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Küssen verboten! Wie Moralapostel Hollywood kaperten – der »Hays Code«

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Filmzensur durch Sittenwächter Als Hollywood den Sex verbot

Lange Küsse, gemeinsame Ehebetten oder gar Nacktheit? Im US-Kino ab den Dreißigerjahren strikt verboten. Über die Moral in Filmen wachten ein Ex-Postminister und ein Jesuitenpfarrer.

Schon was sich Alfred Hitchcock mit dem Hähnchen rausgenommen hatte, grenzte an Pornografie: Nicht genug, dass die attraktive Millionärin Frances Stevens (Grace Kelly) und der smarte Ex-Kriminelle John Robie (Cary Grant) durch die Serpentinen der Riviera rasten und dann, hohoho, abbogen, um an einer einsamen Stelle zu parken. »Ich habe noch nie einen Juwelendieb gefangen«, sagte Frances dann vieldeutig, »es ist so stimulierend.« Schamlos gab sie zu, dass sie nur das eine will: picknicken. Grillhähnchen. Und fragte auch noch geradeheraus: »Wollen Sie Bein oder Brust?«

Das Feuerwerk von Zweideutigkeiten, das Regisseur Hitchcock 1955 im Thriller »Über den Dächern von Nizza« zündete, bewegte sich für Hollywoods Moralempfinden hart an der Grenze. Etwa wenn die eifersüchtige Frances den als Holzhändler auftretenden John nach seinem Flirt mit einer Französin aufzieht: »Ich wette, Sie haben ihr gesagt, alle Ihre Bäume seien Mammutbäume.« Den Film spickten zotige Andeutungen, die sich haarscharf um das herummogelten, worum es immerzu ging: Sex, Sex und Sex.

So war es in Hollywood häufig. Mitte des 20. Jahrhunderts fanden Filmschaffende kreative Wege, »unmoralische« Darstellungen unauffällig in Filme zu mogeln: indem sie etwa Sex symbolisierten als Aufnahme eines Zuges, der in einen Tunnel fährt, oder als den Funkenregen eines Feuerwerks.

Denn von 1934 bis 1968 entschied ein strikter Regelkatalog darüber, welche Filme in den wichtigsten US-Kinos starten durften. Der »Hays Code« regulierte, dass böse Menschen im Film immer bestraft wurden, Küsse nie länger als drei Sekunden dauerten und keine Witze über Gott vorkamen. Und wer hatte die Kontrolle über dieses Bollwerk gegen den Sittenverfall Hollywoods? Ein früherer Postminister.

Albtraum Traumfabrik

Nach dem Ersten Weltkrieg stand Hollywood im Ruf eines Sündenpfuhls: Zahllose hoffnungsvolle junge Frauen strömten nach Los Angeles, um Filmkarriere zu machen, und Filmbosse nutzten das aus. Es kursierten Berichte über die »Besetzungscouch«, auf der Bewerberinnen Sex mit Mächtigen hatten, um Rollen zu bekommen; in Washington sprach man über die Stadt als »Orgienschauplatz«. Ein echter Skandal war etwa der Fall der Schauspielerin Virginia Rappe, die 1921 wenige Tage nach einer Party an inneren Verletzungen starb. Man warf dem Komiker Roscoe »Fatty« Arbuckle vor, sie vergewaltigt zu haben. Schneller noch als Filme produzierte Hollywood Schlagzeilen über Morde, Drogen, Suizide.

