Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano "Was kann gemeinnütziger sein als Antifaschismus?"

Im Dezember wird sie 95. Esther Bejarano überlebte den Holocaust und ist Ehrenvorsitzende eines antifaschistischen Verbandes, dem ein Finanzamt nun die Gemeinnützigkeit entzogen hat. Im Zorn hat sie Olaf Scholz einen Brief geschrieben.

Heribert Proepper/ AP

Ein Interview von


Esther Bejarano ist manchmal etwas atemlos. Ja, sie würde gern ein Interview geben. Nur: "Ich habe kaum Zeit. Wann soll ich das noch machen?", fragt sie am Telefon. Es ist kein Kokettieren: Bejarano wird Mitte Dezember 95, ihr Terminkalender ist stets prall gefüllt.

Denn unermüdlich erzählt sie als Zeitzeugin in Schulen ihre Lebensgeschichte. Wie sie mit der tätowierten Nummer 41948 Auschwitz überlebte. Wie sie dafür log und behauptete, Akkordeon spielen zu können - obwohl sie noch nie gespielt hatte. Bejarano kam ins Mädchenorchester Auschwitz. Sie musste keine schweren Steine mehr schleppen. Ihre Musikalität schützte sie vor der Ermordung.

Mit Musik kämpft sie nun gegen das Vergessen an und steht regelmäßig mit der Microphone Mafia auf der Bühne. Die Kölner Hip-Hop-Band gründete sich 1989, um gegen Rassismus zu rappen. Der nächste Auftritt sei in Siegburg, sagt Bejarano und blättert im Terminkalender. Danach? "Irgendwo im Rheinland."

Neben dem Tourneestress hat Bejarano derzeit andere Probleme: Sie ist auch Ehrenvorsitzende der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (VVN-BdA). Das zuständige Finanzamt Berlin hat der Organisation jetzt die Gemeinnützigkeit entzogen. Der Verband, nach 1945 von Holocaust-Überlebenden gegründet, sieht seine Existenz gefährdet, denn es drohen empfindliche steuerliche Nachteile und Nachzahlungen von Zehntausenden Euro.

einestages: Frau Bejarano, seit Jahren kämpfen Sie engagiert gegen Faschismus und Rechtsradikalismus. Im bayerischen Verfassungsschutzbericht von 2018 wird die VVN-BdA als "linksextremistisch beeinflusste Organisation" eingestuft. Stehen Sie Linksextremisten nahe?

Bejarano: Was hat das überhaupt mit links zu tun? Wenn man gegen etwas ankämpft, was man einst erlebt hat, dann ist es total unwichtig, ob man links oder rechts ist. Ich kann nicht begreifen, dass die Leute immer in solchen Kategorien denken.

einestages: Die Einstufung hat ernsthafte Folgen für die VVN-BdA. Ein Finanzamt in Berlin hat der Organisation die Gemeinnützigkeit entzogen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren?

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Holocaust-Überlebende Bejarano: "Wir leben trotzdem, wir sind da!"

Bejarano: Was soll mir durch den Kopf gegangen sein? Das ist eine ganz große Unverschämtheit. Ich frage mich wirklich: Wohin steuert Deutschland? Ich weiß nicht, wie es in Deutschland weitergehen wird, aber ich muss versuchen, zu verhindern, dass der Rechtsruck hier noch schlimmer wird. Das ist meine Arbeit. Und die mache ich, solange ich lebe.

einestages: An Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) haben Sie einen sehr emotionalen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es: "Das Haus brennt - und Sie sperren die Feuerwehr aus!" Hat sich Herr Scholz schon bei Ihnen gemeldet?

Bejarano: Nein, damit rechne ich auch nicht. Aber ich weiß, dass viele Menschen so denken wie ich.

einestages: Das Berliner Finanzamt hat die umstrittene Entscheidung auf Basis eines Berichts des Verfassungsschutzes Bayern getroffen, der mit den Kommunisten im VVN argumentiert...

Bejarano (unterbricht aufgebracht) : Ja, warum sind denn Kommunisten in diesem Verein? Weil sie die Ersten waren, die von der NSDAP verfolgt worden sind! Viele sind in Gefängnissen und Konzentrationslagern umgebracht worden. Sie gehörten zu den wenigen, die gegen die Nazis gekämpft haben. Natürlich sind Kommunisten im VVN, doch das darf doch nicht der Grund sein, uns die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Was kann gemeinnütziger sein als Antifaschismus? Es ist eine Arbeit für die Gesellschaft.

einestages: Der Verfassungsschutz bemängelt besonders die Nähe zur Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). So trat der VVN-Bundessprecher 2018 als Ehrengast beim DKP-Parteitag auf. Der Bericht unterstellt, die VVN kämpfe gegen alle "nicht marxistischen Systeme" - also auch gegen die parlamentarische Demokratie.

Bejarano: Was hat das mit der DKP zu tun? Wir sind unparteiisch. Was geht in den Köpfen der Leute um? In NRW haben sie uns noch im Oktober die Gemeinnützigkeit bestätigt. Jetzt spricht sie uns das Finanzamt in Berlin ab. Das ist ein Skandal. Und deshalb habe ich nicht an das Finanzamt Berlin geschrieben, sondern an Bundesfinanzminister Scholz, der über diesen Ämtern steht.

einestages: Nicht nur die bayerischen Verfassungsschützer führen seit Jahren die VVN in ihren Berichten auf. Auch der Politikwissenschaftler Rudolf van Hüllen, einst selbst Verfassungsschützer, vermutet, der VVN verfolge eine "stalinistische" Variante des Sozialismus.

