Zeitzeugin über ihre Flucht aus Schlesien »Auf einmal erscheint in den toten Augen ein Aufblitzen«

Roswitha Weiß war fünf, als man sie auf die letzte freie Leitersprosse eines Pferdewagens setzte. Von dort aus beobachtete sie im Januar 1945 die Flucht von Frauen und Kindern. Hier erzählt sie ihre Geschichte.
Aufgezeichnet von Barbara Halstenberg
Roswitha Weiß mit ungefähr vier Jahren zwischen ihren beiden Schwestern. Das Foto wurde kurz vor der Kinderlandverschickung nach Schlesien gemacht und ist das einzige, das ihr aus dieser Zeit blieb.

Roswitha Weiß mit ungefähr vier Jahren zwischen ihren beiden Schwestern. Das Foto wurde kurz vor der Kinderlandverschickung nach Schlesien gemacht und ist das einzige, das ihr aus dieser Zeit blieb.

Foto: privat

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Die Berliner Journalistin Barbara Halstenberg hat mit rund 100 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Erfahrungen als Kinder im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Ihr Buch »Alles schaukelt, der ganze Bunker schaukelt – die letzten Kriegskinder erzählen«  ist frisch erschienen. Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug daraus.

Eines Nachts wurden wir geweckt. Es hieß: »Schnell, schnell, schnell, alle sind schon auf dem Sammelplatz.«

Meine Schwester sagt, es war am 19. oder 20. Januar 1945. Ich war erst fünf Jahre alt und mit meiner Schwester wegen der vielen Bombenangriffe nach Schlesien in einen Gasthof evakuiert worden.

Am Sammelplatz angekommen, hörten wir schon im Hintergrund das Donnern der Kanonen, die immer näher kommenden Einschläge. Weil die Wagen schon besetzt waren, wurde ich in die letzte offene Leitersprosse gesetzt, die mit Stroh bedeckt war. Die Leitern waren für zusätzliche Sitzplätze seitlich an die Pferdewagen gehängt worden. Ich erinnere mich noch an eine hübsche Frau, die an unserem Wagen stand und sich verabschiedete. Die anderen flehten sie an, es waren ja nur noch Frauen und Kinder da: »Komm mit, komm mit!«

»Nein, ich lasse meine Tiere nicht allein, wer soll die füttern«, sagte sie, »man muss sich anpassen, wenn die Russen kommen. Ist eben eine kommunistische Regierung dann.«

Später habe ich noch oft darüber nachgedacht, ob die Frau das so überlebt hat.

Panzerketten scheppern

Als wir gerade losgefahren waren, kam eine Frau mit einem Kinderwagen angelaufen und flehte: »Nehmt doch das Kind mit in den Wagen rein!« Eine der Frauen im Wagen meinte, das Kind habe Diphtherie, und damit war die Sache erledigt. Keiner nahm das Kind in seinen Wagen auf. Die Mutter musste mit dem Kinderwagen weiterlaufen.

Mit meinem kleinen Po saß ich ganz verkrampft auf der letzten Sprosse. Während der Wagen über die holprigen Feldwege fuhr, hatte ich Angst runterzufallen. Ich war allein. Wo meine Schwestern waren, wusste ich nicht. Ich wusste damals nicht, dass sie zu Fuß mit in dem Treck liefen. In der Ferne hörte ich den Kanonendonner. Die Angst der Erwachsenen übertrug sich auf mich. Sie sagten: »Oh, die Russen, die überrollen uns gleich!« und solche Sachen. Ich hörte auch die Panzerketten scheppern. Das müssen wohl die Panzer der flüchtenden Deutschen gewesen sein. Die Deutschen sollen ja rücksichtslos über alle Flüchtenden hinweggefegt sein.

Es hatte minus 20 Grad. Wir hatten nicht wie heute Fellstiefelchen an, das gab es alles nicht. Ich fror sehr auf diesem letzten Treppchen, während wir über die Feldwege buckelten. Viele mussten laufen. Alle hatten wir Frostbeulen an den Füßen. Meine Schwester hatte sie noch lange. Ich weiß noch, dass sie sie in Urin badete. Das ist ein gutes Mittel gegen Frostbeulen. Sie hat furchtbar unter der Kälte auf der Flucht gelitten und bekam eine Nebenhöhlenentzündung, die chronisch wurde.

Er blickt mich an, und ich blicke ihn an

Auf den Wegen war überall Glatteis. Die Pferde rutschten immer wieder aus. Als die Pferde wieder einmal ausgerutscht waren, sprach ich die zwei Männer an, die vorne auf dem Bock saßen, aber sie verstanden mich nicht und ich sie auch nicht. Es waren wohl Zwangsarbeiter, die mit auf die Flucht gegangen waren. Auf einmal waren sie verschwunden. Sie hatten noch versucht, die Pferde wieder auf die Beine zu bringen, und dann waren sie weg. Geflüchtet wahrscheinlich.

