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Wirtschaftswunder im Fantasieland - der Poyais-Betrug

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Finanzbetrüger erfand Land Zu schön, um wahr zu sein

Sonne, Strand, Reichtum versprach vor 200 Jahren der Herrscher des Reiches "Poyais". Man müsse nur investieren oder nach Mittelamerika auswandern. Wer ihm glaubte, bezahlte einen hohen Preis - manche sogar mit dem Leben.

Als "eines der hübschesten Stücke der Welt" pries ein englischer Reiseführer im Jahr 1822 die Miskitoküste Zentralamerikas. Im Osten des heutigen Honduras und Nicaragua hatte Autor Thomas Strangeways ein wahres Paradies entdeckt. Mit kristallklarem Wasser, von exotischen Pflanzen überwucherten Berghängen - und höchst angenehmem Wetter: "Das Klima ist mild für diese Breiten (...). Die wunderbare Heilsamkeit der Luft bietet europäischen Siedlern Gesundheit und Aktivitätsmöglichkeiten, ein Segen, den man so selten in anderen Teilen Nord- oder Südamerikas genießt."

Das noch unbekannte Reich Poyais, etwas größer als Wales, biete neben Schönheit im Überfluss auch "gutes, gesundes und fruchtbares Land". Ein Traum für Farmer: Jede Art von Tier oder Frucht sei "diesem Land höchst großzügig zuteil geworden", schwärmte Strangeways. Hier ließen sich Kakaonüsse, Baumwolle, edle Gewürze und Indigo produzieren, dazu Luxusgüter wie "Austern von höchst delikater Qualität". In den Flüssen finde man eine "äußerst opulente Menge an Fischen" - und sogar Goldstaub!

Allein die "barbarische Politik" der spanischen Eroberer habe die Einwohner davon abgehalten, zivilisierter zu werden. Doch nun, von der Knute Spaniens befreit, zeigten die armen Wilden "das begierige Verlangen, sich die Künste Europas anzueignen, wie sich in ihren wiederholten Einladungen an die Engländer zeigt, Siedlungen unter ihnen zu bauen". Um Briten zu ermutigen, in ihr Land zu investieren, sei 1821 sogar das Oberhaupt der Poyaisianer nach London gekommen: "Seine Hoheit, der Cazique von Poyais". Oder bürgerlich: Gregor MacGregor.

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2020

Crashs & Krisen: Wie sie Revolutionen auslösten und Diktatoren hervorbrachten

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Bei Feierlichkeiten der Londoner High Society wurde MacGregor bewundert für Geschichten über sein bewegtes Leben und die wirtschaftlichen Chancen, die er in Poyais versprach. Sicher, vieles in seinen Vorträgen klang unglaublich. Doch er konnte alles erklären: wie er als Schotte Anführer eines mittelamerikanischen Ureinwohnervolkes werden konnte. Wieso diese Ureinwohner sich sehnlichst wünschten, von britischen Einwanderern ihrer Güter und Bodenschätze beraubt zu werden. Und vor allem: weshalb die Londoner ihm zu diesem Zweck all ihr Geld übergeben sollten.

Der Poyais-Boom, den MacGregor ab 1821 in London anzettelte, wurde eine der bizarrsten Maschen in der Geschichte des Finanzbetrugs. Er brachte viele Briten um ihr Vermögen, einige sogar um ihr Leben. Denn etliche starben bei der Auswanderung - in ein Land, das es nicht gab.

Der feige Held

Gregor MacGregor war am Heiligabend 1786 im schottischen Glengyle zur Welt gekommen, als Sohn eines Kapitäns der East India Company. Fernweh wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt. Als Soldat war er während der Napoleonischen Kriege in Gibraltar und Portugal stationiert. Mit 24, so rekonstruierte es 2013 Ingo Malcher in "brand eins", hörte MacGregor schließlich von den Unabhängigkeitskämpfen Lateinamerikas gegen die spanischen Kolonialherrscher und reiste nach Venezuela, um für den Revolutionär Simón Bolívar zu kämpfen.

