Fliegerabsturz in Otting "Überall im Schnee war Blut"

Ein Dröhnen, ein Knall, dann brennende Fallschirme: Im Februar 1944 erlebte Thomas Bernhard als Kind den Abschuss eines US-Bombers über Südostbayern mit. Michael Weithmann spürte den historischen Hintergründen einer Tragödie nach, die der österreichische Dichter nie wieder vergessen sollte.

Corbis

"Es war Winter, eiskalt", erinnert sich der Schriftsteller Thomas Bernhard in der autobiografischen Erzählung "Ein Kind" an einen "herrlichen, tiefblauen Mittag" im Kriegsjahr 1944. Bernhard, gerade 13 Jahre alt, saß mit seiner Großmutter in ihrer Wohnung im oberbayrischen Traunstein, als plötzlich ein Brummen immer lauter anschwoll. Draußen sahen sie eine Bomberformation herannahen: "Die amerikanischen Maschinen, in Sechserreihen, glitzerten auf ihrer starr eingehaltenen Bahn". Plötzlich, so erinnert sich Bernhard, sei aus noch größerer Höhe eine deutsche ME 109 aufgetaucht und habe "in Sekundenschnelle" einen der Silberkolosse aus dem Verband herausgeschossen. Der Bomber sackte ab und zerbrach in einer gewaltigen Explosion in drei Teile.

Den Absturz der Mannschaft erlebte der junge Bernhard als "vollkommene Tragödie": Er habe mehrere weiße Punkte zu Boden sinken sehen - die mit dem Fallschirm abgesprungene Besatzung. "In dem elementaren Mittagsbild öffneten sich mehrere Fallschirme nicht, und man sah schwarze Punkte rascher als die Teile der Maschine zu Boden stürzen." Dann sah der Junge "geöffnete Fallschirme, die aus irgendeinem Grund Feuer fingen und in Sekundenschnelle abgebrannt und mit ihren Trägern zu Boden gefallen waren".

Großmutter und Enkel liefen "eine Sensation witternd", zur Bahnstation und fuhren mit dem Zug an den Absturzort nach Otting - wo noch immer die Trümmer rauchten. Eine der beiden fast 35 Meter langen Tragflächen hatte einen Stall voller Schweine durchschlagen, weswegen "ein unvorstellbarer Gestank" in der Luft lag. Für den sensiblen jungen Bernhard zeigte jedoch "die Sensation ihre entsetzliche Kehrseite", denn "im Schnee sah man große Löcher, in welchen die vom Himmel gefallenen und völlig zerschlagenen Leichen steckten. Überall im Schnee war Blut verspritzt". Der Junge erschrak zutiefst: "Das Schauspiel des Krieges gefiel mir nicht mehr."

Der Tag, von dem Bernhard schreibt, lässt sich historisch genau datieren: Es war der 25. Februar 1944. Der Tag, an dem eine großangelegte strategische Offensive der alliierten Luftstreitkräfte das deutsche Militär mit einem militärischen Präzisionsschlag entscheidend schwächte. Einem Präzisionsschlag, den amerikanische Soldaten mit ihrem Leben bezahlten.

Flugzeugtrümmer prasselten auf den Hof

Andreas Seehuber, der heute 80 Jahre alt ist, stand an jenem Tag unmittelbar neben der Stelle, an der der Bomber herunterkam. Der Junge - er war selbst nur ein Jahr älter als Thomas Bernhard - lebte in Tettelham, einem Dorf nahe Otting. Während des Bomberanflugs befand er sich auf dem großen Hofbauerngut seiner Eltern unterhalb des Schlossberges von Tettelham. Genau wie Bernhard wurde auch er auf den anfliegenden Kampfverband der Amerikaner aufmerksam, sah ein Flugzeug mit Rauchfahne und "einige Fallschirme". Einige Sekunden später gab es eine Explosion. "Ich schaute nach oben und dachte, die Trümmer könnten einige Kilometer von mir entfernt niedergehen." Er irrte sich.

Erst prasselten kleinere Flugzeugteile auf die Hofgebäude seiner Eltern nieder. Kurz darauf folgten die brennenden Tragflächen mit den Motoren und der Rumpf. Sie schlugen auf dem noch schneebedeckten Burghügel auf, zerschmetterten dort Teile einer von Heimkehrern des Ersten Weltkriegs gepflanzten Friedenslinde und zerstörten einen historischen Getreidespeicher. Einzig das Wohnhaus der Familie Seehuber blieb wie durch ein Wunder von den Teilen des brennenden Wracks verschont.