Bejarano: Das ist ganz großer Quatsch. Das ist alles nur herbeigezogen, um unsere Arbeit zu diskreditieren.

einestages: Für Ihr Engagement haben Sie etliche Auszeichnungen bekommen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz. Haben Sie im ersten Ärger über den aktuellen Streit mit dem Gedanken gespielt, eine solche Auszeichnung aus Protest zurückzugeben?

Bejarano: Nein. Nur bei meiner ersten Auszeichnung habe ich noch darüber nachgedacht, sie nicht anzunehmen. Aber dann haben mir Freunde gesagt: "Warum solltest du das tun? Du hast so gute Arbeit gemacht." Und ich freue mich ja auch wirklich, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird.

einestages: Zu dieser Arbeit gehört die Musik, ohne die Sie die NS-Zeit wohl nicht überlebt hätten. Auch bei Ihren kommenden Auftritten werden Sie wieder den Schlager "Bel Ami" singen, den Sie in Auschwitz vortragen mussten. Wie fühlte sich das an, als Sie dieses Lied zum ersten Mal nach dem Krieg sangen?

Bejarano: Ich wollte "Bel Ami" erst überhaupt nicht mehr singen. Aber durch dieses Lied habe ich auch mein Leben retten können. Also erkläre ich jedes Mal, warum ich dieses Lied singe. Das Lied ist aber nicht das Allerwichtigste für mich.

einestages: Sondern?

Bejarano: Dass wir gemeinsam auf der Bühne stehen, Menschen aus drei Generationen und drei Religionen: Judentum, Christentum, Islam. Wir singen in verschiedenen Sprachen, auf Türkisch, Jiddisch, Deutsch, Italienisch. Wir verstehen uns wunderbar. Man kann mit allen Menschen gut zusammenarbeiten - wenn man nur will.

einestages: Wie viele Auftritte an Schulen und mit Ihrer Band Microphone Mafia hatten Sie allein in diesem Jahr?

Esther Bejarano: Ich weiß es wirklich nicht. Unzählige. Konzerte im Jahr etwa 150, dazu kommen noch die vielen Besuche in den Schulen.

einestages: Macht es Sie nicht müde, immer wieder Ihre Lebensgeschichte zu erzählen? Brauchen die Deutschen noch derart viel Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit?

Bejarano: Das sehen Sie doch selbst, dass es Erinnerungsarbeit geben muss! Dieser politische Rechtsruck in Deutschland und anderswo ist einfach unsäglich. Die rechten Parteien wollen unsere Demokratie zerstören. Das erschreckt mich auch als Zeitzeugin. Deshalb muss man den Menschen erzählen, was damals geschah. Weil es nach 1945 keine richtige Aufklärung und Entnazifizierung gab. Adenauer holte viele ehemalige Nazis in die Regierung. Man schwieg und erzählte nicht, welch schreckliche Verbrechen die Nazis an uns begingen.

einestages: Sie fürchten also, die Geschichte könnte sich wiederholen?

Bejarano: Ja, ich habe Angst, dass es sich wiederholt. Weil ich die Verbrechen selbst sehen musste. Ich habe erlebt, wie viele Menschen umgebracht worden sind. Meine Eltern und meine Schwester sind ermordet worden. Daher muss man den Menschen doch heute sagen: Schweiget nicht, macht etwas! Ich sehe schwarz, wenn unsere Regierung nichts gegen Rassismus und Antisemitismus unternimmt.

einestages: Zum Schluss tragen Sie bei Ihren Konzerten immer ein jiddisches Lied vor, das 1943 im Wilnaer Ghetto komponiert wurde: "Mir lebn ejbig". Aus Ihrem Mund klingt der Text ungeheuer trotzig und lebensbejahend.

Bejarano: Ja, das ist auch mein Lieblingslied: "Wir leben trotzdem, wir werden leben und erleben und schlechte Zeiten überleben." Auf der einen Seite bin ich zwar pessimistisch und sehe für Deutschland schwarz. Auf der anderen Seite habe ich trotzdem nicht meinen Optimismus verloren, weil ich sehe, wie positiv viele Menschen auf unsere Auftritte reagieren. Das macht mir Hoffnung.

insgesamt 133 Beiträge
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Henrik Bonnart, 29.11.2019
1. Wo sie Recht hat
... hat sie Recht. Es geht den Finanzbehörden ganz offensichtlich darum, lästige NGOs auszuchalten.
Ludwig Quandt, 29.11.2019
2. Vor Menschen wie dieser Dame
Kann man sich nur verneigen
Erhard Stammberger, 29.11.2019
3. Der gleiche Olaf Scholz...
... wiird möglicherweise SPD-Vorsitzender
Oliver Secker, 29.11.2019
4. Wer...
keinen Bock auf rassistische Kackscheiße hat, ist übrins nicht links, sondern normal. Deshalb darf der VVN-BdA nicht die Gemeinnützigkeit abgesprochen werden. Was ist nur aus der SPD und ihren Repräsentanten geworden? Weder sozial noch demokratisch...
UncleJack, 29.11.2019
5.
Der Verfassungsschutz zieht also die Behauptung an den Haaren herbei, dass überzeugte und aktive Kommunisten die Demokratie ablehnen, soso. Die Antworten der zweifelsohne sehr engagierten Dame auf anscheinend ja sehr berechtigte, kritische Fragen scheinen die Einschätzung des bayrischen VfS und des Berliner Finanzamts zu 100% zu bestätigen. Das man ausgerechnet 30 Jahre nach dem Mauerfall Subventionen für kommunistische Vorfeldorganisationen einfordert, ist ziemlich frech.
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