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Champions League 1999: "They always score" - und dann traf Solskjær

Foto: Alex Livesey/ Allsport/ Getty Images

Finale Bayern gegen Manchester Vom Traum zum Trauma in 102 Sekunden

Im Champions-League-Finale 1999 kassierte Bayern München zwei Tore in der Nachspielzeit. Es war die Mutter aller Niederlagen - und für Manchester United der Sprung ins gelobte Land. Football, bloody hell!

Gegen 22.35 Uhr an diesem milden Abend des 26. Mai 1999 gibt Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, im Stadion Camp Nou von Barcelona das berühmteste Kurzinterview seiner Karriere. "Sie sind der Champion von Europa", sagt ITV-Reporter Gary Newborn, "für Sie muss ein Traum in Erfüllung gehen!"

"Ah, ich kann's nicht glauben", antwortet ein sichtlich mitgenommener Ferguson. "Ich kann's nicht glauben. Football, bloody hell!"

Was, verdammt, ist hier gerade passiert?

Knapp drei Stunden zuvor sitzt Mario Basler, Offensivspieler von Bayern München, auf einer Toilette im Kabinentrakt und saugt an einer Zigarette. Mit seinem Tor im Halbfinal-Rückspiel gegen Dynamo Kiew hat er die Münchner erst in dieses Finale geschossen. Die "Süddeutsche Zeitung" dichtete anschließend: "Die ganze feingesponnene Strategie hat Mario mit einem einzigen Einfall zerrissen." Den Endspielgegner aus Manchester bekamen die Bayern bereits in der Gruppenphase zweimal serviert, beide Duelle endeten unentschieden. Wer hat heute den entscheidenden Einfall?

Schunkelnde Briten

"Die Engländer", betont Michael Henke, Assistent von Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, in der Abschlussbesprechung, "verstehen Eckbälle als Torchance." Draußen vor der Bayern-Kurve schmettert die Spider Murphy Gang ihren Gassenhauer vom "Skandal im Sperrbezirk": "Unter zwounddreißig sechzehn acht / herrscht Konjunktur die ganze Nacht..." Selbst die Engländer schunkeln mit.

Anpfiff. Der britische TV-Kommentator Clive Tyldesley raunt ergriffen: "Einer dieser beiden großen Klubs kann hier und heute Geschichte schreiben." Die Bayern starten mit Kahn, Matthäus, Babbel, Linke, Kuffour, Tarnat, Effenberg, Jeremies, Basler, Jancker und Zickler. Für United auf dem Platz: Schmeichel, Gary Neville, Johnsen, Stam, Irwin, Giggs, Beckham, Butt, Blomqvist, Yorke und Andy Cole.

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Champions League 1999: "They always score" - und dann traf Solskjær

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In der vierten Minute holt Carsten Jancker einen Freistoß raus. Der Ball liegt auf halblinker Position, etwa 19 Meter vom Tor entfernt. "Bayern hat jetzt richtig gute Möglichkeiten", sagt Tyldesley, "eine von ihnen heißt Mario Basler." In der englischen Mauer reißt Markus Babbel eine Lücke, durch die Basler den Ball rechts unten ins Tor mogelt. 1:0 nach gerade mal fünf Minuten! "Super-Mario", ruft Tyldesley, "diese launische Mischung aus Talent und Temperament hat Bayern den perfekten Start verschafft."

Mit dem Ergebnis gehen beide Mannschaften in die Halbzeit. Die Bayern hatten zuvor mit hochtourigem Traumfußball die Liga aufgerollt. Und Manchester, Meister in der Premier League mit einem Torverhältnis von 80:37, hat bis zur Pause nicht eine nennenswerte Szene.

Auch nach dem Seitenwechsel ändert sich daran wenig. Richtig gefährlich sind nur die Münchener. In der 71. Minute gelingt Stefan Effenberg beinah ein wunderbarer Treffer, doch Schmeichel kann seinen Heber gerade noch entschärfen.

Die Siegerkappen zu früh verteilt

Nach einem Kopfballgeplänkel im Mittelkreis tritt David Beckham Lothar Matthäus rüde über den Haufen, der Weltmeister von 1990 bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Matthäus ist inzwischen 38 und seit 19 Jahren Nationalspieler. Er wurde schon tausendfach umgetreten, aber er ist auch keine 25 mehr. Zehn Minuten vor Schluss kommt für ihn Thorsten Fink.

Auch United wechselt. Ferguson hat bereits in der 67. Minute Teddy Sheringham aufs Feld geschickt, jetzt kommt Ole Gunnar Solskjær. Der Sohn eines früheren norwegischen Wrestling-Champions hat in dieser Saison wettbewerbsübergreifend schon 17 Tore auf der Uhr und einen besonderen Spitznamen: "The baby-faced Assassin" - der Killer mit dem Babyface.

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Nach 26 Sekunden bringt Solskjær per Flugkopfball erstmals in diesem Spiel Oliver Kahn in Bedrängnis. Kurz darauf segelt ein Jancker-Fallrückzieher nur an die Unterlatte, ein Lupfer von Mehmet Scholl prallt an den Pfosten. Auf der bayerischen Ersatzbank verteilen Betreuer schon Baseballkappen mit der Aufschrift "Champions-League-Sieger 1999 - FC Bayern München".

