Europas letzte Hexe Warum die "höllische Nell" ins Gefängnis musste

Sie beschwor die Geister von Toten - und wurde als Hochstaplerin entlarvt. Helen Duncan war die letzte Frau, die in Europa 1944 wegen Hexerei inhaftiert wurde. Die Schottin machte sogar Geheimdienstler nervös.

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Winston Churchill schäumte vor Wut. Das Schreiben an seinen Innenminister am 3. April 1944 enthielt weder Anrede noch Gruß und war mit hellroter Tinte unterzeichnet: "Was hat dieser Prozess den Staat gekostet?", fragte der britische Premier und befahl: "Schicken Sie mir einen Bericht, warum sich ein moderner Gerichtshof auf das Hexerei-Gesetz von 1735 berufen konnte."

Der "veraltete Blödsinn", der Churchill derart in Rage versetzte, war eines der absurdesten Gerichtsverfahren des 20. Jahrhunderts: Am 3. April 1944 wurde die Schottin Helen Duncan wegen Hexerei zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Ort des Prozesses: Old Bailey, der Zentrale Strafgerichtshof in London.

Mitten im Krieg, die deutsche Luftwaffe attackierte die Metropole weiterhin mit Bomben, griff die britische Justiz tief in die Gesetzes-Mottenkiste - und förderte einen fast vergessenen Paragrafen zutage: den "Witchcraft Act". Auf der Basis dieses mehr als 200 Jahre alten "Hexerei-Gesetzes" befanden die Richter die sechsfache Mutter für schuldig, Totenbeschwörung betrügerisch vorzutäuschen.

Mull, Klopapier, Eiweiß

Als das Urteil verkündet wurde, verlor die kränkliche, füllige Frau, 46 Jahre alt, die Nerven: "Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich so viele Lügen gehört. Warum muss ich all das erleiden?", schrie sie laut "Daily Mail" und brach in Tränen aus.

"Hellish Nell", die "höllische Nell", so ihr Spitzname, war erledigt. Und die Welt um ein Rätsel reicher: Warum griffen die Richter damals so hart durch? Warum musste Duncan unbedingt hinter Gitter? Noch 60 Jahre nach ihrem Tod am 6. Dezember 1956 setzen sich Angehörige und Anhänger leidenschaftlich dafür ein, die Frau zu rehabilitieren, die angeblich schon als Kind Kontakt zum Jenseits aufnahm.

Duncan wurde 1897 im schottischen Callander als Tochter eines Dachdeckers geboren. Als Siebenjährige habe sie in der Küche den Geist des längst verstorbenen Soldaten Johnny entdeckt. Zudem habe sie in die Vergangenheit sehen und Unfälle vorhersagen können, schrieb ihre Tochter Gena Brealey. Und in der Schule seien die richtigen Antworten beim Geschichtstest wie von Zauberhand aus ihrem Griffel geflossen. "Erzähl bloß niemandem von deinen Gaben, sonst denken sie, du bist eine Hexe", soll Duncans Mutter ausgerufen haben.

Doch "Hellish Nell" hörte nicht. Um ihre sechs Kinder und den kriegsversehrten Ehemann durchzubringen, verdingte sie sich neben ihrem Job in einer Bleichfabrik als "Medium". Duncan reiste durchs Land und gab vor, Geister von Verstorbenen rufen zu können. Dazu versetzte sie sich in Trance und sonderte angeblich ein weißes Fluidum ab: Das sogenannte "Ektoplasma" nahm während der spiritistischen Sitzung die Gestalt eines Verstorbenen an und antwortete auf Fragen.

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Britischer Hexenprozess 1944: Mumpitz aus Mull und Klopapier

In Scharen strömten die Menschen herbei, um gegen Geld in Kontakt zu toten Angehörigen zu treten. Doch bald schon enttarnte der britische Forscher und Geisterjäger Harry Price das vermeintliche "Medium" als Betrügerin: Das "Ektoplasma" bestand aus Mull, Klopapier und hartgekochtem Eiweiß, konnte der Chef des National Laboratory of Psychical Research 1931 nachweisen.

"Ich schlage dir den Schädel ein, du mieses Aas"

Vor jeder Sitzung, so Price, schluckte Duncan die Substanzen, um sie dann im richtigen Moment hochzuwürgen. Die "Geister" entlarvte Price als Puppen, Gummihandschuhe oder Tücher, auf denen ausgeschnittene Fotos befestigt waren. Doch minderten die Enthüllungen Duncans Beliebtheit ebensowenig wie eine Strafanzeige im Jahr 1933.

Am 6. Januar knipste die Schottin Esson Maule bei einer Séance das Licht an und schnappte sich den angeblichen Geist der kleinen Peggy - er bestand aus einer alten Frauenunterjacke. "Ich schlage dir den Schädel ein, du mieses Aas", soll die für ihre Wutausbrüche berüchtigte Duncan gebrüllt haben. Sie wurde von der Polizei zu 10 Pfund Strafe verdonnert - und praktizierte weiter.

