Exportweltmeister für Ideen In Deutschland erfunden, in Japan gebaut

Land der geklauten Ideen: Viele deutsche Erfindungen wurden erst von asiatischen und amerikanischen Firmen zu Verkaufsschlagern gemacht. einestages zeigt die verpassten Chancen - und verrät, warum der Walkman eigentlich aus Deutschland kommen müsste.

DPA

Von Klaus-Peter Kerbusk


Die Liste ist lang. Vom Airbag bis zur Zündkerze, vom Aspirin bis zum Kaffeefilter, vom Dübel bis zum modernen Fußballschuh - auf Schritt und Tritt begleiten Erfindungen aus Deutschland den modernen Menschen durch den Alltag. Und Firmen wie Daimler und Bosch, Bayer, Melitta, Fischer und Adidas brachten die Entdeckungen ihrer Tüftler eine Menge Geld ein.

Die deutsche Forschung ist jedoch nicht nur eine beeindruckende Erfolgsgeschichte von bahnbrechenden Erfindungen und genialen Entdeckungen. Sie ist auch eine Geschichte der verkannten Tüftler und übersehenen Möglichkeiten, der Irrtümer, Fehleinschätzungen und Flops. "Die Liste der verpassten Chancen", so Stephan Scholtissek, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture, "ist kaum kürzer als die der genutzten Gelegenheiten."

Denn Erfindung und Erfolg sind durchaus zweierlei. "Im europäischen Vergleich" zeichnet sich Deutschland zwar "durch die höchste Innovationsbeteiligung, den höchsten Anteil forschender Unternehmen, eine überdurchschnittliche Innovationsintensität und die höchsten Innovationserfolge aus". Dies hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ermittelt.

Im globalen Wettbewerb aber ziehen deutsche Firmen und ihre Forscher allzu oft den Kürzeren gegenüber Amerikanern und Asiaten, werden deutsche Erfindungen erst andernorts zu Verkaufsschlagern. Denn es gibt, so hat Steven Veldhoen von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in einer aufwendigen Studie herausgefunden, "keine Korrelation zwischen hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben und dem Unternehmenserfolg". Entscheidend sei es, "Innovationsprozesse schnell und effizient" zu managen. Und gerade daran mangelt es häufig in Deutschland.

Vom Pionierruhm ist nichts mehr übrig

Ginge es allein danach, als erstes Unternehmen mit einem bahnbrechenden Produkt herauszukommen und dann den Vorsprung gegenüber der Konkurrenz auszubauen, dann hätte die deutsche Wirtschaft ein paar Marktführer mehr. Die Firma Leitz in Wetzlar zum Beispiel, deren Entwicklungschef Oskar Barnack mit der Leica 1925 die Urform aller Kleinbildkameras schuf. Oder die Firma Loewe, für die Manfred von Ardenne als Entwickler tätig war, dem am Weihnachtsabend 1930 die erste vollelektronische Fernsehübertragung gelang.

Auch der AEG-Konzern, der 1935 mit dem Magnetophon K1 den Prototypen für alle bis heute gängigen Tonbandgeräte herausbrachte, hätte zur Liga der Marktführer gehören können. Oder die Schwarzwälder Traditionsfirma Junghans, einst der größte Uhrenhersteller der Welt, die 1985 noch einmal bei der Entwicklung der Funkuhren weltweit vorpreschte. Selbst die LCD-Technik, die heute den Boom der Flachfernseher beflügelt, wurde von einem deutschen Unternehmen entwickelt - vom Chemie- und Pharmaunternehmen Merck.

Geblieben ist von dem Pionierruhm wenig. Der AEG-Konzern ist längst untergegangen, Leica taumelt von einer Krise in die nächste, Loewe und Junghans fristen ein mehr oder weniger einträgliches Dasein in der Nische. Nur Merck hat großen Erfolg als Weltmarktführer bei LCD-Kristallen und schafft allein damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Die TV-Bildschirme der aktuellen Generation werden allerdings von keinem deutschen Unternehmen mehr hergestellt, sondern vor allem von Firmen aus Fernost. Auch das Geschäft mit der übrigen Unterhaltungselektronik, mit Fotokameras und Uhren ist seit Jahren fest in asiatischer Hand - und Schuld daran haben unter anderem allzu ängstliche und zögerliche Manager in Deutschland.