Auf der Leinwand ging es kaum züchtiger zu. Erzählungen über untreue Ehefrauen boomten, über Ausschweifungen der Jugend und junge Verführerinnen. Manche Stars machten schlüpfrige Anspielungen zu ihrem Markenzeichen – etwa Mae West, berühmt für Zoten wie: »Ist das eine Pistole in deiner Tasche, oder freust du dich nur, mich zu sehen?«

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Der Sittenverfall schien unaufhaltsam – ob weibliche Vorgesetzte durch die Betten ihrer Untergebenen sprangen wie Alison Drake in »Der Boß ist eine schöne Frau« (1933) oder eine Dorfprostituierte sich in einer New Yorker Bank nach oben schlief in »Baby Face« (1933); ob lüsterne Vamps Sadomasochismus praktizierten wie Jean Harlow in »Feuerkopf« (1932) oder die Ehe dem Spott preisgegeben wurde in »Madame Satan« (1930). Darin versuchte eine als Teufel verkleidete Ehefrau, ihren Ehemann zum Seitensprung zu bringen.

Das rief Moralwächter auf den Plan. Erste Städte und US-Staaten führten bereits in den Zwanzigerjahren Zensurgesetze ein. In Hollywood wurde 1922 der ehemalige Postminister William Harrison Hays zum Präsidenten der Motion Picture Producers and Distributors of America (MPPDA) ernannt und sollte als Saubermann für Anstand sorgen. Zwar sah Hays sich fortan umringt von Skandalen, konnte Richtlinien jedoch kaum durchsetzen. Die Regisseure unterliefen seine Vorgaben nach Kräften.

»Mir wären fast die Augen rausgefallen, als ich das las.«

William Hays, voller Freude über das religiös getriebene Regelwerk

Das änderten 1930 der Jesuitenpfarrer Daniel Lord und der katholische Filmjournalherausgeber Martin Quigley. Sie entwarfen ein Regelwerk, um der Filmbranche Gottesfürchtigkeit einzutreiben: Strikt zu meiden waren fortan Nacktheit und »sexuelle Perversionen« – und ebenso Gotteslästerung, Schimpfwörter oder gar »sexuelle Beziehungen zwischen den weißen und schwarzen Rassen«.

Manche der Filmsünden schienen den Verfassern zu schlimm, um sie auszusprechen, vor allem die Darstellung von Homosexualität. Lord und Quigley nannten sie nur die »unreine Liebe, ... welche die Gesellschaft immer als falsch betrachtet hat und die durch das göttliche Gesetz verboten ist«.

Auch gesellschaftlich akzeptierte Formen der Sexualität waren tabu, selbst in Andeutungen. So hatten Filmehepaare getrennte Betten in ihren Schlafzimmern zu nutzen, denn »selbst innerhalb der Grenzen reiner Liebe werden gewisse Fakten ... als außerhalb der Grenzen sicherer Darstellung betrachtet«.

»Mir wären fast die Augen rausgefallen, als ich das las«, erinnerte sich der bis dahin faktisch machtlose MPPDA-Präsident Hays später – überaus erfreut statt bestürzt: »Das war genau, wonach ich gesucht hatte.« Denn der Druck auf die Filmindustrie hatte zugenommen.

Die 1933 gegründete katholische Legion of Decency hatte ein Filmbewertungssystem mit den Kategorien A, B und C eingeführt, wobei C als »condemned« galt, also verdammt. Die Gruppe organisierte Boykotte solcher Filme und setzte Filmschaffende schon vor Veröffentlichung unter Änderungsdruck. Zudem deutete die Roosevelt-Regierung an, eine staatliche Zensurbehörde zu planen. Daher musste die Filmindustrie handeln.

Der Papst lobte den »Kreuzzug«

Die folgende Machtverschiebung ermöglichte striktere Kontrollen: Im Juli 1934 begann die Production Code Administration, nach ihrem Chef William Hays einfach das »Hays Office« genannt, ihre Arbeit. Sie hatte nur den Geldgebern Rede und Antwort zu stehen, nicht den Studiobossen selbst. Regelverstöße führten zu empfindlichen Strafen: 25.000 Dollar plus Aufführungsverbot in den wichtigsten US-Kinos.