Mit den Geschichten über diese Zeit ließ der "Cazique von Poyais" nun die Londoner High Society staunen: Sein rasanter Aufstieg im Militär, sein Ritterschlag durch Portugals König und der Befreier-Orden, den Bolívar ihm verliehen hatte - das machte Eindruck. Den pompösen Titel "Seine Majestät, der Inka von Neugranada" habe er sich verdient, indem er den Spaniern zwei Festungen in Neugranada abrang. Kurz nachdem er ihnen eine Insel vor Florida entrissen und dort sein eigenes Land ausgerufen hatte - die "Republik der Floridas".

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Wirtschaftswunder im Fantasieland - der Poyais-Betrug

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Einem Gentleman und Draufgänger solchen Kalibers war die Herrschaft über ein fernes Reich in Mittelamerika doch wohl zuzutrauen.

Dass man ihn in Portugal vor jedem Feindkontakt aus der Einheit geworfen hatte, ließ MacGregor auf den Soireen aus. Ebenso, dass er den Ritterschlag genau wie den Großteil seiner militärischen Beförderungen nur erfunden hatte und von Bolívar wegen Hochverrats und auf Jamaika wegen Piraterie gesucht wurde. Den Überfall auf Neugranada hatte "Seine Majestät, der Inka" so miserabel geplant, dass die Spanier seine Männer niedermetzelten. Er selbst konnte sich nur knapp retten, indem er eine Matratze aus dem Fenster warf und hinterhersprang.

Vor allem aber verschwieg MacGregor den Briten eines: Die nur zwei Monate bestehende "Republik der Floridas" war nie sein Land gewesen - sondern das der reichen US-Anleger, denen er es noch vor der Eroberung verkauft hatte. Etwas Ähnliches hatte er nun erneut vor. Nur existierte diesmal überhaupt kein Land.

Sumpf und Mücken statt Paläste

Zeitungen gab MacGregor Interviews über Poyais, Londoner Straßenmusiker ließ er selbst komponierte Lieder über das ferne Paradies anstimmen, und hinter dem Poyais-Reiseführer von "Thomas Strangeways" steckte natürlich er selbst. Die ganze funkelnde Fassade diente allein dem einen Zweck: Geld zu machen. Allerdings nicht für die Investoren.

Ihnen, so berichtete 2016 Maria Konnikova für die BBC, verkaufte er Staatsanleihen für sein fiktives Wirtschaftsparadies in Gesamthöhe von 200.000 Pfund und stellte satte Renditen von sechs Prozent in Aussicht - doppelt so viel, wie britische Anleihen damals einfuhren. Voller Hoffnung auf ein Aufblühen von Poyais riss man ihm die Papiere förmlich aus den Händen. Dass niemand je von dem Land gehört hatte... In Lateinamerika wurden damals ständig Staaten aufgelöst oder zurückerobert, wer konnte da schon den Überblick behalten?

Und MacGregors Geschäftsmodell ging noch weiter: Interessenten, die nach Poyais auswandern wollten, verkaufte er Landparzellen - zu rasant steigenden Preisen aufgrund der hohen Nachfrage. Bereitwillig tauschte er ihre Vermögen in "Poyais-Dollar" um.

Anfang 1823 stachen die "Honduras Packet" und die "Kennersley Castle" in See - mit 240 hoffnungsfrohen Siedlern an Bord. MacGregor hatte sie als Farmer und Arbeiter für Poyais angeworben, ebenso als Ärzte, Bankdirektoren oder Theaterregisseure. Doch als sie nach zwei Monaten Überfahrt an der beschriebenen Stelle vor Anker gingen, fehlte jede Spur von der angeblichen Hauptstadt St. Joseph mitsamt Opernhaus, Königspalast und 15.000 äußerst anglophilen Einwohnern.