Der Walkman - eine deutsche Erfindung

Oft sorgt auch schlicht der Dünkel von Großkonzernen gegenüber Erfindungen von außerhalb dafür, dass tolle Ideen scheitern. "Die deutschen Entwickler", sagt ein Insider, der viele Jahre als Forschungsmanager bei Grundig gearbeitet hat, "sind unheimlich eitel." Wenn eine Idee nicht aus der eigenen Gruppe komme, dann werde regelmäßig in den Entwicklungsabteilungen "nach Gründen gesucht, warum die Erfindung nicht funktionieren kann". "Not invented here", so nennen Experten das Phänomen, das schon manche Innovation zu Fall brachte.

Das musste beispielsweise der Aachener Unternehmerspross Andreas Pavel erfahren. Schon 1977 meldete er die Idee eines an den Gürtel gehängten Kassettenspielers zum Patent an. Doch kein Hersteller in Deutschland, Italien und Japan, wo Pavel mehrfach antichambrierte, zeigte Interesse für das mobile Musikgerät. Nur Sony-Gründer Akio Morita war offenbar fasziniert. Er ließ seine Ingenieure die Idee kurzerhand aufgreifen und legte mit dem Walkman getauften Gerät die Basis für den Aufstieg seines Konzerns an die Spitze der Unterhaltungselektronik. Erst nach einem mehr als 20 Jahre dauernden Rechtsstreit schloss Sony mit Pavel einen Vergleich - er erhielt eine eher bescheidene Abfindung.

Geradezu Legende ist die Geschichte von Rudolf Hell. Mehr als 130 teilweise bahnbrechende Patente meldete der 1901 geborene Elektrotechniker im Laufe seines Lebens an - darunter das Faxgerät, den Scanner und den Klischografen, eine Art Druckmaschine, mit der die Grundlagen für den digitalen Computersatz gelegt wurden. Nachhaltiger unternehmerischer Erfolg war dem deutschen Daniel Düsentrieb am Ende dennoch nicht beschieden. 1971 wurde seine Firma mehrheitlich, 1981 komplett von der Siemens AG übernommen.

Eine bittere Erfahrung jagt die nächste

Schon 1956 hatte der Kieler Unternehmer seinem Partner Siemens unter dem Namen KF 108 ein funktionsfähiges Faxgerät vorgestellt, unter anderem um damit Wetterkarten zu übertragen. Doch Siemens erteilte dem Fernkopierer eine Absage und setzte stattdessen auf den Fernschreiber - eine Übertragungstechnik, die inzwischen fast ausgestorben ist.Das Potential der Faxmaschine erkannten dagegen rund 20 Jahre später die Japaner. Denn dort hatten die Firmen wegen der komplizierten Schriftzeichen Probleme mit dem Fernschreiber, Hells Fernkopierer brachte die Lösung.

Und obwohl alle wichtigen Patente in Deutschland lagen, überließ Siemens den japanischen Konkurrenten die Vorreiterrolle und führte - im Verein mit der Bundespost - erst 1979 den Faxdienst in Deutschland ein. Da war der Wissensvorsprung längst verschenkt, und Hell, der 2001 im Alter von 100 Jahren starb, musste noch miterleben, wie das lukrative Geschäft mit seiner Erfindung vor allem Firmen aus Fernost machten.

Es war nicht Hells einzige bittere Erfahrung. Nur sieben Jahre nach dem Hell-Fax hatte er dem Partner Siemens seinen Chromagrafen präsentiert, einen funktionstüchtigen Farbscanner. Zwar wurde Hells Maschine im Druckgewerbe ein Erfolg, aber die Massenvermarktung gelang wieder nicht den Deutschen, sondern den Konkurrenten aus Fernost und den USA.

Hybridantrieb? Nichts für deutsche Autobauer!

Wie Hell war auch Konrad Zuse, geboren 1910 in Berlin, seiner Zeit weit voraus. Schon 1941 hatte der Bauingenieur die erste voll funktionstüchtige elektromechanische Rechenmaschine der Welt zum Einsatz gebracht. Der programmierbare, Z3 genannte Rechner, ausgestattet mit wenigen Schaltkreisen und 2600 Relais, konnte die vier Grundrechenarten innerhalb weniger Sekunden ausführen und eröffnete damit das digitale Zeitalter der Nullen und Einsen.

Vier Jahre später hatte die Firma Zuse Apparatebau den Z4 fertiggestellt, der nach dem Krieg an die Technische Hochschule Zürich verkauft wurde und zeitweise als einziger funktionierender Computer Europas galt. Mehr als 250 Großrechner, bis zum Modell Z31, stellte die Firma her, ehe sie 1969 ganz von Siemens übernommen wurde. Doch das ruhmreiche Erbe des Pioniers konnte Siemens weder im Kampf gegen aufstrebende US-Konzerne wie IBM nutzen, noch half es später beim Siegeszug des PC.

