sie warnt. Das findet sie in diesen Tagen besonders wichtig. Denn die derzeitige Entwicklung in Deutschland beunruhigt die 95-Jährige gewaltig.

Esther Bejarano:
„Da laufen Nazis auf der Straße rum mit irgendwelchen Slogans, die sie schon vor vielen, vielen Jahren gemacht haben, ja, mit Hitlergrüßen und allem möglichen. Die AfD marschiert doch mit denen gemeinsam. Ja, das ist doch furchtbar. Wir haben Pegida. Wir haben die NPD. Für diejenigen, die das erlebt haben, ist das wirklich… Das kann man gar nicht beschreiben, wie schlimm das für uns ist.“

1943 kam Bejarano nach Auschwitz, wurde dort zu schwerer Arbeit gezwungen. Häftlingsnummer 41948. Doch sie hatte Glück und durfte einem Mädchenorchester beitreten. Sie spielte eigentlich Klavier, sollte aber ans Akkordeon – und brachte sich das Instrument kurzerhand selbst bei. Es wurde zu ihrer Rettung. Als Teil des Orchesters genoss sie besonderen Schutz und musste auch nicht mehr schwer arbeiten.

Und trotzdem erlebte Bejarano ihre schlimmsten Momente, als sie mit dem Orchester auftrat. Besonders, wenn neue Transporte ankamen.

Esther Bejarano:
„Und diese Züge, die auf diesen Gleisen ankamen. Diese Menschen, die in diesen Zügen waren, sind alle vergast worden. Das waren Züge, die in die Gaskammer gegangen sind. Und wir standen da und mussten spielen. Und die Leute da drin – ich bin davon überzeugt - haben gedacht, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis. Es war so aussichtslos. Man konnte nichts tun, absolut nichts.“

Und immer wieder musste sie mitansehen, wozu die Aufseher im KZ fähig waren.

Esther Bejarano:
„Zum Beispiel gab es da diesen schrecklichen Arbeitsführer Moll, der mit seinen zwei Hunden – der hatte solche Schäferhunde - die waren natürlich so abgerichtet, dass sie die Menschen totbeißen. Furchtbar. Der ist immer auf der Lagerstraße gegangen, mit den Hunden. Und wenn ihm irgendein Gesicht von den Menschen, die da gestanden haben, die Gefangenen, nicht gefallen hat, oder er sich gefreut hat, dass er mal wieder die Hunde auf sie hetzen konnte, dann hat er das getan. Und die Hunde haben die Menschen zerfleischt.“

Bejarano blieb etwa ein halbes Jahr in Auschwitz und wurde dann nach Ravensbrück verlegt. 1945 konnte sie fliehen, als die Nationalsozialisten das KZ räumen mussten, weil die Alliierten immer näher rückten.

75 Jahre ist das jetzt her – und doch denkt Bejarano jeden Tag an die schrecklichen Bilder, an die Gräueltaten der Nationalsozialisten.

Esther Bejarano:
„Das geht einem nicht aus dem Kopf. Das muss man, das müsst ihr auch mal verstehen. Für mich ist das sehr schwer, immer wieder dasselbe zu erzählen. Aber ich mache das, weil ich weiß, dass es so furchtbar, so furchtbar wichtig ist. Aber es ist keine Kleinigkeit für mich. Es ist immer schwer, eine Geschichte zu erzählen.“

Trotzdem tut sie es. Bejarano besucht Schulen, hält Lesungen. Und bis heute setzt sie auf ihre größte Leidenschaft: Musik.

In Auschwitz rettete sie ihr Leben, jetzt ist die Musik ein gutes Mittel, um ihre Erfahrungen zu teilen: Mit der linken Rap-Band Microphone Mafia steht Bejarano regelmäßig auf der Bühne und transportiert auch dort ihre klare Botschaft: Dass sich die Geschichte nie wiederholen darf.  Umso besorgter blickt sie auf die Parallelen zwischen heute und damals - auf die Verrohung der Sprache, die sie bei AfD-Funktionäre beobachtet. Und auch, wenn sich europäische Länder weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, dann erkennt sie ein Muster von damals.

Esther Bejarano:
„Und ich sage Ihnen: Das war damals genau dasselbe. Zum Beispiel meine Schwester, die ist geflüchtet in die Schweiz. Man hat sie wieder zurückgeschickt auf deutschen Boden, und sie ist ermordet worden. Heute ist das etwas anders, aber es ist ähnlich.“

Umso wichtiger sei es jetzt, nicht zu schweigen. Bejarano wünscht sich mehr Menschlichkeit, verlangt auch von der Bundesregierung, gegenzusteuern. Und ihre Forderungen verbindet sie mit einer klaren Warnung.

Esther Bejarano:
„Ich weiß, was weiter kommt, wenn es so weitergeht und wenn man nichts dagegen macht. Und wenn diese rechtslastigen Parteien noch stärker werden, dann sehe ich ganz schwarz. Weil dann kann genau dasselbe passieren, was damals geschah.“

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