Etwa hundert Meter entfernt vom Unglücksort lag ein Soldat, der offenbar beim Aufprall herausgeschleudert worden war. Immer wieder sagte er "goodbye". Als der Arzt eintraf, war er bereits tot. Auch der Pilot und Co-Pilot, die noch in der Kanzel saßen, starben wenig später. Insgesamt wurden im Flugzeug und im Umkreis fünf tote Soldaten geborgen. Auf polizeiliche Anweisung sollten sie zunächst anonym verscharrt werden. Doch Seehubers Vater, der Bürgermeister und der Pfarrer setzten eine christliche Bestattung mit Holzkreuz und Namensangaben auf dem Friedhof in Otting durch. Einer der Abgestürzten hatte einen Rosenkranz um den Hals getragen, und so wurden alle Besatzungsmitglieder katholisch beerdigt.

3000 Tote in einer Woche

Sowohl Thomas Bernhard als auch Andreas Seehuber waren Zeugen einer Militäroperation im Rahmen der alliierten "Big Week" geworden: Am 20. Februar 1944 hatten die amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte diese Offensive mit dem Ziel begonnen, innerhalb nur einer Woche die Deutsche Rüstungsindustrie entscheidend zu treffen. Vor allem Militärflughäfen und Montageanlagen für Jagdflugzeuge sollten vernichtet werden, um für die geplante Invasion im Juni 1944 die Lufthoheit zu sichern.

Bereits am ersten Tag der "Big Week" stiegen 1003 amerikanische "Liberator"-und "Flying Fortress"-Bomber von Luftbasen in England und Süditalien auf und griffen an. Zwar hatte man mit der Gegenwehr deutscher Abfangjäger gerechnet, war jedoch durch das Ausmaß besonders der neu ausgerüsteten ME-109-Maschinen überrascht. 411 alliierte Flugzeuge stürzten innerhalb der "Big Week" ab, 3000 Besatzungsmitglieder ließen dabei ihr Leben. Doch während die Alliierten ihre Verluste rasch wieder ausgleichen konnten, fielen für die Deutsche Luftwaffe der Verlust von 225 Piloten und 258 Jagdflugzeugen strategisch erheblich mehr ins Gewicht.

Am 25. Februar 1944 starteten frühmorgens 35 US-Bomber vom italienischen Grottaglie aus in Richtung Süddeutschland. In jedem der Viermotorer saßen zehn Mann: Pilot, Co-Pilot, Navigator, Bombenschütze und sechs Bordschützen. Eines der wichtigsten Ziele war der Flugplatz der Messerschmitt-Werke in Obertraubling. Gegen 13 Uhr gelang der U.S. Army dort ein militärisch effektiver Präzisionsschlag: Erst zwei Wochen vorher war die 1. Gruppe des Jagdgeschwaders 5 "Eismeer" aus Nordfinnland nach Obertraubling verlegt worden. Der US-Angriff zerstörte das Flugfeld komplett und vernichtete zahlreiche Flugzeuge und technische Geräte am Boden.

Eine Kriegsmaschine als Friedensdenkmal

Doch mehreren Eismeerjägern glückte kurz vor dem Angriff noch der Start. Sie verfolgten den starr in Formation zurückfliegenden Bomberverband von der Donau bis in den Chiemgau und schossen drei "Liberator"-Bomber ab. Unter ihnen befand sich auch die "Shack Wolf", geführt von Lt. Robert J. Knapp. Sie wurde gegen 13.30 Uhr über dem Nordsaum des Chiemsees von einer ME 109 der Eismeerjäger mit einer Rakete abgeschossen. "Shack Wolf" explodierte noch in der Luft - vor den entsetzten Augen Bernhards und Seehubers.

Vier der Crewmitglieder überlebten ihren Absprung per Fallschirm. Sie landeten weit verstreut zwischen Traunstein und Waging und gerieten in Gefangenschaft. Kurz nach Kriegsende wurden im Sommer 1945 die gefallenen Amerikaner auf Anweisung der US-Militärbehörde exhumiert und in verschiedenen US-Soldatenfriedhöfen neu beigesetzt.

1946 begannen die Kriegsheimkehrer Ottings mit dem Bau einer kleinen Kriegergedächtnis-Kapelle auf dem Schlossberg von Tettelham neben der alten Friedenslinde. Durch den Flugzeugabsturz hatte sie schwer gelitten. Am 15. August 1947 wurde das Kirchlein eingeweiht. Auf dem Dachreiter mit Glocke prangt seitdem eine von einem Friedenskreuz gekrönte Kugel - gefertigt aus einem Metallteil des "Liberators".

