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11. September 2019, 16:08 Uhr

Exzentriker-Kommune von Fiume 1919

Nackte Helden für den "Duce"

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Die Orgie währte 15 Monate: Der italienische Dichter D'Annunzio rief vor 100 Jahren an der Adria den "Freistaat Fiume" aus. Eine Bühne für Kriegsabenteurer, Weltverbesserer - und für künftige Faschisten.

Es war ein seltsamer Konvoi, der da am 12. September 1919 kurz vor Mittag auf dem Hauptplatz der Adriastadt Fiume Halt machte: 26 keineswegs schmucke Fahrzeuge, darunter auch ein paar rasch entwendete Heereslastwagen. Aber darauf achteten die 2500 wartenden Menschen gar nicht.

Mit gewaltigem Jubel begrüßten sie die Ankömmlinge. Hurrasalven, Lorbeerkränze und zahllose grün-weiß-rote Fahnen, der Anfeuerungsruf "Eia, Eia, Eia - Alalá" und immer wieder die mitreißenden Klänge der Hymne "Giovinezza" (Jugend) - solch ein Fest hatte die Hafenstadt am nordöstlichen Zipfel der Adria noch nicht erlebt.

"Arditi", Draufgänger, nannten sich die Freischärler, die den Ort, das heutige Rijeka, im Handstreich unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Mit der großen Mehrheit der 30.000 Stadtbewohner waren sie sich einig: Fiume, bis dahin ein Teil des ungarisch regierten Kroatien, aber mehrheitlich von Italienern bewohnt, sollte endlich wieder italienisch werden.

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte es darum Streit gegeben. Nationalistische Heißsporne in Rom, Mailand und anderswo hatten Fiume dermaßen zum Symbol ihres Stolzes aufgebaut, dass Italiens bedrängter Ministerpräsident bei den Friedensverhandlungen in Paris deshalb sogar in Tränen ausgebrochen war - vergeblich.

"Kokain fiel wie Schnee auf das Abendmahl"

Als sein Nachfolger dann einwilligte, Fiume zur neutralen Stadt zu erklären, brach sich die nationale Empörung Bahn. Stichwortgeber und Anführer der Rebellen, die nun mit dem Einzug in Fiume triumphieren konnten, war der Dichter und Abenteurer Gabriele D'Annunzio, ein schillernder Décadent, legendär für erotisch-schwülstige Wortergüsse und tollkühne Militäraktionen.

Berauscht von ihrem Erfolg, inszenierten die Arditi mit "Comandante" D'Annunzio in Fiume ihre Version eines Idealstaats. Wie es dort zuging, hat der Historiker Kersten Knipp in seinem Werk "Die Kommune der Faschisten" mit viel Hintergrundinformationen neu erzählt. Da gibt es zum Beispiel den Bericht des Belgiers Léon Kochnitzky. Als Freund D'Annunzios beteiligte sich der Musiker und Literat an der verwegenen Aktion. In seinem Werk "Die fünfte Jahreszeit oder die Zentauren von Fiume" (1922) schilderte Kochnitzky das Leben im Freistaat als einzigen Rausch:

"Es gab in der Stadt eine Höhle, die ganz mit den Fellen von Eisbären ausgestopft war. Zwischen dichtem Weihrauchnebel wurden dort unzählige Orgien veranstaltet, unterbrochen von satanisch anmutenden Trankopfern. Die künstlichen Paradiese waren von diesem Bild nicht ausgeschlossen. Das Kokain fiel bisweilen wie Schnee auf das Abendmahl, man atmete das noch in den Schädeln dampfende Blut."

"Ungefähr alles", was Europa an Reformern und politischen Eiferern zu bieten hatte, habe sich damals an der Adria versammelt, schrieb Kochnitzky: "Nationalisten und Internationalisten, Monarchisten und Republikaner, Konservative und Syndikalisten, Klerikale und Anarchisten, Imperialisten und Kommunisten".

Ph önix aus der politischen Asche des 19. Jahrhunderts

Bei politischen Debatten sprangen manche erregt auf die Cafétische. Zwar reiste der Vordenker des Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti, recht bald wieder ab, aber einen vielversprechenden "futuristischen Rhythmus von Tänzen und freudigem Geschrei" wollte er doch in Fiume beobachtet haben.

D'Annunzio erklärte den Freistaat zur "Cittá di Vita" (Stadt des Lebens); der Ort sei "die einzig glühende Stadt, die einzige Stadt der Seele, ganz Atem und Feuer, ganz Schmerz und Raserei, ganz Reinigung und Aufzehrung" - ein Phönix aus der politischen Asche des 19. Jahrhunderts.

