Kultkapelle Wacken Firefighters Headbangen zur Blasmusik

Wackööön! Im norddeutschen Nirgendwo beginnt das weltgrößte Metal-Festival, auch der Feuerwehrmusikzug spielt wieder. Drummer Florian Dierschke über Synchrontanz zu "Y.M.C.A." und Moshpits im Schlamm.

Dirk Jacobs/ Eibner-Pressefoto/ imago images

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Florian Dierschke, Jahrgang 1988, ist seit 2016 Schlagzeuger des Musikzugs der Freiwilligen Feuerwehr Wacken - unter Metalfans besser bekannt als die Wacken Firefighters, die seit 1998 beim Wacken Open Air auftreten. Wenn er nicht mit einer Blaskapelle "Rosamunde" auf dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt spielt, arbeitet er als Mathematik- und Physiklehrer. Seit er in Hamburg wohnt, pendelt Dierschke zu den Proben der Kapelle aufs Land hinaus.

einestages: Herr Dierschke, wie sieht's aus - Gummistiefel oder Badehose?

Dierschke: Ja, ich habe den Wetterbericht auch schon gesehen, Regen, Regen, Regen. Aber was soll's, knöcheltief im Schlamm zu stehen beim Moshen gehört einfach zum Wacken-Feeling dazu. Gut, manchmal auch etwas tiefer als bis zum Knöchel. Ich habe normalerweise kurze Hose, Stiefel, T-Shirt an - und obendrüber natürlich meine Kutte. Sicherheitshalber ist ein Regenponcho dabei, falls mal ein Riesenguss kommt. Aber meist regnet es eh die ganze Zeit durch, da hilft der Poncho dann auch nicht mehr groß.

einestages: Wird's denn jetzt noch hektisch, kurz vor dem großen Auftritt der Wacken Firefighters?

Dierschke: Nee, die Proben sind sehr rechtzeitig, Mittwoch vergangener Woche war die letzte. Wobei ich aber ohnehin die letzten beiden Proben verpasst habe.

einestages: Wie wird man Schlagzeuger der unter Metalfans beliebtesten Feuerwehrkapelle der Welt?

Dierschke: Ich habe so mit neun Jahren angefangen mit dem Schlagzeugspielen. Dabei war Metal erst mal gar nicht so mein Ding.

einestages: Wie bitte? Und dann spielen Sie bei den Wacken Firefighters?

Dierschke: Na ja, ich komme ursprünglich aus Rheinland-Pfalz. In meinem Heimatort Horath leben um die 400 Leute. Als ich mit dem Schlagzeug anfing, bin ich in den örtlichen Musikverein eingetreten - die spielten halt traditionelle Blasmusik, damit bin ich groß geworden.

einestages: Die Musikvorlieben haben sich im Lauf der Zeit gewandelt?

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Und die Meute skandiert: "Wacken, Wacken, Feuerwehr!"

Dierschke: Ja, meine Liebe zum Metal entdeckte ich schlagartig, als ich Blind Guardian zum ersten Mal hörte. Ab 2010 bin ich regelmäßig aufs Wacken Festival gefahren. Blind Guardian live - das ist für mich bis heute einfach das Größte. Und die Auftritte der Feuerwehrkapelle Wacken gehörten für mich auch schon als Zuschauer zu den Highlights. Das ist ja für viele der inoffizielle Startschuss zum Festival.

einestages: Wie hat es Sie von einem Dorf im Hunsrück selbst nach Wacken verschlagen?

Dierschke: 2015 bin ich berufsbedingt nach Itzehoe gezogen, zwölf Kilometer von Wacken entfernt, und habe einen neuen Musikzug gesucht - ein halbes Jahr später war ich bei den Wacken Firefighters. Seit 2016 stehe ich jetzt mit der Kapelle in Wacken auf der Bühne.

einestages: Die Idee, sich bei einem Metal-Festival als Feuerwehrmusikzug auf die Bühne zu stellen, ist ganz schön schräg. Wie ist die Resonanz des Publikums?

Dierschke: Einfach riesig. Ich habe von vielen Besuchern gehört, dass unser Auftritt für sie zu den Festival-Höhepunkten zählt. Das ist schon Wahnsinn: Während wir auf der Bühne aufbauen, steht noch praktisch niemand davor. Sobald wir den ersten Ton spielen, sind da auf einmal 15.000 Leute am Headbangen, und die Meute skandiert im Chor: "Wacken, Wacken, Feuerwehr!"

einestages: Sie haben Schlager wie "Er hat ein knallrotes Gummiboot" im Programm, ebenso Hardrock-Cover wie "Highway to Hell". Welche Stücke kommen besonders gut an?

Dierschke: Ein festes Ritual ist das volkstümliche Stück "Trompetenecho" von Slavko Avsenik. Dazu haben die Metalheads einen eigenen Text gedichtet, den sie lauthals mitsingen, sobald wir loslegen. Der ist allerdings nicht gerade jugendfrei. Eine absolute Bombe war auch, als wir letztes Jahr zum ersten Mal "Y.M.C.A." von den Village People gespielt haben. Da sind die Leute völlig ausgerastet. War schon witzig, Tausende schwarz gekleidete Metalheads zu sehen, wie sie Synchrontanz zu einem Disco-Song machen.

einestages: Bereitet man sich auf den Auftritt in Wacken anders vor als auf Konzerte, die Sie sonst das Jahr über bei Stadtfesten, Betriebsfeiern oder Weihnachtsmärkten geben?