Auch beim Hybridmotor haben sich zwar deutsche Ingenieure, nicht aber die deutschen Hersteller mit Ruhm bekleckert. Entdeckt worden war die Technologie, die dem japanischen Autokonzern Toyota seit einiger Zeit Ansehen und Umsatz einbringt, bereits 1973 in Deutschland. Damals hatten Ingenieure der Technischen Hochschule Aachen eine Kombination aus Benzin- und Elektromotor in einen VW-Bully eingebaut und dessen Fahrtüchtigkeit demonstriert. Bei den deutschen Autoherstellern rief die Kreuzung lange Zeit jedoch nur Unverständnis und Ablehnung hervor. Heute ist es damit vorbei: In Zeiten des Klimawandels laufen die deutschen Konzerne dem Vorsprung der Asiaten hinterher und versuchen, den selbstverschuldeten Rückstand wieder wettzumachen.

Endlich auch mal Geschäfte machen

Ähnlich war es bei der Entwicklung der digitalen Komprimierungstechnik MP3, die via Internet das Musikbusiness revolutionierte. Ohne diese Technik - ursprünglich gedacht, um die Sprachqualität beim Telefonieren zu verbessern - wäre es heute kaum möglich, ganze Musikbibliotheken in der Westentasche mit sich herumzutragen. Die Technik wurde schon Anfang der neunziger Jahre von Fraunhofer-Forscher Karlheinz Brandenburg und seinem Team ausgetüftelt, doch deren Potential erkannten die Unternehmer in Deutschland wieder einmal zu spät. Das Riesengeschäft mit den digitalen Walkman-Nachfolgern machten da schon längst die Firmen aus Fernost und Amerika, allen voran Apple-Chef Steve Jobs mit seinem iPod.

Die Industrie verdiente mit dieser Technik Milliarden, das Fraunhofer-Institut kassierte vergleichsweise bescheidene 300 Millionen Euro an Lizenzgebühren. Angesichts spektakulärer Erfindungen und zahlloser verpasster Chancen ist deshalb für Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, klar, dass vor allem die Verzahnung zwischen Forschung und Wirtschaft verbessert werden muss. Denn eine Gesellschaft könne nicht nur aus Geld Wissen machen, mahnt der Forscher durchaus selbstkritisch. "Wir müssen", so Bullinger, "aus dem Wissen auch wieder Geld machen."



