Familiendrama Sturz aus großer Höhe

Schicksalsschlag mitten in den Sommerferien: Eigentlich sollte Schüler Ferdi Keuter die Ferien bei seiner Großmutter im Sauerland verbringen - doch dann kommt ein Telegramm mit einer furchtbaren Nachricht.

Ferdi Keuter

Die Schulferien soll ich, wie so oft, in Wennigloh im Sauerland verbringen. Da meine Eltern aus ihrem Farbengeschäft nicht weg können, trete ich die Reise alleine an. Vater Keuter bringt mich zum Eschweiler Hauptbahnhof. Ich werfe keinen Blick mehr zurück zu meiner Mutter.

Wir zwei gehen gemeinsam über die Röthgenerstraße zum Bahnhof. Wir unterhalten uns wie zwei Erwachsene, ich war ja auch schon 13 Jahre alt. Er mogelte sich, ohne eine Karte für den Bahnsteig zu lösen, durch die Kontrolle und sparte dadurch ganze zehn Pfennige.

Das war das letzte Erlebnis mit meinem Vater. Ich sah ihn nicht mehr wieder. Nur Tage später bekommen wir in Wennigloh durch die Briefträgerin Frau Feldmann, die Nachricht vom Tode meines Vaters. Ein Freund der Familie hatte ein Telegramm aufgegeben. Meine Großmutter, die ihre Tochter kennt, sagt noch: "Lisebeth übertreibt da sicher wieder. Das wird alles nicht so schlimm sein."

Alles nur ein Irrtum?

Am Nachmittag stehe ich auf der Großmutters Wiese am Straßenrand der Kreisstraße 23 (heute Müssenbergstraße). Freunde kommen vorbei. Ich möchte mit ihnen gehen und einfach sagen, dass das alles nicht richtig ist, alles ein Irrtum. So schnell ist das Geschehne nicht zu begreifen. Ich gehe nicht mit ihnen mit. Und ich muss erfahren, dass meine Freunde der Tod meines Vaters nicht interessiert. Warum sollte das auch? Mein Vater ist ihnen unbekannt. Sie gehen in den nahen Wald zum Spielen.

Am 30. August 1951, einem Donnerstag, war Vater mit seinen Gesellen zum Rüsten in die Bergrather Kirche gegangen. Er war zu dieser Zeit einer der großen Gerüstbauer in der Umgebung. Stahlgerüste gab es noch nicht. Alles wird mit Holzleitern, Streben und Gerüstbrettern gebaut. Wir haben Gerüstleitern, die zwölf Meter hoch sind. Alle Gesellen sind nicht nur Anstreicher (heute sagt man Malergeselle), sondern auch noch Gerüstbauer.

Da Vater zu wenig Balken hat, griff er sich kurzerhand einige Rundhölzer von dem Putzerbetrieb, für den er das Gerüst bis zum Arbeitsbeginn um 8 Uhr stehen soll. Rundhölzer dürfen zum Rüsten gebraucht werden, Kanthölzer dagegen sind verboten. Gegen 7.30 Uhr passiert das furchtbare Unglück. Mein Vater und einer der Gesellen stürzen aus einer Höhe von zwölf Meter ab - der geliehene Balken ist gebrochen und hat zum Absturz der gesamten Bühne oberhalb des Altarraums geführt. Glück für den Inhaber der Putzerfirma - mein Vater hatte sich die Rundhölzer nicht offiziell ausgeliehen, so traf keinen eine Mitschuld.

Von Brettern erschlagen

Der Geselle, Robert Brochhausen, fällt auf eine Kirchenbank, zerschlägt diese und überlebt schwer verletzt. Meinen Vater treffen die herabstürzenden Gerüstbretter auf Kopf und Körper. Er stirbt zwei Stunden nach dem Unfall an inneren Verletzungen.

Aus und vorbei! Philipp Keuter ist tot. Wie beliebt er im Ort war, zeigen die vielen Trauergäste bei der Beerdigung, die Vielzahl gestifteter Kränze und die freundlichen Worte, die überall über ihn zu hören sind. Im Flur unseres Hauses stapeln sich die Kränze; Herr Peters, unser Nachbar, fährt mit seinem Tempo-Dreirad mehrmals Blumen und Gebinde zum Friedhof. Die Familie hat den Vater verloren, der Betrieb und zehn Gesellen den Chef, der Karnevalsverein einen seiner guten Büttenredner. Alles hat seine Zeit.



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Ferdi Keuter, 05.07.2014
1. Ein zeitzeuge schreibt
Ein Zeitzeuge schreibt dazu im Pfarrbrief der Gemeinde St. Antonius Bergrath. Es war am Donnerstag, den 30. August 1951 8:00 Uhr. Ich war gerade 14 Jahre alt und eifriger Messdiener: Wegen der Renovierung der Pfarrkirche von Bergrath fanden die Gottesdienste im benachbarten Pfarrsaal statt. Es war morgens nach der Beendigung der hl. Messe. Ich stand an der Türe des Pfarrsaals und hörte plötzlich ein lautes Getöse und Krachen in der gegenüber liegenden Kirche. Nichts Gutes ahnend lief ich zur Kirche. Das Gerüst das Malermeister Keuter mit seinen Gesellen in der Vierung der Kirche zusammenstellten, war zusammen gebrochen. Aus 14 Meter Höhe fielen die beiden Männer hinab in die Tiefe, die Bohlenbretter hintennach. Der Anblick war erschütternd. Herr Keuter war noch bei Besinnung, Herr Brochhausen lag besinnungslos neben einer Winde. Er hatte Glück, dass er nicht auf dieselbe gefallen war. Beide wurden sofort ins Eschweiler Krankenhaus gefahren, wo leider Malermeister Keuter verschied. Am darauf folgenden Sonntag feierten wir für ihn das hl. Messopfer. Pfarrer Rindermann verfügte später, dass in den nächsten 30 Jahren je eine Messe für Philipp Keuter gehalten wird. Eigener Nachtrag: Von dieser Messe habe ich als sein Sohn nichts gewußt, vielleicht auch nur vergessen…..
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