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Rudi Dutschke – der international überwachte Bürgerschreck

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UPI/ dpa

FBI-Akten über Rudi Dutschke »Sie fürchteten ihn als Gefahr für das Land«

Jahrelang befasste sich der US-Geheimdienst mit Rudi Dutschke – jetzt wurden rund 300 Seiten des Dossiers bekannt. Hier erzählt Gretchen Dutschke-Klotz, die Witwe des Studentenführers, wie sich die Überwachung anfühlte.
Ein Interview von Katja Iken

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SPIEGEL: Dass Ihr Mann und Sie vom FBI beobachtet wurden, ist nicht sehr überraschend. 500 Seiten wurden gesammelt, 319 davon wurden auf Anfrage des US-Amerikaners Rich Jones freigegeben und jetzt veröffentlicht . Der Umfang des Dossiers ist aber beeindruckend, oder?

Zur Person
Foto: Gerhard Leber / imago images

Gretchen Dutschke-Klotz (Jahrgang 1942) wurde in Illinois geboren, lernte 1964 Rudi Dutschke kennen und heiratete ihn zwei Jahre später, als sie in Berlin Theologie studierte. Nach dem Attentat im April 1968 betreute sie ihn intensiv. 1970 zog die Familie nach Cambridge, wurde 1971 ausgewiesen und lebte danach im dänischen Aarhus. Gretchen Dutschke-Klotz hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt »1968. Worauf wir stolz sein dürfen«.

Dutschke-Klotz: Wir haben immer vermutet, dass uns Geheimdienste überwachen könnten. Richtig klar wurde mir das aber erst, als ich im Sommer 1968 mit meinem kleinen Sohn in die USA reiste. Hosea-Che war damals erst sechs Monate alt. Wir landeten am Flughafen – und wurden erst einmal in ein Zimmer gesperrt, stundenlang. Da verspürte ich am eigenen Leib, wie groß das Interesse an Rudi in den Vereinigten Staaten gewesen sein muss. Das war total verrückt. Die Zeitungen waren voll von Berichten, die Menschen wussten genau Bescheid über ihn. Auch mein Vater konnte ein Liedchen davon singen.

SPIEGEL: Bitte erzählen Sie.

Dutschke-Klotz: Mein Vater war Apotheker in einem kleinen Vorort von Chicago und wurde von jungen Studentinnen besucht, die hereinkamen und riefen: »Sie sind der Schwiegervater von Rudi Dutschke! Dürfen wir Sie umarmen?« (lacht)

SPIEGEL: Die US-Regierung war da weniger euphorisch – als entschiedener Gegner des Vietnamkrieges  mobilisierte Dutschke in Europa den Protest gegen den Krieg in Vietnam wie kaum ein Zweiter. Warum beschäftigte sich das FBI so ausgiebig mit Ihrem Mann?

Charismatischer Redner: Dutschke 1967

Charismatischer Redner: Dutschke 1967

Foto: Wilhelm Bertram / dpa

Dutschke-Klotz: Man hatte Angst, dass er in die USA ziehen und dort die gleiche revolutionäre Begeisterung entfachen, die gleichen Bewegungen lostreten könnte wie in Deutschland und Frankreich. Sie fürchteten ihn als Gefahr für das Land. Dabei wollte Rudi doch eigentlich nur studieren.

SPIEGEL: Wie die FBI-Akten akribisch notieren, plante Ihr Mann, nach Kalifornien zu gehen, an den Lehrstuhl des Philosophen Herbert Marcuse. Aber er hätte sich in den USA doch sicher auch politisch engagiert, oder nicht?

Dutschke-Klotz: Mein Mann war sehr daran interessiert, in den USA verschiedene Leute kennenzulernen. Aber eine aktive Unterstützung einzelner Gruppierungen war nicht geplant.

SPIEGEL: Da scheinen die US-Sicherheitsbehörden anderer Meinung gewesen zu sein. Wie die Akten zeigen, war das FBI regelrecht besessen von der Frage, ob man Dutschke ein Visum gewähren oder verweigern solle.

Dutschke-Klotz: Eigentlich hätte er ein Recht darauf gehabt, ich bin schließlich amerikanische Staatsbürgerin. Aber sie wollten uns keines gewähren, ich bekam nie eine Antwort. Obwohl ich alles dafür getan, mich überall erkundigt hatte.

SPIEGEL: Auch das vermerkt das FBI präzise. Wie konkret waren die Umzugspläne Anfang 1968?

Dutschke-Klotz: Es war alles vorbereitet, die Koffer waren schon gepackt. Da wir kein Visum bekamen, mussten wir die Ausreise jedoch abblasen.

SPIEGEL: Bekamen Sie jemals etwas davon mit, dass sich der FBI für Sie interessierte?

Dutschke-Klotz: Einmal war die Überwachung mehr als offensichtlich. Es war Ende 1968, kurz nachdem wir nach England gegangen sind. Da parkte so ein Lastwagen mit einer riesigen Maschine, so einer Schüssel auf dem Dach direkt vor unserem Haus, um uns abzuhören. Das war so absurd, dass wir darüber nur Witze machen konnten.

SPIEGEL: Gab es weitere ähnliche Situationen?

Dutschke-Klotz: Als ich 1968 in den USA war, verbrachte ich längere Zeit mit einem eng befreundeten Ehepaar. Kaum war ich weg, klingelte dort ein Mann und wollte unseren Freund für den Geheimdienst gewinnen. Er sollte uns künftig ausspionieren. Unser Freund lehnte ab – andere haben das vielleicht nicht getan. Wer weiß?

SPIEGEL: Am 11. April 1968 wurde Ihr Mann Opfer eines Anschlags und starb 1979 an den Spätfolgen. Sie gingen 1985 zurück in die USA. Wie präsent war Ihr Mann dort zu dieser Zeit?

Dutschke-Klotz: Anders als im Jahrzehnt zuvor sprach man in den Achtzigerjahren kaum noch über ihn. Wer Dutschke war, wussten eigentlich nur noch die Leute, die in linken Gruppen engagiert waren.

SPIEGEL: Mitte der Neunzigerjahre wollten Sie dann zurück nach Deutschland...

Dutschke-Klotz: ... Ich war schon in Deutschland und wurde praktisch rausgeschmissen, weil meine Aufenthaltserlaubnis nicht erneuert wurde.

SPIEGEL: Man wollte Sie hier nicht haben?

Dutschke-Klotz: Warum weiß ich bis heute nicht. Vielleicht, weil ich finanziell nicht abgesichert war? Ich hatte damals gerade mein Buch über Rudi fertig, aber es war noch nicht veröffentlicht (Anm. d. Red: Das Buch »Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Eine Biographie« erschien 1996). Ich durfte zwar für Lesungen durch Deutschland touren, aber dauerhaft bleiben war nicht möglich. Eine Freundin setzte sich dann für mich ein, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen konnte.

SPIEGEL: Immer wieder tauchen neue Details auf, Wissenschaft und Medien beschäftigen sich bis heute mit Ihrem Mann. Wie ist das für Sie, permanent an die Vergangenheit erinnert zu werden?

Dutschke-Klotz: Ach, wissen Sie, das ist mit gemischten Gefühlen behaftet. Einerseits bin ich traurig, weil er nicht mehr da ist. Andererseits denke ich gern an die Zeit zurück – es war die intensivste meines Lebens.