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Erfindung des Lachers vom Band: Wie das Fernsehen gackern lernte

Revolution in Comedy-Branche Der Erfinder der Lach-Konserve

Ohne ihn wäre Fernsehen nur halb so lustig, aber kaum jemand kennt Charles Douglass. 1953 kam der US-Ingenieur auf die Idee, Gelächter zu verkaufen. Das machte ihn reich.

In einem Geschäft, das vom Rampenlicht lebt, hatte Charles Douglass den wohl geheimnisvollsten Job. CBS, NBC, ABC - wer in den Fünfzigerjahren lange genug vor einem der großen Fernsehstudios in Los Angeles stehen blieb, konnte sehen, wie er vorfuhr, eine sonderbare Kiste auf ein Fahrgestell wuchtete und damit im Gebäude verschwand.

Selbst drinnen arbeitete er mit der Box nur unter einer Decke, fuhr damit täglich von Studio zu Studio und lagerte sie abends ein, mit Schlössern gesichert. Das Geheimnis der Kiste verstanden nur Douglass und seine Familie ganz. Nie sprach der Mann, den man auch die "Sphinx von Hollywood" nannte, öffentlich über seine Arbeit.

Diskretion war sein oberstes Gebot. Denn seine Dienstleistung war zwar für viele US-Fernsehstudios unverzichtbar, aber nicht unbedingt beliebt. Obwohl er an Hunderten Serien mitwirkte, stand sein Name nie im Nachspann. Wer ihn brauchte, gab es nicht zu.

Zugleich wollte Douglass sein Monopol schützen - er verkaufte Gelächter. Und in seiner Kiste steckte die Erfindung, die ihn reich machen sollte: die Lachmaschine.

Tonbandgeräte made in Germany

Warum Douglass einer Maschine das Lachen beigebracht hatte? Ganz einfach: Weil kurz nach Kapitulation des Nazi-Regimes ein US-Soldat auf einer hessischen Straße links statt rechts abgebogen war.

Die "beste Entscheidung meines Lebens" nannte Jack Mullin es später, an jenem Julitag 1945 in Hessen links Richtung Frankfurt zu fahren statt rechts nach Paris zu seiner Einheit zurück. Der Elektroingenieur war für das U.S. Signal Corps unterwegs, um deutsche Kommunikationstechnologie zu erforschen: Radar, Telegrafie, militärisch Relevantes.

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Erfindung des Lachers vom Band: Wie das Fernsehen gackern lernte

Als ein britischer Soldat ihm von den Tonbandgeräten im Radio-Frankfurt-Studio vorschwärmte, horchte Mullin auf: Schon im Krieg waren ihm die deutschen Radiokonzerte aufgefallen. Solche Klanggüte erreichten die Amerikaner höchstens bei Livesendungen - in Deutschland jedoch liefen diese Stücke rund um die Uhr. Das Radio war zentraler Teil der NS-Propaganda, aber dass Orchester Tag und Nacht spielten? Unwahrscheinlich. Also gab Mullin sich einen Ruck und bog zum Studio ab.

Dort löste er das Rätsel der Aufnahmen. Es hieß AEG Magnetophon - das erste moderne Tonbandgerät der Welt. Mullin schaffte zwei Maschinen in die USA, modifizierte sie und führte sie am 16. Mai 1946 in San Francisco vor: Besucher hörten ein Stück, ohne zu wissen, ob es live oder vom Band war. Keiner hörte einen Unterschied.

Wie das Lachen in die Konserve kam

Mullins Gerät begeisterte auch Bing Crosby. Der Schauspieler, Sänger und Moderator hasste es, seine Radioshows live zu machen - sogar doppelt, zur Prime Time der Ost- sowie der US-Westküste. Also engagierte er Mullin im Sommer 1947 und zeichnete fortan seine Sendungen auf, als Erster im US-Rundfunk. Viele Moderatoren folgten ihm.

"Eines Tages hatten wir den Hillbilly-Komiker Bob Burns in der Show", so Mullin im Branchenmagazin "Channels of Communication", "er erzählte ein paar für damalige Verhältnisse extrem anzügliche Geschichten". Das Publikum habe sich totgelacht - aber die zotigen Witze konnten sie nicht senden. Sie bewahrten die Publikumsreaktionen auf. "Ein paar Wochen später hatten wir eine Sendung, die nicht besonders lustig war", so Mullin. Also spielten sie die Lacher vom Band ein. Und veränderten damit die Spielregeln von Comedy-Shows.

Denn die Lachkonserven - das bestätigten wissenschaftliche Studien  - funktionierten tatsächlich und setzten sich durch, sogar im Fernsehen. Vor allem dank Charles Douglass. Der Elektroingenieur hatte im Zweiten Weltkrieg ein neues Radarsystem für die US-Marine entwickelt und widmete sich Anfang der Fünfzigerjahre erfreulicheren Dingen: Als Toningenieur arbeitete er tagsüber für den TV-Sender CBS, abends zog er sich in seine Küche zurück, aus der man stundenlang Gelächter hörte. Nur nicht seins.

Kompositionen der Freude

Über den mit Tonbändern und Schreibmaschinenteilen bedeckten Küchentisch gebeugt, arbeitete Douglass monatelang an der "laff box": eine umgebaute Schreibmaschine, deren Tasten Endlostonbänder steuerten. Auf jedem waren zehn ähnliche Lacher, von Douglass mühevoll aus Fernsehsendungen archiviert. Hatte man eine Taste zehnmal gedrückt, ging es wieder von vorn los.