Dann sah ich einen Zug Sträflinge. Sie liefen auf einem Feldweg, der schräg auf unseren Weg zulief. Es war wohl nicht beabsichtigt gewesen, dass wir sie sehen. Sie trugen gestreifte Kleidung, hatten Kappen auf und keinen Stern, sondern ein Dreieck, ein Zeichen für polnische KZler, wie ich heute weiß. Ich sah zu den Gefangenen rüber und guckte nur in tote Augen. Sie schauten uns an und waren keine Menschen. Zusammengepfercht. Es war so kalt, und sie trugen nur diese dünnen Sträflingssachen. Ich fragte eine Frau: »Was sind’n das für Leute?«

Sie sagte: »Ach, das sind sicher Zuchthäusler, die müssen zur Arbeit.«

Vor den Sträflingen fuhr ein Leiterwagen mit einem Pferd und einem Kutscher. Die ganze Kolonne – es liefen immer fünf nebeneinander in einer Reihe – wurde nur von einem Soldaten beaufsichtigt, der um sie herumging. Das verstand ich nicht. Ich dachte: ›Warum laufen die denn nicht weg? Einer und so viele?‹ Auf dem Leiterwagen lagen lauter Spaten. Weil ich wusste, wie begehrt der Platz bei uns im Wagen war, während die anderen laufen mussten, dachte ich: ›Warum nehmen die die Spaten nicht runter und setzen sich in den Wagen?‹ Das war meine kindliche Idee.

Dann passierte etwas, was ich nie vergessen habe: Aus der Mitte der Sträflingsgruppe ragt ein sehr großer Mann hervor, er überragt alle. Er blickt mich an, und ich blicke ihn an. Auf einmal erscheint in seinen toten Augen ein Aufblitzen, ein Licht. Irgendwie fangen die toten Augen an zu leben. Und plötzlich ist der Mann weg. Ich sehe, wie der Bewacher eine Pistole entsichert und aufgeregt durch die Gegend läuft.

Nach der Flucht erzählte mir meine Schwester, der Mann hätte sich in den Graben gerollt. Er hatte wohl gedacht, dass der Bewacher ihm nichts tun würde, angesichts der Kinder und Frauen. Ich fühlte mich irgendwie mitschuldig, weil wir einen längeren Blickkontakt hatten und plötzlich seine Augen aufleuchteten und lebhaft wurden. Ich habe oft darüber nachgedacht, was dieser Mann wohl gedacht haben mag: Zu Hause habe ich auch so eine Kleine, die will ich wiedersehen! Meine Schwester erzählte: »Den haben sie auf den Leiterwagen geschmissen und sind weitergezogen.« Diesen Mann werde ich nie vergessen.

Schöne rote Äpfel

Es dauerte lange, bis unsere Pferde wieder auf den Beinen waren, die anderen Wagen waren inzwischen an uns vorbeigezogen. Später kamen wir an eine Abzweigung nach Dresden, an der zwei Männer standen. Sie sagten, wir sollten weiterfahren, Dresden sei voll von Flüchtlingen. Also zogen wir weiter, Richtung Prag in die Tschechei.

Ich habe mir oft überlegt: Was hast du überhaupt den ganzen Fluchtweg gegessen? Gar nichts. Ich erinnere mich nur an eine Frau, die sich an unseren Wagen hinten rangehängt hatte, damit sie eine Weile nicht laufen musste. Im Wagen saß eine Frau mit einem Kind, die eine Tüte mit Äpfeln ausgepackt hatte – schöne rote Äpfel. Ich blickte begehrlich auf einen großen rotbackigen Apfel, den die Frau in der Hand hielt. Die junge Frau, die am Wagen hing, sah das und sagte: »Ach, geben Sie doch der Kleinen auch einen Apfel.«

Die Frau guckte den Apfel von allen Seiten an, steckte ihn wieder ein und gab mir einen ganz kleinen. Immerhin! Das sind die Erinnerungen. Ich war ja gerade fünf Jahre alt geworden. Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren. Wir waren Tag und Nacht unterwegs, ohne etwas zu essen. Ich hatte ja keine Mutter, die mir was zusteckte. Aber trotz alledem bin ich nicht verhungert.

In Prag wurden wir in einer Turnhalle untergebracht. Jede Familie bekam ein Nest aus Stroh auf dem Boden. Im Flur der Turnhalle sah ich den Kinderwagen des Kindes, das angeblich Diphtherie gehabt hatte – ohne Kind, es war gestorben.

Ich saß auf dem Stroh in der Turnhalle, als plötzlich die Tür aufging und meine Mutter dastand. Das werde ich nie vergessen! Ich war selig und glücklich und wollte sie nie wieder loslassen. (Sie lacht.) Mutter nahm uns, ich weiß nicht, wo sie meine beiden Schwestern gefunden hatte, und fuhr mit uns nach Berlin zurück.

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