United wird jetzt stärker, auch weil die Bayern-Defensive ungeordneter agiert. Als habe jemand an der falschen Stelle einen Stein aus einem Jenga-Turm gezogen. Ottmar Hitzfeld bringt kurz vor Ende der regulären Spielzeit Hasan Salihamidžzic für Basler. Der Schütze des einzigen Treffers greift sich eine der Baseballkappen.

Um exakt 22.30 Uhr Ortszeit klärt Effenberg eine Neville-Flanke zur Ecke. Uniteds Anhang brüllt auf, Michael Henke bekommt eine Gänsehaut.

Der milchgesichtige Auftragskiller trifft

"Can Manchester United score?", fragt Clive Tyldesley. "They always score." Sie treffen doch sonst immer. Beckham schlägt die Ecke, der Ball kommt zu Dwight Yorke, dem nur ein lascher Kopfball gelingt, direkt vor die Füße von Thorsten Fink. Der muss den Ball jetzt nur volley aus der Gefahrenzone dreschen. Doch ausgerechnet jetzt rutscht Fink der Ball vom Spann und landet 18 Meter vor dem Tor bei Ryan Giggs, der ihn blind nach vorn schlägt. Und Sheringham staubt ab.

1:1. Nach genau 90 Minuten und 36 Sekunden. "Das darf nicht wahr sein", ruft RTL-Kommentator Marcel Reif. Während das Camp Nou explodiert, entfernt ein Uefa-Mitarbeiter hastig die gerade angebrachten Bayern-München-Bänder von der Siegertrophäe.

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Mit letzter Kraft klärt Kuffour den nächsten United-Angriff zur Ecke. Warum ist niemand bei Sheringham, fragt sich Beckham und schnibbelt den Ball genau dorthin, wo Sheringham gleich hinspringen wird. Der verlängert die Flanke mit dem Kopf vor die Füße von Solskjær. Der milchgesichtige Auftragskiller lässt Kahn keine Chance. In der 93. Minute steht es tatsächlich 2:1 für Manchester.

"And Solskjær has done it!", brüllt Tyldesley - während der Torschütze auf Knien in die Glückseligkeit von Barcelona rutscht und sich dabei eine Meniskusverletzung zuzieht, die letztlich seine Karriere beenden wird. Erbarmungslos zeigt die Kamera Michael Tarnat in der Nahaufnahme. So sieht ein Mann aus, der gerade alles verloren hat. Peter Schmeichel rennt auf die Ersatzbänke zu und schlägt ein Rad. Und Clive Tyldesley sagt den berühmtesten Satz seiner Reporterkarriere: "Manchester United have reached the promised land!"

Ein Ritterschlag für den knorrigen Trainer

Noch ist das Spiel nicht vorbei. Kuffour jammert und schreit und wirft den Oberkörper vor und zurück, weil das alles einfach nur ungerecht ist. Wie in Trance schlägt Effenberg den Ball noch einmal nach vorn, doch Babbel kommt nicht an den Ball, United kann klären. Das ist das bittere Ende.

Bayern hat verloren. Manchester United ist Champions-League-Sieger 1999. Durch zwei Tore in der Nachspielzeit, binnen 102 Sekunden. Bayern stürzt ins Tal der Tränen, Manchester feiert die spektakulärste Wiederauferstehung der jüngeren Klubgeschichte (hier die Highlights auf YouTube , mit englischem Kommentar).

Mit dem Europapokalerfolg 1968, zehn Jahre nach dem Flugzeugunglück von München mit dem tragischen Tod der "Busby Babes", war dem Verein schon einmal so ein Kunststück gelungen. Und genau daran muss Alex Ferguson denken, als er mit der einen Hand seine Augen gegen das Flutlicht abschirmt und mit der anderen ganz aufgeregt einem der Helden von damals zuwinkt, Sir Bobby Charlton.

Wie er da so steht, selig lächelnd, wirkt der sonst so knorrige Schotte wie ein Schuljunge, dem Papa gerade gesagt hat, dass er mal der beste Fußballer aller Zeiten sein wird. Stand jetzt ist Ferguson immerhin der beste Trainer der Welt.

Nachdem auch der letzte Reservespieler mit dem Silberpott vor der Kurve feiern durfte, eilt Ferguson in die Kabine, um jedem seiner Männer die Hand zu schütteln. Roy Keane, im Finale gesperrt, verspritzt die erste Champagnerdusche, Dwight Yorke tanzt, Beckham will den Cup gar nicht mehr loslassen, ein Betreuer landet im Entspannungsbecken. Die Party kann beginnen. Manchester United hat das gelobte Land erreicht. Am Ende der britischen Jubelorgie schlägt die Queen Alex Ferguson am 20. Juli zum Ritter.

Für die Bayern bleibt diese unglaubliche Nacht von Barcelona ein Trauma, "das Schlimmste, was passieren kann", wie Trainer Hitzfeld heute sagt. Und Sir Alex Ferguson erinnerte sich lange danach: "Wie wir dieses Spiel gewonnen haben? Selbst jetzt habe ich keine Ahnung. Es war Schicksal. Einfach Schicksal."


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