Was es gab: Matsch, Wald, Berge. Und sehr viele Mücken.

Das Ende des Traums

Rücktickets hatten die Unglücklichen nicht gebucht. Da sie all ihr Geld in wertlose Poyais-Dollars umgetauscht hatte, mussten sie wohl oder übel bleiben. Notdürftig bauten sie sich Zelte, Blätterhütten und ein paar Holzverschläge auf.

Schnell wurde das versprochene Paradies zur Hölle: Viele wurden krank vom dreckigen Trinkwasser oder bekamen Gelbfieber, geschwächte und ältere Menschen starben. Unterernährung war ein Problem, die grassierende Verzweiflung ein anderes. Manche trieb sie in den Suizid.

Einige wagten eine Expedition zum 150 Kilometer entfernten Kap Gracias a Dios, um dort George Frederic, König der Miskitoküste, ihre missliche Lage zu erklären. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich nach einem Saufgelage MacGregor etwas Land überlassen hatte - aber keinesfalls die Erlaubnis, damit zu handeln und sich zum "Cazique" zu erklären. Der erzürnte König erklärte das Abkommen für nichtig und forderte die Siedler auf, sich zu unterwerfen - andernfalls müsse er, so zitierte es 2019 Georg Fahrion in "Capital", "jeden Mann massakrieren".

Zum Äußersten kam es nicht: Ein Schiff las die verzweifelten Siedler auf und rettete sie nach Belize, von wo sie nach Großbritannien zurückkehren konnten. Viele waren sie nicht mehr - nur 60 der 240 Angereisten hatten die drei höllischen Monate im vermeintlichen Garten Eden überlebt.

In den Fängen der Justiz

Unterdessen hatte MacGregor das Land verlassen - sicher wollte er das Debakel an der Miskitoküste nicht persönlich mit Investoren und Siedlern diskutieren. Er zog nach Paris und wohnte dort mit seiner Familie in repräsentativer Lage. Doch er konnte es nicht lassen: Auch in Frankreich versuchte er, Grundstücke und Staatsanleihen für seinen fiktiven Staat zu verkaufen - diesmal im Umfang von 300.000 statt läppischen 200.000 Pfund. Nur fiel den französischen Behörden anders als ihren britischen Kollegen auf, dass Bürger plötzlich scharenweise die Ausreise in ein Land anmelden wollten, das gar nicht existierte.

MacGregor wurde verhaftet und des Betrugs angeklagt. Vielleicht verdankte er es am Ende dem Schock der Siedler, von denen einige den fatalen Nepp noch immer nicht wahrhaben wollten und für rechtskräftig hielten; vielleicht war es auch nur MacGregors Geschick darin, Lügengeschichten zu stricken; auch verlief eine polizeiliche Untersuchung zum Fall in Belize ergebnislos. Jedenfalls geschah das Unglaubliche: Der dreiste Hochstapler wurde freigesprochen.

Das Glück blieb ihm jedoch nicht hold: Niemand wollte mehr mit MacGregor Geschäfte machen, seine Frau starb, er lebte verarmt in London, verfolgt vom Zorn der Geprellten. Mitleid zeigte schließlich ausgerechnet Simón Bolívar, den er für seine Lügen instrumentalisiert hatte: Der Unabhängigkeitskämpfer gestand MacGregor eine Pension sowie ausstehenden Lohn für seine Militärdienste zu und ermöglichte ihm 1839 die Übersiedlung nach Venezuela.

Am 4. Dezember 1845 starb Gregor MacGregor in der Hauptstadt Caracas am Rand der Karibik. Gar nicht so weit von seinem Reich, das es nie gegeben hatte.

In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Poyais läge an der Küste im Westen des heutigen Honduras und Nicaragua - tatsächlich liegt es an der Ostküste. Die Textstellen sind inzwischen korrigiert worden.