Fotostrecke

Florence Foster Jenkins: Der Hölle Rache

Foto: Library of Congress

Florence Foster Jenkins Die schlechteste Sängerin der Welt

Ihr Gesang brachte Tausende zum Weinen. Vor Lachen. Die Amerikanerin Florence Foster Jenkins gilt als schlechteste Sängerin der Welt. Ihr erstes großes Konzert 1944 war trotzdem bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Die Menge tobte. Tausende Menschen versuchten am 25. Oktober 1944 vergeblich, in die Carnegie Hall in New York zu gelangen. Seit Wochen war das Konzerthaus mit seinen mehr als 2500 Plätzen für diesen Abend ausverkauft. Immer höhere Geldbeträge boten die Wartenden den wenigen Glücklichen an, die eine Karte für das musikalische Großereignis ergattert hatten. Doch kaum jemand verkaufte seine Eintrittskarte: Der erste große Auftritt von Florence Foster Jenkins stand auf dem Programm.

Als die 76-jährige Sängerin gegen halb neun die Bühne betrat, setzte frenetischer Applaus ein. Das Publikum brauchte etliche Minuten, bis es sich wieder beruhigt hatte und Florence Foster Jenkins mit ihrer Darbietung beginnen konnte. Ihr Repertoire umfasste unter anderem Stücke von Johann Sebastian Bach, Peter Tschaikowski und Wolfgang Amadeus Mozart. Spätestens nach Mozarts Arie "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" aus der Oper "Die Zauberflöte" hielt es die Besucher nicht mehr auf den Stühlen. Heiterkeitssalven peitschten der Sängerin entgegen, vielen Zuhörern liefen vor Lachen Tränen übers Gesicht. Florence Foster Jenkins ließ sich nicht beirren: Kreischend und quietschend quälte sie sich durch das Stück. Sie traf kaum einen Ton - und wenn zufällig doch, konnte sie ihn nicht halten.

Das Publikum kam an diesem Abend voll auf seine Kosten.

"Entsetzliche Qualität ihrer Stimme"

Nicht weil sie eine begabte Sopranistin hören wollten, waren die vielen Menschen an diesen Abend in die Carnegie Hall gekommen, sondern ganz im Gegenteil: Florence Foster Jenkins genoss einen beispiellosen Ruf als schlechteste Sängerin der Geschichte. Bis heute steht sie dafür im "Guinnessbuch der Rekorde".

Dieser Ruf schien unstrittig: Sogar ihr langjähriger Begleiter am Klavier, Cosmé McMoon, schnitt hinter ihrem Rücken mit Blick ins Publikum verzweifelte Grimassen, wenn seine Partnerin ein Stück besonders schief sang. Doch trotz aller verbalen Vergewaltigung der klassischen Musik liebten die New Yorker Florence Foster Jenkins.

Mit ihrem Auftritt erfüllte sie sich einen Lebenstraum. Schon immer hatte sie Sängerin werden wollen: 1868 als Narcissa Florence Foster in Wilkes-Barre im US-Bundesstaat Pennsylvania als Tochter eines begüterten Rechtsanwalts und Bankiers geboren, erhielt sie früh Unterricht am Klavier. Eine Gesangsausbildung aber verweigerten die Eltern der jungen Florence. Wegen der "entsetzlichen Qualität ihrer Stimme", zitiert die American National Biography Cosmé McMoon. Die einzige, die nicht wahrhaben wollte, wie schlecht es um ihr Talent bestellt war, war Florence selbst.

"Sind Sie ein Reporter?"

Irgendwann um 1885 kehrte Florence ihrem Elternhaus den Rücken und ging nach Philadelphia, wo sie den Arzt Francis Thornton Jenkins heiratete. Glücklich war die Ehe nicht. 1902 trennte sich das Paar. Ihre Familie hielt den Geldbeutel danach geschlossen, und so verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Klavierlehrerin. Erst als ihr Vater 1909 starb und ihr ein ansehnliches Vermögen vermachte, konnte sie sich ihren Traum erfüllen: Florence nahm Gesangsunterricht.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wohlmeinende Ratschläge von professioneller Seite, dass sie keinerlei Begabung habe, ließen sie kalt. Florence wollte einfach nur singen. 1912 fühlte sie sich bereit: Im Foyer des vornehmen Hotels Ritz-Carlton in New York organisierte die gut situierte Möchtegernsängerin zum ersten Mal eine öffentliche Kostprobe. Florence kreischte, traf kaum einen Ton und kam aus dem Rhythmus, wenn sie ihn denn überhaupt jemals fasste. Während die Zuhörer amüsiert bis entsetzt waren, war die Künstlerin von ihrem Talent überzeugt.