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Olaf Nyksund, 02.09.2008
1.
Tja, Neid der Erfolglosen ;) Deutschland hat leider viele trends verpasst, es ist nun mal so. Einst die Erfindernation, heute immer noch, aber keine spektakulären Sachen mehr. iPod kommt nicht aus Deutschland - der Standard "mp3" aber sehr wohl. Dinge unter der Haube. Das ewige "XY wurde eigentlich in Deutschland erfunden" nervt leicht. Es erinnert an die Russen, die auch bei jeder Gelegenheit beteuern, Glühbirne, Automobil und Telefon wären eigentlich in Russland erfunden worden. Entscheidend im Endeffekt ist aber nun mal, wer die Sachen "an den Mann" bringt. und da braucht man noch nicht mal was zu erfinden - siehe ein bekanntes Softwareunternehmen aus Redmond. Xerox hat die grafische Benutezroberfläche und die Maus erfunden - im Labor. Erst Apple konnte es markttauglich machen. Die Glühbirne mag in D, RU und in den USA gleichzeitig geglüht haben - doch war es der Marketinggenie Edison, dem wir heute die Erfindung zuschreiben. In D ist das Problem die allzu träge Einführung der Erfindungen - jedenfalls aus meiner Sicht als des Konsumenten. Da muss schon was passieren, damit das Zeug auf den Markt kommt. Beispiel ESP. Anfangs nur in der obersten Oberklasse im Einsatz, dabei besteht dieses System hauptsächlich aus Softwareerweiterung zu ABS. Bis die Panne mit dem A-Klassen-Elch vorkam und nur ESP die Lage noch retten konnte - ab da gibt es ASP für Jedermann. Firmen wie Hewlett-Packard oder Apple wären in Deutschland nie entstanden. Warum? Weil die Jungs nie, niemals, never ever eine Erlaubnis bekommen hätten, ihre Werkstätte in der Garage einzurichten! Jedenfalls nicht ohne Notausgang, notwendige Anzahl von Feuerlöschern, einen der beiden Firmengründer als Ersthelfer (Kursus!), etc. pp. BTW., Musste eigentlich Herr Benz für sein erstes Automobil irgendwas beantragen, um es auf der Straße bewegen zu dürfen? Sofern ich weiß, hatte der Wagen keinen TÜV und weder der Erfinder noch seine Gattin einen Führerschein...
Thomas Daun, 02.09.2008
2.
Sehr interessanter Bericht, allerdings wurde das Hybridfahrzeug keinesfalls erst in den 70ern an der RWTH in Aachen entwickelt. Die Idee nebst Umsetzung eines hybriden Antriebssystems ist fast so alt wie das Automobil selbst. Bereits im späten 19en und im frühen 20en Jahrhundert wurde an solchen Fahrzeugen gewerkelt. In der Fachliteratur wird im allgemeinen der junge Ferdinand Porsche als Erfinder des Hybridfahrzeuges aufgeführt. Dieser Lohner-Porsche "Mixte"-Hybride wurde bereits 1900 auf der Weltausstellung in Paris präsentiert.
Kai Ruhsert, 02.09.2008
3.
Zu Bild 4: "Die Firma AEG baute 1935 mit dem Magnetophon K1 den Prototypen für alle heute gängigen Tonbandgeräte." Ich bin überrascht zu lesen, dass Tonbandgeräte noch immer gängig sind. Wo denn?
Kris Kunst, 02.09.2008
4.
Wenn es darum geht, Erfindungen zu machen, diese aber nicht umsetzen zu können, brauchen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit zu gehen und verpassten Chancen nachzutrauern: Genau dieses spielt sich aktuell vor unseren Augen ab. Die Kunst-Brüder aus Mainz haben mit dem Luupo-Prinzip zwar keine technische Erfindung gemacht, jedoch eine geniale Internet-Auktion mit sinkenden Preisen erfunden, wie es sie noch nirgendwo gab. Sie haben es immerhin geschafft, diese Auktion unter www.luupo.de online zu bringen, drohen jetzt jedoch am schieren Kapitalmangel zu scheitern. Dabei ist der Kapitalbedarf für dieses Internet-Geschäftsmodell vergleichsweise niedrig. Grund: Private Investoren sind - zumindest in Deutschland - offensichtlich nicht mutig oder "unternehmerisch" genug, in wirklich innovative Produkte zu investieren, sondern stürzen sich auf Kopien von Geschäftsmodellen, die anderswo schon erfolgreich waren, oder auf andere "sicherer Anlagen". So lange sich Erfinder und Gründer alleine auf private Kapitalgeber verlassen müssen (weil der Staat sich aus ideologischen Gründen bei solchen Finanzierungen fast komplett zurückhält), diese Privaten dann jedoch dermaßen innovationsscheu sind, werden es Erfindungen und Innovationen immer sehr schwer haben in Deutschland. Auch Luupo wird wahrscheinlich unter anderem Namen und mit einem amerikanischen Betreiber in 2 Jahren als grandiose US-amerikanische Neuerung über den Atlantik schwappen und den deutschen E-Commerce bereichern...die Gewinne fließen dann allerdings zurück über den Teich. Und dann kommt wieder das Lamento, dass Luupo ja "eigentlich eine deutsche Erfindung" ist...
Ulrich Kliegis, 02.09.2008
5.
Vor etlichen Jahren gefiel es den damals noch Bonner Staatskünstlern, Einkünfte aus Erfindungen, also Lizenzgebühren, Patentverkaufserlöse etc., aus der Halbeinkünfteregelung (nach der dafür nur der halbe Steuersatz galt) herauszunehmen. Das reduzierte das Volumen der von Privaterfindern angemeldeten Patente schon mal erheblich. Mit dem in praktisch allen Anstellungsverträgen zu findenden Niederschlag des Arbeitnehmererfindergesetzes (oder wie das heißt...), gerade und besonders auch an Hochschulen, wird auch dem vorletzten Idealisten die Motivation genommen, seinen Kopf anzustrengen. Die Bedingungen, die manche Hochschul-Patentverwerter einem potentiellen Partner aufzunötigen versuchen, können nur als Innovationsverweigerung aufgefaßt werden. Offenkundig ist es kein diskutabler politischer Wille, diesen Fehler zu beheben und zu heilen. Ich prophezeie: Wenn sich Erfindungen wieder lohnen und ihrer Verwertung keine Hürden mehr in den Weg gebaut werden, könnten wir in kürzester Zeit früher einmal innegehabtes Gewicht auf dem internationalen Markt wiedererlangen. Innovation hat bei uns leider keine Lobby. Das als Fazit nach 30 ideenreichen Jahren in einer Hai (sic!)-Tech-Branche.
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