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28. Februar 2012, 14:23 Uhr

Familie der Anne Frank

Erinnerungen vom Dachboden

Briefe, Spielzeug, Möbel: In Frankfurt werden die Besitztümer der Familie von Anne Frank erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auf einestages erinnert sich der Cousin der Tagebuch-Autorin, Buddy Elias, wie die Habseligkeiten durch Zufall entdeckt wurden - und warum ihm Anne so nah stand.

Seit dem 17. Jahrhundert lebte die Familie von Anne Frank in Frankfurt - dann zwang der Aufstieg Adolf Hitlers sie ins Exil. Während die Franks nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten nach Amsterdam flohen, ging die Familie ihres vier Jahre älteren Cousins Bernhard "Buddy" Elias nach Basel.

Hier lagerten bislang die Habseligkeiten der Familien Frank und Elias, darunter rund 6000 Briefe, Dokumente und Fotografien, aber auch Spielsachen, Kleider, Möbelstücke, Bücher und Gemälde.

2012 kehrten die Besitztümer in die Heimatstadt der Familie zurück: Gemeinsam mit dem Anne Frank Fonds Basel begründet das Jüdische Museum der Stadt Frankfurt das "Familie Frank Zentrum" mit Dauerausstellung, Archiv und Pädagogischem Zentrum. Buddy Elias, Jahrgang 1925, ist der einzige noch lebende Verwandte von Anne Frank.

einestages: Ansichtskarten, Feldpostbriefe und Fotografien, Bücher, Geschirr und Gemälde - ein ganzer Hausstand wird Stück für Stück von Basel nach Frankfurt wandern, wo die Wurzeln der Familie liegen. Woher stammen diese Dinge genau?

Elias: Der Großteil stammt aus dem Haushalt von Alice Frank, der Großmutter von Anne, ihrer Schwester Margot, meinem Bruder Stephan und mir. Als Alice 1933 nach Basel floh, verkaufte sie das Haus in Frankfurt. Die Besitztümer der Familie rettete sie ins Schweizer Exil und verstaute alles fein säuberlich auf dem Dachboden meines Elternhauses in Basel.

einestages: Und dort lagen sie Jahrzehnte, ohne dass Sie die geringste Ahnung davon hatten?

Elias: Ach wissen Sie, auf den verstaubten Dachboden sind wir einfach selten gegangen. 2001 dann wollte meine Frau endlich einmal ein wenig aufräumen. Dabei stieß sie in den verschlossenen Schränken und Überseekoffern auf den ganzen Schatz - und stellte fest, dass es sich um außergewöhnliche Familiendokumente handelt.

einestages: Tausende Briefe gehören zu dem Fundus. Eine ungeheure Menge.

Elias: Ja, meine Familie war immer eine schreibende und dichtende. Das Schreiben der Anne kommt nicht von ungefähr. Vor allem ihre Großmutter hatte großen Einfluss auf sie: Immerzu hat Alice ihre Kinder und Enkel dazu angehalten, sich schriftlich zu betätigen.

einestages: Fällt es Ihnen denn nicht schwer, all diese Dinge nun nach und nach herzugeben?

Elias: Ja und nein. Natürlich tut es ein wenig weh. Andererseits bin ich ein alter Mann, irgendwann werde ich nicht mehr leben, und dann müssen die Sachen irgendwo hin, wo sie angeschaut werden können.

einestages: Was haben Sie neben den Briefen und Fotografien noch gefunden?

Elias: Diverse Möbel, zum Beispiel den Kinderstuhl, auf dem Anne als kleines Mädchen immer saß. Und jede Menge Spielsachen.

einestages: Mit was spielte Anne am liebsten?

Elias: Besonders gern hatte sie etwa die bunt bemalten Bauklötzchen, die das Frankfurter Rathaus darstellen. Doch auch mit den Kinderspielkarten, den Puppen und dem Kaufmannsladen amüsierten Anne und ich uns als Kinder häufig. Am liebsten spielte sie allerdings Theater. Einmal musste ich mich verkleiden, als Großmutter: Ich schlüpfte in ein Kleid der Oma, setzte ihren Hut auf und machte sie nach. Selten habe ich meine kleine Cousine so vergnügt gesehen.

einestages: Wie weit reicht Ihre älteste Erinnerung an Anne zurück?