Die Tasten waren mit 320 Lacher-Variationen belegt. Es war wie eine Orgel, mit der man ein ganzes Lachorchester kontrollierte. Douglass spielte sie virtuos. Mit präzisem Timing setzte er Lacher wie Akkorde zusammen: etwa das frühe Kichern vom Blitzmerker, der die Pointe als Erster versteht, überlappend mit dem Auflachen der Menge, als der Groschen fällt. Das applausbegleitete Hauptgelächter, aus dem ein schrilles Lachen hervorsticht. Und dann, kurz vor dem Abebben, das dröhnende Wiehern des Spätzünders. Douglass schuf Kompositionen der Freude.

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Zur Freude auch der Fernsehstudios. Denn Comedy-Aufzeichnungen wurden damals noch vor Publikum aufgenommen, das unberechenbar war: Oft prustete es bei Nebensächlichkeiten, verstand aber die Hauptpointen nicht. Und bei Wiederholungen wegen Versprechern blieb es ungerührt von den Gags, die es ja schon kannte.

Douglass bearbeitete solche Aufnahmen erstmals 1953 bei der Serie "Life With Father". Er reicherte Lacher an oder spielte sie ganz ein, er dämpfte zu lautes Gelächter. Wie heikel die Mogelei war, war ihm wohl selbst bewusst. Jedenfalls sprach er auffällig vorsichtig von sweetening, als stäube er nur etwas Puderzucker auf einen ohnehin köstlichen Kuchen.

"Affront gegen den Verstand"

Das Publikum goutierte die künstlich versüßten Gags. Die Lachkonserven machten Sendungen messbar witziger: In einer Testreihe führte man etwa die Serie "Dear Phoebe" vor. Mit Lachern kam sie um 25 Prozent besser an. Zugleich gab das Gelächter Zuschauern zu Hause das Gefühl, nicht allein, sondern Teil eines gut gelaunten Publikums zu sein.

Douglass ging bald in Aufträgen unter. 1954 kündigte er bei CBS und machte sich selbstständig. Für 100 Dollar pro Folge ein gutes Geschäft - zeitweise liefen pro Woche 40 von ihm verlachte Serien im US-Fernsehen, Konkurrenz gab es dank Douglass' Geheimniskrämerei keine.

Er profitierte enorm von der Umstellung auf Produktionen ohne Studiopublikum in den Sechzigern. Nun war es ohne seine Lach-Kompositionen nach jedem Gag totenstill. Douglass versah Hunderte Sendungen mit Lachern, darunter "Verliebt in eine Hexe" und die Kult-Sitcom "The Beverly Hillbillies", "Cheers!" und die "Golden Girls". Bald kam kaum eine Comedyserie ohne ihn aus. Und das gefiel nicht allen.

"Er geriet furchtbar unter Beschuss", erinnerte sich seine frühere Mitarbeiterin Carroll Pratt 2003 in der "Los Angeles Times". So ätzte Hollywoodstar David Niven: "Der Lacher vom Band ist der größte Affront gegen den Verstand, der mir bekannt ist." Für Schuld am Überdruss hält Pratt nicht primär Douglass: "Einiges hätte sich auf die nervösen Produzenten und Regisseure richten sollen" - die ließen lieber zwei Lacher zu viel einbauen als einen zu wenig.

Lachend in den Ruhestand

In der Branche gab es auch Unmut über Douglass' gesalzene Preise, etwa beim Studio Hanna-Barbera, für das er Zeichentrickserien wie "Scooby-Doo", "Familie Feuerstein" oder "Die Jetsons" bearbeitete. Die Budgets waren enger als bei vielen Sitcoms. Also beschloss man 1971, Douglass' Lacher einzusparen, nahm einfach einige seiner Lacher selbst auf und spielte sie auf einer üblichen Mehrfachbandmaschine ab - auch wenn Hanna-Barbera damit auf fünf Lacher beschränkt war, die sich ständig wiederholten.

Konkurrenz drängte auf den Lachermarkt. Charles Douglass übergab 1980 die Firma seinem ältesten Sohn Bob und setzte sich im kalifornischen Städtchen Laguna Beach zur Ruhe, bis zu seinem Tod am 8. April 2003. Das Lachen anderer Menschen hatte ihm einen gesicherten Lebensabend beschert.

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Sein Sohn hatte es schwerer: Die schöne Monopolzeit war passé, viele Postproduktionsunternehmen boten künstliche Lacher an - nun von der Festplatte statt vom Band. Auch Bob Douglass, als Soundmixer zehnfacher Emmy-Gewinner, sammelte auf dem Computer riesige Gelächterbibliotheken und führte Sammlungen vieler Länder ein, da deren Lachen ganz anders klinge als das von Amerikanern, wie er 2003 der "New York Times" sagte.

Doch mit der Jahrtausendwende endete die Blüte der Lachkonserve. Neue Comedyserien wie "The Office" verzichteten auf den "laugh track". Andere Serien wie "Sports Night" drehten ihn immer leiser, bis er ganz verschwand. Bob Douglass verunsicherte das nicht: "Wir sind schon lange da", sagte er 2003 der "Baltimore Sun", "und wir bedienen ein Bedürfnis der Branche".

Längst kursieren im Internet Parodien auf Comedy-Serien, in denen das Fake-Gelächter entfernt wurde, um die armseligen Pointen zu enthüllen. Douglass indes sieht im Web auch eine Chance für eine ganz neue Art des Fernsehgelächters - interaktives Echtzeitlachen: "Man loggt sich ein und wird Teil des Fernsehpublikums." Fast wie echt.

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