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"Enorm in Form": Tele-Fitness-Perlen mit neonfarbenen Catsuits

Foto: United Archives/ ullstein bild/ Impress Eigen

Historische TV-Gymnastik Als Fernsehen noch fit machte

Die Coronakrise machte Millionen zu Couch-Potatoes. Dabei zeigen alte Schätze der Tele-Fitness-Welle, wie gut TV und Sport zusammenpassen - wenn man bonbonbunte Leggings, Stulpen und Schweißbänder mag.

BBC-Moderatorin Fern Britton starrte noch sekundenlang mit offenem Mund. Ihr Kollege Frank Bough bemühte sich um einigermaßen jugendfreie Worte für das, was sich gerade vor ihren Augen im Studio der Frühstückssendung "Breakfast Time" abgespielt hatte: "Ich glaube, seine Hüften sind an Kugellagern aufgehängt."

Der Hüftschwung, der sie so aus der Fassung gebracht hatte, war der von Tony Britts. Ein Jahr, nachdem Schauspielerin Jane Fonda 1982 mit Fitnessvideos das Aerobicfieber ausgelöst hatte, übernahm der Tänzer das kurze Fitnesssegment "Twice as Fit" im biederen BBC-Frühstücksfernsehen. Schon sein Outfit fiel aus dem Rahmen: Während Britton und Bough mit bravem Strickpullover und in zur Studiotapete passendem Eierschalengelb moderierten, präsentierte Britts seinen muskulösen Körper in Stulpen, bauchnabelfreiem Top, ultraknappen Satinshorts.

Das kam so offen queer herüber, wie man es von der notorisch hüftsteifen BBC damals kaum gewohnt war. Zumal der Kameramann immer weiter auf die knapp verhüllten Lenden zoomte, während Britts laszive Hüftstöße ausführte und die Zuschauer daheim anfeuerte: "So ist's richtig!"

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Trotz dieser denkwürdigen Auftritte blieb dem aus Ghana stammenden Britts, bürgerlich Anthony Menson Amuah, der Durchbruch im Showgeschäft verwehrt: Er spielte in ein paar Filmen mit, sein größter Part war eine Nebenrolle als Straßenschläger  im Charles-Bronson-Film "Death Wish 3 - Die Rächer von New York" von 1985. Kurz darauf nahm sein Leben ein tragisches Ende: Amuah wurde ein Opfer der Aids-Epidemie und starb im Juni 1988.

Doch zuletzt erlebten seine ungewöhnlichen TV-Fitnessstunden ein unerwartetes Comeback - im Zuge der Corona-Pandemie. Als Millionen Menschen zu Hause festhingen und Möglichkeiten zum Sport rar wurden, veröffentlichte das BBC-Archiv alte Britts-Auftritte auf Twitter. Und traf einen Nerv. Inzwischen feiern viele die "Twice as Fit"-Workouts in den sozialen Medien. Höchste Zeit, die vergessenen Schätze der goldenen Tele-Fitness-Ära wiederzuentdecken, von Breakdance-Aerobic bis zum Gymnastik-Rockkonzert fürs Wohnzimmer.

"Enorm in Form" - als Deutschland Aerobic entdeckte

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"E-N-O-R-M - Enorm in Form! Aerobic, Aerobic, Aerobiiic!", jauchzte der Chor zur Synthesizer-Titelmusik, wenn Gaby Just und Judith Jagiello ab 1983 das ZDF-Publikum für ein Viertelstündchen zur Gymnastik vor dem Fernseher einluden. Die Gymnastikbühne war so bonbonbunt wie die Stulpen und Schweißbänder der Vorturnergruppe. Und Orthopädieprofessor Bernd Rosemeyer, Sohn der berühmten Fliegerin Elly Beinhorn und des Rennfahrers Bernd Rosemeyer, las vor der Sendung mit ernster Miene Sicherheitsratschläge vor wie: "Wenn Sie die Übungen mehr als 150 Mal wiederholen, besteht die Gefahr, dass Verletzungen auftreten."

Und dann ging's los: Seitstütz mit Gaby, Hampelmann mit Judith oder auch mal Karate-Side-Kicks mit Gerit, immer gut gelaunt und schön im Takt zum hauseigenen "Enorm in Form"-Soundtrack aus der Feder von Schlagerkomponisten wie Ralph Siegel, der irgendwie Funk und "Schwarzwaldklinik" vermischte. Und matte Wohnzimmersportler ganz subtil mit Texten motivierte, etwa:

"Ich bin noch so müde, / müde und verbraucht / von der vielen Arbeit / und den Sorgen auch. / Und du musst dich zwingen, / dass du dich bewegst. / Da hörst du den Rhythmus / und du fühlst: Du lebst!"

Ein Jahr und 49 Folgen lang bewegte die ZDF-Aerobic von "Enorm in Form" die Bonner Republik - dann war es Zeit für eine öffentlich-rechtliche Kulturrevolution, und zwar mit…

Breakdance-Gymnastik zum Mitmachen

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Die Breakdance-Kultur, die in den Siebzigerjahren in den Straßen New Yorks entstanden war, explodierte im Jahr 1984. Kinofilme wie "Beat Street" und "Breakin'" machten die artistischen Tanz-Battles amerikanischer B-Boys und B-Girls weithin bekannt. Im Januar hatte der französische Fernsehsender TF1 begonnen, Breakdance und Hip-Hop-Kultur in der wöchentlichen Sendung "H.I.P. H.O.P." vorzustellen.