Anzeige



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ronald Petigk, 26.04.2011
1.
Wenn man liest wie in Dresden am 13./15.2.1945 etwa 25000 Menschen umkamen und 15 km^2 Innenstadt zerstört wurden, hat man für die britischen Lancaster-Besatzungen und die amerikanischen B17-Besatzungen wenig Verständnis. Aber auch auf alliierter Seite war es ein höchst gefährlicher Job. Die Briten wollten nach der Somme-Schlacht (1916, 25000 englische Soldaten tot an einem Tag nahe Paschendale) nie wieder so viele Soldaten opfern. Bomber-Harris saß in seinem Bunker, aber für die Bomber-Besatzungen war es auch ein Harakiri-Job. Wenn ein deutscher Nachjäger mit seiner Schrägbewaffnung eine Tragfläche mit Treibstoff in Brand schoß, war die Chance etwa 10 Prozent, dass jemand lebend aus dem getroffenen Bomber (Lancaster, Stirling … ) herauskam. Auf alliierter Seite musste ein Soldat oft 25 Bomber-Einsätze fliegen, bevor er wieder einen ungefährlicheren Job bekam. Gemäß Wahrscheinlichkeitsrechnung war es eher unwahrscheinlich, dass der diese 25 Einsätze überlebte. Wenn 97% der Bomber unversehrt zurückkamen, war die Chance, dass ein Bomber in 25 Einsätzen nicht abgeschossen wurde etwa 0.97^25 = etwa 47 Prozent. Dabei schwankten die Bomber-Verluste oft zwischen 1 und 10 Prozent. Etwas ratlos bin ich wenn auch heute noch viele Leute in den Krieg ziehen wollen sei es im Irak oder in Libyen.
Felipe Hagen, 27.04.2011
2.
Sehr geehrter Vorkommentator Petigk, seit einiger Zeit werden die Zahlen der Dresdner Opfer von politisch (über-?)korrekten Mitmenschen kleingeredet. Was hinter dieser Aktion stehen könnte, bleibt schleierhaft, da es leider keinen einzigen Toten wieder lebendig macht. Bedauerlicherweise ist in Dresden auch weiterhin von weit über 30.000 Toten auszugehen, die zeitgenössische "Forschung" dazu ist äußerst tendentiell. Völlig einig bin ich mit Ihnen in dem Unverständnis darüber, daß auch heutzutage noch immer so viele Kriege geführt werden. Peace now ! Ausnahmslos !!
Ronald Petigk, 30.04.2011
3.
Meiner Meinung nach wird die Welt nicht ohne Kriege auskommen. Aber man sieht in der Weltgeschichte, dass nur sehr wenige Kriege in irgend einem Sinn sinnvoll waren. Menschen sind unvernünftig. Falls man mehr Waffen hat als das Nachbarland so erfolgt oft ein Angriff. Mir hat Außenminister Fischer im Februar 2003 imponiert als er gegen alle Widerstände zum bevorstehenden Irakkrieg sagte „Mr. Bush, I am not convinced“ (Herr Bush ich bin nicht überzeugt.) Es ist doch so: im Jahr 2003 gegen alle Lobbygruppen zu sagen „ich mache bei dem Blödsinn nicht mit“ ist viel schwerer als im Jahre 2010 zu sagen „och im Irak haben wir uns geirrt.“ Aus Libyen gibt es Bilder von abgeschossenen und ausgebrannten Panzern. Darin findet man meist die verbrannte Besatzung. Das ist seit jeher der Lauf der Welt – die Herrschenden sitzen in ihren Bunkern und die Soldaten werden geopfert ohne Ende. Interessant ist gerade die Entwicklung in den islamischen Ländern. Da gibt es Länder, die auf eine Steinzeitgesellschaft hinarbeiten (Taliban in Afghanistan) und andererseits die ergebnisoffenen Umwälzungen in Ägypten, Tunesien, etc. Wohin streben die islamischen Länder?
Thomas Schröter, 03.03.2015
4. Kollektiver Wahnsinn unter Drogen
Carl Sandburg , The People "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" Alle Kriegsparteien "ehren" tote Soldaten fürs sinnlose Töten in aller Regel unter Drogen wie Pervitin. Wir sollten all diejenigen Ehren die Carl Sanburg's Vision folgten und dabei dem rationalen Verstand folgten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.