Der Papst war voll des Lobes: Es sei »von größter Bedeutung, den beachtenswerten Erfolg dieses Kreuzzuges hervorzuheben«, pries Pius XI. die Legion of Decency 1936, »da das Filmwesen unter eurer Wachsamkeit und dem Druck der aufgerufenen öffentlichen Meinung sich tatsächlich moralisch hob«.

Hollywoods Filmschaffende dagegen ächzten unter der Reglementierung in den folgenden Jahrzehnten: keine Nacktheit, kein »lustvolles Küssen« oder auch nur »suggestives Tanzen«. Zudem, so das Regelwerk, müsse jede Filmhandlung »ausreichend Gutes enthalten, um jegliches Böse ... zu kompensieren«, und Bösewichte durften nie sympathisch dargestellt werden. Rachegeschichten und die Darstellung von Drogenkonsum waren komplett verboten, genau wie Filme, die den Ablauf von Verbrechen detailliert zeigten. Zudem bürgerten sich in den Verträgen Moralklauseln ein, die Filmstars auch privat zu untadeligem Verhalten verpflichteten.

Allerdings fanden Regisseure immer wieder Wege, sich haarscharf an den Regeln vorbeizuschleichen. So durften zwar unverheiratete Paare im Film nicht im selben Raum nächtigen – aber manche Szenen waren für den Code trotz aller sexueller Spannung unangreifbar. So landeten Clark Gable und Claudette Colbert 1934 in »Es geschah in einer Nacht« als gestrandete Busreisende notgedrungen in einem Motel und versuchten, das Zimmer züchtig mit einem Laken aufzuteilen; nach allerlei Koketterie suchte Colbert das Weite.

Von Puritanismus zum »Porno Chic«

Wie Hitchcock in »Über den Dächern von Nizza« spezialisierten sich viele Drehbuchautoren und Regisseure darauf, in Andeutungen Sex zu thematisieren, ohne den Code zu verletzen. Andere Regisseure nahmen Kinosperren und Strafzahlungen schlicht in Kauf, ließen die Hays-Regeln links liegen und hatten trotzdem Erfolg.

Obwohl das Zeigen von Drogenkonsum verboten war, machte etwa Otto Preminger 1955 Frank Sinatra als Junkie zum Protagonisten von »Der Mann mit dem goldenen Arm« – was Kritiker begeisterte und Sinatra eine Oscarnominierung brachte. Und Billy Wilder landete 1959 mit »Manche mögen's heiß« trotz Code-Verletzung einen Kassenhit: lauter zweideutige Anspielungen, Crossdressing seiner Hauptdarsteller Jack Lemmon und Tony Curtis, dazu eine betrunkene Marilyn Monroe.

Der große Umbruch kam mit den Sechzigerjahren und ihren moralischen Umwälzungen. Der Code wirkte nun wie ein Anachronismus, Regisseure ignorierten ihn zunehmend. Schon 1959 wurde der Code aufgeweicht: Auch eigentlich verbotene Darstellungen seien erlaubt, wenn ein »moralischer Konflikt« einen »angemessenen Bezugsrahmen« liefere – ausgenommen Homosexualität. Im Jahr darauf deutete das Hays-Office an, dass als Empfehlung gemeinte Klassifikationen mehr Sinn erbeben könnten als das Verbotssystem. Und 1968 schließlich setzte die Motion Picture Association diesen Wechsel um.

Das Zeitalter des Leinwandpuritanismus war beendet, und bald wurde es unübersehbar. So brach 1972 ein Film US-Kassenrekorde, der im Hays-Office für Schnappatmung gesorgt hätte: Der Hardcore-Porno »Deep Throat« wurde im ganzen Land in Mainstream-Kinos gezeigt und zum Gesprächsstoff auf Dinnerpartys. Er schuf einen neuen Filmtrend: »Porno Chic«.

In einer früheren Version des Artikels hieß es, sein Auftritt in "Der Mann mit dem goldenen Arm" habe Frank Sinatra einen Oscar eingebracht - tatsächlich wurde er lediglich für den Oscar nominiert.