Der Zweite Weltkrieg bescherte der Geisterbeschwörerin neue Kundschaft: verzweifelte Menschen, die laut dem britischen Historiker Malcolm Gaskill aus allen Schichten stammten, vereint in der Sehnsucht nach Kontakt zu ihren verstorbenen Männern, Söhnen, Enkeln. Zugleich wurde der britische Inlandsgeheimdienst auf Duncan aufmerksam.

Ende November 1941 erschien bei einer Sitzung angeblich der Geist eines toten Matrosen der "HMS Barham", eines Schlachtschiffes, das ein deutsches U-Boot kurz zuvor versenkt hatte. 861 Besatzungsmitglieder waren gestorben, was jedoch bis Ende Januar 1942 unter Verschluss gehalten wurde. Die Mutter des Matrosen kontaktierte das Marineministerium - und ab sofort stand Duncan unter Beobachtung.

Die tote Tante gab's gar nicht

Woher wusste die Schottin vom Untergang? Zwar erfolgte die offizielle Bestätigung erst zwei Monate später, doch die Angehörigen erhielten bereits Kondolenzbriefe - so könnte Duncan davon erfahren haben. Überdies praktizierte sie in Portsmouth, Heimathafen der "HMS Barham" und hatte zwei Söhne in der Marine.

Der Geheimdienst reagierte nervös - zumal Duncan auch den Untergang des Royal-Navy-Schlachtkreuzers "HMS Hood" mit mehr als 1400 Toten ausgeplaudert haben soll, bevor die Nachricht in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Im Januar 1944 wurde "Hellish Nell" aus dem Verkehr gezogen.

Auslöser war der junge Leutnant Stanley Worth. Bei einer Séance beschwor Duncan den Geist seiner toten Tante - aber Worth hatte gar keine und war angewidert. Am 19. Januar verhafteten Undercover-Polizisten das "Medium" bei einer Sitzung in Portsmouth, just in dem Moment, als Duncan ihrem Publikum als weiß verschleierter "Geist" erschien.

Schaltete der MI5 das "Medium" aus?

Wie weit der britische Geheimdienst tatsächlich in Duncans Verhaftung und das folgende Gerichtsverfahren involviert war, ist bis heute umstritten. Laut Historiker Gaskill spricht einiges dafür, dass auf höherer Ebene die Entscheidung fiel, Duncan zum Schweigen zu bringen.

Unter höchster Geheimhaltung liefen damals die Vorbereitungen für die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Laut Gaskill setzte der Geheimdienst alles daran, mögliche Indiskretionen auszuschalten: "Duncan gab Informationen zu einem Zeitpunkt preis, als der Sieg von Verschwiegenheit abhing. Der MI5 dürfte eine solche Frau kaum ignoriert haben - egal, für wie harmlos man sie hielt."

Über eine Woche dauerte der bizarre Prozess vor dem Strafgericht. Duncans Verteidiger, selbst überzeugter Spiritist, ließ 46 Zeugen zu ihren Gunsten aussagen. Vergeblich: "Hellish Nell" musste im berüchtigten Frauengefängnis Holloway Prison einsitzen und wurde erst Ende September 1944 begnadigt - da war der D-Day längst vorüber. Obwohl sie bei ihrer Freilassung versprechen musste, von künftigen Séancen abzusehen, praktizierte Duncan weiter.

Erst 1951 wurde der "Witchcraft Act" auf Betreiben Winston Churchills abgeschafft. Zuvor verurteilte die britische Justiz eine weitere Geisterbeschwörerin auf Basis des Uraltgesetzes. Jane Rebecca Yorke, 72, wurde im Juli 1944 festgenommen, aber nicht inhaftiert; sie musste lediglich eine Geldstrafe von 5 Pfund bezahlen.

"Zeit, dass Helen endlich Gerechtigkeit widerfährt"

Und so haftet Duncan bis heute die Fama der "letzten Hexe" Europas an. Großbritanniens berühmtestes "Medium" starb am 6. Dezember 1956, kurz nachdem sie abermals wegen Betrugs verhaftet worden war.

Mit Petitionen hatten Duncans Anhänger in den Jahren 2001, 2008 und 2012 für ihre Rehabilitierung gekämpft. Das schottische Parlament wies alle zurück. Nun rechnen sich die Duncan-Fans neue Chancen aus: "Es ist an der Zeit, dass Helen endlich Gerechtigkeit widerfährt", sagte Graham Hewitt, Rechtsbeistand ihrer Enkel und selbst überzeugter Spiritist, dem "Daily Express".

Auch die Bibliothek der Universität Cambridge erweist der "höllischen Nell" zum 60. Todestag ihre Reverenz: In der bis Ende März 2017 laufenden Ausstellung "Curious Objects" ist vermeintliches "Ektoplasma" Duncans zu sehen. Die Substanz soll ihrem massigen Körper bei einer Séance in den Fünfzigerjahren entwichen sein - und erinnert laut "Telegraph" stark an einen weißen Seidenschal.

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