Dierschke: In Wacken müssen wir auf jeden Fall einen guten Zeitplan haben. Da zählt jede Sekunde. Wenn unser Dirigent Stefan etwa beim Gig ein Bier gereicht bekommt, hat sich das schon zum Ritual entwickelt, dass er das vom Publikum angefeuert auf der Bühne so schnell wie möglich ext. Was viele nicht wissen: Er muss sich wirklich so beeilen - denn wenn wir den Zeitplan überziehen, wird uns einfach beim Spielen der Strom abgedreht.

einestages: Was ist das Verrückteste, was Sie auf dem Festival erlebt haben?

Dierschke: Da gibt's so einiges! Vielleicht der Typ, der so ergriffen von einem Song war, dass er anfing, beim Mitsingen wie wild auf seinem Autodach herumzuspringen, ohne sich Sorgen zu machen, wie das dabei verbeulte. Super waren auch die Leute, die sich mit einem Messer einen Weg aus ihrem Zelt rausgeschnitten haben, weil sie zu betrunken waren, um den Reißverschluss zu finden. Am nächsten Tag haben sie dann gar nicht verstanden, warum es in ihr Zelt reinregnete. In Wacken passieren jedes Jahr so viele Sachen.

einestages: Da ist man als Mitglied der Feuerwehr nicht nur als musikalisches Rahmenprogramm gefragt, oder?

Dierschke: Oh ja. Das könnte die örtliche Freiwillige Feuerwehr Wacken nicht allein stemmen, auch andere Wehren aus dem Kreis Steinburg und drumherum sind vor Ort. Es wird Patrouille gefahren auf dem riesigen Campingplatz, und an der Bühne müssen auch immer Feuerwehrleute bereitstehen, wenn Pyroeffekte eingesetzt werden.

einestages: Womit bekommt man es zu tun? Brennende Dixi-Klos?

Dierschke: Ach, die brennen eigentlich selten. Höchstens ein, zwei Mal in den letzten Jahren. Aber meistens ist es ja einfach viel zu nass, als dass da viel mit Feuer passieren könnte.

einestages: Worauf freuen Sie sich dieses Jahr besonders beim Festival?

Dierschke: Ich bin sehr gespannt auf Sabaton, eine Power-Metal-Band aus Schweden, die mit großem Orchester und Chor auftritt. Aber mir geht es vor allem immer darum, neue Bands kennenzulernen, die ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte.

einestages: Was macht für Sie die typische Wacken-Atmosphäre aus?

Dierschke: Ganz klar die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Besucher untereinander. Wenn mal irgendwo ein Zelt abfackelt, oder einer stolpert im Suff darüber und macht es unbrauchbar, dann helfen sich die Nachbarn immer sofort untereinander aus und lösen das Problem.

einestages: Dieses Jahr läuft das Wacken Open Air zum 30. Mal. Hat sich das Festival im Laufe der Jahre sehr verändert?

Dierschke: Natürlich ist einiges anders geworden. Ein Gaming-Zelt ist dazugekommen, eine Supermarktkette hat einen 2000 Quadratmeter großen "Metal Markt" eingeführt. Selbst im Ort ist manches neu - Wacken hat jetzt zum Beispiel eine eigene Brauerei.

einestages: Wird das nicht manchen zu kommerziell?

Dierschke: Sicher - gerade beim Gaming-Zelt haben sich viele beklagt, dass das mit der Musik gar nichts mehr zu tun hat. Ich sehe das entspannter: Wenn Leute darauf Bock haben, sollen sie da hingehen, sonst lassen sie es halt bleiben.

einestages: Wie geht man im Ort mit dem Festival um? Das kleine Nest Wacken ist ja plötzlich im Ausnahmezustand.

Dierschke: Einige fliehen für die Zeit aus dem Ort, andere verbarrikadieren mit Bauzäunen ihre Gärten, damit keiner reinpinkelt. Aber die allermeisten freuen sich, dass endlich mal was los ist. Die Leute sind gespannt auf die Metalheads, trinken mit denen ein Bier, gehen selbst aufs Festival. Auch wenn sie sonst nichts mit der Musik zu tun haben.

einestages: Wenn Sie nicht gerade vor Tausenden Headbangern Blasmusik spielen, sind Sie Gymnasiallehrer. Was sagen Ihre Schüler zu Ihren Wacken-Auftritten?

Dierschke: Tatsächlich finden immer mal welche von den Oberstufenschülern Wacken-Videos auf YouTube. Die können das gar nicht fassen und fragen, ob ich das wirklich bin, der da vor einer Moshpit-Staubwolke "Anita" spielt. Dann fragen sie, wann wir wieder wo auftreten. Aber bisher ist noch keiner gekommen. Vielleicht haben sie sich einfach nicht getraut.

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Dominik Decker, 31.07.2019
1. Coole Sache...
viele Grüße aus dem Hunsrück und vor allem viel Spaß bei Wacken 2019??
Sven Gaertner, 01.08.2019
2. Für Nicht-Metaller wäre eine Übersetzung
praktisch gewesen. Moshpit und Headbang sind nicht allgemeiner Sprachgebrauch :) Viel Spaß im Regen mit Musik.
chense90, 02.08.2019
3. Happy Wacken!!
Leider habe ich es bisher noch nie dorthin geschafft obwohl alleine die Kapelle schon den Besuch wert wäre ... blieb bisher beim Breeze das ist einfach näher obwohl Wacken mehr meinen Geschmack trifft - vllt nächstes jahr
Millard Nullings, 10.08.2019
4. Ein Lehrer bei wacken
Ich hatte den lieben Herr dirschke die letzten zwei Jahre und wir wussten schon lange das er bei wacken mitmacht. Noch ein Grund in ein paar Jahren mal nach wacken zu fahren
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