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Filmgeschichte: Posen und Kosen

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Filmgeschichte Posen und Kosen

Jung, nackt - unschuldig? Der Fotograf David Hamilton erlangte in den siebziger Jahren mit weichgezeichneten Mädchenfotos Weltruhm. Sein kitschiger Softerotik-Film "Bilitis" wurde zum Kassenschlager. Dann wandelte sich das gesellschaftliche Klima - und ächtete seine Filme.

Der Film beginnt schon wie ein feuchter Traum in Pastell. Heiß, so heiß ist den jungen Internatsschülerinnen an diesem sonnigen, schwülen Sommertag, dass ihnen ja gar nichts anderes übrigbleibt, als sich auf die Räder zu schwingen und zum nah gelegenen Bergsee zu fahren, sich lachend ihrer Kleidchen und der weißen Schlüpfer zu entledigen und vor Erfüllung strahlend ins Wasser zu hüpfen, jede mit staunendem Blick für die jeweiligen körperlichen Vorzüge der anderen. Dann bespritzt man sich lustvoll gegenseitig mit dem kühlen Nass.

Schwer vorstellbar, diese Szene oder eine ähnliche heute in einem großen kommerziellen Kinofilm zu erleben. Doch als "Bilitis" von David Hamilton im August 1977 in die deutschen Filmtheater kam, war das von Schmuddelstreifen à la "Schulmädchenreport" oder "Unterm Dirndl wird gejodelt" gestählte Publikum noch ganz andere Sachen gewöhnt. Und anders als die Pseudo-Aufklärungsfilmchen und Erotikklamotten jener Ära verstand sein Macher "Bilitis" auch als Kunst, jedenfalls als geschmackvolles Kino für anspruchsvolle Zuschauer.

Denn auch wenn der Film seine überschaubare Handlung - das sexuelle Erwachen der hübschen, aber liebeskranken 17-jährigen Bilitis während der Sommerferien - vor allem dazu nutzt, sich an der Anatomie von Hauptdarstellerin Patti D'Arbanville (damals übrigens schon Mitte 20) zu weiden: Das Drehbuch von Catherine Breillat, die später selbst als Regisseurin von brutal-seriösen Hardcorefilmen wie "Romance" bekannt wurde, basiert immerhin auf den hymnischen Gedichten "Lieder der Bilitis" von Pierre Louÿs aus dem Jahr 1894.

Liebeskummer in Pastelltönen

Vor allem aber war es die verklärende Weichzeichner-Optik, das Markenzeichen von Regisseur David Hamilton, die "Bilitis" zum Mega-Seller und zum Vorbild für viele weitere Filmproduktionen werden ließ: eine Welt in Pastelltönen, sonnendurchflutet, immer ein bisschen unscharf - ein leicht verschwommenes Traumland, in dem nur die Schönheit Platz hatte, nichts Hässliches oder Böses, bestenfalls eine wohlige Melancholie und der gelegentliche Liebeskummer.

Für den Fotografen Hamilton war "Bilitis" der Durchbruch zum Weltruhm. Schon vorher hatte sich der gelernte Schreiner aus London einen Namen als Fotograf gemacht, indem er seinen eigenen Fotografiestil erfand. In den sechziger Jahren hatte er in Südfrankreich damit begonnen, schöne, meist sehr junge, häufig wenig bekleidete Mädchen in sonnig vernebeltem Luxusambiente abzulichten. Seine Modefotos, besonders natürlich für Bademode, gingen um die Welt, in Deutschland schmückte sich das Zeitgeistmagazin "Twen" mit seinen Fotostrecken. 1971 erschien Hamiltons erster Bildband ("Dreams of a Young Girl"), der sich hervorragend verkaufte. Millionenfach als Poster, Puzzle und sogar auf Bettwäsche in unzähligen Teenager-Zimmern verbreitet, wurde Hamiltons sehnsuchtsvolle Ikonografie - irgendwo zwischen Mädchentraum und Altherrenphantasie - in den Siebzigern zum festen Bestandteil der Popkultur, der Fotograf selbst zum König des Weichzeichners.

Diesen Erfolg ins Kino zu übertragen, schien da nur logisch - die Konkurrenz hatte es ohnehin längst getan: Die pseudophilosophischen, ebenfalls fadenscheinig an einer literarischen Vorlage aufgehängten "Emmanuelle"-Filme mit Sylvia Kristel in der Hauptrolle ließen ab 1974 die Kinokassen klingeln. Zwar ging es bei "Emmanuelle" etwas dunkler zu als in den zartrosa Welten eines David Hamilton, doch der Hang zum faltenvernichtenden Weichzeichner und das Sujet - junge Frau auf sexueller Entdeckungsreise - waren recht deutlich dem Stil von Hamiltons Fotos nachempfunden.