Das deutsche Fernsehen versuchte mitzuziehen - mit der ZDF-Sendereihe "Breakdance - Mach mit, bleib fit". Es war weniger Straßenkultur als TV-Gymnastik im neuen Gewand, moderiert von "Enorm in Form"-Vorturnerin Judith Jagiello und dem Münchner Comedian, Pantomimen und Tänzer Werner Eisenrieder alias Eisi Gulp.

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"Enorm in Form": Tele-Fitness-Perlen mit neonfarbenen Catsuits

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"Ich habe mich eigentlich dafür geschämt, weil das nichts mit Authentizität zu tun hatte", erinnerte sich Eisi Gulp 2012 in einem Interview . Der Sender habe ihnen versprochen, die Serie werde mit richtigen Breakdancern auf der Straße gedreht, aber "im Endeffekt standen wir dann in einem sterilen Studio mit Nike als Sponsor und bescheuerten Klamotten. Das Ganze kam eher wie eine Aerobic-Veranstaltung rüber".

Und das erneut mit Gesundheitswarnungen zum "Brehkdahnz" von Professor Rosemeyer: "Probieren Sie nicht die spektakulären Figuren ohne Anleitung aus, die in den Zeitungen abgebildet sind!" Diese "gefährlichen Übungen" habe man für die Sendung lieber weggelassen. Vielleicht blieb auch deshalb der erhoffte Erfolg aus - nach nur 16 Folgen stellte das ZDF "Breakdance" ein.

Weit erfolgreicher mit der Verbindung von Musikkultur und Tele-Fitness wurde ein paar Jahre später ein Amerikaner - der mit Hip-Hop allerdings so gar nichts im Sinn hatte:

Aerobic-Rock für Couch-Potatoes

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Seit seiner Kindheit hatte Richard Simmons unter seinem Übergewicht gelitten. Der "New York Times" sagte er 1981, er habe sich "behindert" gefühlt, bis er abgenommen habe: "Ich war immer der Erste in der Schlange beim Mittagessen und der Letzte, der beim Sport gewählt wurde. Ich weiß, wie es sich anfühlt." Dann nahm er ab, begann, Diätbücher zu schreiben - und hatte eine Idee für Fitnessvideos, wie es sie noch nicht gegeben hatte: als "Aerobic Concert".

Diese ab 1988 als VHS-Kassetten vertriebenen Heim-Fitnessprogramme zeigten eine Menschengruppe, die Aerobic machte - vor der Kulisse eines Highschool-Reunion-Balls  oder in einem Diner, zu Rock-, Soul- und Popklassikern einer Liveband.

"Sweatin' to the Oldies" betitelte Vorturner Simmons seine Videoreihe. Sie sollte eine andere Zielgruppe ansprechen als die sonst in Videos vertretenen Aerobicjünger, die in neonfarbenen Catsuits ihre Fönwellen zu Synthiepop wippen ließen. Es ging um Authentizität: Simmons' Turner waren keine durchtrainierten Models, viele waren übergewichtig, und zwischen den Songs rannten alle zur Bühne, um der Band zu applaudieren.

Das Konzept ging auf: Die Videoreihe machte Simmons in den USA bekannt, es folgten Fernsehauftritte, mehr Bücher und ein eigenes Fitnessstudio in Beverly Hills. Nach einem Rechtsstreit mit dem "National Enquirer" 2017, der fälschlicherweise über eine geplante Geschlechtsumwandlung Simmons' berichtete, wurde es zuletzt still um die extrovertierte Rock-Aerobic-Ikone. Doch im Zuge der Coronakrise reaktivierte der inzwischen 71-Jährige seinen YouTube-Channel , um den durch das Virus zum Stubenarrest Verdammten ein wenig Bewegung zu verschaffen.

Kunstturner im Wohnzimmer

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Direkt in die gute Stube seiner Zielgruppe begab sich schon in den Siebzigerjahren Jakob "Jack" Günthard. Der Schweizer Tele-Fitness-Guru war damals schon deutlich ergraut, aber immer noch drahtig: Günthard hatte eine erfolgreiche Karriere als Kunstturner hinter sich - Olympiagold 1952 am Reck, 1957 zweimal Europameister, dazu Bronze 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom.

Nun kam er in die Schweizer Wohnzimmer. Denn für seine SRF-Fernsehsendung "Fit mit Jack" setzte Günthard sich mit einer Schweizer Familie erst gemütlich aufs Sofa - um dann den Couchtisch wegzuschieben und auf dem Wohnzimmerteppich Gymnastikübungen zu machen. All das zu Fahrstuhlmusik, die wohl weder Richard Simmons noch Eisi Gulp begeistert hätte. Aber Rhythmusgefühl war nicht Günthards Stärke. Der musikalische Leiter seiner Sendung gab irgendwann die Versuche auf, ihm das Turnen im Takt beizubringen.

Die Eidgenossen jedoch hatten Spaß an "Fit mit Jack". Mit einem Gymnastikbuch und einer Radiosendung zum Turnen vor dem Frühstück bot er ein umfassendes Fitnessprogramm. Eine Kultfigur blieb der "Vorturner der Nation" auch, nachdem seine Fernsehsendung 1976 abgesetzt wurde.

"Fit mit Jack" blieb unvergessen: Jüngst startete das Schweizer Fernsehen sogar ein Nachfolgeformat - "Fit mit Adriano", dem Langlaufexperten Adriano Iseppi. Das späte Comeback seiner Idee erlebte Jack Günthard nicht mehr - er war am 7. August 2016 gestorben, mit 92 Jahren.

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