Beifallsstürme für die katastrophale, aber überaus mutige Darbietung interpretierte sie als Zustimmung für ihre musikalische Meisterleistung. "Sie liebte das", meinte Cosmé McMoon in einem Interview, das der Sender KALW Anfang der Neunzigerjahre nach seinem Tod wieder ausstrahlte.

Deshalb gab sie weitere Auftritte, meist im Ritz-Carlton. Die wenigen Karten für das skurrile Spektakel waren heiß begehrt - Foster Jenkins vergab sie ganz in der Art einer Diva. Interessenten empfing sie in ihren Gemächern im edlen Hotel Seymour und löcherte sie nach dem Grund. Wie eine Audienz bei der Sängerin ablief, beschrieb die New Yorker Kulturgröße Francis Robinson: "Sind Sie ein Reporter?", fragte Florence den Bittsteller. "Nein, Madame Jenkins", entgegnete der Besucher, "ein Liebhaber der Musik".

Fotostrecke

Florence Foster Jenkins: Der Hölle Rache

Foto: Library of Congress

Huldvoll legte die Diva nach dieser befriedigenden Auskunft den Kartenpreis fest: günstige 2,50 Dollar. Anschließend pflegte die Künstlerin dem "Verehrer" großzügig ein Glas Sherry zu spendieren, wenn sie ihn sympathisch fand. Auch sonst gab sich der angehende Musikstar überaus exzentrisch. Als sie einmal in einen Unfall mit einem Taxi verwickelt war, verzichtete sie auf rechtliche Schritte gegen den Fahrer. Schließlich meinte sie, dass sie seit dem Zusammenstoß ein "höheres F" erreichen könne. Statt einer Klage schickte sie dem Chauffeur daher teure Zigarren.

"Sie kann alles singen außer Noten"

Die New Yorker High Society ging nicht nur gerne zu Jenkins' Konzerten, weil man sich dort über ihren katastrophalen Gesang amüsieren konnte. Von ihrer mangelhaften Stimmqualität abgesehen, bot die Künstlerin den Leuten einiges für ihr Geld. Sie wechselte ihr Kostüm pro Vorstellung mindestens dreimal, vom fragwürdigen Trachtenaufzug hin zum weißen Engelskostüm mit riesigen Flügeln am Rücken.

Bei ihren Vorstellungen warf sie huldvoll Blumen aus einem Korb ins Publikum. Wenn die Zuhörer eine Zugabe verlangten, musste der gutbezahlte Cosmé McMoon die Pflanzen wieder einsammeln, damit Florence sie noch einmal verteilen konnte. Als die Sängerin bei ihrer Vorstellung am 25. Oktober 1944 in der Carnegie Hall zu einem spanischen Stück einen feurigen Fandango auf die Bühne brachte, rasten die Zuschauer vor Begeisterung.

Die Zeitungskritiker waren weniger angetan. "Wo es einst unterdrücktes Kichern und gelegentliche Ausbrüche im Ritz gab, herrschte nun ungeniertes Gebrüll an diesem Abend in der Carnegie", schrieb die "Newsweek". "Sie kann alles singen außer Noten", urteilte die "New York Sun".

Ihr erster großer Auftritt sollte daher zugleich ihr letzter sein. Nur einen Monat später, am 26. November 1944, starb Florence Foster Jenkins an einem Herzanfall. Einige ihrer Freunde und Verehrer vermuteten einen weit tragischeren Grund als Todesursache: Ihr Herz sei gebrochen. Zu tief hätten Florence das Gelächter und die schlechten Kritiken verletzt.

Kenner ihrer Musik fragten sich allerdings auch, ob Florence Foster Jenkins nicht einfach die ganze Welt zum Narren gehalten hat. "War es ihr mit ihrem Gesang ernst?", sinnierte der Kritiker Edward Canby. Oder lieferte sie nur eine Show? Canby kam zu dem Schluss, dass die Jenkins "eine Art Genie an der Grenzlinie der Vernunft" gewesen sei. Vielleicht wollte sie wirklich einfach nur singen. Kritikern hatte sie entgegnet: "Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte."

Fans hat sie bis heute, noch immer gibt es ihre Aufnahmen zu kaufen. Auch wenn das Plattenlabel ein Album wenig respektvoll mit "The Glory (????) of the Human Voice" betitelt hat.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.