Das Liebesleben der Unter-18-Jährigen

"Bilitis" wurde so zur Fortsetzung der Hamiltonschen Gazeschleier-Fotografie mit den Mitteln des Bewegtbildes. Mit dem Komponisten Francis Lai ("Love Story") und dem Ausstatter Eric Simon fand Hamilton genau die Richtigen, um seine schwülstige Vision auch ins Kino zu bringen. Simon war für das luxuriöse Südfrankreich-Ambiente zuständig, Lai lieferte den extrem erfolgreichen Soundtrack mit sehnsuchtsvoll tröpfelnden Easy-Listening-Melodien für Hamiltons voyeuristische Inszenierung. Die fanden viele Kritiker klischeeüberladen und langweilig - doch niemand regte sich vor 30 Jahren über den bisweilen ins pädophile abgleitende Subtext der Hamiltonschen Bildsprache auf.

Mit seiner heute skrupelweckenden Vorliebe für Minderjährige war Hamilton in seiner Zeit auch durchaus nicht allein: Mit dem Liebesleben 18-jähriger Nymphen befassten sich Kritikerlieblinge wie der spanische Surrealisten-Filmer Luis Buñuel ("Dieses obskure Objekt der Begierde"), selbst Mainstream-Kinofilme trugen Titel wie "Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen" (vom späteren Oscar-Preisträger Jonathan Demme, Regisseur von "Das Schweige der Lämmer") und die Hardrockband Scorpions präsentierte im Erscheinungsjahr von "Bilitis" eine splitternackte Zehnjährige in aufreizender Pose auf dem Cover ihrer LP "Virgin Killer". Dieser heute undenkbare PR-Coup ging damals durch, das Motiv wurde selbst im strengen Deutschland nicht indiziert. Angesichts dieser Liberalität wundert es nicht, dass die unscharfen Lolita-Phantasien eines David Hamilton seinerzeit nicht besonders viel Empörung wecken.

Das änderte sich erst in den Neunzigern. Der Prozess gegen den belgischen Kinderschänder und -mörder Marc Dutroux warf 1996 ein brutales Schlaglicht auf die lange verharmloste Pädophilie und sorgte in Europa für eine Neubewertung. Der ebenfalls durch seine "Twen"-Fotostrecken bekannt gewordene Fotograf Will McBride etwa nahm nach mehreren Verbotsanträgen seinen Bildband "Zeig mal!" freiwillig vom Markt - der beim Erscheinen 1974 noch als Aufklärungsbuch gefeiert worden war. Auch David Hamiltons Arbeiten wurden immer stärker hinterfragt, die Darstellung von "Mädchen im Bett, die verträumt und erschöpft aussehen, mit ihren Fingern im Mund oder in der Unterwäsche" ("New York Times") galt nun nicht mehr als besonders geschmackvoll, geschweige denn als Kunst.

Harmlos, albern, schmierig, skandalös?

Bevor Hamilton sich mangels Wertschätzung seiner Arbeit auf sein Anwesen in Südfrankreich zurückzog, bescherte er der Filmgeschichte noch eine Reihe weiterer Weichzeichner-Epen - mal erfolgreicher wie bei "Zärtliche Cousinen" von 1980, mal weniger wie bei "Die Geschichte der Laura M." (1979) oder der entsetzlich langweiligen Nymphen-Phantasie "Erste Sehnsucht" von 1983. Letzterer markierte immerhin das Schauspieldebüt von Emmanuelle Béart, die später als seriöse Schaupielerin Karriere machen sollte. Hamiltons letzter Film, "Ein Sommer in St. Tropez", kam dann 1984 ganz ohne Handlung aus und auch nur noch auf Video heraus - die Zeit der kitschigen Kuscheloptik war vorbei. Heute wirken die Hamilton-Filme alle wieder eher harmlos und ein bisschen albern, eher schmierig als skandalös.

Und gerade in Zeiten von hochauflösendem Digital-TV wirkt es recht befremdlich im Spätprogramm eines kleinen Privatsenders den verschwommenen Bildern eines Hamilton-Films wie "Bilitis" zu begegnen. Geht das nicht schärfer, mögen sich da viele fragen, in jederlei Hinsicht.

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