Elias: Als sie noch ein Baby war, haben mein Bruder und ich sie einmal im Kinderwagen ausgefahren. Wir haben ein wahnsinniges Tempo vorgelegt und eine Kurve nicht gekriegt. Da ist der Kinderwagen umgefallen - und die kleine Anne lag auf dem Bürgersteig. Natürlich haben wir bei der Rückkehr niemandem davon erzählt.

einestages: Ihre Mutter hat einmal geschrieben, dass Sie und Anne sich sehr ähnelten. Inwiefern?

Elias: Anne war total verspielt - genau wie ich. Obwohl sie vier Jahre jünger war, spielte ich meist mit ihr und nicht mit ihrer großen Schwester Margot. Margot war sehr ernst und hat fast immer gelesen.

einestages: 1929 übernahm Ihr Vater die Filiale einer deutschen Firma in Basel, zwei Jahre später reisten Sie und Ihre Mutter nach. Die Franks flohen nach Amsterdam - und Ihre Wege trennten sich. Wann sahen Sie Anne zum letzten Mal?

Elias: Bis die Wehrmacht in Holland einmarschierte, reisten Anne und Margot in den Ferien regelmäßig zu uns in die Schweiz. Das letzte Mal, als ich mit ihnen zusammen war, habe ich mit Anne im Kinderzimmer Kasperletheater gespielt. Margot saß vorn am Fenster und hat gelesen. Das war im Sommer 1938. Danach hat uns Anne oft Briefe geschrieben. Den letzten habe ich zu meinem 17. Geburtstag von ihr bekommen, im Juni 1942.

einestages: Genau einen Monat, bevor sich die Familie Frank im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263 verstecken musste. Wussten Sie davon?

Elias: Am 5. Juli 1942 bekamen wir eine letzte Postkarte von Otto Frank, auf der er uns mitteilte: "Ihr müsst verstehen, dass wir nicht mehr korrespondieren können." Uns war klar, dass sie sich verstecken würden. Doch wir hatten keine Ahnung, wo.

einestages: Am 4. August 1944 wurden die Untergetauchten in ihrem Versteck entdeckt und verhaftet - acht Monate später starb Anne im KZ Bergen-Belsen an Typhus. Wann erfuhren Sie von ihrem Tod?

Elias: Im Sommer 1945. Annes Vater Otto, der im Juni 1945 aus Auschwitz zurückgekehrt war, hoffte bis zuletzt, dass seine Familie den Holocaust überlebt hatte. Einen Monat später schrieb er uns von ihrem Tod. Kurz darauf begann er, einzelne Kapitel von Annes Tagebuch ins Deutsche zu übersetzen. Er schickte uns immer wieder Passagen nach Basel - und ich begann mit der Lektüre.

einestages: Was hat Sie am meisten schockiert?

Elias: Es war weniger ein Schock als eine ungeheure Überraschung. Annes Vater Otto hat einmal gesagt: Ich kannte mein Kind nicht - bis ich das Tagebuch gelesen habe. Das galt für mich genauso. Anne war für mich ein durch und durch lustiges, lebendiges Kind. Von der Tiefe ihrer Gedanken wusste ich nichts.

einestages: Immer wieder erwähnte Anne Sie im Tagebuch, Sie spielten eine wichtige Rolle für die Heranwachsende.

Elias: Ja, das mag stimmen. Einmal schreibt sie zum Beispiel ausführlich über ihren Traum, dass sie mit mir Schlittschuh laufen geht. Sie wollte unbedingt einen Paarlauf mit mir machen. In ihren Aufzeichnungen hat sie sogar das Kleid gemalt, das sie sich schneidern lassen wollte, um mit mir aufzutreten.

einestages: Später, nach dem Krieg, traten Sie tatsächlich als Schlittschuhläufer auf.

Elias: Ja, als Eiskomiker für die Revue "Holiday on Ice". Ich habe mein Leben lang zwei Leben gelebt: das des Schauspielers und Clowns und das des Cousins von Anne Frank.

einestages: Seit Jahrzehnten reisen Sie durch die ganze Welt, sprechen an Schulen über den Holocaust und haben Hunderte von Interviews zum Thema Anne Frank gegeben.

Elias: Ich habe keine andere Wahl als die, mich gegen das Vergessen zu stemmen. Das einzige, was ich machen kann, ist doch, mit der Jugend, mit den Menschen zu sprechen, sie zu warnen vor Antisemitismus und rechtsradikalen Tendenzen.

einestages: Welcher Satz aus Anne Franks Tagebuch ist für Sie persönlich am wichtigsten?

Elias: Einer der schönsten Sätze lautet: "Einmal werden wir wieder Menschen sein und nicht nur Juden."

Das Interview führte Katja Iken

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