Beseelt von einem "fieberähnlichen Abscheu für das harte und graue Alltagsleben", so D'Annunzio, habe man bürgerliche "Tugend und Sparsamkeit, Familie, Vorfahren, Religion, Monarchie und Republik" beiseite gewischt, um "in einer Art heroischer Orgie" voller Leidenschaft das schöne Hier und Jetzt zu feiern.

"Liebschaften ohne Ende"

In glühenden Farben verklärte auch der Dichter und D'Annunzio-Jünger Giovanni Comisso die Stadt, in seinen Augen ein wahres Paradies für Bonvivants, Partygänger und Schürzenjäger: "Die Patisserien quollen über von wunderbaren Kuchen", so Comisso. "Jeden Abend luden die Bürger von Fiume die italienischen Offiziere zu Festen ein, die bis in den nächsten Morgen dauerten. Man aß, man tanzte, man trank."

Vor allem aber sei die Stadt "voller hübscher junger Frauen" gewesen, so Comisso - es habe "Liebschaften ohne Ende" gegeben:

"Die Stadt wurde durch das Blut italianisiert. Seitens der Männer gab es keine Eifersuchtsdramen, wohl aber seitens der Frauen. Sie stritten sich um die Italiener. Man sah Arditi, begleitet von Frauen in Militäruniform. Im Durcheinander der Liebe verbreiteten sich Krankheiten. Als ich einmal in ein Krankenhaus kam, um einen Soldaten abzuholen, sah ich die Abteilung zur Behandlung für Geschlechtskrankheiten."

Auch der Abenteurer Guido Keller gehörte zum Inventar der exaltierten Kommune an der Adria. Der Spross einer aus der Schweiz stammenden Patrizierfamilie war wie D'Annunzio von der Fliegerei besessen, wie dieser ein Bücherfex und zugleich den Ursprünglichkeitsidealen der Freikörperkultur ergeben.

Keller zeigte sich oft in Pyjama und Pantoffeln; abseits des Zentrums bewegte sich der stadtbekannte Exzentriker am liebsten völlig hüllenlos. Fasziniert von der körperlichen Schönheit junger Hafenarbeiter, rekrutierte Keller aus ihnen die Leibgarde des "Duce" D'Annunzio.

Pressefreiheit, Gleichberechtigung, Grundeinkommen

"Die meisten stellten ihre Eigenart zur Schau, pflegten Spielarten des Dandytums und dekadenten Raffinements", resümiert Giordano Bruno Guerri, italienischer Historiker und D'Annunzio-Biograf. Sie traten "in einem von D'Annunzio geschaffenen Drehbuch des Erotismus und der schönen Gesten auf".

Allein, die paradiesische Hochstimmung hielt nicht lange. Zwar gab sich Fiume ein Jahr nach der Okkupation sogar eine Verfassung, nach der die Presse frei war, Frauen wählen durften, Drogenkonsum und Homosexualität straffrei waren. Zudem garantierte die "Italienische Regentschaft am Quarnero" jedem Bürger eine freie medizinische Versorgung und ein Grundeinkommen. Ein Staatskult wurde dekretiert, ja sogar ein Tempel dafür entworfen.

Doch die Wirtschaftslage verschlechterte sich immer mehr. Italien und das Balkanreich hatten sich über die Grenzziehung verständigt; einträchtig blockierten sie den Rebellenhafen. Am 21. Dezember 1920 zogen die verbitterten, wiewohl keineswegs verzagten Arditi die äußerste Konsequenz und erklärten Italien den Krieg.

Ihr Heldenmut hielt allerdings nur drei Tage vor. Als das italienische Schlachtschiff "Andrea Doria" die ersten Salven auf den Ratspalast von Fiume feuerte, begriffen auch die verwegensten unter den Besatzern, dass ihr fröhliches Gemeinwesen keine Zukunft haben konnte. Das einzigartige Experiment an der Adria endete ebenso unvermittelt, wie es begonnen hatte.

Es blieb nur der Gestus martialischer Begeisterung: Zackige Aufmärsche in Schwarzhemduniform, kultische Einheitsbeschwörungen, der Gruß mit erhobenem rechtem Arm, feurige Kampfparolen. All das wirkt im Nachhinein wie die Generalprobe der faschistischen Choreografie. Die fand in Benito Mussolini ihren eigentlichen "Duce" - und sollte schon 1922 in seinem "Marsch auf Rom" einschneidende Folgen für Italien und Europa bewirken.

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